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Erna Berger: „Ich gehöre doch zur Musik” | Klassik

Erna Berger: „Ich gehöre doch zur Musik”

Erna Berger: „Ich gehöre doch zur Musik”

Erna Berger wurde am 19.10.1900 in Cossebaude bei Dresden geboren. Dort beendete sie ihre Schulzeit und verbrachte dort auch den 1. Weltkrieg. Danach emigrierte die Familie nach Paraguay. Damals hätte sie selbst nie an eine Karriere als Sängerin gedacht. Sie war sehr zierlich, 1,50 m groß. Beziehungen hatte sie keine und auf besondere Förderung konnte sie auch nicht hoffen.

Die 20 jährige Frau wurde Gouvernante. Das ermöglichte ihr die Fortsetzung ihres Musikstudiums. Als Bankgehilfin arbeitete sie, als sie nach Deutschland zurück kam. Sie wollte natürlich auch singen. Bekannte der Tanten, bei denen sie lebte, ermutigten sie 1925 bei Fritz Busch, dem Intendanten der Dresdner Oper, zum Vorsingen. Gesangsunterricht nahm sie bei Melita Hirzel, deren Mann an der Dresdener Staatsoper 1. lyrischer Tenor war. Der Dirigent Fritz Busch hörte sie dort und sie wurde engagiert. Er engagierte sie sofort mit einer kleinen Gage, Gesangsstunden bezahlte der Richard-Wagner-Verband.

1925 debütierte sie als Erster Knabe in der Zauberflöte. Eine Auszeichnung war Paul Graeners Hanneles Himmelfahrt 1927 und sie durfte die Titelrolle singen in der Welturaufführung.

Erna Berger begann ein Künstlerleben. Alles andere, ja, selbst sie, trat in den Hintergrund. Die Ehre der Musik. Den Preis dafür zu bezahlen war sie bereit. In ihrem Leben war der Mittelpunkt ihre Musik. Ausschließlich 40 lange Jahre war sie Sängerin, die alles andere nebensächlich werden ließ.

Erna Berger lernte intensiv 7 Jahre an der Dresdner Oper. Am Anfangs sang sie den l. Knaben in der Zauberflöte. In Ariadne auf Naxos triumphierte sie zum Schluß als Zerbinetta. Sie sang Konzerte, kleine und kleinste, große und mittlere Partien.

Dazwischen kamen in Bayreuth und Salzburg erste Verpflichtungen.

Erna Berger “Caro nome” Rigoletto

80 (!) Partien verzeichnet ihre Rollenübersicht in der Dresdner Zeit. Als Olympia in Hoffmanns Erzählungen, als Zerlina im Don Giovanni, als Sophie im Rosenkavalier; und als Violetta in La Traviata, wurde sie gefeiert. Aber sie war immer noch bereit, auch kleine Partien zu singen: „Ich hatte das Gefühl, ohne mich ging es nicht”, sagte sie später selbst lachend über diese Zeit. Die freien Abende verbrachte sie in der Künstlerloge, wenn sie nicht zu singen hatte. Durch Anschauung und Beobachtung lernte sie weiter.

Ihre 2. starke Begabung wurde von Rolle zu Rolle klarer. Eine ungewöhnliche Bühnenpräsenz entwickelte sie. Das zierliche Persönchen, das privat so mädchenhaft scheu und zurück haltend war. Sie war anrührend, keck, knabenhaft, raffiniert, zart oder von mädchenhaftem Charme, wie es die Rolle verlangte, sie war, was sie spielte. Der knabenhafte Hirte im Tannhäuser entzückte Siegfried Wagner. Später Toscanini. Das lustiges, natürliches Annchen beeindruckte Furtwängler. Bei jedem Auftritt wurde das Opernpublikum aufmerksamer auf „die kleine Berger”.

1932 wechselte Erna Berger nach Berlin. Erst an die Städtische Oper. Furtwängler holte sie 1 ½ Jahre später an die Berliner Staatsoper. Bis ins hohe Alter erinnerte sie sich an den großen Dirigent, an jede Einzelheit dieses Gespräches mit ihm. Das Lampenfieber, Furtwänglers Worte, die U-Bahnfahrt zur Oper. Das große Glück, nun Mitglied dieses Opernhauses zu sein.

Erna Berger war 14 Jahre lang Mitglied der Berliner Staatsoper. Hier war ihr Lebensmittelpunkt. Sie gab Konzerte und sang im Rundfunk. Aber als die Oper 1944 zerstört wurde, sang sie danach im Admiralspalast. Für die und in der Oper lebte sie, und in ihren Rollen. Begeisterungshymnen dieser Jahre überboten sich die Kritiken.

Erna Berger sang alles, das für ihre Koloraturstimme geeignet war: Mimi (La Boheme), Cho-Cho-San (Madame Butterfly), Zerlina (Don Giovanni), Nedda (Der Hajazzo), Zerbinetta (Ariadne auf Naxos), Sophie (Der Rosenkavalier), Konstanze (Die Entführung aus dem Serail), Violetta (La Traviata), und immer wieder die bejubelte Königin der Nacht (Zauberflöte).

Sie lebte in ihren Rollen – mehr wollte sie nicht, hätte sie wohl auch nicht verkraftet. Am Ende ihres Lebens sprach sie selbst oft darüber: sie lebte und liebte, litt und starb als Cho-Cho-San, als Gilda, als Konstanze und als Violetta. Sie brauchte lange, um sich von diesen Schicksalen zu lösen, nachdem der Vorhang gefallen war. Es fiel ihr schwer, vor dem Publikum zu lächeln, sich zu verbeugen, oder mit Verehrern nach der Vorstellung zu sprechen. Bis niemand mehr am Bühnenausgang auf sie wartete, blieb sie meistens in ihrer Garderobe. Dann fuhr sie unbehelligt heim, um auszuschlafen und weiter zu arbeiten.

Sie selbst erinnerte sich später in ihren Memoiren: „Ich stürzte mich mit Begeisterung und Energie in den Sängerinnenberuf, davon besessen, möglichst vollkommen zu singen; nicht weil ich Erfolg haben oder Karriere machen und ein Star werden wollte – das war mir ganz egal! – ehrgeizig war ich immer noch kein bisschen, leider vielleicht, sondern um der Musik willen, die ich liebte und verehrte. Sie war für mich auf der Welt das Wichtigste, ein weit über allen menschlichen Dingen stehendes, immer neues Wunder, ein Heiligtum. Dem diente ich.”

Die kleinen Alltäglichkeiten notierte sie in ihren „Büchel”, in winzigen Notizbüchern. Jahrzehnte, Tag für Tag. Sie sind Dokumente eines sehr bürgerlichen, sehr geordneten, sehr regelmäßigen Lebens. Ausnahme der Notizen über Aufführungen und Konzerte, Proben und Üben, die sie selbst unerbittlich kritisch nach einem eigenen Zensurensystem kommentierte.

Das bedrohte Berlin wegen den Bombenangriffen zu verlassen, hatte sie abgelehnt. Die Kunst brauchten die Menschen zum Überleben wie nie zuvor. Bei Entwarnungen und Fliegeralarm sang sie in der Oper. Ob inzwischen das eigene Heim brannte, wusste das Publikum oft nicht. Mit dem Fahrrad kam sie zur Oper. Auch lief sie durch halb Berlin zu den Proben. In überfüllten Flüchtlingszügen fuhr sie zu Konzerten. Bei Fliegerangriffen lag sie zwischendurch im Straßengraben. Ihr Publikum wartete auf sie, bis sie Stunden später kam.

Einer Generation verhalf sie zu Glücksmomenten in einer furchtbaren Zeit. Die Angst und Not in der zerstörten Stadt. Ihre Ehe scheiterte und sie war verzweifelt. In diesen Jahren zu überleben, auch dazu half ihr die Musik.

Gleich nach Kriegsende ging es weiter: unter freiem Himmel, Konzerte in Kinosälen, Sternwarten. Die Berliner haben ihr diesen persönlichen Mut und diese Treue nie vergessen. Höhepunkte waren ihre Konzerte des Berliner Musiklebens in den Nachkriegsjahren im Titaniapalast. Auch später in der Hochschule für Musik.

Diese erhaltenen Aufnahmen vermitteln von der Verehrung und Zuneigung. Erna Bergers Kunst erreichte eine ganz neue Verinnerlichung und Vollendung.

Eine eigene Atmosphäre hatten diese Berger-Konzerte. Es war eine Mischung. Aus Familienatmosphäre („unsere Erna singt”) und in Berlin wieder eine deutsche Sängerin zu haben, mit dem Stolz, die inzwischen Triumphe in der ganzen Welt feierte. Aus dem besiegten Deutschland, war es unglaublich für eine Sängerin. Erna Berger hatte, fast 50 jährig, inzwischen Weltruhm erlangt.

Dem Altern zu trotzen und sich durch eine neue Gesangstechnik die strahlende Jugendlichkeit zu erhalten, war ihr gelungen.

An der New Yorker Metropolitan Opera wurde sie als Gilda, Sophie, und Königin der Nacht gefeiert. In Afrika Australien, und Japan gab sie bejubelte Konzerte, sowie auch in London und Südamerika. Aber für „ihre Berliner” sang sie im Jahr 1 oder 2 Konzerte. Begeisterung und Liebe brachte ihr Publikum ihr entgegen. Es belohnte mit Ovationen jede Zugabe. Auch für Erna Berger waren die Höhepunkte diese Konzerte ihres Künstlerlebens. Sie lebte sich in Opernrollen so sehr hinein, daß sie das Publikum nicht wahrnahm. Den Dialog genoss sie mit ihren Zuhörern. Die Betroffenheit in den Gesichtern und die Heiterkeit sah sie. Es spiegelte sich in den Gesichtern derer, die sich so ganz auf ihre Interpretationen einließen. Angedeutete Gestik und Mimik spielte mit ihrem Publikum, dann riß es von den Sitzen immer mehr Zuhörer. Blumenwerfen, Klatschen und nach vorn drängen wollte nicht enden. Erna Berger sang sich scheinbar mühelos von Lied zu Lied, wobei ihr Sopran immer schöner und strahlender klang, von Zugabe zu Zugabe. Am Abend stellte sie jedes Mal ein neues Mammutprogramm vor, dazu bis zu 14 Zugaben. Dass sie vor dem Konzert das gesamte Programm von hinten nach vorn durchsang, wussten nur wenige. Sie war bereits in Hochform des ersten Liedes, wenn sie auf das Podium ging.

Erna Berger gab bis in die 60er Jahre noch Konzerte. Bis 1971 unterrichtete sie dann an der Hamburger Musikhochschule als Professorin. Bevor sie sich ins Privatleben zurückzog.

In Essen lebte sie, alte Freunde in der Nähe. Die Dinge tun zu können, zu denen damals keine Zeit war, genoss sie: zu kochen, zu lesen, mit alten und neuen Freunden zusammen zu sein, Besuch zu empfangen und die Fragen zu beantworten, die ihr als einer der letzten Vertreterinnen einer großen Zeit gestellt wurden.

Bis ins hohe Alter bewahrte sie sich eine erstaunliche Jugendlichkeit. Mit wachem Interesse nahm sie am Leben teil und freute sich über die immer noch von vielen Seiten entgegengebrachte Verehrung und Zuneigung. Immer war sie beschäftigt.

Ihre Lebenserinnerungen schrieb sie. „Auf Flügeln des Gesanges”.

Als Ehrengast zum 100. Geburtstag der Met reiste sie nach New York. In Dresden eröffnete die Semperoper. In Berlin nahm sie mit großer innerer Bewegung die Ehrenmitgliedschaft der Staatsoper entgegen.

Selten war sie ganz zufrieden. Ihr Mann noch seltener. Im Künstlerzimmer der Oper oder in der Berliner Philharmonie beschrieb sie später lachend die sich oft wiederholende Szene:„Draußen toste der Beifall, drinnen standen zwei begossene Pudel: die Berger in der einen Ecke, mit der schimpfte ihr Mann, in der anderen Dr. Furtwängler, den kritisierte seine Frau!” Nie vergaß sie hinzuzusetzen: „Das war gut für mich, das brachte mich weiter.”

Amüsiert und verblüfft hat sie später festgestellt, dass sie nie gemerkt hat, wie berühmt sie war. Fürs „Künstlerleben“ ließ ihr diszipliniertes Leben keinen Raum. Es gab „Auftritte der Primadonna” bei ihren Fans, keine rauschenden Feste, kein Prominententreffen. Eine Chance, wenn es um die Musik ging, hatte das Privatleben nie. Halbheiten, Nachlässigkeit und Schlampigkeit duldete sie nie. In eine bequemere Lage transponierte sie nie, nie stellte sie mit einem zusätzlichen Triller ihre Virtuosität heraus.

„Achtung, Berger singt Original!” schrieben die Dresdner Musiker der Oper manchmal auf ihre Noten. Anproben, in denen Erna Bergers wacher Aufmerksamkeit kein Detail entging. Jahrzehnte danach erinnerte sich manche Kostümschneiderin. Bei einer Aufführung konnten Kollegenscherze sie zutiefst erbittern. Aus der Fassung bringen wollte sie während des letzten Duetts in Butterfly ein Partner mit dem geflüsterten Satz:„Berger, ich schulde dir noch 50 Pfennige”. Sie hat ihm jahrelang nicht verziehen! Musik wollte sie vollendet interpretieren. Wenn sie das Gefühl hatte, „der Mozart wäre zufrieden gewesen”, war sie glücklich.

Die Musik verdrängte nicht nur das Privatleben, auch alles andere blieb merkwürdig „draußen”. Für Erna Berger unwirklich. In manchen Prominenten-Memoiren liest man von des Schreibers Verehrung. Sie selbst ahnte nichts davon oder vergass es gleich wieder, wen sie beeindruckt hatte. Die Nazigrößen mochte sie nicht, aber was politisch vorging, nahm sie nicht wahr. Bis ins hohe Alter konnte sie sich an jede Dirigenteneigenheiten, in allen Einzelheiten, künstlerische Erfahrung, Inszenierung, und Regieeinfälle entsinnen. Aber sich an das Jahr des Kriegsendes zu erinnern, hatte sie immer Schwierigkeiten.

Im Alter lernte sie es, ihren Ruhm in der Rückschau zu genießen. Eine Mauer zog sie streng um ihr Privatleben. Ihre Verehrer wagten es auch dann, sie zu durchbrechen.

Wem es aber damals oder später gelang, der lernte eine Erna Berger kennen, die sich selbst gar nicht so wichtig nahm. Ausnahme war natürlich die ständige Rücksicht auf ihre Stimme. Ein die Natur liebende humorvolles zierliches Persönchen, das ganz herzlich natürlich und ungekünstelt war.

Es waren die kleinen Dinge des Lebens, an denen sie sich freuen konnte. Die Blumen, die behagliche gepflegte Häuslichkeit ihrer Wohnung. Auf der Terrasse die Vögel. Am Abend der Sternenhimmel. Die jährlichen Ferien genoss sie und mit guten wenigen Freunden liebte sie das Zusammensein. Dann war sie nicht zu bewegen, auch nur einen Ton zu singen. Im abgelegenen Ferienhaus in den Jahren vor dem Krieg in Norwegen entspannte sie sich mit ihrem Mann. In der Bergwelt in Österreich und Oberitalien machten sie später lange Wanderungen.

Erna Berger begleitete über Jahrzehnte durch ihre Kunst das Leben anderer Menschen. Das erfuhr sie von vielen erst jetzt. Dass sie ihnen Kraft durch ihr Singen gab, in schweren Tagen oft Trost, ohne es zu wissen. Das machte sie dankbar und glücklich bis in die letzten Tage.

„Ich habe nur gesungen, das war mein Leben”, stellte sie selbst fest, als sie mit 88 Jahren in ihren Memoiren Rückschau hielt. Nur? Es schwingt kein Bedauern, in diesem „Nur”, kein Selbstmitleid. Das paßte nicht zu Erna Berger. Aber es umriss die unerbittlichen Einschränkungen, mit denen sie ihr Leben abschirmte. Alles, was nicht mit der musikalischen Arbeit zu tun hatte.

Erna Berger starb sanft und unerwartet vor ihrem 90. Geburtstag am 14.6.1990. Sie wurde in Wien beigesetzt, auf dem Zentralfriedhof. Die Gedenkstätte für Mozart und die Gräber von Beethoven, Brahms, Gluck, Schubert und Wolf waren ganz nahe. Bereits ein Jahr zuvor hatte sie es so gewünscht und ohne Zögern entschieden: „Ich gehöre doch zur Musik”.

 

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