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Geschichte | Andrea Weber

Geschichte


 

Geschichte der Tschechen

 

 

Vorgeschichte

 

 

6. Jahrtausend vor Christus: Früheste Siedlungsspuren im Gebiet des jetzigen Prag.
 

2.-1. Jahrhundert vor Christus: Der keltische Stamm der Bojer wandert in das spätere Böhmen ein und unterwirft die Bevölkerung. Auf die Bojer geht der Name Böhmen zurück.

 

Zeitwende: Aus dem Westen wandern germanische Stämme ein, zum Beispiel die Markomannen, und unterwerfen die Bojer.

 

5.-7. Jahrhundert: Im Verlauf der Völkerwanderung dringen slawische Stämme aus dem Osten vor.

 
Anfang 9. Jahrhundert: Byzanz christianisiert das jetzige Gebiet von Böhmen und Mähren.
Anfang

 

 

Herrschaft der Přemysliden

 

 

um 880: Herzog Bořivoj I., ein Vertreter des slawischen Adelsgeschlechts der Přemysliden, beginnt mit der Einigung Böhmens und legt Burgen als Verwaltungszentren an, so auch die Königsburg (Hradschin) und die Festung Vyšehrad. Die ersten Siedlungen entstehen entlang der Verbindungslinie zwischen beiden Burgen.

 

921: Seinem Nachfolger Václav I. (dem späteren hl. Wenzel und böhmischen Schutzpatron) gelingt mit dem Anschluss an den sächsichen Kaiser Heinrich I. ein weiterer Schritt zur Einheit Böhmens.

 

935: Wenzel wird von seinem Bruder Boleslav I. (dem Grausamen) ermordet. Boleslav übernimmt die Herrschaft und betreibt den Ausbau Prags.

 

10. Jahrhundert: Juden und Kaufmänner aus Deutschland, Frankreich und Italien siedeln sich in Prag an, da die Stadt an einer wichtigen Handelsstraße liegt.

 
984: Boleslav I. muss die Lehnshoheit des Heiligen Römischen Reiches anerkennen.
 

1034: Böhmen erhält mit Břetislav I. wieder einen starken Herrscher. Dieser entledigt sich der Reichsabhängikeit und führt das Christentum als verbindliche Religion für ganz Böhmen ein.

 

12. Jahrhundert: Sobĕslav I. (1125-1140) und Vladislav II. (1140-1172) bauen den Hradschin zur steinernen Festung aus. Der erste steinerne Moldauüberweg, die Judithbrücke, wird errichtet.

 
1198: Böhmen wird zum Königreich erhoben. Erster König ist Přemysl Ottokar (Otakar) I.
 

1253: Přemysl Ottokar II. gelangt an die Macht. Er kann sein Herrschaftsgebiet ausdehnen. 19 Jahre später regiert er Böhmen, Mähren und Österreich.

 

13. Jahrhundert: Prag wird weiter ausgebaut: Errichtung einer Stadtmauer, Erweiterung der Altstadt, Gewährung des Stadtrechts für Altstadt und Kleinseite.

 
um 1300 : Ein neues Zahlungsmittel, der “Prager Silbergroschen”, wird eingeführt.

1306: Mit der Ermordung des 16 jährigen Wenzel III. stirbt das Herrschergeschlecht der Přemysliden in direkter Linie aus.

Anfang

 

 

Herrschaft der Luxemburger

 

 

1310: Johann von Luxemburg wird mit der Přemyslidenerbin Elisabeth verheiratet und damit König von Böhmen. Er regiert aber gegen den böhmischen Adel, der seine Privilegien verteidigt.

 

1344: Mit der Herrschaft Karl IV. (ab 1346 König von Böhmen, ab 1355 Kaiser des heiligen römischen Reiches) beginnt eine glanzvolle Zeit für Böhmen und Prag. Er widmet sich intensiv dem Ausbau der Stadt. Er legt die Neustadt an, errichtet die Karlsbrücke und Burg Karlštein. Den bekannten Architekten Peter Parler holt er sich zum Bau des Veitsdoms.

 
1348: Karl gründet in Mitteleuropa, in Prag, die erste Universität.
 

1378: Die unsichere Herrschaft seines profillosen Sohns, Wenzel IV., ist glücklos. Es kommt zu religiösen und sozialen Spannungen, gar zu bürgerkriegsähnlichen Zuständen.

 
1402: Der Reformator Jan Hus prangert die Missstände in der katholischen Kirche an.
 

1415: Hus’ Forderungen bewirken eine nationale, religiöse und soziale Erhebung. Als er seine Lehre nicht auf dem Konzil zu Konstanz widerruft, wird er als Ketzer verbrannt. Sein Tod löst die hussitische Bewegung aus.

 
1419: Der 1. Prager Fenstersturz wird zum Auslöser für die Hussitenkriege.
 

1434: Entscheidungsschlacht: Die radikalen Hussiten verlieren den 12 Jahre währenden Krieg. Das einstmals so prächtige Prag ist zum Großteil verwüstet.

Anfang

 

 

Herrschaft der Podĕbrad Jagiellonen

 

 

 

1439: Der böhmische Adlige Georg von Podĕbrad wird von den gemäßigten Hussiten zum Herrscher gewählt. Er nimmt die Bautätigkeit in Prag wieder auf (Beispiel: die Teynkirche).

 

1471: Aus den Nachfolgekämpfen um den Thron geht die polnische Dynastie der Jagiellonen siegreich hervor. Der recht schwache König Vladislav Jagiello (Vladislav II.) hält sich oft in seinem weiteren Königreich Ungarn auf. 1490 verlegt er gar die Residenz nach Budapest. Prag verliert zusehends an Bedeutung.

 

1516-1526: Vladislavs Sohn, Ludwig, widmet sich Böhmen auch nicht, da er Ungarn vor den Türken beschützen muss.

Anfang

 

 

Herrschaft der Habsburger

 

 

 

1526: Ludwigs Schwager Ferdinand I. wird zum König von Böhmen gewählt. Damit beginnt die fast 400 jährige Herrschaft der Habsburger über Böhmen. Prag wird wieder Residenz und erhält weit gehende Rechte.

 

1556: Ferdinand holt Jesuiten zur Unterstützung der Gegenreformation nach Prag. Der Orden entfaltet eine rege Bautätigkeit und erzieht an Jesuitenkollegien den katholischen Adelsnachwuchs.

 

1609: Rudolf II. gewährt in einem “Majestätsbrief” den böhmischen Ständen Religionsfreiheit.

 

1618: Die Auseinandersetzungen zwischen den katholischen Habsburgern und den protestantischen böhmischen Ständen eskalieren: Es kommt zum 2. Prager Fenstersturz, der Auftakt zum Dreißigjährigen Krieg.

 

1619: Die böhmischen Stände setzen Ferdinand II. einfach ab und wählen den Protestanten Friedrich V. von der Pfalz zu ihrem König. Er geht in die Geschichte als “Winterkönig” ein, da er nur sehr kurze Zeit regiert.

 

1620: Ferdinand holt sich in der Schlacht am Weißen Berg sein Königreich Böhmen zurück.

 

1621: 27 Anführer der protestantischen Revolte werden auf dem Altstädter Ring hingerichtet.

 

1648: Die Besetzung der Kleinseite durch die Schweden beendet den Dreißigjährigen Krieg. Prag ist kulturell und wirtschaftlich vernichtet.

 

1787: Die davor unabhängigen Städte Altstadt, Hradschin, Kleinseite und Neustadt werden verwaltungsmäßig vereinigt.

 

1. Hälfte 19. Jahrhundert: Beginn der Industrialisierung Böhmens: das tschechische Nationalbewusstsein des 19. Jahrhundert erwacht: man distanziert sich vom Deutschtum.

 

1848-1861: Bei Kaiser Franz Josef I. werden tschechische Nationalbestrebungen unterdrückt.

 

1861: Die Deutschen büßen erstmals ihre Mehrheit im Prager Stadtparlament ein. Die Tschechen gewinnen zunehmend an Einfluss, sie bauen ihr eigenes Nationaltheater.

Anfang

 

 

“Demokratie und Freiheit” – ein langer Weg

 

 

28.10.1918: In Prag wird die Tschechoslowakische Republik (ČSR) ausgerufen. Erster Präsident ist Tomás G. Masaryk.

1938: Deutschland annektiert das Sudetenland.

1939: Deutsche Truppen marschieren in die “Rest”-Tschechoslowakei ein und erklären sie zum “Reichsprotektorat Böhmen und Mähren”.

1942: Attentat auf Reinhard Heydrich, den stellvertretenden Reichsprotektor in Prag. Im Gegenzug zerstören die Deutschen die Dörfer Lidice und LeŢáky und ermorden alle Bewohner über 14 Jahre.

Mai 1945: Aufstand der Prager gegen die deutsche Besatzung. Die Vertreibung der Sudetendeutschen beginnt.

1948: Machtübernahme der Kommunisten mit dem Ziel der totalen “Sowjetisierung” der Tschechoslowakei. Die Zeit der Schauprozesse beginnt.

1960: Prag wird Hauptstadt der sozialistischen Volksrepublik ČSSR. 60 er Jahre Kritische Reformkräfte bemühen sich um einen “Sozialismus mit menschlichem Gesicht”.

21.8.1968: Truppen der Warschauer-Pakt Staaten marschieren in Prag ein. Der Prager Frühling ist damit erst mal beendet.

1969: Die Sowjets ersetzen den reformwilligen KP-Chef Alexander Dubček durch den linientreuen Husák.

1977: Gründung der Bürgerrechtsgruppe “Charta 77″.

1989: Nach Massendemonstrationen gegen das kommunistische Regime muss die KP-Führung zurück treten und die Partei auf ihr Machtmonopol verzichten.

29.12.1989: Václav Havel wird Staatspräsident.

1991: Sieg der demokratischen Parteien bei der ersten freien Parlamentswahl. Die sowjetischen Truppen verlassen das Land.

Januar 1993: Teilung der Tschechoslowakei in 2 selbständige Staaten Tschechien und Slowakei. Havel wird zum 1. Präsidenten der Tschechischen Republik gewählt (2.2.1993-2.2.2003). Der extrem linke Dramatiker Havel (!936-2011) war Mitglied des einflussreichen gefährlichen Club of Rome!

2003: Václav Klaus wird Präsident (7.3.2003-7.3.2013). Klaus war ein beeindruckender vernünftiger Europakritiker und gehörte der tschechischen ODS-Partei an.

2013: Miloš Zeman wird Präsident (8.3.2013. Der extrem linke Politiker gehört der SPOZ an. Er fällt in der tschechischen Bevölkerung und den Medien unangenehm auf: Alkohol und Rauchen. Bedrohung der Meinungsfreiheit und Pressefreiheit …

Anfang

 

tschechische Herrscher
Přemysliden 871-1306
Luxemburger 1310-1437
Podĕbrad Jagiellonen 1439-1526
Habsburger 1526-1918

 

 

Přemysliden 871-1306

 

 

871-894 Bořivoj I.
895-905 Spytihnĕv I.
905-921 Vratislav I.
921-935 Wenzel I. der Heilige
935-973 Boleslav I.
973-999 Boleslav II.
999-1035 Machtkämpfe der Přemysliden untereinander
1035-1055 Břetislav I.
1055-1061 Spytihnĕv II.
1061-1092 Vratislav II.
1092-1100 Břetislav II.
1100-1125 Machtkämpfe der Přemysliden untereinander
1125-1140 Sobĕšlav I.
1140-1172 Vladislav II.
1172-1198 Thronverzicht Vladislavs führt zu Machtkonflikten im Adel
1198-1230 Přemysl Ottokar (Otakar) I.
1230-1253 Wenzel I.
1253-1278 Přemysl Ottokar II.
1278-1305 Wenzel II.
1305-1306 Wenzel III.
Anfang

 

 

Luxemburger 1310-1437

 

 

1310-1346 Johann von Luxemburg
1346-1378 Karl IV.****
1378-1419 Wenzel IV.
1419-1434 Unruhen
1434-1437 Sigismund
1437-1439 Albrecht II. von Habsburg (Schwiegersohn Sigismunds)
Anfang

 

 

Poděbrad und Jagiellonen 1439-1526

 

 

 

1439-1458 Georg von Podiebrad ( Jiří Poděbrad)
1471-1516 Vladislav II.
1516-1526 Ludwig
Anfang

 

 

Habsburger 1526-1918

 

 

 

1526-1564 Ferdinand I.
1526-1564 Ferdinand I.
1564-1576 Maximilian I.
1576-1611 Rudolf II.
1611-1619 Matthias I.
Winter 1619/20 Friedrich V. von der Pfalz (kein Habsburger)
1620-1637 Ferdinand II.
1637-1657 Ferdinand III.
1657-1705 Leopold I.
1705-1711 Joseph I.
1711-1740 Karl VI.
1740-1780 Maria Theresia
1781-1790 Joseph II.
1790-1792 Leopold II.
1792-1835 Franz II.
1835-1848 Ferdinand I.
1835-1849 Franz Josef I.
Anfang

 

Přemysliden
Přemysliden 1
Bořivoj 1., Fürst von Böhmen
Spithiněv 1., Herzog von Böhmen
Vratislav 1., Herzog von Böhmen
Wenzel 1., Herzog von Böhmen
Boleslav 1., Herzog von Böhmen
Boleslav 2., Herzog von Böhmen
Boleslav 3., Herzog von Böhmen
Vladivoj, Herzog von Böhmen
Jaromir, Herzog von Böhmen
Oldřich, Herzog von Böhmen
Přemysliden 2
Spytihněv II., Herzog von Böhmen
Přemysliden 3
 

 

Přemysliden 1

 

 

 

 

Bořivoj 1., böhmischer Fürst

 

 

Bořivoj I. (* zwischen 852 und 855; † 888/889) war der erste historisch greifbare böhmische Fürst und der erste bekannte Herrscher aus dem Geschlecht der Přemysliden.

 
Leben
 

Sein Sitz war ursprünglich die Burg Levý Hradec nordwestlich des heutigen Prag. Von seinem Rivalen Strojmír ins Mährerreich vertrieben, ordnete er sich der Oberherrschaft des dortigen Königs Svatopluk I. unter und kehrte mit seiner Hilfe nach Böhmen zurück. Dort legte er den Grundstein für die Prager Burg auf dem Berg Hradschin, von der aus er sein Herrschaftsgebiet um Prag regierte. Daraus sollte sich das Herzogtum und spätere Königreich Böhmen entwickeln.

 

Obwohl Bořivoj oft als erster Herzog von Böhmen bezeichnet wird, kann man von zu diesem Zeitpunkt noch nicht von einem einzigen böhmischen Herrschaftsgebiet sprechen. Dieses entwickelte sich erst unter seinen Nachfolgern, wobei die damals stattfindende Christianisierung eine große Rolle spielte. Der Überlieferung nach wurde Bořivoj zusammen mit seiner Frau, der später heiliggesprochenen Ludmilla, um das Jahr 880 herum von Erzbischof Method von Saloniki getauft. Mit Ludmilla hatte er zwei namentlich bekannte Söhne, Spytihněv I. und Vratislav I., die nacheinander Herzog wurden. Letzterer ist der Vater des Heiligen Wenzel von Böhmen, der gemeinsam mit Ludmilla zu den Landespatronen Böhmens gehört.

 
Literatur
 
Václav Davídek: Co bylo před Prahou. Vyšehrad, Prag 1971.
Dušan Třeštík: Počátky Přemyslovců. Academia, Prag 1981.
Rudolf Turek: Čechy v raném středověku. Vyšehrad, Prag 1982.
 
Bericht auf Wikipedia
 
Anfang

 

 

Spytihněv 1., böhmischer Herzog

 

 

 

Spytihněv I. (* um 875; † 915) war ein Herzog von Böhmen aus dem Geschlecht der Přemysliden.

 
Leben
 

Spytihněv war der Sohn von Herzog Bořivoj I. und seiner Gattin Ludmilla. Beim Tod seines Vaters um 889 war er etwa 13 Jahre alt und damit nicht regierungsfähig. Die Herrschaft in Böhmen übernahm der mährische Knjas Svatopluk I. Erst nach dessen Tod 894 folgte Spytihněv seinem Vater als Herzog nach. Er ging schon 895 auf Distanz Mährerreich, unter dessen Vorherrschaft Böhmen bis dahin stand, und schwor dem Kaiser Arnulf von Kärnten Treue. In seine Regierungszeit fallen vermutlich Abkommen mit dem Nomadenvolk der Ungarn, die Böhmen vor deren Einfällen bewahrten und eine Festigung der Herrschaft in der Region um Prag ermöglichten. Damit trat das Fürstentum die Nachfolge Großmährens als wichtigste Macht in Böhmen an.

 

An der Grenze seines Herrschaftsgebietes baute er neue Burgen, die direkt vom Geschlecht der Přemysliden verwaltet wurden. Im Norden war es Mělník, im Nordwesten Libušín, südwestlich entstand Tetín, im Südosten war es Lštění und schließlich im Nordosten Boleslav. Auch der Herrschersitz Hradschin wurde mit Festungsmauern versehen, um die Burg wuchs die Stadt Prag. Diese Befestigungsbauten dienten nicht nur als Schutz gegen Einfälle fremder Völker, sondern hatten auch eine politische und wirtschaftliche Funktion. Sie waren der Ursprung des Verwaltungsgebietes, welches später Boleslav I. weiter ausbaute. An manchen Burgen wurden Verwalter eingesetzt, die dann auch die Steuern eintrieben und die Kirchenorganisation verwalteten. Die Kirchen in den Burgen sind die ältesten Sakralbauten des Landes. Spytihněv und auch sein Bruder und Nachfolger Vratislav I. begnügten sich mit diesem Gebiet und zeigten selbst auch keinen weiteren Expansionsgedanken. Sie beherrschten damit Mittelböhmen, wo sich allerdings noch weitere Fürstenhäuser befanden, die zwar eigene Burgen besaßen, jedoch keine Regierungsgewalt. Aber auch diese Zahl ging zurück. Waren 845 noch 14 Fürsten bekannt[1], so ging die Zahl der bedeutenden Familien bis 895 auf zwei zurück, nach derzeitiger Geschichtsschreibung ein Zeugnis für die Zentralisierung in Böhmen Ende des 9. Jahrhunderts.

 

Spytihněv herrschte bis 915. Obwohl in den historischen Schriften kaum über ihn berichtet wird, geht die moderne Geschichtsforschung davon aus, dass er der Begründer des Staates der Přemysliden in Mittelböhmen war. Spytihněvs Nachfolger war sein jüngerer Bruder Vratislav I..

 
Literatur
 
Jiří Sláma: Střední Čechy v raném středověku.
 
Bericht auf Wikipedia
 
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Vratislav 1., böhmischer Herzog

 

 

Vratislav I. (* um 888; † 13. Februar 921) war ein böhmischer Herzog von aus dem Geschlecht der Přemysliden und Vater des Heiligen Wenzel.

 
Leben
 

Vratislav war der Sohn von Herzog Bořivoj I. und dessen Gattin Ludmilla. Seit etwa 906 war er mit Drahomíra aus dem westslawischen Stamm der Heveller verheiratet. Aus dieser Ehe entstammten unter anderem der Heilige Wenzel, Boleslav I. und vermutlich ein weiterer Sohn namens Spytihněv sowie vier Töchter.

 

915 übernahm er nach dem Tod seines Bruders Spytihněv I. die Herrschaft über die zentralbömische Region um Prag, die er bis zu seinem Tod 921 ausübte. Außenpolitisch gehörte Böhmen in seiner Regierungszeit in den Einflussbereich des bayerischen Herzogs Arnulf I. Um sich gegen die wachsende Bedrohung durch die sächsischen Herzöge zu schützen, schloss Böhmen weitere Bündnisse. Die Heirat Vratislavs mit Drahomíra verband das Land mit dem damals mächtigsten elbslawischen Stamm. Den magyarischen Kriegern, die seit Beginn des 10. Jahrhunderts im Westen einfielen, gewährte er freien Durchzug durch Böhmen, und 915 beteiligten sich böhmische Krieger an einem ungarischen Überfall in Sachsen.

 

Im Inneren stärkten die Söhne des ersten christlichen böhmischen Herzogs Bořivoj die dominierende Rolle der Přemysliden-Dynastie. Sie bauten neue Burgen an den Grenzen ihres Machtbereiches und drängten den Einfluss anderer böhmischer Fürsten zurück. Die wenigen schriftlichen und archäologischen Quellen lassen es nicht zu, die Bedeutung beider Brüder in dem Prozess der Staatsbildung genauer voneinander abzugrenzen. Sicher ist, dass 897 zuletzt mehrere Fürsten in Regensburg als Vertreter Böhmens auftraten. Vratislavs Sohn Wenzel ist 929 dagegen bereits unbestritten Herrscher des ganzen Landes, auch wenn die lokalen Fürstentümer fortbestanden. Während der etwa 20-jährigen Regierung Spytihněvs und der anschließenden etwa 6-jährigen Herrschaft Vratislavs setzte sich demnach die Dynastie der Přemysliden endgültig durch.

 

Vratislav starb im Alter von 33 Jahren. Sein Grab soll sich in der St. Georgs-Basilika in der Prager Burg befinden.

 
Literatur
 
Dušan Třeštík: Počátky Přemyslovců. Nakladatelství lidové noviny, 1998, ISBN 80-7106-138-7
 
Bericht auf Wikipedia
 
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Wenzel 1., böhmischer Herzog

 

 

Wenzel von Böhmen (auch Wenzeslaus von Böhmen oder Heiliger Wenzel, tschechisch Svatý Václav); * um 908; † 28. September 929 oder 935 in Stará Boleslav) war ein böhmischer Fürst aus der Dynastie der Přemysliden.

 

Wenzel war Herrscher einer kleinen Region um Prag und zugleich Oberhaupt des böhmischen Stammesverbandes. In seiner kurzen Regierungszeit musste er sich dem ostfränkischen König Heinrich I. unterwerfen. Er hatte auch mit Gegnern aus Reihen der übrigen böhmischen Großen zu kämpfen und wurde schließlich von seinem Bruder Boleslav I. getötet.

 

Noch im 10. Jahrhundert setzte seine Verehrung als Heiliger ein. Er war Hauspatron der Přemysliden und Namensgeber für vier weitere böhmische Herrscher dieses Namens. Im Hochmittelalter wurde er zum böhmischen Landespatron. Tschechien erklärte im Jahr 2000 seinen Todestag am 28. September zum staatlichen Feiertag.

 

Über sein Leben berichten Heiligenlegenden, die als hochrangige Quellen für das frühe 10. Jahrhundert die Aufmerksamkeit der Historiker auf sich ziehen. Diese Schriften finden auch Beachtung in der internationalen Fachwelt, denn sie erlauben es, das „Drama des böhmischen Herzogs Wenzel“[1] in einen breiteren Kontext der Christianisierung und des Streites zwischen geistlicher und weltlicher Macht zu stellen.

 
Jugend und Erziehung
 
Pariser Handschrift der Dalimil-Chronik, 14. Jahrhundert. Links oben Drahomíra mit ihren Gefolgsleuten, rechts daneben der kleine Wenzel in der Obhut seiner Großmutter Ludmilla.

 

Wenzel war der älteste Sohn des Přemyslidenfürsten Vratislav I. und der Drahomíra von Stodor. Als er zu Beginn des 10. Jahrhunderts geboren wurde, lag die Herrschaft über Mittelböhmen noch bei seinem Onkel Spytihněv I. Wenzels Geburtsort war daher vermutlich nicht Prag, sondern eine der Burgen der sogenannten „Přemysliden-Domäne“, die als Sitz nichtregierender Familienmitglieder dienten. In Frage kommen Budeč und Levý Hradec im Zentrum des Landes oder Tetín, Libušín, Mělník, Stará Boleslav und Lštění, die am Rand des Herrschaftsgebietes lagen. Wenzels Geburtsdatum kann nur aufgrund chronologischer Berechnungen geschätzt werden. Meist wird es ungefähr in das Jahr 908 gelegt, denn sein Vater Vratislav übernahm die Regierung im Jahr 915, und im gleichen Jahr ließ er seinem Sohn die Haare schneiden. Üblicherweise waren es nur hochgestellte männliche Kinder im Alter von etwa sieben Jahren, die sich dem Ritual des Haareschneidens unterziehen mussten. Die feierliche Zeremonie fand in der Marienkirche der Prager Burg im Beisein eines Bischofs statt.

 

Der Fürstensohn erhielt eine für seine Zeit und seinen Stand ungewöhnliche Ausbildung: Er lernte lesen. Seine Lehrer waren seine Großmutter Ludmilla und ein Priester namens Učeň, der ihm auf Burg Budeč beibrachte, den Psalter zu memorieren. Den Legenden nach konnte Wenzel slawische, lateinische und sogar griechische Bücher verstehen. Obwohl dies unglaubwürdig erscheint, war seine „Gelehrsamkeit“ umfassend genug, um bei den Großen des Stammes Anstoß zu erregen. Sie befürchteten, dass die notwendige Ausbildung zum Krieger zu kurz käme. Beim Tod seines Vaters im Frühjahr 921 war Wenzel etwa 13 Jahre alt. Die Stammesversammlung erhob ihn zum Fürsten, eigenständig regieren konnte er aber noch nicht. Die Regentschaft sollte seine Mutter Drahomíra ausüben, die Erziehung von Wenzel und seinem Bruder Boleslav übertrug der Stamm jedoch der Großmutter Ludmilla. Bald kam es zum Streit zwischen den beiden Frauen. Ludmilla wurde am 16. September 921 von Gefolgsleuten ihrer Schwiegertochter ermordet. Drahomíra führte die Regentschaft noch weitere drei oder vier Jahre fort. Erst 924 oder 925 war Wenzel alt genug, um die Regierungsmacht selbst zu übernehmen. Er heiratete – der Name der Frau ist nicht bekannt – und zeugte außerdem mit einer Nebenfrau einen Sohn namens Zbraslav.

 
Innenpolitik und Religion
 

Der Regierungsantritt war im Böhmen des frühen 10. Jahrhunderts auch für einen designierten Thronfolger eine schwierige und gefährliche Angelegenheit. Wenzels erste bekannte Amtshandlung war es, im Jahr 925 die Gebeine der getöteten Großmutter nach Prag zu übertragen. Wohl zur gleichen Zeit vertrieb er seine Mutter für eine kurze Zeit aus dem Fürstentum – beides offensichtliche und notwendige Demonstrationen der Macht, denn der Stamm stand nicht geschlossen hinter ihm. Wenzel hatte ein eigenes starkes Gefolge und Parteigänger, und er hatte ebenso starke Gegner, die seine Mutter und seinen Bruder unterstützten oder eigene Ziele verfolgten. Es gibt Hinweise darauf, dass bereits die Regierungsübernahme von Rivalitäten begleitet war. Eine Legende behauptet, der Adel habe ein Mordkomplott vorgetäuscht und so die beiden Brüder gegeneinander aufgebracht. In einer anderen heißt es, die Partei Wenzels habe gegen die Partei seiner Mutter blutige Kämpfe ausgefochten. Übereinstimmend berichten sie, dass der neue Fürst den Großen zu jung, zu unerfahren und zu fromm erschien.[3] Ein weiteres Zeugnis für die instabile Lage ist der Kampf mit seinem Nachbarn Radslav von Kouřim. Nachdem ihn Wenzel besiegt hatte, beließ er ihn weiter in seiner Funktion und begnügte sich mit einer Unterwerfungsgeste. Dies deutet darauf hin, dass die übrigen Fürsten in Böhmen eine gewisse Überlegenheit des Herrschers über die Prager Burg zwar – manchmal unfreiwillig – akzeptierten, im Wesentlichen aber unabhängig blieben. Dieses Kräfteverhältnis konnte Wenzel jedenfalls nicht entscheidend zu seinen Gunsten verschieben, und offensichtlich führte es schließlich auch zu seinem Sturz.[4]

 

Auch das Christentum hatte sich zu Beginn des 10. Jahrhunderts noch nicht durchgesetzt. Der vierte getaufte Herrscher Böhmens gebot über ein größtenteils nichtchristliches Land. Er unterhielt zwar gute Beziehungen zum Bischof Tuto von Regensburg, betrieb aber keine offensive Missionstätigkeit. Im Land befanden sich nur wenige Geistliche: eine Handvoll bayerischer Kleriker, die einem Archipresbyter unterstanden, und aus dem 907 untergegangenen Großmähren geflüchtete Priester. Deren Anwesenheit in Böhmen ist zwar unstrittig, ihre Anzahl und ihr Einfluss liegen aber vollkommen im Dunkeln. Die neue Religion blieb unter diesen Bedingungen weiterhin auf sein Fürstentum beschränkt und erfasste auch dort nur die Oberschicht auf den wichtigsten Burgen. Wenzels nachhaltigste Leistung auf religiösem Gebiet war der Bau einer Rotunde, die er mit Tutos Einverständnis an der Stelle des späteren Veitsdomes errichten ließ. Es war zwar bereits die dritte Kirche auf dem Gelände der Prager Burg, doch während seine Vorgänger noch eher abseitige Plätze wählten, platzierte der spätere Landesheilige seinen Sakralbau in die Mitte des Burgfelsens, dorthin, wo einige Historiker zwei zentrale Elemente der alten Religion und Gesellschaftsordnung vermuten: den heiligen Brandopfer-Hügel Žiži und den steinernen Thron, den alle böhmischen Fürsten noch im Hochmittelalter bei ihrem Amtseintritt besteigen mussten. Beide Heiligtümer waren noch zwei Jahrhunderte später Cosmas von Prag bekannt und wurden wohl später von der gotischen Kathedrale überbaut. Wenzel habe mit seinem Bau das ideelle Zentrum des Landes in einen christlichen Kontext gestellt und so den Brückenschlag zwischen der alten und der neuen Ordnung geschaffen.

 
Böhmen und Europa
 

Außenpolitisch stand Böhmen in Wenzels Regierungszeit zwischen drei Mächten. Mit den Ungarn, die seit Beginn des 10. Jahrhunderts Europa verheerten, muss schon länger ein Abkommen bestanden haben, denn die ungarischen Krieger konnten sich auf dem Weg zu ihren Raubzügen im Westen ungehindert über böhmisches Territorium bewegen. Die elbslawischen Stämme im Norden waren traditionelle Verbündete der Přemysliden: Wenzels Mutter war eine Hevellerprinzessin, seine Großmutter kam wahrscheinlich aus dem Stamm der Sorben. Das Ostfrankenreich war für Böhmen dagegen eine ernste Bedrohung, denn der lose Stammesverband und erst recht das kleine mittelböhmische Přemyslidengebiet konnte gegen die fränkischen Truppen militärisch nicht bestehen. Wenzels Vorgänger hatten sich bereits 895 Arnulf von Kärnten unterworfen und zu Tributzahlungen verpflichtet, um sich aus der Oberhoheit Großmährens zu befreien. Dieser Bund mitsamt der Tributpflicht war auf das Herzogtum Bayern übergegangen. Zu Wenzels Zeit sollte er in erster Linie Schutz vor Sachsen bieten, das eine immer größere Rolle im Verbund der Stammesherzogtümer spielte und dessen Herzog Heinrich I. 919 auch die Königswürde erlangte. Vor allem die Ungarnkriege und -tribute brachten für den König Ausgaben mit sich, die Sachsen allein nicht zu leisten imstande war. Überfälle und Raubzüge im „barbarischen“ Osten erschlossen da eine neue Einnahmequelle.[6] Böhmen hatte neben Wachs und Pferden insbesondere Sklaven zu bieten. Auch die böhmische Oberschicht selbst war in den 920er Jahren bereits in diesen lukrativen Sklaven-Markt eingestiegen, der arabisches und byzantinisches Geld ins Land brachte.[7]

 

Als der bayerische Herzog Arnulf 921 einen Ausgleich mit seinem einstigen Gegner Heinrich I. schloss, bedeutete dies für Böhmen eine Katastrophe. Regentin Drahomíra ließ noch im gleichen Jahr die bayerischen Geistlichen aus dem Land vertreiben und stellte sich damit in offene Feindschaft zu ihrem direkten Nachbarn im Westen. Ein Jahr später fiel Arnulf – mit unbekanntem Ergebnis – in Böhmen ein. Nach Wenzels Regierungsantritt 924/925 kehrten die Regensburger Kleriker zwar wieder nach Prag zurück, doch war die Annäherung nicht von Dauer. Offensichtlich kam es für die böhmischen Großen nicht in Frage, das alte Treueverhältnis gleichsam automatisch vom bayerischen Herzog auf den sächsischen König zu übertragen.[8] Das ungeklärte Verhältnis Böhmens zu seinem Königreich konnte Heinrich I. erst 929 zu seinen Gunsten entscheiden. Im Verlauf seines Slawenfeldzuges eroberte er erst den Heveller-Hauptort Brandenburg und ließ den Prinzen Tugumir und dessen Schwester – enge Verwandte Drahomíras und damit auch Wenzels – als Geiseln nach Sachsen bringen. Dann überfiel er die Daleminzier und zog anschließend gemeinsam mit Arnulf in einem Überraschungsmanöver bis Prag vor. Zu einem großen Kampf kam es offensichtlich nicht, denn die Böhmen hatten kaum Zeit, Truppen zusammenzuziehen. Allerdings griff Heinrich I. auch nicht zu den Mitteln eines Massakers wie in der daleminzischen Hauptburg Gana, und er nahm auch keine Geiseln wie in der Brandenburg. Stattdessen verhandelte er mit Wenzel. Im Ergebnis dieser Verhandlungen im Frühsommer 929 wurde der alte Tribut erneuert und die Abgaben – wahrscheinlich in Form von Vieh und Edelmetallen – waren von Bayern auf Sachsen übergegangen.[9]

 

Die Abhängigkeit von Sachsen blieb während Wenzels gesamter Lebens- und Regierungszeit bestehen. Dass Boleslav unmittelbar nach dem Tod seines Bruders zur Opposition gegen Heinrich I. überging und 14 Jahre lang Krieg gegen das Reich führte, begünstigte in älterer Forschung das Bild Wenzels als eines „schwachen“ und „deutschfreundlichen“ Herrschers, dem ein „starker“ und selbstbewusster Bruder nachfolgte. Neuere Publikationen sehen dagegen eine bedeutende Leistung darin, dass Wenzel sich in der kritischen Situation des Jahres 929 überhaupt als Verhandlungspartner Heinrichs I. behaupten konnte. Seine Verwandten und Verbündeten in den elbslawischen Stämmen, die sich nicht zuletzt durch ihre vehemente Ablehnung des Christentums ins Abseits stellten, schafften dies nicht. So habe Wenzel dazu beigetragen, dass Böhmen in der neuentstehenden europäischen Ordnung selbständig blieb. Den Umbau des Stammes zu einem Staat hat allerdings tatsächlich erst Boleslav vollbracht.[10]

 
Tod
 

Wenzel starb an einem Montag, den 28. September des Jahres 929 oder 935 in Altbunzlau eines gewaltsamen Todes. Er fiel einer Verschwörung zum Opfer, an deren Spitze sein Bruder Boleslav stand. Da der Fürst in Prag unangreifbar war, lud ihn Boleslav zu einem Fest zu Ehren der Heiligen Kosmas und Damian ein, denen die Kirche in seiner Burg geweiht war. Wenzel wurde von seinen Getreuen gewarnt. Er folgte der Einladung dennoch, nahm aber zum Schutz sein Gefolge mit. Während des Festmahls konnten die Verschwörer deshalb nichts ausrichten und fassten in der Nacht einen neuen Plan. Als der Fürst am nächsten Morgen, während seine Begleiter noch ihren Rausch ausschliefen, allein zum Gebet gehen wollte, griff ihn sein Bruder an und versetzte ihm einen Schlag an den Kopf. Wenzel gelang es, Boleslav das Schwert zu entreißen. Er versuchte, in die Kirche zu fliehen, doch der Priester, ein Anhänger Boleslavs, schloss die Tür vor ihm ab. Vor der Kirchentür kam es zu einem Kampf mit den übrigen Verschwörern, in dem Wenzel unterlag.

 

Während die Quellen bei der Schilderung der Ereignisse weitgehend übereinstimmen, ist über das Todesjahr noch keine Einigung erzielt worden. Die Legenden und Chroniken nennen die Jahreszahl 929 nach christlicher Zeitrechnung, beziehungsweise Jahreszahlen nach byzantinischer Zeitrechnung, die ebenfalls dem Jahr 929 entsprechen. Der Chronist Widukind von Corvey dagegen schildert Wenzels Tod im Zusammenhang der Jahre 935/936.[11] Sowohl 929 als auch 935 fiel der 28. September auf einen Montag, so dass beide Daten in Frage kommen. Ebenso umstritten ist das Mordmotiv. Die hagiographischen Quellen nennen nur Boleslavs „teuflische Machtgier“ und sagen nichts über mögliche Hintergründe des Bruderkonfliktes. Wenzels Bündnis mit dem sächsischen König kann eine Rolle gespielt haben, ebenfalls möglich ist ein Zusammenhang mit der Christianisierung. Das Motiv ist so unklar, dass einige Forscher einen geplanten Mord in Frage stellen und von Totschlag ausgehen.[12]

 
Heiliger
 

Bis auf zwei kurze Notizen in der Chronik des Widukind von Corvey, der noch nicht einmal den Namen des Fürsten nennt, berichten über Wenzel von Böhmen ausschließlich Heiligenlegenden. Die tschechische Mediävistik hat sich mit diesen Texten in vielen Detailuntersuchungen befasst, ihre Beziehungen untersucht, verlorene Texte rekonstruiert und die hagiographischen Topoi von der historischen Realität zu trennen versucht, denn die Legenden sind nicht nur die wichtigsten Quellen für Wenzels Leben. Für weite Bereiche des frühen 10. Jahrhunderts in Böhmen und den Beginn des böhmischen Staates gäbe es ohne diese hagiographischen Texte überhaupt keine Schriftzeugnisse. Da sie kulturelle Verbindungen Böhmens in den Westen aufzeigen, fanden sie auch in der deutschsprachigen Geschichtswissenschaft einiges Interesse.[13]

 

Die ältesten fünf erhaltenen Wenzelsviten stammen noch aus dem 10. und frühen 11. Jahrhundert. Ein kurzer, Crescente fide genannter Text wurde wohl noch vor Gründung des Prager Bistums 973 in zwei Fassungen im Regensburger Emmeramskloster und Prag niedergeschrieben. Aus Böhmen stammt die ebenso knapp und altertümlich anmutende erste altkirchenslawische Legende Ecce nunc. Die Legende Avulsa igitur verfasste Bischof Gumpold von Mantua zwischen 973 und 983 im Auftrag Ottos II.. Die Christianslegende entstand kurz vor der Jahrtausendwende in Prag. Die Legende des italienischen Gelehrten Laurentius datiert schließlich um 1039. Im engen Zusammenhang mit dieser ältesten Überlieferungsschicht steht außerdem die Legende Fuit in provincia Boemorum, die Wenzels Großmutter Ludmilla gewidmet ist und ebenfalls aus dem 10. Jahrhundert stammt. Alle diese Texte gelten als historische Quellen ersten Ranges. In einer jüngeren Überlieferungsschicht entstand vom 11. bis zum 14. Jahrhundert eine Reihe weiterer Wenzelslegenden, die für den entstehenden Heiligenkult von Bedeutung sind.

 

In ihrer erklärten Absicht, einen Heiligen zu feiern, schreiben alle Legenden dem ermordeten Přemyslidenfürsten Charaktereigenschaften und Taten zu, bei denen unbeweisbar ist, ob er sie je besessen oder begangen haben kann. So habe Wenzel wie ein Geistlicher, ja fast wie ein Mönch gelebt. Er soll eigenhändig Getreide geschnitten, Wein gekeltert und Oblaten für die Messe gebacken haben. Auch als regierender Fürst habe er Gefangene aus dem Kerker befreit, Galgen eingerissen und Sklaven freigekauft. Sein Wunsch sei es gewesen, Boleslav freiwillig die Fürstenwürde zu übergeben und in Rom in ein Kloster einzutreten. Einiges davon scheint möglich. Die meisten dieser Angaben bringen moderne Forscher aber nicht mehr mit dem historischen Fürsten in Verbindung, denn sie schildern vor allem, wie sich ein idealer Herrscher aus Sicht der frommen Autoren hätte verhalten müssen. Zusammen mit den Wundern, die Wenzel nach seinem Tod zugeschrieben wurden und deren Zahl stetig wuchs, verfestigte sich so ein Bild des Patrons, Beschützers und ewigen Herrschers Böhmens, das bis in die Neuzeit überdauerte.[14]

 
Ikonographie
 

Die ältesten Bilder des heiligen Wenzel finden sich in einer kurz vor 1006 entstandenen Handschrift, die die Fürstin Emma von Böhmen in Auftrag gab. Der Text gibt die Wenzelsvita des Bischofs Gumpold von Mantua wieder, die Illustrationen stellen darüber hinaus Einzelheiten der Christianslegende dar. Seit dem frühen 11. Jahrhundert taucht sein Bildnis auch auf Münzen und Siegeln auf. Statuen und Buchmalereien vervollständigen seit dem Hochmittelalter das Bild.

 

Das Mittelalter kennt zwei ikonographische Grundtypen des Landespatrons: den Fürsten und den Krieger. Die Fürstenbildnisse zeigen ihn stehend oder thronend. Zu Beginn ist er oft noch mit der Märtyrerkrone geschmückt, später dient eine Herzogsmütze, eine Herzogskrone, seltener eine Königskrone als Kopfbedeckung. Auf den Kriegerbildnissen wurde Wenzel meist in voller Rüstung mit Helm dargestellt, stehend oder auf einem weißen Pferd reitend. Zu seinen Attributen zählen ferner der Schild, die Lanze und das Schwert.

 

Ein „repräsentativer“ Bildtypus des heiligen Wenzel formierte sich im 14. Jahrhundert während der Herrschaft Karls IV. Er zeigt eine stehende Gestalt in voller Rüstung, mit Mantel und Fürstenkrone, in der Rechten eine Lanze mit Kohorte und auf der rechten Schulter ein Schild mit dem Wenzelsadler.[15]

 
Schutzpatron von Böhmen
 

Der Kult Wenzels entwickelte sich bereits kurz nach seinem Tod. In dem nur spärlich christianisierten Land war die Verehrung des getöteten Fürsten allerdings kein Ausdruck breiter Volksfrömmigkeit, sondern begann mit einem „Staatsakt“. Spätestens am Ende der 960er Jahre ließ Boleslav I. die Gebeine seines Bruders in die Prager Veitskirche überführen. Er stärkte damit seine Position in Verhandlungen mit Rom um ein eigenständiges Prager Bistum. Um 970 wurde Wenzel in Regensburg in das Sakramentar aufgenommen und bekam einen eigenen Gedenktag. Gemäß dem damaligen Brauch war er damit als neuer Heiliger etabliert.[16] In diesem Zusammenhang sind auch die ältesten Legenden entstanden, die Wenzel als Mönch und friedliebenden Fürst darstellen sowie sein Martyrium und seinen christlichen Lebenswandel betonen.

 

Ab der zweiten Hälfte des 11. Jahrhunderts wandelte sich das Bild. Er erschien nun als Krieger in voller Rüstung und wurde zum Beschützer des Landes in Not und Kriegsgefahr. Im 12. Jahrhundert entstand die Vorstellung, dass Wenzel der eigentliche, ewige Herrscher Böhmens sei, der den Frieden im Land garantiere. Die regierenden Fürsten galten als seine irdischen Stellvertreter, die mittelalterliche Nation als sein Gesinde (familia sancti Venceslai).[17]

 

Ab dem 13. Jahrhundert entstand in Böhmen eine starke, selbstbewusste Adelsschicht, und die Rolle Wenzels wandelte sich erneut. Er war nun nicht mehr nur der Hausheilige der herrschenden Dynastie, der den Přemysliden ihre Macht verlieh, sondern der Schutzpatron des ganzen Landes. Bereits Wenzel II. schlug ausgewählte Adlige bei seiner Krönung 1297 zu „Rittern des Heiligen Wenzel“ (rytíři svatováclavští), in späteren Jahrhunderten setzten die böhmischen Könige diese Tradition fort. Obwohl sich die Přemysliden nicht mehr als seine irdischen Stellvertreter betrachteten, fühlten sie sich ihm weiterhin verbunden: Im 13. Jahrhundert war Wenzel der bevorzugte Name des erstgeborenen Thronfolgers, und mit Wenzel I., Wenzel II. und Wenzel III. gab es in Böhmen drei Könige dieses Namens innerhalb von nicht einmal 100 Jahren. Auch Karl IV. trug den Namen des Landespatrons bei seiner Taufe. Er benutzte ihn zwar später nicht, doch fällt in seine Regierungszeit der Höhepunkt des mittelalterlichen Wenzel-Kultes. Die Krönungsjuwelen, die Wenzelskapelle und kostbar ausgestattete Manuskripte mit Wenzelsmotiven entstammen dieser Zeit.[18]

 

In den Hussitenkriegen wurde Wenzel noch auf beiden Seiten verehrt, nur die radikalen Taboriten lehnten jeglichen Heiligenkult konsequent ab. Erst im 16. Jahrhundert ließ seine Verehrung mit der Ausbreitung des Protestantismus nach. Dies änderte sich grundlegend nach der Schlacht am Weißen Berg. Der fromme barocke Patriotismus verband alles auch nur entfernt Nationale mit seinem Namen. Es gab Wenzels-Schulen, einen Wenzels-Verlag, der tschechische Bücher herausgab, eine Wenzelsbibel in tschechischer Sprache und vieles andere, das den Namen des Landespatrons zum nationalen Symbol werden ließ. Der Glaube an den Helfer in der Not gipfelte zur Zeit der Napoleonischen Kriege in der populären Sage des Václav Matěj Kramérius vom schlafenden Ritterheer im Berg Blaník, das im Augenblick der größten Gefahr erwachen und mit Wenzel an der Spitze dem Volk zur Hilfe kommen wird.[19]

 

Das 19. Jahrhundert legte den Glauben an schlafende Ritter zwar später ab, das Nationalsymbol behielt es aber bei. Den Namen Wenzels gaben sich im Revolutionsjahr 1848 nicht nur die Nationalgarden, auch der Pferdemarkt in Prag wurde in diesem Jahr zum Wenzelsplatz umbenannt. 1912 schuf der Bildhauer Josef Václav Myslbek die Reiterstatue, die bis heute den Platz dominiert. Im 19. Jahrhundert und dem frühen 20. Jahrhundert beschäftigten sich viele namhafte tschechische Künstler und Historiker mit Wenzels Person und Zeit. Zum 1000. Todestag 1929 fanden mehrtägige Feierlichkeiten statt, die jahrelang vorbereitet worden waren und die zur Repräsentation des tschechoslowakischen Staates vor dem In- und Ausland genutzt wurden. Zur Hauptprozession am 29. September fanden sich 750.000 Zuschauer in Prag ein. Teil des „Millenniums“ war auch die Fertigstellung des Veitsdomes nach fast 600-jähriger Bauzeit. In den Folgejahren erschien ein vielbändiges Kompendium (Svatováclavský sborník), das den kompletten Forschungsstand zum Wenzelskult zusammenfasste.[20] Noch während des Protektorats diente der Heilige beiden Seiten: dem Widerstand wie den deutschen Besatzern, die ab 1944 mit dem „Wenzelsadler“ einen Orden für besonders willfährige Kollaboranten verliehen. Seit dem Ende des Kommunismus wird im tschechischen Wenzelskult wieder mehr die religiöse Komponente betont. So finden zum Gedenktag am 28. September wieder Wallfahrten, Prozessionen und Volksgottesdienste statt.[21]

 
Kultgegenstände und Reliquien
 

Die sterblichen Überreste Wenzels ruhen in der Wenzelskapelle des Veitsdomes. Teile der Gebeine gelangten schon früh als Reliquien in andere Kirchen: etwa nach Halberstadt (992), Bamberg (1012 und 1019), Erfurt (1104) und Windberg (1142 und 1167). Sein Schädel wird separat im Domschatz aufbewahrt und einmal jährlich zum 28. September nach Stará Boleslav gebracht, wo am Ort seiner Ermordung die Hauptfeierlichkeiten stattfinden.

 

Der Domschatz enthält außerdem einige Gegenstände, die Wenzels persönliches Eigentum gewesen sein sollen. Dazu gehören der Wenzelshelm, ein Kettenhemd und ein Schwert mit einer hölzernen Scheide. Tatsächlich stammen der Helm und das Kettenhemd etwa aus der Zeit der Jahrtausendwende, das Schwert wurde im Auftrag Karls IV. angefertigt. Nur die Schwertscheide könnte aus dem frühen 10. Jahrhundert stammen, die Datierung ist jedoch ungewiss. Auch Wenzels härenes Gewand (Cilicium), ein Festgewand, ein Lederschuh, Trinkgefäße und ein Evangeliar sollen in früheren Zeiten Bestandteil des Domschatzes gewesen sein. Sie sind ebenso wenig erhalten wie die in mittelalterlichen Quellen erwähnte Lanze des hl. Wenzel, die das böhmische Heer als Siegesgarant in Schlachten mitführte.

 

Aus dem 14. Jahrhundert stammt die Wenzelskrone, Bestandteil der böhmischen Krönungsinsignien, die Karl. IV. zum Anlass seiner Krönung zum böhmischen König 1347 anfertigen ließ. Um die Wenzelskrone rankt sich die Legende, dass jeder, der sie zu Unrecht trägt, binnen eines Jahres eines gewaltsamen Todes stirbt, danach sein ältester Sohn. Im Wissen um diese Legende setzte sich angeblich der amtierende Reichsprotektor Reinhard Heydrich bei einer symbolischen Schlüsselübergabe in der Kronkammer am 19. November 1941 kurz die Wenzelskrone auf. In der Kronkammer des Veitsdomes wird die Wenzelskrone, zusammen mit den übrigen Kronjuwelen, bis heute in einem Safe aufbewahrt, dessen sieben Schlüssel an die höchsten Repräsentanten des tschechischen Staates ausgehändigt werden.[22]
Patrozinien und Gedenktag

 

Schon im 10. Jahrhundert wurde Wenzel zum Schutzpatron der ersten Kirchen. Bis zum Jahr 1000 gab es in Böhmen drei Wenzelkirchen. Maria, einer der beliebtesten frühmittelalterlichen Kirchenpatroninnen, waren im Vergleich dazu vier Gotteshäuser geweiht. Bis zum 13. Jahrhundert stieg die Zahl der Patrozinien auf 11 (Wenzel) beziehungsweise 13 (Maria). Auch der Veitsdom hatte vom 11. bis zum 13. Jahrhundert die drei Patrone Veit, Wenzel und Adalbert. Auf dem Höhepunkt des mittelalterlichen Wenzelskultes im 14. Jahrhundert entstand in der Kathedrale die von Peter Parler gestaltete und prunkvoll geschmückte Wenzelskapelle, in der sich das Grab des Heiligen befindet. Zu Beginn der Hussitenkriege ließ die Beliebtheit Wenzels als Kirchenpatron nach. Wenzelkirchen finden sich in der Gegenwart außer in Tschechien auch in Deutschland, Polen und den USA, wo tschechische Emigranten im 19. Jahrhundert etwa 30 Wenzelsgemeinden gründeten.[23]

 

Sein katholischer und orthodoxer Gedenktag ist der 28. September. Es handelt sich in der katholischen Kirche dabei um einen nicht gebotenen Gedenktag im Allgemeinen Römischen Kalender. In Tschechien wurde der 28. September im Jahr 2000 – nicht unumstritten – zum staatlichen Feiertag erklärt. Am Gedenktag sowie bei anderen Gelegenheiten, bei denen die nationale Unabhängigkeit Tschechiens betroffen ist, finden am Prager Wenzelsplatz bei Myslbeks Reiterdenkmal traditionell Versammlungen und Demonstrationen statt. Von der Ausrufung der Tschechoslowakei 1918 bis zur Samtenen Revolution 1989 fanden die zentralen Kundgebungen stets hier statt. Die Statue, die der Mediävist Dušan Třeštík den böhmischen Nabel der Welt nannte, gilt im Land nach wie vor als Symbol der tschechischen Staatlichkeit.[24]

 
Anhang
 
Legenden
 

Lateinische Legenden
Passio s. Venceszlai incipiens verbis Crescente fide christiana. – entstanden um 975, erhalten in einer bayerischen und einer böhmischen Rezension. Herausgegeben von Jaroslav Ludvíkovský : Nově zjištěný rukopis legendy Crescente fide a jeho význam pro datování Kristiána. Listy filologické 81, 1958, S. 58–63. E-Text
Avulsa igitur – Gumpoldi Mantuani episcopi Passio Vencezlai martyris. – entstanden in Mantua in der Regierungszeit Ottos II. (973–983). J. Emler, Fontes rerum Bohemicarum I., Prag 1873, S. 146–166. E-Text
Legenda Christiani. Vita et passio sancti Wenceslai et sancte Ludmile ave eius. – Christianslegende, entstanden um 992–994. Herausgegeben von Jaroslav Ludvíkovský, Prag 1978. E-Text
Laurentius-Legende. – verfasst von Laurentius in Montecassino in der Mitte des 11. Jahrhunderts. Herausgegeben von Francis Newton: Laurentius monachus casinensis archiepiscopus amalfitanus opera. Quellen zur Geistesgeschichte des Mittelalters 7, Weimar 1973. (Digitalisat)
Licet Plura. – Translationshomilie des 12. Jahrhunderts. Hg. von Josef Pekař: Die Wenzels- und Ludmila-Legenden und die Echtheit Christians. Prag 1906.
Oportet nos fratres. – eine Bearbeitung Gumpolds in gereimter Prosa vom Beginn des 12. Jahrhunderts. Hg. von Josef Pekař: Die Wenzels- und Ludmila-Legenden.
Oriente iam sole. – 13. Jahrhundert (erste Rezension), 14. Jahrhundert (zweite Rezension) – Hg. von Josef Pekař: Die Wenzels- und Ludmila-Legenden.
Ut annuncietur. – 13. Jahrhundert. Hg. A. Podlaha: Vita sancti Venceslai incipiens verbis Ut annuncietur. Prag 1917.

 
Altkirchenslawische Texte
 

Alle altkirchenslawischen Texte wurden in der Originalfassung mit tschechischer Übersetzung herausgegeben von Josef Vajs in: Sborník staroslovanských literárních památek o Sv. Václavu a Sv. Lidmile, Prag 1929. Neuere Übertragungen ins Tschechische mit kritischem Kommentar bei A. I. Rogov, E. Bláhová, A. V. Konzal: Staroslověnské legendy českého původu. Vyšehrad, Prag 1976. Im Einzelnen sind dies:
Die Erste altkirchenslawische Legende, die in Böhmen im 10. Jahrhundert entstand. Sie ist in drei Redaktionen erhalten, von denen zwei in kyrillischer und eine in glagolitischer Schrift aufgezeichnet wurden.
Die Zweite altkirchenslawische Legende, großteils eine Übersetzung der lateinischen Legende avulsa igitur des Gumpold, entstanden im Kloster Sázava am Ende des 10. oder im 11. Jahrhundert.
Prolog-Legenden über böhmische Heilige entstanden in Russland, vermutlich Ende des 11. bis Anfang des 13. Jahrhunderts. Über Wenzel berichten zwei Prolog-Texte: eine kurze Vita und eine Translatio.
Das Offizium des hl. Wenzel hat sich in einem Menaion (liturgisches Monatsbuch) aus Nowgorod aus den Jahren 1095–1096 erhalten. Der Text selbst entstand wohl bereits am Ende des 10. Jahrhunderts. Dem Autor war die erste und zweite altkirchenslawische Legende und die lateinische crescente fide bekannt.

 
Chroniken
 

Widukind von Corvey: Die Sachsengeschichte (Widukindi monachi Corbeiensis rerum gestarum Saxonicarum libri tres), ed. Paul Hirsch, Hans-Eberhard Lohmann (MGH SS rer, Ger 60), Hannover 1935, E-Text bei der Bibliotheca Augustana. Die beiden kurzen Passagen zu Wenzel finden sich in I, 35, 50-51 und II, 3, 68.

 
Bildquellen
 

Matthias Hutský: Bilder zum Leben und Martyrium des Hl. Wenzel Herzog von Böhmen, Prag 1585. Faksimile des Cod. Ser. n. 2633 d. Österr. Nationalbibl., Wien. Aus d. Latein. u. Tschechischen v. Eva Bauerová u. Gregor Bauer, mit Beiträgen v. Karel Stejskal u. Eduard Petru. London, Opus Publishing 1997, ISBN 978-3-7845-7411-0
Velislav-Bibel: Der 1325–1349 entstandene Bildercodex umfasst 747 Illustrationen zu biblischen Themen und zu den Wenzels- und Ludmilla-Legenden. Es gehört zu den Nationalen Kulturdenkmalen Tschechiens.

Literatur

Verwendete Literatur
Petr Charvát: Zrod českého státu 568–1055, Prag 2007, ISBN 978-80-7021-845-7. (Historische Untersuchung über die Entstehung des böhmischen Staates. Das Werk bezieht archäologische Ergebnisse mit ein und legt den Schwerpunkt auf Wirtschafts- und Sozialgeschichte.)
Jiří Hošna: Druhý život svatého Václava. Prag 1997, ISBN 80-85866-27-7. (Motivanalyse der Wenzelslegenden)
Petr Kubín (Hg.): Svatý Václav. Prag 2010, ISBN 978-80-87258-23-1. (Sammelband mit 25 Beiträgen zur Wenzelsthematik, jeweils mit deutscher oder englischer Zusammenfassung)
Jana Nechutová: Die lateinische Literatur des Mittelalters in Böhmen. Böhlau Verlag Köln Weimar, 2007, ISBN 978-3-412-20070-1.
Pavla Obrazová, Jan Vlk: Maior Gloria. Svatý kníže Václav. Paseka, Prag und Litomyšl 1994, ISBN 80-85192-94-2. (Beschreibung des Wenzelskultes von der ältesten Zeit bis in die Gegenwart)
Dušan Třeštík: Počátky Přemyslovců. Nakladatelství lidové noviny, 1998, ISBN 80-7106-138-7. (Grundlegende historische Untersuchung über die Entstehung der Přemysliden-Dynastie, mit detaillierter Textkritik aller maßgeblichen Quellen)

 
Weiterführende Literatur
 

Josef Kalousek: Obrana knížete Václava Svatého proti smyšlenkám a křivým úsudkům o jeho povaze (Verteidigung des Heiligen Fürsten Wenzel gegen Fiktionen und Fehlurteile über seinen Charakter). Das Werk erschien als politische Streitschrift 1872 und in zweiter Auflage, wesentlich erweitert zu einer wissenschaftlichen Abhandlung, 1901. Obwohl als historisches Werk nachrangig, wurde es wegen seiner politischen Thesen breit rezipiert und beeinflusste die Forschung der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu Wenzel und seiner Zeit.
Záviš Kalandra: České pohanství (Das tschechische Heidentum). Fr. Borový, Prag 1947, Neuauflage bei Dauphin 2003, ISBN 80-86019-82-9. Kalandra versuchte als erster die Methoden der Geschichtswissenschaft und der vergleichenden Mythologie auf die frühe Geschichte Böhmens anzuwenden. Das Werk wird bis heute rezipiert und gilt als methodisch wegweisend, seine Schlüsse werden aber überwiegend abgelehnt.

 

Bericht auf Wikipedia

 
Anfang

 

 

Boleslav 1., böhmischer Herzog

 

 

Boleslav I. (* um 915; † 967 oder 972) wurde auch Boleslav der Grausame genannt und war ein böhmischer Fürst und Sohn der Drahomíra von Stodor und Vratislavs I.

 
Leben
 

Boleslav entstammte dem Geschlecht der Přemysliden. Er wurde nach dem 28. September 935 [1], nachdem er seinen Bruder Wenzel von Böhmen hatte ermorden lassen, Herrscher des in Böhmen dominierenden Fürstentums um Prag. Ein Grund für den Mord an seinem Bruder dürfte Boleslavs Widerstand gegen die von Wenzel vertretene Anerkennung der Oberhoheit des Königs des Ostfrankenreiches gewesen sein. So stieß Otto I. auch auf Boleslavs massiven Widerstand, als er die Erfolge seines Vaters Heinrich I. in Osteuropa ausbauen und die dortigen Gebiete in das Reich eingliedern wollte.

 

Im Gegensatz zu seinen Vorgängern verfolgte Boleslav eindeutig die Expansion seines Landes. Sein Problem war jedoch zunächst, dass er kein ausgebildetes Heer hatte, eine Folge der geringen Bevölkerung Böhmens, die damals etwa eine halbe Million Einwohner zählte, und der fehlenden Finanzmittel. [2]

 

Schon kurz nach dem Tod Wenzels gelang es Boleslav offenbar, bis 965 [3] seine Hegemonie über die umliegenden Gebiete, insbesondere die strategisch wichtige Stadt Krakau, durch Liquidierung ihm nicht wohlgesinnter Fürsten auszudehnen und dadurch das Fürstentum Prag endgültig zur bestimmenden Macht Böhmens zu machen. Im Verlauf dieses Prozesses erlangte er auch die Kontrolle über einen wichtigen Handelsweg zwischen Mitteleuropa und dem slawischen Osten, denn Boleslav war jedoch nicht nur ein erfolgreicher Kriegsherr sondern auch Händler. Prag war zu seiner Zeit Metropole des Sklavenhandels im Gebiet nördlich der Alpen. Die Sklaven waren zu Beginn der Expansion Heiden, meist Gefangene aus den besetzten östlichen slawischen Gebieten. [4] Sie wurden über den damaligen Handelsweg transportiert, der im arabischen Gebiet Spaniens begann und über Frankreich und Süddeutschland, Regensburg und Prag nach Krakau und Kiew und von dort aus weiter nach China führte. Etwa eintausend Kilometer dieses Weges führte damals durch das Reich des Přemysliden, der ihn mit seinen Burgen schützte [5] und so zusätzliche Einnahmen für sein Heer sicherte.[6] Seine Gefolgschaft wuchs zu einer bedeutenden Streitmacht an, die Kontrolle der Handelswege zog erhebliche Einnahmen nach sich.

 
Unter seiner Herrschaft wurden 955 die ersten böhmischen Denare geprägt.
 

Ebenfalls zu Beginn seiner Herrschaft unternahm Boleslav 936 Kriegszüge gegen benachbarte thüringische Stämme, die sich unter den Schutz des Sachsen Otto I. stellten. Ein anfänglicher Sieg des Böhmen über ein sächsisches Heer bildete den Anlass für direkte Auseinandersetzungen zwischen dem deutschen König und Boleslav, in deren Verlauf Otto I. nach zähen Kämpfen schließlich die Oberhand gewann. 946 musste Boleslav erstmals Geiseln stellen. Im Sommer 950 war er schließlich gezwungen, sich endgültig der Oberhoheit Ottos I. zu unterwerfen. Er befreite sich für kurze Zeit, wurde aber 954 wieder zur Huldigung Ottos gezwungen, blieb nun dem Kaiser wie dem Christentum treu und kämpfte in der Schlacht auf dem Lechfeld (955) gegen die Magyaren mit. Sein Kontingent von rund tausend Mann kämpfte vor allem gegen die Hilfstruppen des Gegners. Unmittelbar danach beteiligte er sich an einem Feldzug Ottos gegen die Elbslawen.[7] Eine andere Version der Geschichtsschreibung, geht davon aus, dass Otto den Přemysliden zu Gunsten der Slawnikiden schwächen wollte, damit diese schließlich zwei Drittel von Böhmen beherrschten. [8]

 

Mit Herzog Mieszko I. von Polen befand sich Boleslav im Konflikt um verschiedene kleinpolnische Territorien, der jedoch durch die Verheiratung Boleslavs Tochter Dubrawka mit Mieszko 963 oder 964 entschärft wurde. Kurz darauf beteiligten sich sogar böhmische Kämpfer an Feldzügen Mieszkos gegen den sächsischen Grafen Wichmann II. den Jüngeren. Auch mit den Türken (?) soll er bis 955 größtenteils in Frieden gelebt haben. [9]

 

Allerdings verlor er in seinem großen Reich die Übersicht aber auch die Einflussnahme. Teile wurden daher an seine Anhänger oder Anhänger zur Verwaltung anvertraut. [10]

Mit seiner Frau Biagota hatte er vier Kinder: Doubravka (Dobrava, Bonna), Boleslav II., Strachkvas (Kristián) und Mlada. [11]

 

Am Ende seines Lebens bemühte er sich um die religiöse Selbständigkeit des Landes. Die Gründung des Prager Bistum erlebte er jedoch nicht mehr. Cosmas von Prag nennt als Todesdatum Boleslavs I. den 15. Juli 967. Die neuere Forschung lehnt diese Datierung als offensichtliche Fehlinformation ab, entstanden aus der Absicht des Chronisten, die Verdienste um das Bistum nicht dem Brudermörder Boleslav I., sondern seinem Sohn und Nachfolger Boleslav II. zuschreiben zu können. Nach späteren und glaubwürdigeren Quellen starb Boleslav I. 972, als die Verhandlungen mit der Kurie bereits abgeschlossen waren. Das eigenständige Bistum für Böhmen und Mähren wurde ein Jahr nach seinem Tod gegründet.[12]

 
Literatur
 
Gottlieb Biermann: Boleslav I.. In: Allgemeine Deutsche Biographie (ADB). Band 3, Duncker & Humblot, Leipzig 1876, S. 97 f.
 
Bericht auf Wikipedia
 
Anfang

 

 

Boleslav 2., böhmischer Herzog

 

 

Boleslav II. († 7. Februar 999), auch Boleslav der Fromme, war ein böhmischer Fürst aus dem Geschlecht der Přemysliden. Er herrschte als Herzog von Böhmen von 967 bis 999 über die zentrale Region um Prag, das dominierende Territorium Böhmens.

 
Leben
 

Boleslav II. war ein Sohn Boleslavs I. des Grausamen. Sein Geburtsdatum ist unbekannt; Schätzungen verlegen es meist in die 930er bis 940er Jahre. In den Quellen wird er erstmals aus Anlass seines Regierungsantritts 972 genannt. Widukind von Corvey erwähnt zwar einen Sohn Boleslavs I., der 950 seinen Vater im Kampf gegen Otto I. unterstützte; dieser namenlose Sohn war aber nach Meinung der meisten Historiker nicht mit Boleslav II. identisch und im Jahr 972 möglicherweise bereits verstorben. Auch die anderen Nachkommen Boleslavs I. kamen für die Thronfolge nicht in Frage: Doubravka war mit dem polnischen Herzog verheiratet, die jüngeren Kinder Strachkvas und Mlada für den geistlichen Stand bestimmt.[1]

 
Böhmische Innenpolitik
 

Boleslav II. trat nach dem Tod seines Vaters ein schweres Erbe an. Böhmen stand unter Druck von außen, aber auch durch Machtansprüche seitens der böhmischen Fürsten aus dem Geschlecht der Slavnikiden, durch deren Territorium in Nordostböhmen der wichtige Handelsweg von Spanien über Prag und Kiew bis nach China führte. Nach dem Tod von Slavník, des Anführers des Hauses, 981, begann dessen Sohn Soběslav die Unabhängigkeit seines Territoriums anzustreben und lehnte sich an Polen und Sachsen an. Wegen schwerer Auseinandersetzungen mit Boleslav musste Soběslav in den folgenden Jahren das Land zweimal verlassen. Als 983 der erste Prager Bischof Thietmar starb, wurde Adalbert von Prag, ein Bruder Soběslavs, sein Nachfolger. Damit wurde die Macht der Slavnikiden weiter gestärkt. 995, während eines Feldzugs Ottos III. gegen die Abodriten, an dem Boleslav teilnahm, überfielen von Boleslav dem Frommen gesendete Truppen die Burg Soběslavs und ermordeten einen Großteil seiner Familienmitglieder, wodurch die Opposition zusammenbrach und die Slavnikiden nach dem Tod des nach Polen geflüchteten Soběslav ausstarben[2]. Diese Ausrottung wird in der tschechischen Geschichtsschreibung als entscheidendes Ereignis bei der endgültigen Einigung Böhmens gewertet. Sie führte aber auch zur weiteren Destabilisierung des Landes, die bei Boleslavs II. Tod 999 ihren Höhepunkt erreichte und rund 30 Jahre andauerte [3].
Bündnispolitik

 

Zusammen mit dem polnischen Fürsten Mieszko I. und dessen Sohn Bolesław Chrobry gehörte Boleslav zu den wichtigsten Bundesgenossen des aufrührerischen Herzogs von Bayern, Heinrichs des Zänkers. Anfangs errangen die böhmischen Kämpfer, die auch nördlich des Erzgebirges agierten, einige Erfolge, letztlich behielt Kaiser Otto II. die Oberhand. 976 floh der Zänker zu Boleslav. Militärisch konnte Otto den böhmischen Herzog trotz zweier Feldzüge nach Prag nicht bezwingen. Dennoch unterwarf sich Boleslav 977 Otto und wurde 978 anlässlich des Osterfestes in Quedlinburg von diesem feierlich in seine Gnade aufgenommen.

 

Diese Annäherung an Otto ging mit einem grundlegenden Politikwechsel Boleslavs einher: Er wandte sich gegen den einstigen Verbündeten Polen. Die dauerhafte Konkurrenz zwischen den beiden Reichen sollte über Jahrhunderte die Entwicklung Ostmitteleuropas bestimmen. Auch der kurzzeitige erneute Bedeutungsgewinn Heinrichs des Zänkers nach dem Tod Ottos II. konnte diese Neuausrichtung nicht mehr umkehren, obwohl Mieszko und Boleslav 984 Heinrich gemeinsam als König anerkannten. Während Mieszkos Sohn Bolesław eine Tochter des Markgrafen von Meißen heiratete, nahm Boleslav II. mit dem Einverständnis des Zänkers die Burg Meißen selbst in Besitz und ließ den Meißener Bischof Volkold vertreiben. Bolesław von Polen löste daraufhin die für ihn wertlos gewordene Ehe mit der Markgrafentochter auf und heiratete eine ungarische Fürstentochter aus dem Geschlecht der Arpaden. Damit entstand für Böhmen die Gefahr einer Umschließung durch Polen und Ungarn.

 

In der Folgezeit band sich Boleslav stärker an Heinrich, während Mieszko frühzeitig erkannt hatte, dass die Partei um den noch unmündigen Otto III. sich durchsetzen würde und sich auf deren Seite schlug. Auch nachdem Heinrich seinerseits Otto III. anerkannt und sich mit der Herzogswürde in Bayern begnügt hatte, hielt Boleslav an der direkten Gefolgschaft zu Heinrich fest. Am Ende dieses Prozesses standen Polen und Ungarn, beide in der Gunst der Reichsregierung befindlich, gegen das bayerisch-böhmische Bündnis. Boleslav besaß in diesem Konfliktfeld eine vergleichsweise schwache Stellung: Er musste 987 die Burg Meißen wieder räumen, 990 brach ein Krieg um Schlesien und Kleinpolen offen aus. In dieser Phase erwies sich zudem Boleslavs Bündnis mit dem heidnischen Lutizenbund als politisch nachteilig, weil die Lutizen drohten, Vermittlungsversuche des Magdeburger Erzbischofs zwischen Böhmen und Polen zu vereiteln. 992 ließ er darum diese Allianz fallen und beteiligte sich an einem Feldzug gegen die Lutizen. In diesem Feldzug bekam er einen Schlaganfall und war eine Zeit lang regierungsunfähig. Mit der Zeit besserte sich sein Gesundheitszustand, völlig gesund wurde er jedoch nicht mehr.

 

Auch in seinen letzten Lebensjahren versuchte er die ungünstige politische Lage zu ändern. Damit er jedoch kein Land verlor, musste er sein Heer vergrößern. Dazu benötigte er Geld, dass er sich durch die Prägung weiterer Münzen und Sklavenhandel besorgte. Im Gegensatz zu seinem Vater, der nur mit so genannten Heiden handelte, war sein Sohn gezwungen, auch Bewohner von Böhmen und Mähren, auch diejenigen, die sich zum Christentum bekannten, zu verkaufen.

 
Kirchenpolitik
 

Auf kirchlicher Ebene versuchte Boleslav eine eigenständige, von der Reichskirche weitgehend unabhängige Landeskirche ins Leben zu rufen. Auch hier geriet er in Konflikt mit Otto II., der 973 durch die Gründung des Bistums Prag unter dem Erzbistum Mainz und die Besetzung des Bischofsstuhls mit dem Sachsen Thietmar Boleslavs Bemühungen erfolgreich entgegenwirkte. 999 stiftete er das Benediktinerkloster Ostrov.

 
Nachkommen
 

Boleslav II. war mit Emma verheiratet, hatte aber möglicherweise zuvor oder auch zugleich weitere Ehefrauen. Vier von seinen Söhnen sind namentlich bekannt: Boleslav III., Václav, Jaromír und Oldřich.

 
Rezeptionsgeschichte
 

Beide Namenszusätze, „der Fromme“ für Boleslav und „der Grausame“ für seinen Vater, stammen von dem Chronisten Cosmas von Prag, der im Vater den Brudermörder und blutigen Krieger sah, während er seinen Sohn als den edlen, christlichen Herrscher betrachtete. („…der christlichste Mann, der an die allgemeine Kirche glaubt, Vater der Waisen, Beschützer der Witwen, Tröster der Betrübten…“).

 
Literatur
 

Petr Charvát: Boleslav II. Sjednotitel českého státu. Vyšehrad 2004, ISBN 80-7021-657-3
Biermann: Boleslaw II. In: Allgemeine Deutsche Biographie (ADB). Band 3, Duncker & Humblot, Leipzig 1876, S. 98.

 

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Boleslav 3., böhmischer Herzog

 

 

Boleslav III. war der älteste Sohn von Boleslav II.. Bald nach der Übernahme der Herrschaft geriet er in Konflikt mit seinen Brüdern Jaromír und Oldřich, die vor ihm nach Regensburg flohen. Da sich sein Gefolge bald gegen ihn erhob, suchte er Hilfe, zuerst beim Markgrafen des Nordgaues Heinrich, später beim Polenkönig Bolesław I. Chrobry, mit dessen Hilfe er Jaromír verdrängte und kurzzeitig 1003 nochmals an die Macht kam.

 

Nach einem neuen Aufstand seines Gefolges (nach der Ermordung seines Schwiegersohnes) wurde er von Boleslaw I. Chrobry gefangengenommen, nach Krakau gebracht und dort geblendet. Er starb 1037 in Gefangenschaft.

 
Literatur
 
Zdeněk Fiala: Přemyslovské Čechy. Praha 1965
Dušan Třeštík: Počátky Přemyslovců. Praha 1981
Rudolf Turek: Čechy v raném středověku. Praha 1982
E.Winter: Boleslaw III. in: LThK Bd.2, Sp.429.
 
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Vladivoj, böhmischer Herzog

 

 

Er wurde in der älteren Forschung als Angehöriger der polnischen Herrscherfamilie der Piasten bezeichnet, was aber durch die Quellen nicht gestützt wird. Wahrscheinlicher ist, dass er mit den Přemysliden verwandt war, entweder als Angehöriger einer Seitenlinie oder als jüngster Sohn Herzog Boleslavs I. Nach dem Sturz von Boleslav III. Mitte 1002 setzte ihn der polnische König Bolesław I. als Herzog von Böhmen ein. Im November 1002 sicherte er sich die Unterstützung des deutschen Königs Heinrichs II., indem er sich als erster Herzog Böhmen als Lehen übertragen ließ. Das hatte zur Folge, dass Böhmen seit dieser Zeit als Bestandteil des Heiligen Römischen Reiches betrachtet wurde. Vladivoj starb schon kurz darauf im Januar 1003, laut Quellen aufgrund übermäßigen Alkoholkonsums.

Literatur

Verwendete Literatur:

Sommer, Petr; Třeštík, Dušan; Žemlička, Josef, et al: Přemyslovci. Budování českého státu. Praha: Nakladatelství Lidové noviny, 2009. ISBN 978-80-7106-352-0, S. 552.

Weiterführende Literatur:

Žemlička, Josef: Kníže Vladivoj a přemyslovská consanguinitas. In: Na prahu poznání českých dějin. Sborník prací k poctě J. Slámy. Praha 2006, S. 181-195.
Labuda, Gerard: Wladywoj. In: Słownik starozitności Słowiańskych VI. Wroclaw, Krakow, Gdansk 1980, S. 521-522.

 
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Jaromir, böhmischer Herzog

 

 

Jaromír († 4. November 1035 bei Lyssa) war in den Jahren 1003, 1004–1012 und 1033–1034 Fürst von Böhmen.

 
Leben
 

Jaromír war der zweite Sohn von Boleslav II. und seiner Frau Hemma. Während der Herrschaft seines älteren Bruders Boleslav III. musste er mit seiner Mutter und dem jüngeren Bruder Oldřich nach Regensburg fliehen. Nach dem Sturz Boleslavs III. und dem Tod des nur kurz regierenden Herzogs Vladivoj wurden Jaromír und Oldřich vom böhmischen Adel 1003 zurückgerufen und Jaromír zum Fürst ernannt.

 

Wenig später besetzte der polnische Herzog Bolesław Chrobry Böhmen und setzte Boleslav III. wieder ein. Nachdem Boleslav III. die Vertreter der mit ihm verfeindeten Sippe der Wrschowetze hatte ermorden lassen, entzog ihm Bolesław Chrobry seine Unterstützung. Bolesław wollte nun Böhmen selbst regieren und möglicherweise in Polen integrieren. Dies scheiterte einerseits daran, dass er unter den Böhmen, die sich offenbar bereits als eigener Volksstamm verstanden, kaum Unterstützung erhielt, und andererseits daran, dass der deutsche König Heinrich II. verlangte, dass Bolesław Böhmen aus seiner Hand als Lehen empfing. Dies wollte Bolesław nicht akzeptieren, worauf Heinrich eingriff und Jaromír 1004 wieder zum Fürsten ernannte. Nach einem Feldzug Heinrichs, bei dem böhmische Stadtbewohner polnische Besatzungen vertrieben und die Bewohner Prags Heinrich die Staddtore öffneten, konnte Jaromir das Fürstentum wieder in Besitz nehmen.

 

Er blieb in den nächsten Jahren ein treuer Verbündeter Heinrichs, so bei den Feldzügen gegen die Milzener 1004 sowie gegen Polen 1005 und 1010. Heinrich schritt dennoch nicht ein, als Jaromír 1012 von seinem Bruder Oldřich (Udalrich) gestürzt sowie kastriert wurde und ausgerechnet zu Bolesław nach Polen fliehen musste. 1012 lehnte Heinrich sogar die persönlich vorgetragene Bitte Jaromirs um Wiedereinsetzung ab.

 

1033 ließ Kaiser Konrad II. Oldřich absetzen und Jaromír erneut zum Fürst ernennen. Kurz darauf wendete sich die kaiserliche Politik aber wieder zu Gunsten Oldřichs. Konrad gestattete ihm die Rückkehr und schritt nicht ein, als er Jaromir im Frühjahr 1034 gefangennehmen und blenden ließ. Nach Oldřichs Tod im November des gleichen Jahres verzichtete er auf die Thronfolge und setzte sich für seinen Neffen Břetislav I. ein, wenig später wurde er von Anhängern der Wrschowetze ermordet.

Literatur

Zdeněk Fiala: Přemyslovské Čechy. Český stát a společnost v letech 995–1310, Prag 1965

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Oldřich, böhmischer Herzog

 

 

Oldřich (deutsch auch Udalrich) († 9. November 1034) war von 1012 bis 1034 Herzog von Böhmen aus der Dynastie der Přemysliden. Unter seiner Herrschaft kam es nach dem Niedergang Böhmens um die Jahrtausendwende zu einer ersten Konsolidierung der Landes und zu einer Rückeroberung Mährens aus polnischer Besetzung.

Leben

Oldřich war der dritte Sohn von Boleslav II. und seiner Frau Hemma. Vor seinem Bruder Boleslav III. floh er um 1001 mit seiner Mutter und dem zweiten Bruder Jaromír nach Regensburg und kehrte 1004 mit diesem nach Böhmen zurück.

 

Am 12. Mai 1012 setzte er im Einvernehmen mit König Heinrich II. seinen Bruder als Herzog ab. Er akzeptierte zunächst den römisch-deutschen König bzw. Kaiser als Lehnsherr über Böhmen, versuchte aber später mehrfach, sich aus der Abhängigkeit vom Kaiser zu lösen. In diese Herrschaftsphase fiel eine leichte Konsolidierung des von Unruhen erschütterten Böhmen. Oldřich beseitigte 1014 die adlige Opposition im Land. Dem Gewaltakt fielen vor allem Angehörige der Vršovci zum Opfer, Hauptkonkurrenten der Přemysliden-Dynastie. 1019 eroberte er Mähren, das unter polnischer Vorherrschaft stand. Die Herrschaft in dem eroberten Gebiet übertrug er seinem Sohn Břetislav I. Der Anschluss Mährens trug zu einer Stabilisierung der politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse bei. Oldřichs Großvater Boleslav I. hatte im 10. Jahrhundert große Gebiete im Norden und Osten erobert, die aber bis zur Jahrtausendwende verloren gegangen waren. Ein solcher Expansionskurs war gegenüber den erstarkten Nachbarländern Polen und Ungarn zu Beginn des 11. Jahrhunderts nicht mehr durchführbar. Oldřich entsandte die „überflüssigen“ Krieger und Beamten nach Mähren und begann so mit einer Umgestaltung des mittelalterlichen böhmischen Staates hin zu einer Organisation, die nicht mehr auf Eroberungen angewiesen war. Die Territorien Böhmens und Mährens blieben seit dieser Zeit miteinander verbunden.

Im Jahr 1033 wurde der Herzog zum Hoftag in Merseburg vorgeladen, erschien dort aber nicht. Daraufhin nahm ihn der Sohn von Kaiser Konrad II., der spätere Kaiser Heinrich III., gefangen, der Kaiser ließ ihn absetzen und ernannte Jaromír wieder zum Fürsten. Oldřich wurde im folgenden Jahr begnadigt, kehrte nach Böhmen zurück und ließ Jaromír gefangen nehmen und blenden. Auch seinen Sohn Břetislav I., der vom Kaiser mit Mähren belehnt worden war, ließ er vertreiben. Er starb aber schon kurze Zeit später, am 9. November 1034.

 

Oldřich war verheiratet, der Name seiner Frau ist unbekannt. Die Ehe blieb kinderlos. Für den Fortbestand der Dynastie sorgte er mit Hilfe seiner zweiten Frau Božena, der Mutter Břetislavs I. Diese war nach einer Erzählung des Chronisten Cosmas von Prag die Tochter eines Bauern, die der Herzog auf der Rückkehr von der Jagd beim Wäschewaschen angetroffen und geheiratet hatte, ohne seine erste Ehe aufzulösen.

 

Die romantische Geschichte von Herzog Oldřich und der schönen Wäscherin Božena war seit dem Mittelalter ein beliebtes Motiv in Literatur, Kunst und Musik. Zu den Werken, die sich des Motivs bedienten, zählen z. B.:

Die Chronik des Dalimil, 14. Jahrhundert
Oldřich a Božena. – populäres Gedicht von Josef Jungmann, 1806 (Volltext auf Wikisource)
Oldřich a Božena. – Oper von František Škroup, uraufgeführt 1828.
Oldřich a Božena. – Ouvertüre zu einem Marionettenspiel von Bedřich Smetana, 1863.
Oldřich a Božena. – Monumentalgemälde von František Ženíšek, 1884, das auch als farbige Reproduktion verbreitet war.

Oldřich a Božena. – Film von Otakar Vávra, 1984.

Literatur

Josef Žemlička: Společnost v područí státu. In: Sommer, Petr; Třeštík, Dušan; Žemlička, Josef, et al: Přemyslovci. Budování českého státu. Praha: Nakladatelství Lidové noviny, 2009. 779 S. ISBN 978-80-7106-352-0, S. 165–171
Barbara Krzemieńska: Knežna Božena. In: Peruc v mýtech a dějinách. Peruc 2004, S. 24–33.
Barbara Krzemieńska: Politický vzestup českého státu za knížete Oldřicha. In: Československý časopis historický 25, 1977, S. 246–272.

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Přemysliden 2

 

 

 

Spytihněv II., böhmischer Herzog

 

 

Spytihněv II. (* 1031; † am 28. Januar 1061) war von 1055 bis 1061 Herzog von Böhmen. Über seine kurze Regierungszeit liegen zum Teil widersprüchliche Angaben vor. Hervorgehoben wird besonders sein Verhältnis zu den Deutschen in Böhmen und Eingriffe in die Herrschaftsverhältnisse in Mähren.

 
Leben
 

Spytihněv war der älteste Sohn von Břetislav I. und seiner Frau Judith. Als Kind verbrachte er einige Zeit als Geisel am Hof Heinrichs III., zunächst von 1039 bis 1040, ein zweites Mal ab 1041 für einen unbekannten Zeitraum. Nach seiner Rückkehr bekam er die Herrschaft über einen Teil Mährens um Olmütz und später den Burgbezirk Saaz zugesprochen. Um 1054 wurde er mit Hidda verheiratet, einer Tochter des Wettiners und Lausitzer Markgrafen Dietrich I.

 

1055 trat er die Nachfolge seines Vaters an. Es ist nicht ganz sicher, ob die Angabe der Chronica Boemorum, er habe am Tag seines Regierungsantritts alle Deutschen aus Böhmen vertreiben lassen, wirklich zutrifft. Jedenfalls mussten seine Mutter und die Äbtissin des St. Georgs-Klosters, beide deutscher Abstammung, das Land verlassen. Andererseits vertrieb er später die slawischen Mönche des Klosters Sázava und setzte stattdessen einen deutschen Abt und ein lateinisches Konvent ein. Obwohl Fremdenfeindlichkeit auch in jener Zeit nicht ausgeschlossen wird, scheint eine „deutschfeindliche“ Haltung des Herzogs in diesem Fall eine Interpretation seines späteren Chronisten zu sein und die Vertreibungsaktionen persönlich oder machtpolitisch motiviert.

 

Am Anfang seiner Regierungszeit scheint es Auseinandersetzungen um das gerade erst in Böhmen in Kraft getretene Senioratsprinzip gegeben zu haben. So vertrieb Spytihněv seinen Bruder Vratislav nach Ungarn, die beiden jüngsten Brüder Konrad und Otto holte er an den Prager Hof und gab ihnen unbedeutende Hofämter. Die von Břetislav I. angestrebte Verwaltung Mährens durch die nichtregierenden Familienmitglieder wurde so außer Kraft gesetzt. Um seine Macht im östlichen Landesteil zu sichern, ließ Spytihněv zudem 300 mährische Große in die Burg Chrudim zusammenrufen. Als diese der Vorladung nicht folgten, ließ er sie verhaften und in böhmischen Burgen festsetzen. Auf Druck des ungarischen Königs Andreas I. ließ er seinen Bruder allerdings 1058 nach Mähren zurückkehren.

 
Tumba von Spytihněv im Prager Veitsdom
 

Um 1060 wandte sich Spytihněv mit der Bitte um die Königswürde an Papst Nikolaus II. Dieser gestand ihm gegen die Zahlung eines jährlichen Zinses von 100 Pfund Silber jedoch nur das Recht zu, die Bischofsmitra zu tragen. Der Status des böhmischen Herzogs wurde dadurch zwar aufgewertet, die Königskrone errang jedoch erst sein Bruder und Nachfolger Vratislav II. Spytihněv starb im Alter von dreißig Jahren. Sein Sohn Swatobor Friedrich war vom August 1084 bis zum 23. Februar 1085 Patriarch von Aquileia.

 
Literatur
 
Vratislav Vaníček: Vratislav II. (I.). První český král. Vyšehrad 2004, ISBN 80-7021-655-7, S. 21-55
 
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Vratislav II., böhmischer Herzog und König

 

 

Er wurde als Sohn des Břetislav I. geboren. Seine Mutter Judith von Schweinfurt stammte als Tochter des Heinrich von Schweinfurt aus dem Haus der Babenberger.

Nach dem Tod des Vaters (1055) sollte Vratislav II. als Teilfürst in Mähren (Olmütz) regieren. Er musste jedoch wegen Auseinandersetzungen mit seinem älteren Bruder, Spytihněv II., nach Ungarn fliehen. Mit ungarischer Hilfe wurde er wieder Herzog von Mähren-Olmütz.

Nach der Versöhnung mit dem Bruder und nach dessen Tod (1061) bestieg Vratislav II. den Fürstenstuhl in Prag. Fast die gesamte Regierungszeit Vratislavs II. war von Zwistigkeiten mit den jüngeren Brüdern geprägt. Vratislav drängte seinen Bruder Jaromír 1068 in das Amt des Bischofs von Prag und begann sofort, diese Position zu schwächen; vor allem durch die Erneuerung des Bistums Olmütz (1063). Allerdings fand Jaromír im böhmischen Adel zahlreiche Unterstützer, die während der gesamten Regierungszeit Vratislavs eine ständige Opposition bildeten.

 

Ein besonderes Augenmerk richtete Vratislav II. auf Mähren. Er teilte das Land in zwei Hälften, die er den jüngeren Brüdern Konrad I. und Otto I. als Teilfürstentümer überließ. Die Erhebung von Olmütz zum Bistum hatte auch den Zweck, Mähren zu stärken.  >

Vratislav II. verlegte seine Residenz von der Prager Burg nach Vyšehrad, wo er das berühmte Kollegiatkapitel St. Peter und Paul gründete (1070). Um seine Macht im Innern zu festigen, suchte er Unterstützung von außen und bediente sich dabei vor allem der Heiratspolitik. Seine erste Frau war die ungarische Prinzessin Adelheid. Deren Tod ermöglichte den Versuch, die traditionell schlechten böhmisch-polnischen Beziehungen durch eine Eheschließung mit der polnischen Prinzessin Swatawa zu verbessern. Der Versuch blieb aber erfolglos. 1070 und 1071 kam es zu mehreren Zwischenfällen im Grenzgebiet der beiden Reiche. Da es sich sowohl bei Böhmen als auch bei Polen um Vasallen des deutschen Königs handelte, zitierte Heinrich IV. im Herbst 1071 Vratislav und Boleslaw II. von Polen nach Meißen, um sie zu einem Friedensschluss zu zwingen. Dieser hatte jedoch keinen Bestand. Vermutlich unternahm Boleslaw schon bald einen Raubzug nach Böhmen, den Heinrich 1072 mit einem Kriegszug beantworten wollte, es aber wegen Auseinandersetzungen im Reich und mit dem Papst nicht konnte.

 

Dennoch band sich Vratislav eng an Heinrich IV. Er gehörte zu den wichtigsten Unterstützern Heinrichs im Kampf gegen den sächsischen Adel. So beteiligten sich die böhmischen Truppen an den Schlachten bei Homburg (1075) und Flarchheim (1080), an Kriegszügen gegen aufständischen deutschen Adel und zogen auch in Italien ein. Böhmen brachte diese Zeit ständige bürgerkriegsähnliche Zustände. Dazu kamen Grenzkriege gegen Polen um Schlesien. Nach dem Sieg Heinrichs gegen die Sachsen bekam der böhmische Fürst 1076 die Mark Lausitz. Allerdings vergab Heinrich beide Territorien kurz darauf anderweitig und überließ Vratislav als Entschädigung die noch zu Bayern gehörige Markgrafschaft Österreich. Vratislav versuchte vergeblich, die Reichsexekution in diesem Gebiet zu vollziehen, obwohl er am 12. Mai 1082 bei Mailberg gegen Markgraf Leopold II. siegte.

 

1085 musste der böhmische Fürst auch Österreich wieder abgeben, erhielt aber von Heinrich auf der Reichsversammlung in Mainz die Königswürde über Böhmen und Polen. Allerdings war nie ernsthaft daran zu denken, die polnische Königswürde auch durchzusetzen. Immerhin band der Titel Schlesien in Zukunft fester an Böhmen und stellte einen beträchtlichen Prestigegewinn dar. Am 15. Juni 1086 wurde Vratislav II. als der erste böhmische Herrscher in Prag vom Trierer Erzbischof Egilbert feierlich gekrönt. Zu seiner Krönung wurde der Codex Vyšehradensis wahrscheinlich im Kloster Sankt Emmeram angefertigt.

 
In den letzten Jahren seiner Regierung festigte Vratislav II. seine Autorität sowohl in Böhmen als auch in Mähren. Dabei kam es zu scharfen Konfrontationen mit Konrad von Brünn und besonders mit dem ältesten Sohn Vratislavs II., Břetislav II. Vratislavs Nachfolger mussten sich wieder mit dem Fürstentitel begnügen.
 
Nachkommen
 

Er starb 1092 durch einen Sturz vom Pferd bei einem Jagdunfall. Aus seinen beiden Ehen mit Adelheid von Ungarn (1040–1062), Tochter des ungarischen Königs Andreas I., und Swatawa von Polen hinterließ er vier Söhne, die nach dem Tod des Vaters sofort um die Nachfolge zu kämpfen begannen, sowie die Tochter Judith, die mit Wiprecht von Groitzsch vermählt wurde.

 
Literatur
 
Hans Patze: Die Pegauer Annalen, die Königserhebung Wratislaws v. Böhmen und die Anfänge der Stadt Pegau.. In: Jahrbuch für die Geschichte Mittel- und Ostdeutschlands, Bd. 12 (1963), S. 1–62.
Percy Ernst Schramm: Böhmen und das Regnum: Die Verleihungen der Königswürde an die Herzöge von Böhmen (1085/86, 1158, 1198/1203). In: Josef Fleckenstein/ Karl Schmid (Hrsg.): Adel und Kirche. Gerd Tellenbach zum 65. Geburtstag dargebracht von Freunden und Schülern, Freiburg u.a. 1968, S. 346–364.
Vratislav Vaníček: Vratislav II. (I.). První český král. Vyšehrad 2004, ISBN 80-7021-655-7
Berthold Bretholz: Wratislaus II.. In: Allgemeine Deutsche Biographie (ADB). Band 44, Duncker & Humblot, Leipzig 1898, S. 232–234
 
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Konrad I., böhmischer Herzog und Fürst

 

 

Der dritte Sohn des Fürsten Břetislav I. und seiner Frau Judith von Schweinfurt, Tochter des Markgrafen Heinrich I., wurde bereits unter der Herrschaft seines Vaters Achillea erbrechtlich Herzog von Mähren (1054). Sein Bruder Spytihněv II. entmachtete ihn aber bereits ein Jahr später und befahl ihn nach Prag, wo er die Hofverwaltung übernehmen sollte.

 

Erst nach dem Amtsantritt seines Bruders Vratislav II. erhielt er 1061 seinen Anteil in Mähren. Neben Brünn (Brno) erhielt er auch Znaim (Znojmo). Er herrschte in Einigkeit mit den böhmischen Adligen insgesamt 31 Jahre lang und führte mehrere Feldzüge gegen Polen.

 

1082 zog er gegen den österreichischen Markgrafen Leopold II. Nach dem Tod seines Bruders Otto erhielt er auch Olmütz (Olomouc) und herrschte damit seit 1087 über ganz Mähren. Dies erschien Vratislav II. zu gefährlich. 1090 zog der Prager Herzog gegen seinen Bruder in den Krieg. Konrad rettete nur eine Auseinandersetzung zwischen Vratislav II. und seinem Sohn Břetislav II.

 

In dieser Situation gelang es der Gemahlin von Konrad, Vratislav II. von der Loyalität Konrads gegenüber dem Prager Herzog zu überzeugen. Vratislav bestimmte daraufhin Konrad, entsprechend dem Senioratsprinzip, sogar zu seinem Nachfolger auf dem Prager Thron. Dieses Amt übernahm Konrad 1092 nach dem Tod seines Bruders. Er regierte jedoch nur acht Monate, bevor er selbst starb. Er hatte zwei Söhne: Udalrich und Lutold.

 

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Břetislav 2., böhmischer Fürst

 

 

Břetislav II. († 22. Dezember 1100) war ein herrschender Fürst von Böhmen aus dem Geschlecht der Přemysliden. Er hatte während seiner Regierungszeit mit Konkurrenten aus der eigenen Familie zu kämpfen, besonders mit dem mährischen Zweig der Herrscherdynastie. Bekannt sind seine Edikte, mit denen er das Christentum in der Bevölkerung endgültig durchsetzen wollte.

 
Leben
 

Břetislav II. war der älteste Sohn König Vratislavs II. Dessen ungewöhnlich lange Regierungszeit war von Streitigkeiten und Konkurrenzkämpfen innerhalb der böhmischen und mährischen Přemysliden-Dynastie geprägt. Auch Břetislav musste aus Angst vor seinem Vater um 1090 für kurze Zeit das Land verlassen und suchte mit über 2000 Kriegern und Gefolgsleuten Schutz in Ungarn. Die böhmische Königskrone war zu Zeiten Vratislavs II. noch nicht erblich und ging mit seinem Tod 1092 verloren. Den Fürstenstuhl in Prag bestieg, dem Senioratsprinzip entsprechend, zunächst Konrad I. Dieser starb jedoch nach acht Monaten. Danach wurde Břetislav II. rechtmäßiger Nachfolger.

 

Die Feindseligkeiten innerhalb der Dynastie setzten sich während seiner Herrschaft fort. Der Herzog griff 1099 die mährischen Přemysliden Oldřich und Liutpold an, verjagte sie und übertrug die mährischen Herrschaften seinem Stiefbruder Bořivoj II. Um diesem auch die Nachfolge auf dem Prager Thron zu sichern, wandte sich der Herzog an den Kaiser Heinrich IV. mit der Bitte, seinem Stiefbruder Böhmen zum Lehen zu geben. Dadurch setzte er nicht nur das Senioratsprinzip außer Kraft, sondern stärkte den Einfluss des Reiches in Böhmen. Neben dem mährischen Kriegsschauplatz kam es unter seiner Herrschaft auch zum Krieg gegen Polen. 1096 zerstörte er die polnische Befestigung Wartha, um in Kamenz eine eigene feste Burg zu bauen.

 

Břetislav II. versuchte in einem großangelegten Christianisierungsprogramm, die restlichen nichtchristlichen Bräuche seiner Untertanen auszurotten. Er ließ die heiligen Haine fällen und erließ Verbote gegen heidnische Begräbnisse und Totenrituale. Den Edikten des Herzogs sind wichtige Erkenntnisse über die vorchristliche Religion in Böhmen zu verdanken. Auch die Mönche im Kloster Sázava, die in slawischer Sprache ihre Offizien verrichteten, ließ er verjagen und ersetzte sie durch lateinische Ordensbrüder.

 

Zu dieser Zeit begannen auch Kreuzzüge zur Befreiung Jerusalems. Die Kreuzritter aus dem Rheingebiet, Frankreich und Deutschland nahmen im ersten Kreuzzug 1096 den Weg über Böhmen nach Ungarn. Unterwegs „bekehrten“ sie vor allem Juden zum Christentum. Dieses Vorgehen übernahm auch der Herzog und taufte unter Gewaltanwendung die Juden in Prag. Als 1098 ein großer Teil der Prager Juden das Land verlassen wollte, ließ er ihr Eigentum konfiszieren. Dieses Ereignis wird als das erste böhmische Pogrom eingestuft.

 

Břetislav II. heiratete 1094 Liutgard von Bogen, mit der er einen Sohn namens Břetislav hatte. Er starb 1100 eines gewaltsamen Todes. Bei der Rückkehr von der Jagd in der Gegend von Zbečno wurde er von einem Reiter mit einem Pfeil niedergestreckt. Der Mörder namens Lorek wurde später gefunden und mit dem eigenen Dolch ermordet. Man vermutete, dass es sich um einen Auftragsmord der letzten Überlebenden des Geschlechts Vršovci handelte, aber auch sein Stiefbruder und Nachfolger Bořivoj und dessen Mutter Swatawa wurden als Anstifter des Attentats verdächtigt. Er wurde in der St.-Veits-Basilika, dem Vorgängerbau des Veitsdomes, begraben.

 
Literatur
 
Verwendete Literatur:
 
Sommer, Petr; Třeštík, Dušan; Žemlička, Josef, et al: Přemyslovci. Budování českého státu. Praha: Nakladatelství Lidové noviny, 2009. 779 S. ISBN 978-80-7106-352-0.
 
Weiterführende Literatur:
 
Barbara Krzemieńska: Břetislav II. Pokus o charakteristiku osobnosti panovníka. In: Československý časopis historický 35, 1987, S. 722-731.
Josef Žemlička: Poslední lov knížete Břetislava. In: T. Borovský et al: Ad vita et honorem (Festschrift für J. Mezník), Brno 2003, S. 231-246.
 
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Bořivoj 2., böhmischer Herzog

 

 

Bořivoj II. (* um 1064; † 2. Februar 1124 in Ungarn) war ein Herzog von Böhmen.

 
Leben
 

1081 begab sich der Sohn von Vratislav II. und Swatawa von Polen als Führer des bewaffneten Heeres mit Kaiser Heinrich IV. nach Italien, wo er zwei Jahre später erfolgreich an der Eroberung Roms teilnahm. Er kehrte 1084 mit einer Handvoll Mitkämpfer zurück. Den Versuch Břetislavs II., Bořivoj als seinen Nachfolger durchzusetzen, verhinderte das Senioratsprinzip. Nach diesem Gesetz sollte Oldřich Thronfolger werden, der Sohn Konrads I.

 

Bořivoj wandte sich an den Kaiser und bat um Unterstützung. Durch die Aufnahme Böhmens in das kaiserliche Lehen im Jahr 1099 wurde dann 1101 Bořivoj zum Herzog bestimmt. Diese Vorgehensweise hatte Folgen im gesamten 12. Jahrhundert, in dem die Kaiser mehrfach in die Geschicke Böhmens und die Nachfolgeregelung eingriffen. Oldřich kehrte nach Brünn zurück und rüstete sich zum Kampf um den Thron. Auch er wandte sich an den Kaiser, der dann Brünn in sein Lehen aufnahm, die Kämpfe um den Thron jedoch nicht unterstützen wollte.

 

Oldřich sammelte um sich einige österreichische Söldner und zog nach Malín bei Kuttenberg (Kutná Hora), in der Hoffnung, dass sich ihm böhmische Truppen anschlössen. Dies geschah jedoch nicht und er kehrte 1101 wieder nach Brünn zurück.

 

1105 kam es zu Auseinandersetzungen um den kaiserlichen Thron. Die deutschen Herzöge wollten mit Hilfe des kaiserlichen Sohnes Heinrich IV. stürzen. Bořivoj und auch Leopold III., Markgraf von Österreich, mit dessen Schwester Bořivoj verheiratet war, standen anfangs auf der Seite des Kaisers, der dann aber abgesetzt wurde und über Böhmen ins Rheinland floh, wo er 1106 in Lüttich starb.

 

1105 versuchte auch Svatopluk, Herzog von Olmütz, Bořivoj zu stürzen. Er zog nach Prag, hatte jedoch zunächst keinen Erfolg. Durch Bestechung der Stände versuchte er nun, gegen den Herzog zu intrigieren. Zwei Jahre später glückte der Umsturz und Bořivoj musste das Land verlassen. Er wandte sich an den Kaiser, der Svatopluk zu sich rief. Svatopluk übergab die Herrschaft an seinen Bruder Otto den Schwarzen und begab sich zum Kaiser. Dort wurde er gefangengenommen. Bořivoj wollte mit Hilfe seines Neffen Wiprecht II., Sohn Wiprechts von Groitzsch, 1110 den Thron zurückobern, wurde aber bereits an der Grenze abgefangen. Svatopluk versprach dem Kaiser Gehorsam, worauf er aus dem Gefängnis entlassen wurde. Bořivoj begab sich nach Polen zum Herzog Bolesław III. Schiefmund.

 

1117 wurde Bořivoj auf Geheiß Vladislavs I. unerwartet doch noch zum Herzog bestimmt. Die ersten drei Jahre seiner Herrschaft waren gekennzeichnet von Naturkatastrophen (Überschwemmungen, Stürme). Hinzu kamen Schwierigkeiten bei kriegerischen Auseinandersetzungen mit den Ungarn, die er bereits seit 1116 führte. 1120 wurde er dann entthront.

 

Bořivoj heiratete am 18. Oktober 1100 Gerberga von Babenberg, Tochter des Markgrafen Leopold II. von Österreich und zeugte mit ihr die Kinder Jaromír, Spytihněv, Lupold, Albrecht und Richeza.

 

Er hat zahlreiche Kinder gezeugt. Keiner seiner Söhne wurde jedoch Herzog, im Gegenteil – meist nahmen sie untergeordnete Aufgaben an. Dieser Ast der Přemysliden starb auch bald aus. Die sterblichen Überreste Bořivojs wurden 1124 im St. Veitsdom begraben.

 
Literatur und Quellen
 
Z. Fiala: Přemyslovské Čechy. Český stát a společnost v letech 995–1310, Praha 1965
Kosmova Kronika česká, Praha 1972
 
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Svatopluk von Olmütz, böhmischer Fürst

 

 

Svatopluk von Olmütz (tschechisch: Svatopluk Olomoucký; † 21. September 1109) war ein böhmischer Fürst aus dem Geschlecht der Přemysliden.

 

Entsprechend dem Senioratsprinzip sollte Svatopluk, der älteste Sohn von Otto I. von Olmütz (tschechisch Ota I. Olomoucký) und Euphemia von Ungarn (tschechisch Eufemie Uherská), nach dem Tod von Vratislav II. böhmischer Herzog werden. Auf dem Thron setzte sich jedoch Břetislav II. durch. Nach dessen Tode geschah ähnliches, als der jüngere Bruder des Břetislav, Bořivoj II. den Thron für sich beanspruchte.

 

Svatopluk versuchte seit 1105 seinen Thronanspruch durch Feldzüge durchzusetzen, was ihm zunächst misslang. Durch Intrigen schaffte er es 1107, Bořivoj abzusetzen. Bei dem Versuch, seine Krönung vom Kaiser Heinrich V. legitimieren zu lassen, wurde er verhaftet. Für ein Lösegeld von zweieinhalb Tonnen Silber sollte er freigelassen werden, eine Summe, die er nicht aufbringen konnte. Schließlich versprach Svatopluk die Zahlung von zwei Dritteln der Summe und die Teilnahme an einem Krieg gegen Ungarn und wurde freigelassen.

 

Für dieses Wohlwollen, welches ihm Kaiser Heinrich V. bei der Throneroberung entgegenbrachte, half ihm Svatopluk bei den Kriegen gegen Ungarn und Polen. 1108, beim Kriegszug nach Ungarn, schloss sich Svatopluk mit seinem Heer dem Kaiser an. Da aber zur gleichen Zeit Bolesław III. Schiefmund von Polen über Schlesien nach Böhmen einfiel, musste sich der böhmische Herzog zurückziehen, um das eigene Land zu beschützen. Es wird vermutet, dass die Polen vom Geschlecht der Vršovci, die selbst Ansprüche auf die böhmische Krone erhoben, gerufen wurden (Kosmas von Prag erzählt über ein Treffen der Svatopluk-Gegner auf der Schweinhausburg in Schlesien). Svatopluk kehrte nach Böhmen zurück, verjagte das polnische Heer und rottete 1108 das Geschlecht der Vršovci aus. Beim späteren Feldzug gegen Ungarn verlor er in Mähren ein Auge. Als er mit Heinrich V. nach Schlesien zog, wurde er 1109 aus dem Hinterhalt ermordet.

 
Mit einer nicht näher genannten Ehefrau hatte er den Sohn Wenzel I. (Václav).
 
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Vladislav I., böhmischer Fürst

 

 

Vladislav I. (* um 1070; † 12. April 1125) war 1109 bis 1117 und 1120 bis 1125 herrschender Fürst von Böhmen aus dem Geschlecht der Přemysliden.[1]

 

Vladislavs Herrschaft war von Kämpfen um die Macht in Böhmen geprägt. Er förderte den Katholizismus und die Kolonisation in seinem Herrschaftsgebiet. Er und seine Ehefrau Richenza gründeten in Westböhmen im Gebiet der Choden 1112 das Kloster Plasy und 1115 das Kloster Kladruby, besiedelten diese durch Mönche des Ordens der Zisterzienser und statteten letzteres zum Unterhalt durch Besitzübertragungen in Nordböhmen bei Böhmisch-Aicha (Cesky Dub) in Nachbarschaft der Sorben aus. Einen Teil des einheimischen Adels, der unter der Führung seines Bruders Soběslav stand, verjagte er nach Polen, von wo aus die Gruppe beständig versuchte, einen Machtwechsel in Böhmen herbeizuführen. Seine Herrschaft wurde auf Druck des Markgrafen von Österreich durch die Herrschaft seines Bruders Bořivoj II. unterbrochen. 1112 heiratete Vladislav die Deutsche Rixa (Richenza) von Berg, Tochter des schwäbischen Grafen Heinrich von Berg-Schelklingen Vladislav war damit verschwägert mit Herzog Bolesław III. Schiefmund von Polen, der mit Salomea von Berg vermählt war. 1114 trat er am kaiserlichen Hof auch als Erzmundschenk auf. 1121 baute er die Anfang des 12. Jahrhunderts zerstörte Burg Dohna in der Markgrafschaft Meißen wieder auf.

 
Familie
 
Richenza und er hatten die Kinder:
 
Vladislav II. (1110–1174), Herzog (später König) von Böhmen
Diepold I. († 1167), Herzog von Jamnitz
Heinrich († nach 1169)
Svatava († nach 1146), heiratete Graf Friedrich III. von Diessen
 
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Soběslav I., böhmischer Herzog

 

 

Soběslav I. (* nach 1068; † 14. Februar 1140 in Hostin Hradec) war ein Herzog von Böhmen aus dem Geschlecht der Přemysliden. Der jüngste Sohn des ersten böhmischen Königs Vratislav II. und Swatawa von Polen herrschte als böhmischer Herzog in den Jahren 1125 bis 1140.

 
Leben
 

Erste Berichte stammen aus dem Jahr 1107, als er mit dem gestürzten Herzog Bořivoj II. ins Exil zum polnischen Herzog Bolesław III. Schiefmund verjagt wurde. 1111 erhielt Soběslav jedoch die Verwaltung der Gebiete von Saaz (Žatecko). 1113 kam es zu Streitigkeiten mit seinem Bruder, dem böhmischen Herzog Vladislav I. 1115 einigten sich die Brüder, und Soběslav erhielt die Herrschaft über Königgrätz (Hradec Králové), ebenfalls noch 1115 auch über die Gebiete um Brünn (Brněnsko) und Znaim (Znojemsko). 1123 flammten die Auseinandersetzungen zwischen den Brüdern wieder auf. Soběslav wurden alle Güter abgenommen und er musste das Land wieder verlassen, zunächst in das Deutsche Reich, später in das Königreich Polen.

 

Ein Jahr später erkrankte sein Bruder, und seine Mutter Svatava rief ihn zurück. Die Brüder einigten sich, und Vladislav bestimmte Soběslav zu seinem Nachfolger. Vladislav starb 1125. Soběslav musste jedoch sofort um den Thron gegen Otto II. den Schwarzen von Mähren kämpfen, der Ansprüche auf den böhmischen Thron erhob und den deutschen König Lothar III. von Supplinburg zur Hilfe rief. 1126 marschierte Lothar mit einem Heer in Böhmen ein. Am 18. Februar 1126 kam es zur zweiten Schlacht bei Chlumec, in der Soběslav siegreich war. Otto der Schwarze fiel, und König Lothar III. wurde mit dem Rest seines Heeres eingeschlossen und zu Verhandlungen gezwungen. Soběslav ließ sich von Lothar III. mit Böhmen belehnen, und es folgten Jahre der Ruhe.[1]

 

Die Ära Soběslavs I. war ansonsten durch eine allmähliche Stabilisierung Böhmens gekennzeichnet, das in den mehr als hundert Jahren zuvor unter wiederholten Auseinandersetzungen innerhalb der Herrscherfamilie zu leiden gehabt hatte. Soběslav ließ Burgen und Festungen errichten. Bereits unter seinem Vorgänger Vladislav I. hatte mit Bischof Heinrich Zdik von Olmütz eine Gründungswelle von Klostern der Prämonstratenser und Zisterzienser eingesetzt. Soběslav herrschte mit harter Hand vor allem gegen die eigene Familie der Přemysliden, die inzwischen weit verzweigt, Machtansprüche in den Ländereien geltend machten. So ließ er zum Beispiel 1126 Břetislav, Sohn Herzogs Břetislav II. und 1128 Konrad Lutold, Herzog von Znaim auf der Burg Dohna inhaftieren. Dieses Vorgehen, aber auch das natürliche Aussterben der mährischen Linie der Přemysliden, führte dazu, dass sich Böhmen in der Mitte des 12. Jahrhunderts als geschlossener Herrschaftsverbund stabilisierte. Zwar blieb Mähren ein eigenständiges Markgrafentum, doch wurde der Markgraf ab dieser Zeit im Regelfall von einem Prager Přemysliden besetzt. Zudem war in den unruhigen Jahrzehnten zuvor der Einfluss des Adels und des Reiches gewachsen, sodass Böhmen unter Soběslav I. und seinen Nachfolgern ein stabiler und mächtiger Bestandteil des Reiches mit starker Adelsschicht wurde. Seinen Ausdruck fand diese Entwicklung in der Verleihung der Königswürde an Soběslavs Nachfolger Vladislav II. Die gerade unter Kaiser Lothars Regentschaft neu beförderte deutsche Ostsiedlung, die bis ins 14. Jahrhundert andauern sollte, förderte die friedliche kulturelle Durchdringung auch der böhmischen Lande, insbesondere durch Stadtgründungen deutschen Rechts.

 

In den letzten Jahren seines Lebens versuchte Soběslav von dem neuen König Konrad III. das Versprechen zu erhalten, dass nach seinem Tod sein Sohn Vladislav mit Böhmen belehnt würde. Dieses Versprechen erhielt er 1138. Es blieb aber wertlos. Der erstarkte böhmische Adel wählte nach Soběslavs Tod dessen Neffen Vladislav II. zum Herzog.

 

Soběslav I. war mit Adleyta, Tochter des Almusch von Ungarn (Almuš Uherský) verheiratet, mit der er fünf Kinder hatte. Vladislav, Soběslav II., Oldřich, Maria, die in erster Ehe mit den österreichischen Markgrafen Leopold IV., Sohn des Leopold III. und in zweiter Ehe mit dem Markgrafen Hermann III. von Baden vermählt wurde und Wenzel II..

 

Er zog sich 1139 auf seinem Hof Chvojna in Ostböhmen eine tödliche Krankheit zu und wurde zu Weihnachten 1139 auf die Burg Hostin Hradec verbracht, wo er am 14. Februar 1140 auf seinem Krankenlager verstarb.

 
Literatur
 
Petr Sommer; Třeštík, Dušan; Žemlička, Josef, et al: Přemyslovci. Budování českého státu. Nakladatelství Lidové noviny, Praha 2009, ISBN 978-80-7106-352-0, besonders S. 198–200.
 
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Břetislav I., böhmischer Herzog

 

 

Břetislav I. war ein unehelicher Sohn von Herzog Oldřich. Obwohl dieser später Břetislavs Mutter, die Bauerntochter Božena (auch Beatrice genannt), heiratete, blieb die Ehe eine Mesalliance. Břetislav konnte lediglich auf den Fürstenstuhl kommen, weil keiner der Brüder seines Vaters Nachkommen hatte. Nach dem Chronisten Cosmas von Prag begegnete Oldřich Božena etwa 1002 in Postoloprty. Es ist aber zu vermuten, dass er sie bereits vor 1002 heiratete.

 

Břetislav wird von Cosmas das erste Mal zum Jahr 1021 erwähnt. Er soll seine spätere Frau Judith von Schweinfurt, die Tochter Heinrichs von Nordgau, aus einem Nonnenkloster in Schweinfurt entführt haben. Nach der Rückkehr ließen sich Břetislav und Judith in Mähren nieder. Sein Herrschersitz wurde Olomouc. Er baute dort neue Burgen. In Olomouc wurde auch sein erster Sohn Spytihněv geboren.

 

Ab 1029 war Břetislav daran beteiligt, die Polen zu vertreiben, die große Teile von Mähren besetzt hielten. Diese Offensive wurde begünstigt durch den gleichzeitigen Angriff Jaroslaws von Kiew auf Polen. Břetislavs Erfolg in Mähren trug maßgeblich zur vorübergehende Stabilisierung des böhmischen Fürstentums unter seinem Vater Oldřich bei. Břetislav erhielt Mähren als Teilfürstentum und versuchte 1031, auch in der südlichen Slowakei Gebiete zu besetzen, dies jedoch ohne dauernden Erfolg.

 

Nachdem sein Vater im Sommer 1033 auf Befehl des Kaisers Konrad II. gefangen genommen worden war, sollte Břetislav mit Mähren belehnt werden. Von dort wurde er jedoch durch Oldřich vertrieben, nachdem dieser 1034 aus der kaiserlichen Gefangenschaft freigelassen worden war. Der Grund für die Auseinandersetzungen zwischen Vater und Sohn ist nicht mehr zu ermitteln. Man vermutet, dass der junge Fürst auf der Seite seines Onkels Jaromír stand, den Oldřich hatte blenden und einkerkern lassen. Am 9. November 1034 starb Oldřich. Jaromír verzichtete zu Gunsten seines Neffen Břetislav darauf, die Nachfolge seines Bruders anzutreten. Ein Jahr später, am 4. November 1035, wurde Jaromír vermutlich von Angehörigen des konkurrierenden Geschlechts der Vršovci ermordet.

Auseinandersetzungen mit Polen und dem Reich

Im Jahr 1035 kämpfte Břetislav an der Seite des Kaisers gegen die Liutizen, die die heute nicht mehr existierende Burg Werben in der Altmark überfallen hatten. Überhaupt band er sich zunächst eng an das Reich, wobei er wohl von der Herkunft seiner Frau profitierte. Im gleichen Maß wie sich Böhmen unter Břetislav stabilisierte, verschlimmerte sich die Krise Polens. Břetislav nutzte diese Lage. Im Sommer 1039 führte er einen Raubzug nach Polen. Die meisten Burgen ergaben sich kampflos. Er ließ Krakau und andere Städte plündern und eroberte Ende Juli Gnesen. Der Kriegszug wurde außer von vielen Adligen auch von einem Teil der Kirchenfürsten begleitet, unter anderem vom Prager Bischof Šebíř. Nach dem Öffnen des Grabes von Adalbert (tschechisch Vojtěch, polnisch Wojciech), ließ der Fürst die Břetislav-Dekrete verlesen, die den Toten zur freiwilligen Rückkehr nach Böhmen bewegen sollten. Gemeinsam mit den Gebeinen Vojtěchs nahm er auch die sterblichen Überreste seines Stiefbruders Radim-Gaudentius mit, des ersten Erzbischofs von Gnesen. Vermutlich war die Inbesitznahme der Reliquien der eigentliche Grund des Feldzuges; gleichzeitig schwächte er durch die Besetzung Schlesiens, Gnesens und Mährens die Macht Polens. Mit Hilfe der Reliquien sollte Prag von einem Mainzer Suffraganbistum zum eigenen böhmischen Erzbistum aufgewertet werden und die Nachfolge Gnesens antreten. Entsprechende Pläne wurden mit einer Gesandtschaft nach Rom verfolgt, stießen aber auf erbitterten Widerstand des Mainzer Erzbischofs.

 

Kaiser Heinrich III. schloss sich dieser Haltung an. Zudem verlangte er die Freigabe Polens, bei dem es sich wie bei Böhmen um ein Vasallenfürstentum des Reiches handelte, und einen hohen Straftribut, den Břetislav nicht zu zahlen bereit war. 1039 konnte Břetislav einen Feldzug noch abwenden, indem er seinen Sohn Spytihněv dem Kaiser als Geisel übergab. 1040, nachdem Břetislav keine Einsicht zeigte, brach Heinrich III. dann doch zum Feldzug gegen Böhmen auf. Der Angriff erfolgte im August. Der erste Teil der Armee sollte mit Heinrich von Cham aus über Taus einmarschieren. Kern dieser Truppen waren Bayern und Hessen. Sachsen unter der Führung des Markgrafen Ekkehard II. von Meißen sollten über Nordböhmen einmarschieren. Heinrich stieß bald auf böhmische Befestigungen, die seinen Vormarsch zum Stocken brachten. Am 22./23. August versuchte Heinrich vergeblich, diese Befestigungen zu überwinden, und zog sich nach verlustreichen Kämpfen um den Neumarker Pass, in denen er auch seinen Bannerträger Werner mit der gesamten Vorhut verlor, wieder nach Bayern zurück. Auch Otto von Schweinfurt, der kurz darauf mit frischen Soldaten zum Kaiser stoßen sollte, war auf seinem Weg nach Böhmen in verlustreiche Kämpfe verwickelt worden. Ekkehard hatte es im Norden einfacher. Ihm gelang es, Prkoš, den Kastellan von Bilin, zu bestechen, der sich ihm entgegenstellen sollte. Ekkehard kam bis tief in das Innere des Landes, musste sich aber dann doch zurückziehen. Prkoš wurden für seinen Verrat die Augen ausgestochen und die Hände und Füße abgehackt. Anschließend wurde er in einen Fluss geworfen.

 

Der Feldzug hatte zu Verlusten auf beiden Seiten geführt. Im Frühjahr 1041 schickte Břetislav Gesandte zu Heinrich. Die Verhandlungen blieben offenbar erfolglos, denn ein kaiserliches Heer marschierte im Spätsommer erneut in Böhmen ein, diesmal mit mehr Erfolg. Am 8. September standen die Truppen vor Prag. Am 29. September 1041 ergab sich Břetislav und musste sich im Oktober in Regensburg dem Kaiser unterwerfen. Die Bedingungen, die Břetislav erfüllen musste, waren vergleichsweise milde: Er durfte Schlesien, Mähren und die Gebeine Adalberts behalten, wurde sogar offiziell mit Mähren belehnt, das ab diesem Zeitpunkt nahezu unangefochten im böhmischen Staatsverband blieb. Im Gegenzug musste Břetislav an Polen aber Entschädigung zahlen, Gefangene freilassen und Geiseln stellen. Ein Grund für die milde Behandlung dürften Umwälzungen in Ungarn gewesen sein, bei denen der reichsfreundliche König Peter Orseolo vertrieben worden war. Heinrich III. brauchte Böhmen als Pufferzone gegen Ungarn.

Einigung mit Polen

Břetislav kam in den folgenden Jahren seinen Verpflichtungen als Vasall des Kaisers nach. Im Sommer 1042 nahm er an einem Feldzug Heinrichs gegen die Ungarn teil. Der nach dem Sieg eingesetzte neue ungarische König konnte sich allerdings nicht lange halten. 1050 scheint es zu erneuten Konflikten mit Polen gekommen zu sein, in deren Verlauf der polnische König Kasimir einen Teil des 1041 Böhmen zugesprochenen Landes wieder in seinen Besitz bringen konnte. 1044 und 1051 war Břetislav an weiteren Feldzügen nach Ungarn beteiligt. Den dritten Feldzug 1054 bereitete er mit vor, nahm aber nicht mehr an ihm teil. Noch zu Lebzeiten Břetislavs versuchte Heinrich, den andauernden Streit zwischen den Vasallenreichen Polen und Böhmen zu schlichten. Während des Pfingstfestes 1053 setzte Heinrich in Quedlinburg durch, dass Breslau und andere Burgen an Polen zurückgegeben wurden. Polen musste dafür an Böhmen jährliche Abgaben leisten. Die genaueren Bedingungen dieses Abkommens sind unbekannt.

Innenpolitisch organisierte Břetislav Böhmen neu und baute eine Verwaltung auf, die sich an den Burgbezirken orientierte, ordnete das Münzwesen und erließ zahlreiche Gesetze, unter anderem eine Erbfolgeordnung, mit der das Prinzip des Seniorats eingeführt wurde. Břetislav bestimmte seinen ältesten Sohn Spytihněv zum Nachfolger, die jüngeren Söhne Vratislav, Konrad und Otto erhielten Teilfürstentümer.

 

Břetislav starb am 10. Januar 1055 bei einem Besuch in Chrudim und wurde im Prager Veitsdom beigesetzt.

Literatur

Gottlieb Biermann: Bretislav I.. In: Allgemeine Deutsche Biographie (ADB). Band 3, Duncker & Humblot, Leipzig 1876, S. 317 f.
Barbara Krzemieńska: Břetislav I. Čechy a střední Evropa v prvé polovině XI. století. garamond, edice Historica, 1999, ISBN 80-901760-7-0

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Vladislav 2., böhmischer Herzog

 

 

Der älteste Sohn von Vladislav I. und Richinza von Berg erlebte eine abenteuerliche Jugend. Unter der Herrschaft seines Onkels Soběslav I. verließ er 1133 Böhmen und ging nach Bayern zu Verwandten. 1133 sollte er ein kleines Heer aufbauen, welches der böhmische Herzog dem Kaiser zur Verfügung stellen wollte. Er nahm das Geld und verschwand nach Ungarn. Nach dem Tod seines Onkels wurde er 1140 von den Ständen zum Herzog berufen, obwohl sie selbst zwei Jahre zuvor Soběslavs Sohn zum Herzog gewählt hatten. Der Kaiser bestätigte die Wahl und Vladislav ging nach Prag zurück.

 

1142 versuchte eine Gruppe mährischer Adliger Vladislav zu stürzen. Konrad II. von Znaim stellte ein Heer auf, mit dem er in Böhmen einmarschierte. Bei der Schlacht am Hügel Vysoká (♁49,94° N, 15,19° OKoordinaten: 49° 57′ N, 15° 11′ O | | ) bei Kuttenberg siegte zunächst Vladislav, aber durch einen Verrat in seinem Heer musste er sich schließlich zurückziehen. In Prag angekommen, überließ er die Verteidigung der Stadt seinem Vertreter Děpold und ritt zu König Konrad III. nach Würzburg, um dort um Hilfe zu ersuchen. Fürst Theobald (Děpold, Dippold) verteidigte erfolgreich Prag und nach Ankunft der königlichen Armee mussten sich die Mährer geschlagen geben. Vladislav nutzte diesen Sieg, um Mähren, das in den Jahrzehnten zuvor immer wieder eine Quelle des Widerstands gegen die böhmischen Fürsten gewesen war, bis 1144 endgültig unter die Prager Herrschaft zu zwingen. Ein wichtiges Werkzeug dazu war die Zusammenarbeit mit dem Bischof von Olmütz, Heinrich Zdik. Kirchliche Güter und Untertanen wurden vollkommen der Herrschaft der weltlichen Fürsten entzogen. Dies schwächte den mährischen Adel, in geringerem Umfang aber auch den Prager Fürsten.

 

Unter Vladislav band sich Böhmen enger an das Reich. So schloss sich der böhmische Fürst beim Zweiten Kreuzzug nach Palästina 1147 dem Heer des Königs an. In dieser Zeit herrschte der päpstliche Legat Guido in Böhmen. Vladislav absolvierte allerdings nur einen Teil des Weges. Er kam bis Agram, wo er den byzantinischen Kaiser Manuel I. traf und setzte seinen Kreuzzug gegen heidnische Slawen über Kiew und Krakau fort.
Vladislav wird König

 

Nach der Thronbesteigung Friedrich Barbarossas kühlten sich die Beziehungen zunächst ab, da der neue Kaiser die Nachkommen des Soběslav favorisierte. Bald stellte Vladislav jedoch seine Treue zum neuen Kaiser unter Beweis und wurde daraufhin in die Gnade Barbarossas aufgenommen. Seine Beteiligung an Feldzügen nach Italien und Polen brachten ihm 1158 als zweitem aus dem Geschlecht der Přemysliden nach dem 1092 gestorbenen Vratislav II. die Königskrone für Böhmen ein. Am 11. Januar 1158 wurde er zum Herrscher gewählt. Darüber hinaus sprach Barbarossa ihm Bautzen zu, wodurch die böhmischen Herrscher nördlich des Erzgebirges wieder eine wichtige Rolle spielen konnten. Darüber hinaus bestätigte der Kaiser die Tributpflicht Polens für Schlesien und unterstützte Vladislav bei der Expansion in das Stammesgebiet der Wilzen. Selbst in den Auseinandersetzungen um die Thronfolge der Kiewer Rus wurde Vladislav aktiv, ohne letztendlich großen Einfluss ausüben zu können.

In den Sechziger-Jahren tat Vladislav II. sich bei Auseinandersetzungen mit Ungarn hervor. In Zeiten seiner Abwesenheit war es immer Theobald, der die Staatsgeschäfte führte. Nachdem dieser 1167 an der Pest starb, trübten sich die Beziehungen zum Kaiser wieder, vor allem als der Sohn Vladislavs, Adalbert III. zum Erzbischof von Salzburg ernannt wurde.

 

In der langen Herrschaft blühte das böhmische Land auf. Seine Beziehungen zum Ausland brachten viele neue Einflüsse, vor allem im kulturellen Bereich. Bereits unter seinen Vorgängern, aber verstärkt unter seiner Herrschaft, kamen Reformorden nach Böhmen, wie etwa die Prämonstratenser, Zisterzienser und später auch die Johanniter. Es wurde eine Reihe von Klöstern gegründet, unter anderem Kloster Strahov, Kloster Plasy, Kloster Želiv und Kloster Doksany. Um 1160 ließ er in Prag eine steinerne Brücke bauen.
Spätphase der Herrschaft

 

Die Herrschaft Vladislavs stellt das endgültige Ende einer mehr als hundert Jahre andauernden Krisenphase Böhmens dar. Das Land stabilisierte sich als geschlossener Herrschaftsverbund. Zwar blieb Mähren ein eigenständiges Markgrafentum, doch war der Markgraf ab dieser Zeit im Regelfall ein Prager Přemyslide. Zudem war in den unruhigen Jahrzehnten zuvor der Einfluss des Adels und des Reiches gewachsen, so dass Böhmen unter Vladislav II. und seinen Nachfolgern ein stabiler und mächtiger Bestandteil des Reiches mit starker Adelsschicht wurde. Seinen Ausdruck fand diese Entwicklung nicht zuletzt in der Verleihung der Königswürde an Vladislav II.

 

In der Zeit seiner Herrschaft änderte sich auch der soziale Status der Landesfürsten, was man später als territorialen Adelsstand bezeichnete.[1] Das ehemalige Benefit, in diesem Fall die zeitliche Überlassung eines Landesteiles zur Erfüllung seiner Aufgaben und Dienste, wurde nun derart verwandelt, dass es den Adeligen gänzlich und größtenteils vererbbar überlassen wurde. In den Dörfern entstanden die ersten eigenen romanischen Kirchen, deren Bau meist von den Landesfürsten in Auftrag gegeben wurde. Um diese Kirchen befanden sich Siedlungen mit kleinen Festen. Nach den Ortsnamen bezeichneten sich dann meist auch die Herrscher (älteste nachgewiesene Familien waren Marquart de Dubraua [1146] und Bleh de Trebusen [1169]). Vor allem in bisher nicht erschlossenen, bewaldeten Gebieten wurde das Land von der Krone den jeweiligen Führern zur Kolonisierung überlassen. So entstanden die ersten kleinen, aber oft schnell wachsenden alten böhmischen Adelsfamilien wie z. B. die Hrabischitzer, Rosenberger, Bavor von Strakonitz und andere.[2]

 

Zum Ende seines Lebens versuchte Vladislav seinem Sohn Friedrich (Bedřich) ohne Wahl und Zustimmung des Kaisers den Thron zu vererben. 1172 verzichtete er auf seine Ämter und bestimmte Bedřich zum Herzog. Damit waren die guten Beziehungen zum Kaiser endgültig gestört, zumal im Rahmen der Auseinandersetzung um die Herrschaftsfolge auch die mährische Adelsopposition wieder erstarkte. Barbarossa erkannte das Vorgehen nicht an und Bedřich musste zurücktreten. Als Soběslavs Sohn Oldřich das vom Kaiser angebotene Lehen ablehnte, weil er keine Unterstützung im böhmischen Adel besaß, blieb nur noch Soběslav II., der Herzog wurde.

 

 

Der alte König musste Böhmen verlassen. Er ging nach Thüringen auf die Güter seiner zweiten Frau. Er starb 1174 in Meerane.[3] Seine sterblichen Überreste wurden im Kloster Strahov bestattet.

 

Gattinnen und Nachkommen

 

Vladislav II. war zweimal verheiratet. Seine erste Frau wurde 1140 Gertrud von Babenberg, Tochter des Markgrafen Leopold III. von Österreich. Sie starb am 8. April 1150 und hinterließ die Kinder Bedřich, Anežka, Svatopluk und Vojtěch. Das zweite Mal heiratete Vladislav 1153 Judith, Tochter des Landgrafen Ludwig I., mit der er die Kinder Ottokar I., Vladislav Heinrich und Richsa hatte.

 

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Přemysliden 3

 

 

 

Friedrich, böhmischer Herzog

 

 

Bedřich war der älteste Sohn des Königs Vladislav II. von Böhmen aus seiner ersten Ehe mit Gertrud von Österreich, Tochter des Markgrafen Leopold III. Er wurde von seinem Vater Vladislav II. 1173 als Herzog eingesetzt. Der König hatte jedoch weder die Zustimmung des böhmischen Adels noch die des Kaisers Friedrich I. eingeholt. Gerade der Kaiser war der Ansicht, dass es ihm obliege, über die Nachfolge der böhmischen Krone zu bestimmen. Beide Seiten setzten daraufhin Bedřich in einem Prozess in Nürnberg ab und bestimmten Udalrich (Oldřich), einen Sohn Soběslavs I., zum Herzog. Dieser gab das Amt aber an den bereits früher als Herzog vorgesehenen Soběslav II. ab, der es von 1174 bis 1180 ausübte.

 

Bedřich musste am Hof des Kaisers dienen. So oblag es ihm, ein Heer für den Zug nach Italien aufzustellen, das sein Bruder Oldřich führte. Das Heer mit 60.000 Mann überfiel zweimal Österreich und war durch seine Plünderungen auch von Klöstern und Kirchen berüchtigt. Der Kaiser wurde vom Papst bei Verhandlungen in Venedig 1177 angewiesen, den als Herrscher für die Plünderungen verantwortlichen Soběslav II. abzusetzen und an seiner Stelle Bedřich einzusetzen. Darüber hinaus wird angenommen, dass der Kaiser durch diesen Schritt die weitere Festigung der böhmischen Herrschaft in Mähren zu verhindern versuchte, die von Soběslav vorangetrieben worden war.

 

Mit Hilfe von Markgraf Konrad III. Otto von Znaim (Konrád Znojemský) und Herzog Leopold V. und deren deutsche Söldner marschierte Bedřich in Mähren und in Böhmen ein und eroberte 1178 Prag. Mit Unterstützung des Kaisers wählte der böhmische Adel 1178 wieder Bedřich zum Herzog. Soběslav versuchte, erneut die Macht zu erlangen. Als Bedřich vom Kaiser zum Reichstag nach Worms berufen wurde, rief Soběslav seine Getreuen und versuchte, die Prager Burg zu erobern. Zunächst siegte er in der Schlacht von Loděnice, wurde dann aber vom zurückgekehrten Bedřich mit Hilfe von Konrads Kavallerie am 27. Januar 1179 bei Nové Město (heute Stadtteil von Prag) vernichtend geschlagen.

 

Diese zweite Amtszeit war geprägt von Machtkämpfen mit den mährischen Familienmitgliedern wie Konrad Otto, dem Fürsten von Znojmo. 1182 wurde Friedrich von Konrad aus dem Land gejagt. Erst auf Befehl des Kaisers durfte er seinen Thron wieder besteigen[1]. Der Kaiser selbst versuchte nun alles, um die Macht der böhmischen Krone zu schwächen. Er erhob Mähren zur Markgrafschaft, unterstellte sie dem Reich und stärkte damit die Fürsten. Auch die Erhebung der Bischöfe von Prag zu Reichsfürsten sollte die Stellung der Přemysliden weiter untergraben. Bedřich versuchte, dem entgegenzuwirken, indem er 1179 seinen jüngeren Bruder Ottokar I. Přemysl zum Markgrafen Mährens ernannte.

 
Familie
 

Bedřich heiratete nach 1157 Elisabeth von Ungarn, Tochter Gézas II. von Ungarn aus dem Geschlecht der Árpáden, und der Euphrosina von Kiew, der Tochter von Großfürst Mstislaw I. Wladimirowitsch von Kiew

 
Vratislav († vor 1180)
Sophie († 1195), heiratete 1186 Markgraf Albrecht I. von Meissen
Ludmilla (1170–1240), heiratete 1184 Graf Adalbert (Albert) III. von Bogen, und 1204 Herzog Ludwig I. den Kelheimer von Bayern
Olga († ca. 1163)
Margareta († 1183?)
Helena, heiratete 1164 einen Schwiegersohn des byzantinischen Kaisers Manuel I.
 
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Soběslav 2., böhmischer Herzog

 

 

Der zweitgeborene Sohn von Soběslav I. ging nach dem Tod des Vaters zunächst fort aus Böhmen. Er versuchte während der Abwesenheit des Herzogs Vladislav II. auf dem zweiten Kreuzzug die Krone zu gewinnen, wurde aber 1148 bei Zdice durch Děpold inhaftiert und auf der Burg Přimda inhaftiert. 1150 gelang ihm die Flucht. Er fand Unterschlupf am Hof von Friedrich Barbarossa. 1161 besetzte er Olmütz. Vladislav konnte Soběslav nicht besiegen und lud ihn deshalb nach Prag ein. Dort wurde er wieder gefangen genommen und erneut bis 1173 auf der Burg Přimda arrestiert, bis er auf Geheiß des Kaisers entlassen werden musste.

 

1173 trat Vladislav II. ab und übergab die Regierung seinem Sohn Friedrich (Bedřich). Der Kaiser entmachtete Friedrich, der ohne seine ausdrückliche Zustimmung eingesetzt worden war, und ernannte Soběslavs II. Bruder Oldřich zum Herzog. Dieser besaß jedoch keine Unterstützung im böhmischen Adel und gab die Herrschaft sofort an Sobeslav weiter.

 

Schnell wurde der neue Herzog auf der Seite Barbarossas in die Auseinandersetzungen zwischen Kaiser und Papst hineingezogen. 1176 überfiel er Österreich. Damit zog er sich den Bann des Papstes zu. Gleichzeitig wuchs auch der Widerstand innerhalb des böhmischen Adels, angeführt durch den mährischen Markgrafen Konrad III. Otto und Herzog Friedrich. Sie intervenierten beim Kaiser und da sich die Beziehungen zwischen Papst und Kaiser ebenfalls verbessert hatten, setzte Barbarossa Soběslav 1178 ab. Mit seiner Unterstützung wählte der Böhmische Adel Friedrich erneut zum Herzog. Der neue Herzog marschierte in Mähren und 1178 in Prag ein. Als Friedrich vom Kaiser nach Schwaben berufen wurde, versuchte Friedrich die Prager Burg zu erobern. Nach einem ersten Sieg Soběslavs in der blutigen Schlacht von Loděnice am 23. Januar 1179, in der auf beiden Seiten viele führende Adelige fielen, konnte Friedrich ihn bei Nové Město (heute Stadtteil von Prag) vernichtend schlagen. Soběslav II. flüchtete nach Polen, wo er 1180 starb[1]. Er hinterließ seine Frau Eliška, Tochter des polnischen Herzogs Mieszko III.. Die Ehe blieb kinderlos.

 

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Konrad 3., böhmischer Herzog

 

 

Konrad III. Otto von Znaim (tschechisch Konrád III. Ota Znojemský bzw. Konrád II. Ota) (* um 1135; † 9. September 1191 bei Neapel) war Markgraf von Mähren und Herzog von Böhmen aus dem Geschlecht der Přemysliden.

 

Als Sohn Konrad II. von Znaim (Konrád II. Znojemský) und Marie, Tochter des serbischen Verwaltungsbeamten Urosch der Weiße (Uroš Bílý), erhielt Konrad III. Otto als Erbe 1157 das Herzogtum Znaim. Während der Kämpfe unter den Přemysliden erhielt er nach und nach ganz Mähren, darunter Brünn, Olmütz und Znaim. 1182 nutzte Kaiser Friedrich Barbarossa, an den sich Herzog Friedrich um Hilfe gewandt hatte, die Situation, um die böhmische Krone zu schwächen. Er trennte Mähren von Böhmen ab und nahm es als kaiserliches Lehen auf. Allerdings war Mähren bereits zuvor durch die dynastische Entwicklung im Haus der Přemysliden mit der Aufspaltung in eine Prager und eine mährische Linie weitgehend der Kontrolle der Prager Fürsten entglitten. Der gewählte böhmische Herzog Konrad musste abtreten und erhielt dafür den Titel Markgraf von Mähren.

 

1184 kam es durch die neue Situation zu blutigen Kämpfen, die am 10. Dezember 1185 in der Schlacht bei Loděnice (der blutigsten zwischen den Mährern und Böhmen in der Geschichte des Landes) gipfelte, bei der Konrad vom jungen Ottokar I. geschlagen wurde. Insgesamt verloren 4000 Soldaten ihr Leben und der Ort wurde dem Erdboden gleichgemacht. Im darauffolgenden Jahr wurde durch den Knín-Vertrag Frieden geschlossen und Mähren kam wieder zu Böhmen.

 

Nach dem Tod des Herzog Friedrich 1189 übernahm Konrad auch die Herrschaft in Böhmen. Er verzichtete auf den Titel des Markgrafen und vereinte erstmals seit der Spaltung der Přemysliden beide Länder. Nach ihm blieb der Fürstensitz über beide Länder weitgehend in der Hand der Prager Linie. Konrad erließ auch das erste böhmische Gesetz genannt Statuta ducis Ottoni (Statuta Konráda Oty). Er starb am 9. September 1191 unweit Neapel an einer Seuche, während er den Kaiser Heinrich VI. zur Krönung nach Rom begleitete. Zunächst wurde er im Kloster Monte Cassino in Latia begraben, später wurden seine sterblichen Überreste nach Prag überführt.

 

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Ottokar 1., böhmischer König

 

 

Ottokar I. kämpfte lange Zeit mit verschiedenen Prätendenten um die Herrschaft. Zunächst wurde er von seinem älteren Bruder Friedrich 1179 als Markgraf von Mähren eingesetzt und hatte 1192/1193 auch kurz die böhmische Herzogswürde inne. Als Ottokar in der Auseinandersetzung zwischen Staufern und Welfen die Seiten wechselte, wurde er 1194 von Heinrich VI. abgesetzt und musste seinem früheren Verbündeten Heinrich Břetislav III., Bischof von Prag weichen, der vom König als böhmischer Herzog eingesetzt worden war.

 

Am 22. Juni 1197 wurde sein Bruder Vladislav Heinrich zum Herzog erhoben. Kurz darauf schloss Ottokar mit ihm einen Ausgleich, dem zufolge Vladislav das Markgrafentum Mähren als böhmisches Lehen, Ottokar selbst den böhmischen Thron erhielt. Damit waren beide Teilfürstentümer für kurze Zeit wieder getrennt. Im September 1198 erwarb Ottokar von Philipp von Schwaben als Belohnung für seine Gefolgschaft die Königswürde (Einigung am 8. September in Mainz) und wurde wenige Tage später in Boppard gekrönt. Dabei handelte es sich erstmals in der Geschichte Böhmens nicht um eine persönliche, sondern um eine erbliche Krone.

 

1203 wurde Ottokar zwar von Philipp abgesetzt, weil er parteiflüchtig wurde und seine Gemahlin Adelheid von Meißen verstieß, erlangte aber dafür Anerkennung seiner Herrschaft durch Innozenz III. und Otto von Braunschweig; 1204 versöhnte er sich wieder mit Philipp. Mit Otto, den er anfangs anerkannt hatte, entzweite er sich wieder und schloss sich 1212 Friedrich II. an, der 1212 in der Goldenen Sizilianischen Bulle das böhmische Erbkönigtum endgültig anerkannte und Ottokar als „vornehmsten Reichsfürsten“ bezeichnete.

 

1216 regelte er seine Nachfolge, indem er seinen Sohn Wenzel zum König wählen ließ. Um 1200 war zudem die mährische Nebenlinie der Přemysliden endgültig erloschen, so dass die beiden Reichsteile Böhmen und Mähren von diesem Zeitpunkt an eine Einheit bildeten. Alle folgenden böhmischen Könige trugen auch den mährischen Markgrafentitel, der ihnen in der Regel bereits in ihrer Funktion als Thronfolger verliehen wurde.

 

Während der Herrschaft Ottokars und seines Sohnes Wenzel kam es in Böhmen zu weit reichenden gesellschaftlichen Veränderungen. Bisher nicht besiedelte Gebiete wurden zunehmend kolonialisiert. Neben böhmischen Einwohnern wanderten zunehmend auch Deutsche ein, die neue Siedlungen und Städte gründeten. Dies führte nicht nur zum Anwachsen der Bevölkerung, sondern auch zur Intensivierung der Landwirtschaft und Einführung neuer Anbaumethoden. Auch die Verordnungen, Gesetze und die Besitztumsverhältnisse mussten neu definiert oder geändert werden. Die Überschüsse aus der Landwirtschaft, aber auch aus dem aufblühenden Handwerk mussten abgesetzt werden. Neue Handelswege und -beziehungen entstanden, die Geldbewirtschaftung musste angepasst werden. Der zunehmende Bedarf an Edelmetallen wie Metallen überhaupt führte zur wachsenden Bedeutung des Bergbaus.

 

Die Struktur der Siedlungen und Städte änderte sich, ein neuer Stand der Bürger kam hinzu. Es entstanden neue Schichten der Verwalter, die sich an dem Adelsstand orientierten, daneben Handwerker, Händler, Unternehmer. Eine immer größere Bedeutung erlangten vor allem die Gutsbesitzer. Die Erfolgreichen gelangten in den Umkreis der Macht, die weniger Erfolgreichen sammelten sich um die Erfolgreichen, dem Adelsstand, der sich meist aus den Erträgen seiner Lehen finanzierte. Wichtiges Symbol der Anerkennung der böhmischen Herrscher wurde das Recht, den Königstitel zu vererben. Neben dem Erwerb der erblichen Königskrone setzte Ottokar I. auch die Primogenitur durch, was die jahrhundertelange Destabilisierung Böhmens durch das Senioratsprinzip beendete. Veränderungen gab es auch bei der Kirche. Deren Selbständigkeit und eigenständige innere Verwaltung wurde anerkannt, ihre Einmischung in politische Entscheidungen musste oft hingenommen werden.

 
Nachkommen
 

Ottokar war zweimal verheiratet, zunächst mit Adelheid von Meißen, mit der er je nach Quelle drei, vier Kinder hatte, und ab 1198 mit Konstanze von Ungarn, mit der er je nach Quelle weitere acht, neun Kinder zeugte.

 
1. Ehe (1178) mit Adelheid von Meißen:
 
Vratislav, (vor 1181 – nach 1225)
Margaretha Dagmar (um 1186–1213) ∞ Waldemar II. (Haus Estridsson)
Bogislawa, auch Božislava ∞ Heinrich I. Graf von Ortenburg
Hedwika (1211–1282)
 
2. Ehe (1198) Konstanze von Ungarn:
 
Vratislav (um 1200– ?)
Judith, auch Jutta, Judita Přemyslovna, (? –1230) ∞ (1213) mit Bernhard von Spanheim
Anna von Böhmen, auch Anna Lehnická, (1204–1265) ∞ Heinrich II., Herzog von Schlesien und Princeps von Polen
Wenzel I., auch Václav I. (1205–1253)
Vladislav II., Markgraf von Mähren (1207–1227)
Přemysl, Markgraf von Mähren (1209–1239)
Blaschena, auch Wilhelmina, Blažena, Vilemína Česká oder Guglielma (1210–1281)
Agnes von Böhmen (1211–1282)
 
Literatur
 
Johann Loserth: Premysl Otakar I. In: Allgemeine Deutsche Biographie (ADB). Band 24, Duncker & Humblot, Leipzig 1887, S. 764–768.
Robert Luft: Přemysl Otakar I.. In: Neue Deutsche Biographie (NDB). Band 20, Duncker & Humblot, Berlin 2001, ISBN 3-428-00201-6, S. 696 f. (Digitalisat).
 
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Wenzel 2., böhmischer Herzog

 

 

Wenzel II. (* 1137; † um 1192; tschechisch Václav II.) herrschte von 1191 bis 1192 als Herzog von Böhmen.

 

Nach dem Tod von Konrad III. Otto, der auf dem Feldzug nach der Krönung des Kaisers Heinrich VI. bei der Belagerung Neapels an Pest starb, übernahm der Bruder des Soběslav II., Wenzel II., als der älteste der Přemysliden die Macht. Seine Herrschaft dauerte jedoch nur drei Monate.

 
Er ist nicht zu verwechseln mit dem König Wenzel II. von Böhmen.
 
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Heinrich, böhmischer Herzog

 

 

Heinrichs Geburtsdatum ist nicht bekannt. Sein Vater Heinrich war ein Bruder des böhmischen Königs Vladislav II.; seine Mutter hieß Margarethe. Nach Studien in Paris kehrte Heinrich nach Böhmen zurück, zum Priester geweiht und zum Propst von Vyšehrad ernannt. Am 25. März 1182 wählte ihn das Prager Domkapitel zum Nachfolger des verstorbenen Bischofs Valentin Wolist. Die Bischofsweihe erfolgte am 23. Mai des Jahres in Mainz.

 

Ein Streitpunkt zwischen der geistlichen und der weltlichen Macht in Böhmen war die Verfügungsgewalt über die kirchlichen Güter. Im Jahr 1187 trug Bischof Heinrich Břetislav eine entsprechende Beschwerde über Herzog Friedrich dem Kaiser Friedrich Barbarossa vor. Daraufhin ernannte der Kaiser den Prager Bischof zum Reichsfürsten und bestimmte, dass er künftig nur dem Kaiser untertan sei. Dadurch kam es auch zu einer Trennung zwischen Kirche und böhmischem Staat, da die bischöflichen Güter nicht mehr zum Herrschaftsbereich der böhmischen Herzöge gehörten. Der Status des Prager Bischofs als Reichsfürst überdauerte allerdings die Amtszeit Heinrich Břetislavs nicht. Sein Nachfolger Daniel II. (Milík) wurde wieder vom böhmischen Herzog eingesetzt.

Nach dem Tod des Konrad III. Otto 1191 wurde Wenzel II. zum Herzog gewählt. Seine Herrschaft dauerte jedoch nur drei Monate. Auch der nächste Herzog Ottokar I. Přemysl konnte in seiner ersten Amtsperiode nur eine kurze Zeit (1192-1193) herrschen. Er wurde von Heinrich VI. abgesetzt und durch Heinrich Břetislav ersetzt. Durch sein Doppelamt als Herzog und Bischof war Heinrich Břetislav der letzte böhmische Herrscher, der sowohl über Böhmen und Mähren als auch über die kirchlichen Güter herrschte. Ottokar I. floh, bedrohte seinen Nachfolger aber auch in den folgenden Jahren.

 

1194 sandte Heinrich Břetislav böhmische Soldaten nach Meißen, die diese Region verwüsteten. Als Buße versprach er dem Kaiser die Teilnahme am Kreuzzug Heinrichs VI. Da dieser verlegt werden musste und erst 1197 stattfand, konnte Heinrich Břetislav wegen einer Erkrankung daran nicht mehr teilnehmen.[1] Im selben Jahr besuchte mit Peter von Capua der erste päpstliche Legat nach mehr als einem Jahrhundert Prag und stellte fest, dass Heinrich Břetislav die Interessen der Kirche sehr schlecht vertrat.

Nachdem Ottokar I. Prag angegriffen hatte, konnte sein Heer zurückgeschlagen werden. Trotzdem ließ sich der kranke Heinrich Břetislav nach Eger bringen. Dort starb er kurze Zeit später.[2] Sein Leichnam wurde in der Kirche des Klosters Doksany neben seiner Mutter Margarethe bestattet.

 
Literatur
 

Sommer, Petr; Třeštík, Dušan; Žemlička, Josef, et al: Přemyslovci. Budování českého státu. Praha: Nakladatelství Lidové noviny, 2009. ISBN 978-80-7106-352-0, v.a. S. 208-209.

 
Weblinks
 
www.e-stredovek.cz
 
Einzelnachweise
 
Hochspringen ↑ Pavel Soukup, Třetí křížová výprava dle kronikáře Ansberta. Knihovna Jana Drdy v Příbrami, Příbram 2003, ISBN 80-86240-67-3, S. 125
Hochspringen ↑ Václav Novotný, České dějiny I./III., Čechy královské za Přemysla I. a Václava I. Jan Laichter, Praha 1928, S. 77-78
 
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Vladislav, böhmischer Herzog

 

 

Nach Verhandlungen innerhalb der Familie wurde er am 6. Dezember 1197 zum ersten mährischen Markgrafen. Seine Nachfolger sollten diesen Titel durch Erbrecht behalten. Im Goldenen Bulletin aus dem Jahre 1212 wurde Mähren dann stillschweigend als ein neuer Bestandteil des Königreichs vereinnahmt. Vladislav Heinrich erhielt vom Kaiser symbolisch einen Teil von Sachsen, um auch weiterhin zu den kaiserlichen Herzögen gezählt werden zu können.

 

Er arbeitete politisch eng mit seinem Bruder, dem böhmischen Herzog, zusammen. 1216 erließ er gemeinsam mit diesem ein Dokument, in dem das Prinzip der Primogenität (Erstgeburt) für die Nachfolge auf dem Thron festgelegt wurde. Damit sollten die Zwistigkeiten und Intrigen während der Wahlen beseitigt werden. Vladislav Heinrich trat hier als „Zeuge“ auf, das heißt, er stimmte dem neuen Gesetz zu. Er war bis zu seinem Tode seinem Bruder loyal ergeben und unterstützte ihn bei Verhandlungen gegenüber dem Kaiser. Sein größtes Verdienst für Mähren war die innenpolitische Stabilität, die er schaffte.

 

Vladislav Heinrich war mit Hedwig verheiratet, deren Herkunft nicht bekannt ist. Er starb ohne Nachkommen, so dass die Nachfolge um die Markgrafschaft in die Hände des Königs Ottokar I. fiel. Vladislav Heinrich wurde im Kloster Velehrad begraben.

 
Literatur
 
Martin Wihoda, Der dornige Weg zur „Goldenen Bulle“ von 1212 für Markgraf Vladislav Heinrich von Mähren, Wien-Köln-Weimar, Böhlau Verlag, 2005, ISBN 3-205-77271-7
Bohemia, fmg.ac/Projects/MedLands/BOHEMIA.htm (Foundation for Medieval Genealogy)
Vladislav III. Jindřich, auf dem portal Středověk (Mittelalter, www.e-stredovek.cz
 
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Wenzel 1., böhmischer König

 

 

Wenzel I. Přemysl (tschechisch Václav I. Jednooký; * um 1205; † 23. September 1253 in Počaply[1]) entstammte der Dynastie der Přemysliden und war von 1230 bis 1253 König von Böhmen.

 
Leben
 

Wenzel war der Sohn von König Ottokar I. Přemysl von Böhmen und Konstanze, Tochter von Béla III., König von Ungarn.

 

Sein Vater ließ den Sohn bereits 1228 zum König krönen. Nach Schilderungen des Historikers Palacký (s.u.) war er ein begeisterter Jäger, begabt und energisch, auf der anderen Seite aber auch dem luxuriösen Leben zugetan. Auf einer Jagd verlor er ein Auge. Dies brachte ihm den Spitznamen ‘jednooký’ – der Einäugige ein.

 

Nach seiner Einsetzung als König führte er die Politik der Premysliden fort. Er förderte die Ansiedlung von Deutschen, um die Landwirtschaft zu modernisieren und dem Bergbau Impulse zu geben. Darüber hinaus begann unter seiner Herrschaft eine Welle von Stadt- und Klostergründungen, vor allem des Zisterzienserordens. Er gründete unter anderem die Städte Trautenau, Schlan und Mies. Gefördert durch seinen wachsenden Reichtum veranstaltete er Ritterturniere, die sein deutscher Ritter Holger von Friedberg organisierte. Am königlichen Hof hielten sich zahlreiche Minnesänger auf, angeblich soll dort auch Walther von der Vogelweide aufgetreten sein.

 

Als eine seiner ersten staatsmännischen Aufgaben beendete er den Streit mit dem letzten österreichischen Babenberger, dem Herzog Friedrich. Dieser verstieß seine Ehefrau Sophie, Tochter des byzantinischen Kaisers und Schwägerin des ungarischen Königs, wegen Kinderlosigkeit. Wenzels Mutter, die aus Ungarn stammte, empfand dies als Kränkung, und Wenzel nahm dies zum Anlass, um 1230 in Österreich einzufallen. Friedrich wiederum nutzte den Zwist zwischen Wenzel und seinem jüngeren Bruder Přemysl von Mähren und fiel in Mähren ein. Er besetzte dabei die damals als uneinnehmbar geltende Burg Bítov. Wenzel, der sich mit seiner Armee in der Nähe befand, griff dabei nicht ein. Als Friedrich erkrankte und sich nach Österreich zurückzog, nutzte Wenzel die Gunst der Stunde und eroberte Brünn. Der sich verschärfende Zwist führte schließlich dazu, dass Kaiser Friedrich II. über den Österreicher den kaiserlichen Bann verhängte und Wenzel beauftragte, ihn zum Gehorsam zu bewegen. Wenzel eroberte Niederösterreich und Wien, Friedrich zog sich nach Wiener Neustadt zurück. Die Sorge der Reichsfürsten, dass die wachsende Macht des Kaisers die ihrige schwächen könnte, führte zu politischen Begegnungen, die schließlich in einem Frieden zwischen Wenzel und dem österreichischen Herzog mündete. Friedrich verlobte seine Nichte Gertrud mit Wenzels Sohn Vladislav. Als Mitgift erhielt der Böhme die Verwaltung Österreichs nördlich der Donau.

 

1241 fielen die Mongolen unter Batu Khan nach der Schlacht bei Wahlstatt in Mähren ein. Wenzel konnte sie zwar vertreiben, dennoch waren die Schäden durch den Einfall groß. 1242 wurde Wenzel zusammen mit Heinrich Raspe von Friedrich II. zum Reichsgubernator für seinen minderjährigen Sohn Konrad IV. bestellt. So sollte ein drohender Krieg unter den rivalisierenden deutschen Fürsten verhindert werden. Seit Ende 1247 opponierte Wenzels Sohn Ottokar II.; unterstützt von mährischen Adeligen, erhob er sich endgültig 1248 gegen seinen Vater, der zu dieser Zeit kaum noch regierte, sondern sich mehr Festen widmete. Die Kriege zwischen Sohn und Vater, der Anhänger in Deutschland und Österreich suchte, dauerten das ganze Jahr – mit wechselnden Erfolgen. Der Vater musste Prag verlassen und begab sich in das Herrschaftsgebiet seines Anhängers Boresch II. von Riesenburg. Nach dem Sieg Wenzels bei Brüx ließ er seinen Sohn inhaftieren und dieser musste sich ihm unterwerfen.

 
Nachkommen
 

Wenzel I. war verheiratet mit Kunigunde von Schwaben. Folgende Nachkommen aus dieser Ehe sind bekannt:

 

Vladislav († 3. Januar 1247), Markgraf von Mähren, 1246/47 Anwärter auf die Herzogtümer Österreich und Steiermark

 
∞ 1246 Gertrud von Österreich.
 
Ottokar II. (1232–1278), König von Böhmen
Beatrix (Božena) († 25. Mai 1286) ∞ 1243 Markgraf Otto III., der Fromme von Brandenburg
Agnes († 1268) ∞ 1244 Markgraf Heinrich III., der Erlauchte von Meißen (Tochter)
 
Literatur
 

Josef Žemlička: Století posledních Přemyslovců Prag, 1986
František Palacký: Geschichte von Böhmen
Wilhelm Wegener: Die Přemysliden
Georg Juritsch: Beiträge zur böhmischen Geschichte in der Zeit der Přemysliden
Adolf Zycha: Über den Ursprung der Städte in Böhmen und die Städtepolitik der Prěmysliden
Bachmann: Wenzel I., König von Böhmen. In: Allgemeine Deutsche Biographie (ADB). Band 42, Duncker & Humblot, Leipzig 1897, S. 749–753.

 

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Ottokar 2., böhmischer König

 

 

Ottokar II. Přemysl oder auch Přemysl Ottokar II. (er hat selbst beide Versionen benutzt; tschechische Namensform ist Otakar, auch Ottokar II. von Böhmen, * um 1232; † 26. August 1278 in Dürnkrut, in Niederösterreich) aus der tschechischen Dynastie der Přemysliden, war von 1253 bis 1278 König von Böhmen.

 

Ab 1251 war er auch Herzog von Österreich, ab 1261 Herzog der Steiermark und ab 1269 Herzog von Kärnten und Krain. Damit hatte er eine für einen Přemysliden zuvor und später nie erreichte Machtfülle erlangt, was sich auch in seiner mehrfachen Bewerbung um die Krone des Heiligen Römischen Reiches zeigt.

 
Jugend
 

Ottokar Přemysl war der zweite Sohn von König Wenzel I. von Böhmen und Kunigunde von Schwaben. Sein Geburtsjahr ist nicht bekannt. Es werden jedoch die Jahre 1230, Herbst 1232 oder Anfang 1233 in Betracht gezogen.[1] Ottokar Přemysl wurde nach seinem Großvater Ottokar I. Přemysl benannt. Zum Erzieher Ottokar Přemysls wurde möglicherweise Philipp von Kärnten, Kanzler von Böhmen, gemacht. Seine Schulbildung beschränkte sich vermutlich auf das Erlernen von Geschichte sowie vielleicht etwas Latein und Deutsch. Der Zeit entsprechend dürfte er jedoch noch Analphabet gewesen sein. Sollte er als Zweitgeborener zum Geistlichen erzogen worden sein, wäre sein Bildungsniveau höher anzusetzen.

 

Das erste gesicherte Ereignis aus dem Leben Ottokar Přemysls ist die Erhebung zum Markgrafen von Mähren durch seinen Vater am 27. März 1247. Dem vorausgegangen war der Tod seines älteren Bruders Vladislav. Ottokar Přemysl weilte in Mähren zumeist in der Residenz Brünn. Seine politischen Maßnahmen waren auf eine Stärkung der Wirtschaftskraft Mährens nach den Zerstörungen des Mongoleneinfalls 1241 ausgerichtet. 1247 widersetzte er sich seinem Vater, indem er sich gegen die Amtsenthebung des Olmützer Bischofs Konrad stellte. Im folgenden Jahr plante Wenzel I. auf Wunsch der Kurie einen Feldzug nach Österreich und löste dadurch einen pro-staufischen Aufstand einiger mit seiner Regierungsführung unzufriedenen Adeligen aus. Diesen gelang es in kurzer Zeit einen Großteil des přemyslidischen Herrschaftsgebiets zu besetzen. Ottokar Přemysl, der wohl nicht zu den eigentlichen Urhebern der Revolte gezählt werden kann, ließ sich am 31. Juli 1248 in Prag von den Aufständischen zum „jüngeren König“ wählen und wurde somit zu ihrem nominellen Führer. Einer Niederlage der Aufständischen vor Brüx folgte ein Abkommen mit Wenzel I. Anfang November 1248, in dem Ottokar Přemysl eine dem Vater zumindest gleichberechtigte Stellung eingeräumt wurde. Nach weiteren kriegerischen Auseinandersetzungen wurde Ottokar Přemysls Stellung als Mitregent im März 1249 in Verhandlungen bestätigt.

 

Im April 1249 exkommunizierte Papst Innozenz IV. Ottokar Přemysl wegen der stauferfreundlichen Ausrichtung des Aufstands. Daraufhin verlor dieser einen Teil seines Anhangs und musste sich nach der Eroberung Prags durch Wenzel I. seinem Vater im August desselben Jahres unterwerfen, wofür er erneut mit der Markgrafschaft Mähren belehnt wurde. Während des weiteren Verlaufs der Verhandlungen ließ Wenzel seinen Sohn für einige Monate in der westböhmischen Burg Pfraumberg festsetzen. In der Folgezeit konnte Ottokar Přemysl aufgrund des vermehrten Rückzugs seines Vaters von der Politik zugunsten seiner Jagdleidenschaft seinen Einfluss ausbauen.

 
Thronanwärter und Herzog von Österreich
 

Diese Auseinandersetzung endete, als Wenzel begann, sich in die Entwicklung in Österreich einzuschalten. Mit Friedrichs II. Tod in der Schlacht an der Leitha waren dort 1246 die Babenberger in männlicher Linie ausgestorben. Dieser hinterließ eine Nichte Gertrud und eine Schwester Margarete. Gertrud heiratete nach dem Tod ihres Onkels zunächst Ottokars Bruder Vladislav und nach dessen Tod Anfang 1247 den Markgrafen Hermann VI. von Baden, der sich ebenso wenig wie der Reichsverweser im Land jedoch nicht durchsetzen konnte und 1250 starb. Im selben Jahr fiel Wenzel in das Land ein. Anderen Quellen zufolge wurde er von den österreichischen Ständen gerufen, um die Wirren zu beenden. Mit Zustimmung des Adels setzte Wenzel seinen Sohn Ottokar als Statthalter ein. Gleichzeitig schlossen Wenzel und Ottokar einen Friedensvertrag, der den Sohn 1251 auch zum Markgrafen von Mähren machte. Ottokar hatte damit die klassische Herrschaftsposition der böhmischen Thronfolger inne. Im gleichen Jahr zog Ottokar in Österreich ein und wurde von den Ständen bald zum Herzog ernannt. Um seine Würde zu legitimieren, heiratete er am 11. Februar 1252 die fast dreißig Jahre ältere Margarete in der Burgkapelle von Hainburg.

 
Böhmischer König
 

1253 starb König Wenzel I. und Ottokar übernahm die Krone. Sein ausdrückliches Ziel war die Kaiserwürde des Heiligen Römischen Reiches. An der Wahl nahm er jedoch nicht persönlich teil. Er war überzeugt, dass sein Reichtum genüge, diesen Titel übertragen zu bekommen.

 

Der Ungarnkönig Béla IV. fühlte sich durch diesen Machtzuwachs des benachbarten Reiches bedroht. Gemeinsam mit den bayerischen Wittelsbachern ging er gegen Ottokar vor. Die Kurie vermittelte schließlich einen Frieden (Frieden von Ofen), in dem ein großer Teil der Steiermark Ungarn zugeschlagen wurde. Die folgende vorübergehende Friedensphase nutzte Ottokar II., um den Deutschen Orden bei zwei Kreuzzügen im Baltikum gegen die Pruzzen zu unterstützen. Im Winter 1254 zog er nach Polen, um den Aufstand der Samen im Samland zu unterdrücken. Nach dem Sieg trug er dazu bei die Bevölkerung um Königsberg zu christianisieren. Mit diesen Handlungen wollte er vor allem seine Stellung gegenüber der Kurie festigen.

 

1260 schlug er die Ungarn in der Schlacht bei Kressenbrunn erneut, was Ungarn zum Frieden von Wien (1261) zwang und Ottokar den Besitz und die Herzogswürde der Steiermark sicherte. Um diese Einigung zu bekräftigen, ließ er sich von Margarete scheiden und heiratete Kunigunde von Halitsch, eine Enkelin des Königs von Ungarn. Auch auf Reichsebene machte er großen Einfluss geltend, da sich die Könige Alfons X. und Richard von Cornwall jeweils seiner Unterstützung zu versichern suchten. 1266 besetzte er das reichsunmittelbare Egerland. 1267 brach er zu einem Kreuzzug nach Litauen auf.

 

In dieser Zeit schloss er auch einen Erbvertrag mit dem kinderlosen Herzog Ulrich III. von Kärnten. 1269 starb Ulrich und Ottokar erbte Kärnten und Krain. Damit zog er sich allerdings die Feindschaft des dortigen Adels zu. Auch die Mehrzahl der Reichsfürsten begann sich über den Machtzuwachs des böhmischen Königs Sorgen zu machen.

 

Ihren Ausdruck fand diese Haltung 1273, als es zu einer neuen Königswahl im Reich kam. Ottokar war den Kurfürsten wegen seiner Machtfülle suspekt, sie wählten den vermeintlich „armen Grafen“ Rudolf von Habsburg. Ottokar erkannte die Wahl und den neuen König nicht an. Dieser forderte im Gegenzug die Rückgabe angeeigneter Reichsterritorien, was vor allem auf Ottokar und das besetzte Egerland gemünzt war. In einer Reichsgerichtsverhandlung zu dieser Anschuldigung unterlag Ottokar, worauf Rudolf die Reichsacht gegen ihn verhängte. Dadurch verlor Ottokar die letzte Unterstützung innerhalb des Reiches und in den benachbarten Territorien. Auch innerhalb Böhmens verweigerte eine starke Adelsopposition dem König die Unterstützung. Im Süden seines Territoriums brach sogar ein offener Aufstand aus, an dem sich einflussreiche böhmische Geschlechter wie die Witigonen, angeführt durch Zawisch von Falkenstein und Boresch von Riesenburg beteiligten. Ottokar war gezwungen, 1276 in Wien (Frieden von Wien) auf alle Erwerbungen zu verzichten. Ihm blieben nur Böhmen und Mähren. Als er kurz darauf versuchte, seinen Herrschaftsraum mit Waffengewalt wiederherzustellen, unterlag er am 26. August 1278 in der Schlacht auf dem Marchfeld. Rudolf blieb siegreich, Ottokar wurde auf dem Schlachtfeld getötet, man vermutet einen Racheakt eines Kärntner Ritters.

 

Nach seinem Tod wurde er zunächst in der Wiener Minoritenkirche 30 Wochen lang aufgebahrt und 1279 in der Krypta der Klosterkirche des Znaimer Minoritenklosters beigesetzt. Erst 18 Jahre später im Jahr 1296 wurden seine sterblichen Überreste nach Prag überführt.

 
Kampf um die Nachfolge
 

Nach seinem Tod übernahm Rudolf von Habsburg die Macht in Mähren. Mit der Verwaltung wurde der Olmützer Bischof Bruno von Schauenburg beauftragt. In Böhmen bat Königswitwe Kunigunde den Verbündeten der Premysliden, Otto V., Markgraf von Brandenburg um Hilfe.

 

Otto V., entfernt mit dem böhmischen Herrscherhaus verwandt, zog mit seinem Heer nach Böhmen und traf auf intensive innere Machtkämpfe. Vor allem die Gegner der Premysliden, hier vor allem die Witigonen, stürmten königliche Städte und Güter in Südböhmen. Die Herren von Lichtenburg (Nachkommen derer von Ronow) besetzten Deutschbrod und auch in anderen Gegenden herrschten erbitterte Kämpfe. Otto versuchte diese Situation für sich auszunutzen, musste sich aber schließlich gegen die Übermacht der Habsburger geschlagen geben.

 

Nachfolger Ottokars II. Přemysl als König von Böhmen wurde sein minderjähriger Sohn Wenzel II. (tschechisch Václav II.), der jedoch erst im Jahr 1288 tatsächlich die Macht übernehmen konnte.

 
Nachwirken
 

In Österreich gründete Ottokar die Städte Marchegg, Leoben und Bruck an der Mur. Das vom Babenbergerherzog Friedrich II. begonnene romanische Westwerk der Stephanskirche ließ er weiterbauen, sowie auch die Hofburg.

 

Auch in Böhmen förderte er die Städte gegenüber dem Adel. Vor allem die Residenzstadt Prag profitierte von der durch ihn angestoßenen regen Bautätigkeit. Ottokar belebte die vorher wenig besiedelten Randgebiete Böhmens, indem er Bauern und Handwerker „aus Schwaben“ zur Ansiedlung einlud und sie mit königlichen Freiheiten ausstattete. Vom Adel verlangte er dagegen die Auslieferung aller unrechtmäßig erworbenen Güter und ließ neue Burgen schleifen. Die erste geschriebene Reimchronik in tschechischer Sprache, die während seiner Regierungszeit entstand, rügte Ottokars Verhalten. Und tatsächlich konnte seine rigide Konfrontationspolitik den allgemeinen Machtzuwachs des böhmischen Adels im 13. Jahrhundert nicht aufhalten.

 

1255 soll der Deutsche Orden auf Veranlassung des böhmischen Königs Ottokar II. eine Burg namens Conigsberg errichtet haben. Die umliegende Stadt wurde später als Königsberg berühmt.

 

Ottokar war auch verantwortlich für eine neue Grenzziehung innerhalb der österreichischen Länder; die Anfänge des Landes Oberösterreich gehen auf ihn zurück.

 

Nach Ottokars Tod fiel Österreich an die Habsburger, die es bis zum Ende der Monarchie 1918 beherrschen sollten.

 
Person
 

Ottokar II. war ein äußerst ambitionierter Herrscher, der ohne Rücksicht und skrupellos seine Ziele verfolgte. Seine Regentschaft zeichnete sich durch autokratische Züge aus. Trotz allem gelang es dabei den böhmischen Adligen die Schaffung des Landesgerichts durchzusetzen und einige Ämter, die bisher nur der Herrscher ausübte (cameratius regis) auf die Kämmerer (cameratius regni) zu verteilen. Seine Beschlagnahmungen von Ländereien, die bereits dem Adel gehörten, bezeichnen einige Historiker als einen Rückschritt in das frühe Mittelalter. Solange er erfolgreich war, konnte er die Adligen mit Vergabe von Funktionen und Verwaltungsaufgaben still halten und ihnen ein gesichertes Einkommen zukommen lassen. Nach der Thronbesteigung des römisch-deutschen Königs Rudolf kam es jedoch zum Umbruch und die dauernden Misserfolge riefen den Widerstand und das Misstrauen der Aristokratie hervor. Es ist jedoch fraglich, ob diese damit dem eigenen Land nicht einen Dienst erwiesen haben, indem sie nicht blind dem König gehorchten. Zumindest die Krise in den Jahren zwischen 1278 bis 1283 zeigte, dass ein Großteil des böhmischen Adels doch eine gewisse Verpflichtung gegenüber seinem Volk übernommen hat und das Land aus den Schwierigkeiten, in die es geraten war, herausführte.

 
Nachkommen
 

Erste Ehe: 11. Februar 1252 Margarete von Babenberg (1205–1267), kinderlos, Scheidung 1261

Zweite Ehe: Kunigunde von Halitsch (1246–1285)

Heinrich, (* 1262; † 1263)
Kunigunde (* 1265; † 27. November 1321) ∞ Herzog Boleslaw von Masowien, nach der Scheidung 1302 Äbtissin von St. Georg zu Prag
Agnes (1269–1296) ∞ Rudolf II. (1271–1290), Herzog von Österreich (Bruder von Albrecht I.)
Wenzel II. (1271–1305), König von Böhmen

Illegitime Kinder mit Hofdame Anna (?Margarete, ?Agnes) von Chuenring (alle?)
 
Nikolaus I. ∞ 1283 Adelheid von Habsburg. Begründer der letzten männlichen Přemysliden-Linie, die 1521 ausstarb.
Johann, (Ješek), Propst zu Vyšehrad bis 1296
Agnes ∞ Bavor III., Herr von Strakonitz
N.N. (Tochter) ∞ Markwart von Trnava
N.N. (Tochter) ∞ 1276 mit Wok, Herr von Beneschau und Krawarn
Elisabeth ∞ Vikard, Herr von Polna, Burggraf von Brünn
N.N. (Tochter) ∞ 1277 mit N.N., Herr von Weitra
 
 
Durch Ottokar II. Přemysl gegründete Königsstädte Böhmen
 
Písek, 1254
Kolín, 1253–1261
Gurim, 1253–1261
Zittau, 1255
Brüx, vor 1257
Tschaslau, etwa 1260
Chrudim, etwa 1260
Klattau, um 1260
Hohenmauth, etwa 1260
Aussig, um 1260
Laun, nach 1260
Kaaden, vor 1261
Taus, etwa 1262
Budweis, 1265
Polička, 1265
Ostrov nad Ohří, 1269
Chotieborsch, zwischen 1265–1278
Nimburg, vor 1276
Tachau, 1253–1278
Königinhof an der Elbe, 1253–1278
Jaroměř, 1253–1278
Melnik, 1253–1274
Kuttenberg, vor 1276
 
Mähren
 
Olmütz, 1253
Ungarisch Hradisch, 13. Oktober 1257
Mährisch Kromau, wahrscheinlich 1260
Litovel, 1270
 
Steiermark
 
Bruck an der Mur, 1260–1263
Leoben, 1261–1263
möglicherweise Radkersburg, 1261 (wird heutzutage eher als Gründung Albrechts I. bezeichnet)
 
Niederösterreich
 
Marchegg, 1268
 
Vorlage zum Drama

Franz Grillparzer nahm 1825 seine tragische Geschichte als Vorlage für das Drama„ König Ottokars Glück und Ende“.

 
Literatur
 

Robert Luft: Přemysl Otakar II.. In: Neue Deutsche Biographie (NDB). Band 20, Duncker & Humblot, Berlin 2001, ISBN 3-428-00201-6, S. 697–699 (Digitalisat).
Jörg K. Hoensch: Přemysl Otakar II. von Böhmen. Der goldene König. Verlag Styria, Graz/Wien/Köln 1989, ISBN 3-222-11910-4.
Jiří Kuthan: Přemysl Ottokar II. König, Bauherr und Mäzen. Höfische Kunst im 13. Jahrhundert. Verlag Böhlau, Wien 1996, ISBN 3-205-98119-7.
Alfons Huber: Ottokar II., König von Böhmen. In: Allgemeine Deutsche Biographie (ADB). Band 24, Duncker & Humblot, Leipzig 1887, S. 768–772.
Miloslav Polívka: PREMYSL OTTOKAR II.. In: Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon (BBKL). Band 7, Bautz, Herzberg 1994, ISBN 3-88309-048-4, Sp. 928–930.

 

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Wenzel 2., böhmischer König

 

 

Wenzel II. (tschechisch Václav, polnisch Wacław) (* 27. September 1271; † 21. Juni 1305 in Prag) war ab 1278 König von Böhmen und ab 1300 als Wenzel I. König von Polen. Er war der vorletzte Herrscher aus der Dynastie der Přemysliden.

 

Als Kind lebte er von 1279 bis 1283 in Gefangenschaft seines Vormunds Otto V. in Brandenburg. Nach seiner Rückkehr stand der jugendliche König in Prag bis 1288 unter dem Einfluss des Witigonen Zawisch von Falkenstein. Als regierender König erwarb er zur böhmischen 1300 die polnische und von 1301 bis 1303 für seinen Sohn Wenzel III. die ungarische Krone.

 

Im Gegensatz zu seinem Vater Přemysl Ottokar II. war Wenzel II. kein Eroberer, sondern vor allem Diplomat. Deshalb galt er der Nachwelt bis in das 20. Jahrhundert als schwacher Herrscher, der seine Erfolge vor allem dem Geld verdankte und ansonsten von seinen Ratgebern abhängig war.[1] Als Herrscher über die böhmischen Silberminen verfügte er über genügend Mittel, um sich in der europäischen Politik zu behaupten und Böhmen eine langjährige Friedenszeit zu sichern.

 
Geburt
 

Wenzel wurde 1271 als lang erwarteter Thronfolger König Přemysl Ottokars II. auf der Prager Burg geboren. Sein Vater war seit 1253 König von Böhmen und hatte zudem ab 1251 die Macht in den Herzogtümern Österreich, Steiermark, Kärnten und Krain erworben. Dessen erste Ehe mit Margarethe von Babenberg blieb kinderlos. Von den Kindern, die dessen zweite Frau Kunigunde von Halitsch zur Welt brachte, lebten 1271 nur noch zwei Mädchen: Kunigunde und Agnes. Wenzel war bei seiner Geburt der einzige legitime Sohn und Erbe eines Territoriums, das vom Riesengebirge bis zur Adria reichte.

 

Das Reich Přemysl Ottokars II. zerbrach jedoch am Konflikt mit dem römisch-deutschen König Rudolf I. von Habsburg. Bereits dessen Wahl 1273 hatte der böhmische König abgelehnt, und er widersetzte sich auch der Forderung, sich seine Länder als Reichslehen bestätigen zu lassen. 1275 verhängte Rudolf über ihn die Reichsacht. Die Feindschaft eskalierte 1276 in einen bewaffneten Zusammenstoß, in dem Přemysl unterlag. Er verlor bis auf seine Erbländer alle Territorien und musste Rudolf zwei Kinder versprechen: Kunigunde wurde zur Ehefrau für Rudolfs Sohn Hartmann bestimmt, Wenzel sollte eine Tochter des Habsburgers heiraten. Die Beziehung beider Herrscher verschlechterte sich dennoch weiter und endete 1278 mit der Schlacht auf dem Marchfeld, in der Přemysl Ottokar II. fiel. Der siebenjährige Wenzel war zum König von Böhmen geworden.

 
Geiselhaft
 

Zum Vormund hatte Přemysl Ottokar II. vor der Schlacht seinen Neffen Markgraf Otto V. von Brandenburg vorgesehen, der im Spätsommer 1278 dem Ruf der Königinwitwe folgte und mit einem mehrere hundert Mann starken Heer in Böhmen einrückte. Die Regentschaft Ottos entwickelte sich rasch zur Schreckensherrschaft. Die Brandenburger Truppen plünderten das Land. Der Markgraf hatte nach kurzer Zeit den Adel, die Kirche und die Königinwitwe gegen sich. Kunigunde bat zwar bereits im Oktober 1278 Rudolf von Habsburg um Vermittlung, doch die Verhandlungskommission bestätigte Otto als Vormund und Herrscher über Böhmen. Mähren behielt Rudolf für die Dauer von fünf Jahren in seiner Gewalt. Um seine Macht abzusichern, ließ Otto von Brandenburg sein Mündel im Januar 1279 aus Kunigundes Residenz in der Stadt in die Prager Burg bringen. Doch reichte dies nicht: am 4. Februar wurde Wenzel mit seiner Mutter auf die Burg Bezděz überführt. Von diesem Zeitpunkt an war der junge König Geisel des Regenten.

 

Die Königin wurde offenbar nicht gefangen gehalten. Sie verließ die Burg nach etwa zwei bis drei Monaten in Richtung Troppau, wo ihre Witwengüter lagen. Wenzel blieb in Ottos Gewalt. Im Spätsommer 1279 brachte der Markgraf den König außer Landes: die Reise führte über Zittau und Berlin in die Askanierburg Spandau, wo der Gefangene Ende Dezember eintraf und bis 1282 blieb. Das Bild der Brandenburger Gefangenschaft Wenzels war lange von der zeitgenössischen Schilderung der Königssaaler Chronik geprägt, nach der er hungrig und zerlumpt in Elend gehalten worden sei – ein hagiographisches Element, das so nicht aufrechterhalten werden kann. Tatsächlich blieben Wenzel II. und Otto V. auch später in engem Kontakt, und es scheint, als habe der König gerade in jener Zeit die Grundlagen seiner Bildung erworben. Er sprach später fließend Deutsch und Latein, besaß Kenntnisse der Theologie, des Rechts und der Medizin und verfasste Verse. Lesen und Schreiben lernte er jedoch nicht.

 

Ins Elend stürzte während der Brandenburger Herrschaft dagegen das Land. In den Jahren 1281–1282 ereignete sich in Böhmen, verursacht durch andauernde Kämpfe und zwei Missernten, eine der schlimmsten Hungersnöte des Mittelalters. Das Land wurde von Söldnern und Räuberbanden heimgesucht und drohte im Chaos zu versinken. Vertreter des Adels, der Geistlichkeit und einiger Städte nahmen Verhandlungen mit Otto auf, um den König wieder ins Land zu holen und die bedrohliche Situation abzuwenden. Diese Verhandlungen weisen auf eine grundlegende Veränderung der staatlichen Ordnung hin. Der Adel trat – in Abwesenheit einer zentralen Macht – erstmals geschlossen als Repräsentant des Landes auf und übernahm Verantwortung für dessen Schicksal. Die ersten Einigungsversuche im Frühjahr 1282 scheiterten an der Höhe des Lösegeldes. Otto brachte seine Geisel nach Prag, verlangte aber statt der ursprünglichen 15.000 zusätzliche 20.000 Pfund Silber. Wenzel wurde erneut fortgeführt und verbrachte ein weiteres Jahr in Dresden am Hof des Markgrafen von Meißen. Erst als die Verhandlungsführer dem Markgrafen einen Teil Nordböhmens als Pfand versprachen, ließ Otto den Gefangenen frei. Am 24. Mai 1283 kehrte Wenzel nach Prag zurück.

 
Zawisch von Falkenstein
 

Prag feierte die Rückkehr des Königs im Mai 1283 begeistert, selbständig regieren konnte der knapp Zwölfjährige noch nicht. Die adlige Gruppe, die sich für seine Freilassung eingesetzt hatte, teilte die höchsten Hofämter untereinander auf. Hofmeister und damit Erzieher und Vertreter des Königs wurde ihr Anführer Purkart von Janowitz. Die Konstellation hatte nur wenige Monate Bestand. Noch im Verlauf des Jahres 1283 rief Wenzel seine Mutter Kunigunde nach Prag zurück, und mit ihr kam Zawisch von Falkenstein an den Hof. Die Karriere des Burggrafen aus dem einflussreichen südböhmischen Geschlecht der Witigonen hatte zum damaligen Zeitpunkt bereits einige außergewöhnliche Wendungen durchlaufen: 1276 hatte er eine Rebellion gegen Přemysl Ottokar II. angeführt. 1280 trat er in Oppeln in den Dienst der Königinwitwe und beteiligte sich am Widerstand gegen die brandenburgische Regentschaft. Nach Prag kam er 1283 als Kunigundes Ehemann und Vater ihres jüngsten Sohnes Jan. Die ungleiche Ehe, noch dazu heimlich, ohne Wissen der Familien eingegangen, war ein Skandal, doch da vollzogen, war sie nach damaligem Recht gültig. Der junge König akzeptierte die Verbindung, und Kunigunde überließ Zawisch Wenzels Erziehung. Der Wittigone war damit faktisch zum Herrscher des Landes aufgestiegen. Er übernahm selbst kein Amt, doch noch im Winter 1283/1284 besetzte er alle wichtigen Hofposten mit seinen Verwandten und Parteigängern. Die entmachtete Adelsgruppe ging zum bewaffneten Widerstand über, musste aber im Mai 1284 einen vierjährigen Waffenstillstand akzeptieren. Die offizielle Eheschließung holten Zawisch und Kunigunde zu einem nicht näher bekannten Zeitpunkt zwischen 1283 und 1285 nach.

 

Auch wenn die Macht Zawischs in Böhmen unangreifbar schien, für den Hof des römisch-deutschen Königs blieb der Aufsteiger inakzeptabel. Dies zeigte sich deutlich in Verlauf von Wenzels eigener Eheschließung mit Guta von Habsburg. Die beiden wurden bereits 1278/1279 verlobt, möglicherweise auch schon verheiratet. Vollzogen werden konnte die Ehe aber erst im Januar 1285 bei einem Treffen der Familien in Eger, als Braut und Bräutigam 13 Jahre und damit so gut wie volljährig waren. Wenzel leistete bei der Gelegenheit dem Schwiegervater auch den Lehnseid für seine Erbländer. Zawisch war bei der Zeremonie nicht anwesend, und als Rudolf I. Eger verließ, nahm er seine Tochter wieder mit. Erst im Sommer 1287 gab der Habsburger dem Drängen der böhmischen Seite nach und die Königin zog mit ihrem Gefolge auf dem Prager Hof ein. Ein Jahr später nahm Wenzel II. die Regierungsgeschäfte in eigene Hand. Eine seiner ersten selbständigen Amtshandlungen war im Jahr 1288 eine Verschwörung gegen seinen Stiefvater, der gerade, drei Jahre nach Kunigundes Tod, eine neue Ehe eingegangen war und dessen freiwilliger Verzicht auf die Macht im Land nicht zu erwarten war. Wenzel ließ Zawisch unter einem Vorwand in die Burg rufen und nahm ihn gefangen. Nach zweijähriger Kerkerhaft starb Zawisch von Falkenstein 1290 vor der Burg Hluboká durch das Schwert. Der tiefgläubige König soll schwer an seiner Entscheidung getragen haben. Das Zisterzienserkloster Zbraslav gründete er nach Aussage zeitgenössischer Quellen als Sühne für seinen Verrat.

 
Herrschaft
 

Sowohl der Vergleich mit seinem charismatischen Vater Přemysl Ottokar II., als auch die spektakulären und skandalträchtigen Ereignisse in der Jugend Wenzels II. haben das Urteil über den König jahrhundertelang geprägt. Er galt als ein schwacher Herrscher, seine Persönlichkeit wurde als neurotisch bis krankhaft beschrieben, das Interesse an seiner Regierungszeit war gering. So urteilte bereits sein Zeitgenosse Dante Alighieri über Vater und Sohn:

 
Hieß Ott’kar, der, mit Windeln noch umkleidet,
Besser als Wenzeslaus, sein Sohn, erschien,
Der Bärt’ge, der an Üppigkeit sich weidet.[2]
 

Politisch und ökonomisch erlebte Mitteleuropa in den Jahren 1290–1305, in der Zeit Wenzels II. selbständiger Regierung, allerdings eine Phase der Ruhe und Stabilität. Im Gegensatz zu seinen Vorgängern pflegte der König einen Regierungsstil, der auf fachkundige Berater und Diplomatie statt auf Krieg und Eroberung setzte. Den Besitz seines Vaters in den Alpenländern konnte er nicht wiedererlangen. Das Hauptaugenmerk böhmischer Außenpolitik richtete er nach Norden: Auf die Markgrafschaft Meißen, das Pleißenland und besonders nach Polen. Als Kurfürst war er auch einer der Hauptakteure in der Politik des Heiligen Römischen Reiches. Die römisch-deutschen Könige Rudolf I., Adolf von Nassau und Albrecht I. waren seine Lehnsherren. Der Reichtum und die Macht der böhmischen Krone ließ sie zu seinen Verhandlungspartnern und oft auch zu Gegnern werden.

 
Böhmen
 

Wenzel II. übernahm von seinem Stiefvater eine relativ gefestigte Herrschaft. Um das Land endgültig zu befrieden und den erstarkten Adelsstand in Schach zu halten, stützte sich der König auf seinen Hof und hier vor allem auf geistliche Ratgeber. Die Außenpolitik legte er in die Hände erfahrener Diplomaten: Zunächst verpflichtete er Bischof Arnold von Bamberg (1290–92), dann Bernhard von Kamenz (1292–1296) und schließlich Peter von Aspelt (1296–1304).

 

Wirtschaftlich hatte sich die Lage nach dem Niedergang während der Brandenburger Zeit um 1290 wieder stabilisiert. Der Landesausbau während der Binnenkolonisation im 13. Jahrhundert und vor allem die neuerschlossenen ergiebigen Silbervorkommen in Kutná Hora schufen Voraussetzungen für wirtschaftlichen Aufschwung. Bereits vor 1300 wurde hier 41 % des europäischen und 90 % des böhmischen Silbers gefördert. Um die Arbeit in den Bergwerken und damit seine wichtigste Einnahmequelle zu regeln, gab Wenzel II. zwischen 1300 und 1305 das Ius regale montanorum in Auftrag, ein Bergrecht, das zumindest in Teilen bis 1854 gültig blieb. 1300 führte er eine Münzreform durch, um die Qualität der Währung zu heben. Der neue Prager Groschen setzte sich wegen seines stabilen Wertes auch im benachbarten Ausland durch. Der Prager Hof blieb unter König Wenzel II. wie schon unter seinem Vater ein kulturelles Zentrum, besonders der zeitgenössischen deutschen Literatur. Ulrich von Etzenbach widmete Wenzel II. einen Alexanderroman in 30.000 Versen, und vom König selbst sind in der Manessischen Liederhandschrift drei Minnelieder erhalten.

 

Zum glanzvollen Höhepunkt und Machtdemonstration des königlichen Paares sollte die Krönung werden. Sie musste mehrfach verschoben werden und fand daher erst im Jahr 1297 statt. Das Fest endete tragisch: Am siebzehnten Tag nach der Krönung starb Königin Guta an Erschöpfung bei der Geburt ihres zehnten Kindes. Der Fortbestand der Dynastie war trotz der hohen Kinderzahl nicht ausreichend gesichert. Fünf Kinder starben als Säuglinge. Drei Töchter konnte Wenzel II. zum Knüpfen diplomatischer Bündnisse einspannen: Agnes wurde mit Ruprecht von Nassau, Anna mit Heinrich von Kärnten und Margarethe mit Boleslaw von Liegnitz vermählt. Elisabeth, ursprünglich wohl für den geistlichen Stand bestimmt, blieb zu Lebzeiten ihres Vaters ledig. Nur ein Sohn, der künftige König Wenzel III., erreichte das Erwachsenenalter.

 
Polen
 

Kurz nach seiner Regierungsübernahme schaltete sich Wenzel II. in die Machtkämpfe in Polen ein. Das in Herzogtümer zersplitterte Königreich erlag ab dem 12. Jahrhundert sukzessive dem feudalen Partikularismus. Wenzel begann, systematisch Verbündete zu suchen und die Teilherrschaften unter seine Kontrolle zu bringen. 1289 leistete ihm mit Kasimir von Beuthen der erste polnische Herzog für sein Herzogtum den Lehnseid. 1291 gewann er die Oberhoheit über einen Großteil des Herzogtums Oppeln und das Herzogtum Krakau und ging ein Bündnis mit Herzog Bolesław III. von Masowien ein, dem er seine Schwester Kunigunde zur Frau gab. 1292 eroberte er das von Herzog Władysław Ellenlang von Kujawien, seinem mächtigsten polnischen Widersacher, gehaltene Herzogtum Sandomir, und war nun die stärkste Kraft in der Provinz Kleinpolen.

 

Einen Rückschlag erlitt die Politik Wenzels II. 1295, als Herzog Przemysław II., stärkster Mann in Großpolen und Pommerellen, überraschend zum polnischen König gekrönt wurde. Dieser fiel jedoch bereits ein Jahr später einem Mordanschlag zum Opfer. Als sein Nachfolger setzte sich Władysław Ellenlang in seiner Eigenschaft als Herzog von Großpolen und Pommerellen zunächst durch. 1299 schloss der verschuldete Herzog einen Vertrag mit Wenzel II., in dem er sich gegen eine Geldzahlung verpflichtete, dem böhmischen König den Lehnseid zu leisten. Er hielt die Vereinbarung nicht ein, daraufhin zwang ihn der Böhme 1300 ins Exil. Wenzel II. setzte sich damit, neben dem Besitz von Kleinpolen, auch als Herrscher in den Provinzen Großpolen, Pommerellen, Kujawien und Mittelpolen mit den Hauptburgen Sieradz und Łęczyca durch. Nur einzelne polnische Territorien lagen ab da noch außerhalb seiner unmittelbarer Macht, zum Beispiel das mit ihm verbündete Masowien. Vorsichshalber holte Wenzel II. noch die Zustimmung seines eigenen Lehnsherrn, des römisch-deutschen Königs Albrechts I. ein, und er hielt um die Hand Rixas an, der einzigen Tochter des verstorbenen Königs Przemysław. Als beides positiv ausfiel, marschierte Wenzel II. erneut mit einem Heer in Polen ein. Die bewaffnete Begleitung diente nur der Machtdemonstration, denn ernsthaften Widerstand gab es nicht mehr. Gekrönt wurde er im August 1300 in Gnesen durch Erzbischof Jakub Świnka. Seine Herrschaft sicherte er mit einer Reihe von Verwaltungsreformen. Unter anderem führte er das Amt eines Starosten als königlichen Vertreter ein, das auch nach seinem Tod in Gebrauch blieb. Bis Ende 1300 blieb der neue polnische König in seinem Königreich, dann zog er zurück nach Prag. Er betrat Polen nie wieder.

 

Die zweite Frau des Königs war im Jahr 1300 zwölf Jahre alt. Trotz dieses bereits ausreichenden Alters gab es zunächst keine Eheschließung, sondern nur eine Verlobung. Anschließend schickte Wenzel das Mädchen zu seiner Tante Griffina auf die Burg Budyně. Erst 1303 wurde die Ehe vollzogen, und Rixa, die nach der Heirat den Namen Elisabeth annahm, wurde Mutter von Wenzels jüngster Tochter Agnes. Warum Wenzel II. nach Gutas Tod sechs Jahre Witwer geblieben war, anstatt sich um weitere legitime Söhne zu sorgen, ist unklar. Glaubt man dem Verfasser der Österreichischen Reimchronik, so herrschten in diesen Jahren lockere Sitten am Prager Hof, wilde Feste wurden gefeiert und eine Geliebte Wenzels namens Agnes gab den Ton an. Einen Thronfolger für die beiden Königreiche gab es immerhin bereits.

 
Ungarn
 

Kurz vor dem Tod Wenzels II. kam mit Ungarn noch ein drittes Kronland in den Besitz der Přemysliden. Thronfolger Wenzel III. wurde bereits 1298 mit der ungarischen Prinzessin Elisabeth verlobt. Als deren Vater Andreas III. 1301 starb, erhob unter anderem auch Karl Robert von Anjou Ansprüche auf den Thron. Die Magnaten entscheiden sich aber für die Přemysliden und trugen dem böhmischen König die Stephanskrone an. Wenzel II. zögerte, die finanzielle Belastung und das Risiko waren groß. Doch schließlich sagte er zu und sandte seinen Sohn nach Ungarn. Im Mai 1301 fand in Buda die Wahl und im August in Székesfehérvár die Krönung statt. Um seine Abstammung von den Arpaden zu verdeutlichen, nahm Wenzel III. den Namen Ladislaus V. an.

 

Die ungarische Herrschaft scheiterte nach zwei Jahren am Veto des Papstes Bonifatius VIII. und an Albrecht von Habsburg, die beide die Machtfülle der Přemysliden zu vermindern suchten. Der Papst verhielt sich zunächst neutral, doch am 31. Mai 1303 erklärte er Karl von Anjou zum rechtmäßigen König von Ungarn. Bonifatius VIII. starb zwar im September 1303, an der Situation für die böhmischen Könige änderte sich auch unter seinem Nachfolger Benedikt XI. jedoch nichts. Wenzel II. sah sich gezwungen, mit dem römisch-deutschen König in Verhandlungen zu treten. Dessen Bedingungen waren unannehmbar: Albrecht verlangte den Verzicht auf die ungarische und polnische Krone, der territorialen Ansprüche auf Eger, Meißen und die Oberpfalz sowie eine Beteiligung an den Silberbergwerken in Kutná Hora. Als Wenzel II. einen solchen Ausgleich ablehnte, wurde Ende Juni 1304 über ihn die Reichsacht ausgesprochen, und ein Kampf der beiden Mächte stand bevor. Im Frühjahr 1304 zog Wenzel II. zunächst seinem Sohn zur Hilfe. Dessen wichtigster Berater hatte das Land verlassen müssen, der junge König war faktisch ein Gefangener im eigenen Land. Der bewaffnete Zusammenstoß blieb zwar aus, doch die Magnaten wechselten die Seiten und versagten dem gewählten König ihre Unterstützung. Nach zwei Monaten zog sich Wenzel II. mit seinem Sohn mit nach Prag zurück und gab Ungarn auf. Bei seiner Rückkehr erkrankte der König. Die Anstrengungen des Feldzuges brachten den Ausbruch der Tuberkulose mit sich.

 

Die letzte Auseinandersetzung musste Wenzel II. wenige Monate später bestehen. Im August 1304 fiel Albrecht von Habsburg und seine Verbündeten, kumanische Reitertrupps, in Mähren ein. Der böhmische und mährische Adel stand geschlossen auf Seiten seines Königs, doch Wenzel II. ließ sich auch diesmal nicht zum Kampf provozieren. Das Heer des Habsburgers wurde dennoch aufgerieben: Zunächst vergifteten die Bergleute in Kutná Hora das Trinkwasser der Feinde mit Silberstaub, und als Albrecht wegen des beginnenden Winters zum Abzug rüstete, griffen die böhmischen Truppen die Heimkehrer an. Die Friedensverhandlungen im Jahr 1305 bereitete Wenzel noch vor, den Friedensschluss erlebte er aber nicht mehr.

 
Tod
 

Der Tod des Königs dauerte ein halbes Jahr. Da seine Residenz in der Burg 1303 ausgebrannt war, lag der Kranke im Haus des Goldschmieds Konrad in der Prager Altstadt. Die Königssaaler Chronik schildert ausführlich, wie der Sterbende seine Angelegenheiten ordnete: er bezahlte seine Schulden, versorgte seine Witwe und gab einen Teil seines Vermögens der Kirche und den Armen. Dann tat er Buße. Nach seinem Tod am 21. Juni 1305 wurde sein Leib mit dem Schiff in das Kloster Zbraslav gebracht und in vollem königlichen Ornat in der Klosterkirche beigesetzt. Der Bericht über den Tod des Königs konnte als Argumentationsgrundlage für seine spätere Heiligsprechung verfasst worden sein. Zu diesem Schritt kam es nicht.

 

Wenzel II. war der vorletzte Přemyslidenkönig. Mit seinem Sohn und Nachfolger Wenzel III., der bereits 1306 einem Mordanschlag zum Opfer fiel, starb die Dynastie nach über 400-jähriger Herrschaft über Böhmen in der königlichen Linie aus.

 
Literatur
 

Verwendete Literatur:
Charvátová, Kateřina. Václav II. Král český a polský. Praha : Vyšehrad, 2007. ISBN 978-80-7021-841-9.
Žemlička, Josef u. U. Schulze: Wenzel II. in: Lexikon des Mittelalters 8 (1977), sp. 2188-2190
Weiterführende Literatur:
Příběhy krále Přemysla Otakara II. Zlá léta po smrti krále Přemysla Otakara II. Praha : Nakladatelství Vyšehrad, 1947.
Jan, Libor: Václav II. a struktury panovnické moci. Brno : Matice moravská, 2006. ISBN 80-86488-27-6.
Šusta, Josef: Dvě knihy českých dějin. Kus středověké historie našeho kraje. 2. Bände, Praha : Argo, 2001 und 2002. ISBN 80-7203-376-X (Bd. 1), ISBN 80-7203-377-8 (Bd. 2)
Adolf Bachmann: Wenzel II.. In: Allgemeine Deutsche Biographie (ADB). Band 42, Duncker & Humblot, Leipzig 1897, S. 753–756.
 
Quellen:
 
Chronicon Aulae Regiae (1311–1339): Die Königsaaler Geschichtsquellen. Mit den Zusätzen und der Fortsetzung des Domherrn Franz von Prag. Hg. Johann Loserth, Wien 1875, Nachdruck in der Schriftenreihe Fontes rerum Austriacarum : Abt. 1, Scriptores ; 8, Graz 1970
Ottokars Österreichische Reimchronik: Monumenta Germaniae Historica : [Scriptores. 8], Deutsche Chroniken = (Scriptores qui vernacula lingua usi sunt) ; 5,1

 

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Wenzel 3., böhmischer König

 

 

Wenzel III. (* 6. Oktober 1289; † 4. August 1306 in Olmütz) war ab 1301 König von Ungarn, ab 1305 König von Böhmen und Titularkönig von Polen und der letzte aus der Dynastie der Přemysliden.

 
Leben
 

Wenzel III. war der einzige Sohn des Königs Wenzels II. und seiner Frau Guta von Habsburg. Nach dem Aussterben der Arpaden wurde er am 27. August 1301[1] in Stuhlweißenburg als Ladislaus V. zum König von Ungarn gekrönt. Nach dem Tod seines Vaters erbte er 1305 die böhmische und polnische Krone, die sein Vater kurz zuvor erworben hatte. Neben den Kronen erbte er aber auch den Krieg mit Albrecht I. und den von Władysław I. Ellenlang angeführten Aufstand in Polen sowie Unruhen in Ungarn.

 

Papst Bonifatius VIII., der die Lehnshoheit über Ungarn beanspruchte, erklärte die Herrschaft über Polen und Ungarn schließlich für ungültig. Nach wenigen Wochen schloss er einen Friedensvertrag mit König Albrecht I., der durch Feldzüge das Urteil des Papstes durchzusetzen versuchte. Wenzel verlor das Egerland sowie die sich in böhmischer Hand befindlichen Teile des Vogtlands und der Mark Meißen. Die ungarische Krone verlor er an Otto von Bayern.

 

Er konzentrierte seinen Herrschaftsanspruch nun auf die polnischen Gebiete. Er heiratete Viola Elisabeth von Teschen aus der Piasten-Dynastie, verband sich mit einigen deutschen Ordensrittern, die ihn bei den Verhandlungen mit den Polen unterstützten. Gleichzeitig begann er mit Vorbereitungen zu einem Kriegszug, mit dem er seine Macht stärken wollte. Am 4. August 1306 wurde er im Hause des Olmützer Domdekans ermordet. Der Mörder ist unbekannt.e

 
Nachfolg
 

Wenzel III. war mit Viola Elisabeth von Teschen verheiratet. Mit ihm erloschen die Přemysliden im Mannesstamm. In Böhmen entflammte erneut eine Welle der Gewalt, als die mächtigen Adeligen während des Machtvakuums versuchten, ihre Ländereien und Vermögen auszuweiten. Es kam zu Usurpationen kirchlicher Vermögenswerte. Gleichzeitig versuchte man Ungerechtigkeiten, die man erfahren hatte, auszugleichen. Diese Situation nutzten die Luxemburger aus und übernahmen den böhmischen Thron.

 

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Karl IV. 1

 

 

Přemyslidendynastie
Ein feiger Mord
Luxemburger und Přemyslidin
Das Kind Wenzel
Jahre in Paris
Aus Wenzel wird Karl
In Italien
In die Heimat zurück
Der Königspalast
Erzbistum Prag

 

 

Karl IV. 2

 

 

Böhmische Krönung
Gründung der Neustadt
Vyšehrad
Karlsuniversität
Burg Karlstejn
Karlsbad
Die römische Krönung
Die goldene Bulle
Karlsbrücke
Karlsbrücke Statuen 1
hl. Ivo Hélory von Kermartin
Madonna und der hl. Bernhard
hl. Barbara, Elisabeth und Margarete
Thomas von Aquin, hl. Dominikus und Madonna
Pietä
Figurengruppe mit Kruzifix
Jesus und hl. Josef
hl. Anna und Jesuskind
hl. Francisco de Xavier
hl. Kyrill und Methodius
Karlsbrücke Statuen 2
hl. Christophorus
Johannes der Täufer
hl. Franziskus von Borgia
hl. Norbert, Sigismund und Wenzel
Ludmilla und Wenzel
hl. Johannes von Nepomuk
hl. Franziskus Seraphicus
hl. Antonius von Padua
Vinzenz Ferrerius, hl. Prokop
hl. Judas Thaddäus
Karlsbrücke Statuen 3
hl. Nikolaus
hl. Augustinus
hl. Luitgard von Tongern
hl. Kajetan
hl. Adalbert
hl. Philippus Benitius
hl. Johannes von Matha, hl. Iwan und hl. Felix von Valois
hl. Veit
hl. Wenzel
hl. Cosmas und Damian

 

 

Karl IV. 3

 

 

Kleinseite
Altstadt und andere Stadtteile
Der fanatisch religiöse Wahnsinn
Das mittelalterliche Leben in Prag
Ende des Lebens
Daten

 

 

Přemyslidendynastie

 

 

Der Name Prag hatte im Gedächtnis der gebildeten und politischen Welt einen genauso guten Klang wie die Namen, Florenz, Genua, London, Nürnberg oder Venedig. Auch die italienischen Humanisten (einschließlich des Dichters Franzesco Petrarca) erkannten die Macht und den Ruhm dieses fähigen Herrschers an, sie pilgerten zu seinem Hof und kommentierten mit großer Überraschung das Leben in dieser Stadt, die ihrer Ansicht nach bereits in dem nördlichen rauhen Gebiet lag, das eine jede Verbindung mit dem beleben den Pulsschlag des antiken Erbes völlig zu vermissen schien.

 

Prag verdankt Karl IV. sehr viel. Er war es, der daraus eine europäische Großstadt machte und das Aussehen dieser Stadt für lange Jahrhunderte prägte, und der sich um der Aufschwung Prags verdient machte. Man darf aber nicht vergessen, dass er dabei im beträchtlichen Maße an die Tätigkeit seiner Vorgänger auf eine geniale Weise anknüpfte und das in der Stadt Prag versteckte Potential entfaltete und verwertete. Seit dem Ende des 9. Jahrhunderts, als der Fürst Bořivoj, ein Mitglied der Dynastie der Př

 

Dieser Bedeutung Prags entsprach auch das sich verwandelnde Aussehen der Prager Burgstätte und der Prager Vorburg am Moldauufer. Während sich der Sitz der Přemyslidenfürsten an dem linken Moldauufer befand, wurde das rechte Moldauufer seit der Neige des 10.-11. Jahrhunderts von der Burg Vyšehrad, die auch von dem Přemysliden beherrscht wurde, kontrolliert. Im Laufe der darauf folgenden Jahrhunderte verwandelte sich die Residenz der böhmischen Herrscher in eine Burg im wahren Sinne des Wortes. Die Erdwälle mit einer Pfahlumwehrung mussten in dem 11. und besonders im Laufe des 12. Jahrhunderts den Steinschanzen weichen. Auch der Burgpalast erhielt das Aussehen einer westeuropäischen Pfalz, und daneben ragte die baulich umgestaltete St. Georg Kirche hervor. Die baulichen Umgestaltungen wichen nicht einmal vor der Burgstätte Vyšehrad zurück. Der Fürst Sobĕslav I. (l 125-1140) verwandelte die Kapitelkirche in ein in dem zeitgenossischen romanischen Stil erbautes Heiligtum. Sein Werk wurde von dem Fürsten Vladislav II., fortgesetzt, der als zweiter böhmischer Herrscher (der erste war im Jahre 1085 Vratislav II.) im Jahre 1158 die Königswürde errang. Dieser Herrscher erbaute als einen Ersatz für die ältere, noch hölzerne Brücke eine steinerne Brücke über die Moldau, die zu Ehren seiner Gemahlin die Judithbrücke genannt wurde. Dieser Bau, der bis zur Hälfte des 14. Jahrhunderts seine Dienste leistete, ermöglichte die weitere Entwicklung von Geschäftsmännern und Handwerkersiedlungen auf dem Gebiet zwischen der Prager Burg und dem Vyšehrad.

 

Von großer Bedeutung waren die Ansiedlungen, die am linken Moldauufer direkt unter der Prager Burg lagen – ihre Fundamente wurden von einer durch geführten archäologischen Untersuchung entdeckt. Von gleicher Wichtigkeit waren auch die Ansiedlungen am rechten Moldauufer, besonders die Kolomen der deutschen Geschäftsmänner Na Pořiči und in der Umgebung des jetzigen Kleinen Ringes, und die kleinere Ansiedlung der jüdischen Prager. So wurde nach und nach ein Siedlungsraum gebildet, der nach der Přemyslidenburg zusammen fassend Praha genannt wurde. Im Laufe des 12. Jahrhunderts änderten die bedeutendsten handwerklichen kaufmännischen Ansiedlungen ihren Charakter. Die reichen Händler versuchten den Baustil der Herrenkreise, sowie die monumentalen Objekte der kirchlichen Institutionen (das Prämonstratenser Kloster von Strahov, das Kloster der Kreuzherren vom Grab Christi auf Zderaz, der Bischofshof unter der Prager Brücke und die nicht allzuweit entfernte Johanniterkommende an der Kirche der Jungfrau Maria unter der Kette) nachzuahmen, und sie erbauten im Einklang mit den westeuropäischen Gewohnheiten die eigenen gemauerten Häuser im romanischen Stil. Den bisherigen Erkenntnissen nach gab es in dem Prager Raum am Ende des 12. Jahrhunderts über 30 Kirchen, und die durchgeführten Untersuchungen zeigten, dass hier mehr als 70 Steinhäuser standen. Diese Steinhäuser befänden sich vorwiegend auf dem Gebiet der späteren Prager Altstadt. Am rechten Moldauufer konstituierte sich in der zweiten Hälfte dieses Jahrhunderts eine Stadt im wahren Sinne des Wortes. Ihre Entstehung wurde erst nach 1230 vollendet, als die Erteilung von Privilegien und die Errichtung der Stadtumwehrung den städtischen Charakter der auf dem Gebiet zwischen der St. Gallus Kirche und der Moldau liegenden Ansiedlungen bestätigten. Als ihr natürlicher Mittelpunkt galt der große Marktplatz (der jetzige Altstädter Ring) mit dem benachbarten Ungelt (Teyn-Tyn), einer Stelle, die für die fremden Geschäftsmänner reserviert wurde. Die Stadt wurde seit dieser Zeit als die „Große” oder die „Größere Prager Stadt” bezeichnet die Benennung „Prager Altstadt” setzte sich erst in der späteren Zeit durch. Ihr Areal, das 130 ha umfaßte, wurde von einer steinernen, durch 12 oder 13 Stadttore und Türme rhytmisierten Umwehrung umschlossen. Die Linie des Altstädter Befestigungsgürtels ist sogar bei der jetzigen dichten Bebauung gut sichtbar. Sie zog sich von der Moldau durch das Gebiet der jetzigen Straßen Revoluční, Na Přikopĕ, Na Můstku, 28. řijna und Národní, wo sie den Fluß wieder berührte. Auch an dem Flussufer gab es eine Befestigungsmauer, die das ganze Gebiet abschloss. Auf diesem Gebiet entstanden auch zahlreiche und künstlerisch sehenswürdige Kirchenbauten einige davon waren bereits im gotischen Stil errichtet. Als ein Beispiel kann man die St. Franziskus Kirche und die St. Salvator Kirche im Komplex des Agnes Klosters erwähnen. Um die Mitte des 13. Jahrhunderts und bis zu seinem Ende setzte sich die Gotik in der Profan und Sakralarchitektur weiter durch. Das neue ästhetische Empfinden wurde auch von den Juden angenommen, die zu dieser Zeit ihre Synagoge (Altneu-Synagoge genannt) erbauten. Außerhalb des durch die Altstädter Befestigung begrenzten Areals blieb jedoch eine ganze Reihe von Ansiedlungen am rechten Ufer, die mit dem Wirtschaftsleben der Stadt zusammen hingen und sein Hinterland darstellten.

 

Am linken Moldauufer, unter der Prager Burg, entstand eine Stadt im wahrsten Sinne des Wortes erst ein bisschen später. Diese Stadt, wofür die Benennung die Neue, und zuletzt die Kleinere Prager Stadt angewandt wurde und die in der Umgangssprache Die Kleinseite heißt, wurde im Jahre 1257 vom König Přemysl Otakar II. mit Hilfe von fremden Kolonisten gegründet. Die Benennung Kleinseite war symptomatisch, denn ihr ursprüngliches Areal nahm lediglich eine Fläche von 20 ha ein.

 

In den 30 er Jahren des 14. Jahrhunderts gründete der oberste Prager Burggraf in der westlichen Nachbarschaft der Prager Burg die dritte Prager Stadt: den Hradschin. Diese Stadt erwuchs an dem vom jetzigen Pohořelec bis zur Prager Burg führenden Weg. Sie reichte ursprünglich nur zur jetzigen Straße U kasáren, wo sich eine Stadtmauer mit zwei Toren befand. Die Stadt Hradschin unterlag der Prager Burggrafschaft, und sie war vor allem von denjenigen bewohnt, die durch ihre Profession direkt mit der Prager Burg verbunden waren. Am Anfang des 14. Jahrhunderts befand sich aber der Sitz der böhmischen Herrscher in einem sehr unerfreulichen Zustand. Nach dem tragischen Tod von Přemysl Otakar II. in der Schlacht auf dem Marchfeld und nach der Verwüstung des Přemyslider Palastes durch einen Brand erkoren die zwei letzten Könige der Přemyslidendynastie, Wenzel II. und Wenzel III. lieber die bequemen Altstädter Häuser zu ihrem Sitz, wo ihnen die Befestigungsanlagen dazu Ruhe und Sicherheit gewährten.

 

Daraus ist ersichtlich, dass Prag an der Schwelle vom ersten Jahrzehnt des 14. Jahrhunderts aus zwei Burgen und zwei selbstständigen Städten mit einer untergeordneten Stadt bestand. Prag stellte deswegen aus städterechtlicher Hinsicht gesehen kein einheitliches Gemeineinwesen dar. Die einfachen Bewohner der böhmischen Länder und die Ausländer erfassten aber diesen Städtekomplex als ein Ganzes, und bezeichneten ihn auch mit der Gesamtbenennung Prag. Der Bedeutung dieses Städtekomplexes als einer Gesamtheit waren sich auch die böhmischen Herrscher sehr gut bewusst. Falls sie nicht direkt in der Prager Burg residieren konnten, hatten sie ihren Sitz im Areal der Prager Altstadt, die für die erste und wichtigste Stadt des Königreichs Böhmen gehalten wurde. Das Gepräge des damaligen Prags wurde überwiegend von der deutschen Nationalität bestimmt. Die deutschen Geschäftsmänner beteiligten sich seit dem Frühmittelalter in bedeutender Weise an dem Wirtschaftsleben in dem Prager Kessel, und ihre Anzahl und Bedeutung erwuchs vor allem im Zusammenhang mit der Kolonisierung der böhmischen Länder im 13. Jahrhundert. Damals beteiligte sich das deutsche Element (die Deutschen kamen nach Böhmen aus den übervölkerten westlichen Gebieten des Heiligen Römischen Reiches) aktiv an den lange Jahre hindurch währenden Bemühungen, derer Resultat die Umwandlung von großflächigen Waldkomplexen in das bebaute Land und die Entstehung eines dichten Netzes von Städten war. Es liegt klar auf der Hand, dass diese Tatsache nicht ohne Einfluss auf die nationale Zusammensetzung der Bevölkerung, sowie auf das Leben des Prager Städtekomplexes bleiben konnte. Das Gebiet von Böhmen galt seit dem 13. Jahrhundert als ein Land von zwei Nationalitäten: zur tschechischen Nationalität gehörte immer noch der Großteil der Bevölkerung, während die Deutschen vor allem in den Großstädten konzentriert waren. Die Beziehungen zwischen diesen zwei ethnischen Gruppen bewegten sich innerhalb einer breiten Skala von Stimmungen von einer ruhigen Koexistenz bis zu offenen Konflikten. An dem Entwicklungsstand und in dem Reichtum Prags spiegelte sich am Ende des 13. und am Anfang des 14. Jahrhunderts direkt der jähe ökonomische und politische Aufschwung des Böhmischen Königreichs unter den letzten Přemysliden, ein Aufschwung, der nicht zuletzt auf den ausgiebigen Silbergruben basierte. Der böhmische Staat, der aus dem Böhmischen Königreich und aus der Mährischen Markgrafschaft bestand, reihte sich am Anfang des 14. Jahrhunderts unter die europäischen Großmächte ein. Der König Wenzel II. griff erfolgreich nach der polnischen Königskrone, und gewann für seinen Sohn, Wenzel III. noch die ungarische Krone hinzu. Diese Machtexpansion fand aber ein Ende, und alle die territorialen Errungenschaften gingen in Rauch auf.

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Ein feiger Mord

 

 

An einem heißen Nachmittag des 4. Augusts 1306 starb nämlich durch die Hand eines unbekannten Attentäters der erst siebzehnjährige König Wenzel III. Mit seinem Tod erlosch in der männlichen Linie die Přemyslidendynastie, die in Böhmen seit dem 9. Jahrhundert regierte. Durch diesen Mord, der in der mährischen Stadt Olomouc (Olmütz) verübt wurde. entstand die gewichtige Frage, wer auf dem Thron dieses reichen Staates sitzen wird. Die Entscheidung fiel dabei den Mitgliedern der vorderen Adelsfamilien zu, aber ihr Willen war nicht einheitlich. Ein Teil von ihnen sprach sich für den Herzog Heinrich von Kärnten aus sie argumentierten dabei mit dem Fakt, dass er Anna, Schwester des getöteten Přemyslidenherrschers, heiratete. Einer verbreiteten Meinung nach, sollte sich im Falle des Aussterbens eines Herrschergeschlechtes in der männlichen Linie eine Tochter gleicher Rechte wie ein Sohn erfreuen, damit „die Raubgier des Todes nicht den Faden eines königlichen Geschlechtes zerreißt”. Die zweite Gruppe von Wählern nahm mehr auf die aktuellen internationalen Zusammenhänge Rücksicht, und sie setzten als böhmischen König den österreichischen Herzog Rudolf, den Sohn des römischen Königs Albrecht von Habsburg, durch. Dieser war aber auch gezwungen, die öffentliche Meinung zu respektieren, und um seine Lage zu festigen, heiratete er nach seiner Ankunft in Prag Elisabeth Richenza, die Witwe des Königs Wenzel II. Das staatsmännische viel versprechende Walten des jungen Habsburgers wurde aber bereits im Jahre 1307 von einer schweren Krankheit und darauf von seinem Tod unterbrochen. Die Habsburger hofften, dass die böhmische Königskrone auch weiter in ihren Händen bleiben würde, aber sie verkalkulierten sich dabei. Die Anhänger des Heinrich von Kärnten waren diesmal erfolgreich, und beriefen ihren Favoriten auf die Prager Burg.

 

Heinrich von Kärnten erfüllte aber die gehegten Erwartungen nicht. Er gehörte zu den schwachen Herrschern, er war nicht imstande, die Autorität zu gewinnen und verlor bald die Kontrolle über die Verhältnisse im Lande. Das seinerzeit noch wohlprosperierende Königreich geriet in eine tiefe Krise. Sowie in Böhmen, als auch in Mähren spielten sich die Kämpfe der verfeindeten Adeligengruppen ab, die um den entscheidenden politischen Einfluss kämpften. Keine von diesen Gruppen war aber imstande, die Oberhand zu gewinnen. Zur weiteren Spannungssteigerung trugen auch die Streitigkeiten zwischen der Aristokratie, die bis auf einige Ausnahmen tschechischsprachig war, und den reichen Bürgern, die meistens dem deutschen Ethnikum angehörten, bei. Die Aristokratie war ängstlich darauf bedacht, ihre bisherige Stellung zu verteidigen, und sah mit einer bis in den Hass hinüber wachsenden Eifersucht auf die nicht adeligen, deutsch sprechenden Patrizier herab, derer Selbstbewusstsein und Aspirationen durch ihre vollen Geldtruhen unterstützt wurden. Das ökonomische und politische Wetteifern der Aristokratie und des Bürgertums nahm am Anfang des 14. Jahrhunderts die Form eines nationalen scharfen Zusammenstoßes zwischen dem deutschen und dem tschechischen Element an, die in dieser Zeit entstandene Rivalität zog sich durch die böhmische Geschichte bis in die moderne Zeit hinein. Damals schon, in der Zeit nach dem Aussterben der Přemysliden, lag klar auf der Hand, dass jeder böhmische Herrscher dazu gezwungen sein würde sich mit dem Problem der ungewöhnlich empfindsamen Beziehungen zwischen den beiden, das böhmische Land gemeinsam bewohnenden Nationalitäten, auseinanderzusetzen.

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Luxemburger und Přemyslidin

 

 

Die unerfreuliche politische Lage wurde noch durch die Missgunst des Wetters und durch ihre begleitenden Erscheinungen, Hunger und Missernten, verschlimmert. Jeder half sich, wie er nur konnte. Es gab aber nur wenige, die den Mut aufbrachten, sich den bewaffneten Adelsgefolgschaften zu stellen, die hauptsächlich ungeschützte Klostergüter überfielen und die vor allem Getreide, Vieh und andere landwirtschaftliche Produkte zu erbeuten suchten. Es waren die Mitglieder des einflussreichen Zisterzienserordens, der seinerzeit von König Wenzel II. ostentativ unterstützt wurde, die sich mit diesem Zustand nicht abfinden wollten. Gerade die Äbte der böhmischen Zisterzienserkonvente, Abt Heidenreich aus dem Sedlec-Kloster bei Kutná Hora (Kuttenberg) und Abt Konrad aus dem Zbraslav-Kloster bei Prag, bewerteten die Regierung des Heinrich von Kärnten sehr kritisch, und entschieden sich zu handeln. Sie sahen den Ausgang aus dieser schwierigen Lage vor allem in einer Änderung auf dem Königsthron, und verbanden ihre Hoffnungen mit Heinrich VII., dem neuen römischen König. Für die Verhandlungen mit diesem Herrscher konnten sie sogar einige böhmische Adelige gewinnen. Diese schwierigen Verhandlungen führten am Ende doch zu einer Lösung: Heinrichs vierzehnjähriger Sohn Johann heiratete die achtzehnjährige Přemyslidenprinzessin Elisabeth, eine weitere Schwester Wenzels III. Dadurch wurde für ihn im Jahre 1310 der Weg zum böhmischen Königsthron frei, er musste aber diesen Thron erst in einem Kampf mit Heinrich von Kärnten erkämpfen. Im Dezember desselben Jahres beherrschten die Militärtruppen Johanns, von einem Teil der böhmischen Aristokratie unterstützt, die Hauptstadt Prag. Die Luxemburger setzten sich auf den böhmischen Königsthron und bestätigten dadurch die alte Wahrheit, laut der, wer Prag beherrscht, auch den ganzen böhmischen Staat in seinen Händen hat.

 

 


 
 
Johann von Luxemburg
Karls IV. Vater
Triforium am Dom St. Veit
 
 
 
 
 
 

 
 
Elisabeth, Přemyslidin
Karl IV. Mutter

 
 
 
 
 

Die Hoffnungen, dass Johann von Luxemburg mit Hilfe seines Vaters die Lage im Königreich Böhmen beruhigen würde und dass er mit seiner Gemahlin Elisabeth reibungslos an den Ruhm der letzten Přemyslidenherrscher anknüpfen könnte, erfüllten sich leider nicht. Heinrich VII., seit dem Jahre 1312 Kaiser des Heiligen Römischen Reichs, konnte seinem Sohn für eine längere Zeit nicht helfen, denn er starb ganz unerwartet bereits im Jahre 1313. Der junge Johann, der auf dem französischen Königshofe erzogen wurde, und dessen Mentalität fest in dem »fest europäischen Milieu verankert war, geriet in eine sehr schwierige Lage. Er kam in die böhmischen Länder mit einer Vorstellung von der Souveränität des Herrschers, die allen Gesellschaftskräften in dem Staat übergeordnet sein sollte und die die Linie der Außen und Innenpolitik bestimmen sollte. Mit dieser in dem zeitgenössischen Frankreich üblichen Auffassung hatte er aber in Böhmen und Mähren keinen Erfolg. Der Hochadel errang nämlich im Laufe des 13.Jahrhunderts solche Positionen, dass der böhmische König im vermehrten Maße seinen Willen und seine Interessen respektieren musste. Es war nicht möglich, die unterschiedlichen Stellungnahmen des Herrschers und der adeligen Repräsentation in Einklang zu bringen.

 

Die ersten Jahre von Johanns Regierung waren deswegen durch die unaufhörlichen Spannungen zwischen den adeligen Gruppen und dem Herrscher charakterisiert. Der junge Johann von Luxemburg, der noch dazu von einer heftigen Natur war, war nie ganz imstande, die komplizierten und für ihn ungewöhnlichen Verhältnisse in Böhmen richtig zu bewerten und zu verstehen, weil sie sich wesentlich von den Verhältnissen in Frankreich und in der luxemburgischen Grafschaft unterschieden. Er geriet in dem sensibelen Alter des Heranwachsens in verschiedene Zusammenstöße mit dem böhmischen Adel, wobei er mehrmals nachgeben musste: diese Tatsache trug er mit Missbehagen. Dazu wuchs ihm das böhmische Milieu, das weniger reif und im Vergleich mit Westeuropa rauher und von einer einfacheren Kultur war, gar nicht ans Herz. Im Laufe der Zeit resignierte er mehr oder weniger darauf, das öffentliche Leben in seinem Königreich zu begreifen, er verließ Böhmen jeweils für eine längere Zeit und weilte in Westeuropa, besonders in Frankreich und in Luxemburg, wo er sich besser und freier fühlte. Die konfliktsvollen Beziehungen zwischen dem Herrscher und dem böhmischen Adel beeinflussten negativ auch seine Ehe mit der Přemyslidin Elisabeth. Diese selbstbewusste Königin, die auf ihre Přemyslidenherkunft sehr stolz war, exponierte sich zu sehr in den politischen Streitereien, womit sie manchmal nur Öl ins Feuer goss, und ihren Gemahl in Zorn brachte.

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Das Kind Wenzel

 

 

Die gespannten Verhältnisse zwischen den beiden königlichen Ehepartneren wurden lediglich durch die Geburt des lange erwarteten Sohns, eines Erben des böhmischen Throns, besänftigt. Nach den Geburten von zwei Töchtern wurde Elisabeth endlich von einem Jungen entbunden. Zu diesem freudigen Ereignis kam es frühmorgens am 14. Mai 1316. Aus den Nachrichten der zeitgenossischen Geschichtsschreiber geht hervor, dass die Königin ihr Kind in einem der prunkvollen Prager Häuser, und nicht direkt in der nach einem großen Brand nur wenig bewohnbaren Prager Burg gebar. Die Geburt eines Sohns erfreute nicht nur das königliche Ehepaar, sondern auch deren Hof, denn der erstgeborene Sohn galt in einer mittelalterlichen Herrscherfamilie als ein Symbol der Erhaltung der Dynastie und als eine Garantie ihrer Bedeutung. Durch ein Zusammentreffen der Umstände hielten sich damals in Prag zwei Kurfürsten (Wähler des römischen Königs) auf: der Mainzer Erzbischof Peter von Aspelt und der Trierer Erzbischof Balduin, Onkel des Königs Johann von Luxemburg. Die beiden nahmen auch an der festlichen Taufe des neugeborenen Prinzen teil, die am 30. Mai 1316 in der St. Veits Basilika auf der Prager Burg statt fand. Die Zeremonie selbst wurde von Peter von Aspelt zelebriert.

 

Der Knabe erhielt den Namen Wenzel, der seine Blutsverwandschaft mit dem Přemyslidengeschlecht symbolisieren sollte. Den gleichen Namen trug auch der berühmte Herrscher Wenzel I. (1230-1253) und die letzten Könige der Přemyslidendynastie: Wenzel II. (1278-1305) und Wenzel III. (1305-1306), mit denen der Aufstieg des böhmischen Staates unter die europäischen Großmächte verbunden war. Der kleine Prinz sollte in der Zukunft an ihre Erfolge anknüpfen. Im Gedächtnis eines jeden Bewohners des Böhmischen Königreichs rief der Name Wenzel aber eine noch wichtigere Assoziation hervor. Dieser Name verwies nämlich auf den heiligen Wenzel, den ersten böhmischen Heiligen, den Fürsten und Mitglied des Přemyslidengeschlechtes und den Patron des böhmischen Landes. Wer dachte im Moment der Taufe daran, dass der künftige Herrscher gerade diese Hl. Wenzel Tradition zu einem der Fundamente seiner staatsmännischen Konzeption machen wird? Keiner von denen, die sich an jenem Maitag in der St. Veits Basilika über dem hochgeborenen Säugling beugten, konnte ahnen, dass dieser Erbe des böhmischen Throns in die Weltgeschichte nicht unter dem Namen Wenzel, sondern unter dem Namen Karl eintreten würde.

 

Die Namensänderung des luxemburgischen Prinzen hing direkt mit der negativen Beziehung des Königs Johann zu den zerrütteten Verhältnissen in Böhmen zusammen, unter denen der junge Thronfolger zum Gegenstand von verschiedensten Erwägungen und Spekulationen wurde. Von Zeit zu Zeit tauchte sogar die wirkliche Drohung auf, dass die böhmischen Herren Johann von Luxemburg der böhmischen Königskrone für verlustigen erklären könnten, um selbst im Namen des unmündigen Kindes zu regieren. Die gegenseitigen Verdächtigungen der beiden königlichen Ehepartner waren vielleicht noch schlimmer. Johann hegte die Befürchtung, dass auch die Přemyslidin Elisabeth mit ihrem kleinen Sohn ähnliche Pläne haben könnte, und die Ratgeber des Herrschers wussten diese Befürchtungen noch sehr geschickt zu steigern. Als Elisabeth im Jahre 1319 mit dem dreijährigen Prinzen Wenzel auf die Burg Loket-Ellbogen (bei Karlsbad) abgereist war, bemächtigte sich der König gewaltsam dieser Burg, und hat seiner Gemahlin den Sohn weg genommen. Der Herrscher wies die Přemyslidin Elisabeth mit dem anderen Kindern auf die Burg Mĕlník aus, die über dem Zusammenfluss von Elbe und Moldau emporragte, den Wenzel ließ er aber unter seiner Aufsicht: so groß war seine Befürchtung, dass die adelige Opposition die Person des blutjungen Königssohns zu ihrem Ziel missbrauchen könnte.

 

Das dreijährige Kind verbrachte die ersten Tage nach der gewaltsamen Trennung von seiner Mutter in den Kellerräumen der Burg Ellbogen. Für den empfänglichen und empfindsamen Jungen bedeutete es eine psychische Erschütterung, die ihn für sein ganzes Leben kennzeichnete. Diese grausame Tat beeinflusste auch seine Beziehung zu den Eltern: während er sich im Verhältnis zu seinem Vater immer kühl und reserviert benahm, hegte er für seine Mutter eine große Bewunderung. Dies konnte auch dadurch bedingt sein, dass er mit ihr nie mehr in Kontakt getreten war, und deshalb idealisierte er sie in seinen Erinnerungen. Die Kinderfrauen und der Burggraf Oldřich Pluh (Ulrich Pflüg) von dem Jagdschloss Křívoklát, wohin der König den Prinzen Wenzel überführen ließ, waren keinesfalls imstande, dem Jungen die Mutterliebe zu ersetzen. In der unnatürlichen Zurückgezogenheit der Burgräume, die in der grünen Stille der mittelböhmischen Hochwälder verloren lagen, verbrachte der Herrschersohn seine Kindheit bis fast zu seinem siebenten Jahre. Am 4. April 1323 reiste er auf ein Befehl des Johann von Luxemburg unter sicherer Begleitung nach Frankreich ab.

 

Es gab gleich mehrere Begründungen, warum der böhmische König den Erben der Krone nach Paris sandte. Außer dem Misstrauen zur Přemyslidin Elisabeth spielten bei diesem seinen Entschluss auch die außenpolitischen Umstände eine große Rolle. König Johann mischte sich nach seinen traurigen Erfahrungen in die innenpolitischen Verhältnisse in Böhmen nur minimal ein: er ließ ihnen den freien Lauf, aber er ging um so mehr in der Außenpolitik auf. Dieser Herrscher, der in Böhmen „König-Ausländer” genannt wurde, galt in den Augen des westlichen und südlichen Europas als „König-Ritter” und „König-Diplomat”. Frankreich kannte Johann mehr als gut. Seine Schwester Maria war Gemahlin des französischen Königs Karl IV. (Kapet), und die Hoffnung, dass dieses Ehepaar noch einen Thronfolger zeugen könnte, kam fast gar nicht mehr in Frage. Das Zeitalter der Kapetdynastie neigte sich seinem Ende zu und alles wies darauf hin, dass diese Kapetdynastie auf dem französischen Königsthron von dem Grafengeschlecht von Valois abgelöst werden wird. Im Vorgefühl dieses Ereignisses vereinbarte Johann von Luxemburg die Heirat seines siebenjährigen Sohns mit Margarete (Blanche) von Valois, der Schwester des künftigen französischen Herrschers. Durch diese Bindung an die herrschende Dynastie der vorderen europäischen Großmacht wurde natürlich auch das Ansehen der Luxemburger erhöht. Es war aber nicht nur seine Braut, die der junge Wenzel in Frankreich aufsuchen sollte.

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Jahre in Paris

 

 

Johann von Luxemburg war fest überzeugt, dass der langjährige Aufenthalt auf dem Pariser Königshof für den Prinzen von Nutzen sein wird. Er kam dabei aus eigener Erfahrung, als auch aus den Traditionen des Luxemburgergeschlechtes heraus: die Grafen von Luxemburg pflegten ihre Söhne mehr oder weniger regelmäßig zur Erziehung zum französischen Königshof zu schicken. In diesem prachtvollen Milieu wuchsen auch Johanns Vater Heinrich, sein Onkel Balduin und Johann selbst auf, sie bekamen hier den gesellschaftlichen Schliff und gewöhnten sich die feinen Sitten an. Der junge und talentierte Wenzel durfte dabei keine Ausnahme sein. Aus dem Gesichtspunkt der Zukunft des Prinzen kann man diesen Entschluss seines Vaters als äußerst glücklich abschätzen. Frankreich zählte damals zu den besten entwickelten europäischen Ländern, galt als ein Beispiel der stabilen Monarchie, war Wiege und Zentrum der verfeinerten gotischen Kultur. Das zeitgenössische Paris gehörte zu bedeutendsten europäischen Zentren, und prahlte mit seiner berühmten Universität Solbonne und mit hervorragenden Werken seiner Architekten, Bildhauer und Maler. Kurz vor Karls Ankunft in Paris beendeten Pierre de Chelles und Jean Ravy die Domkuppel der Kathedrale Notre Dame, die im Jahre 1163 gegründet wurde.

 

Der königliche Hof selbst verdient eine ausführlichere Erwähnung. Die französischen Könige galten seit der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts als stärksten und einflussreichsten unter allen europäischen Herrschern. Sie zwangen 1309 sogar den Papst, aus Rom nach Avignon umzusiedeln, und machten den Hauptdarsteller der christlichen westlichen Religion von ihrer Politik abhängig. Zur Festigung des eigenen Prestiges verwendeten sie verschiedenste Mittel. Ihre Juristen (die so genannte Legisten) bewiesen, dass die königliche Macht in gerader Linie von Gott stammt, und dass der Herrscher berechtigt ist, über seine geistliche und weltliche Untertanen frei zu verfügen. Ihm obliegt auch die oberste Gerichtsbarkeit. In der Erfassung des Herrscher und Königsamtes brachten die französischen Könige die Verbindung der profanen und sakralen Komponente zum Ausdruck. Die komplizierten Symbole, die eingebürgerten Zeremonielle und die Zeichensprache der höfischen Kunst beteiligten sich an der Gestaltung des Nimbus der königlichen Macht, derer Glanz nicht nur die einfachen Sterblichen,sondern auch die diplomatischen Gesandtschaften und die fremden gekrönten Häupter blendete. In Frankreich wurden auf solche Weise erstmals alle die äußeren Attribute des Herrscherkultus entwickelt: die Residenzstadt und Hof in Paris, die Krönungs und Metropolitankathedrale in Reims und auch die königliche Begräbnisstätte in Saint Dems, wo die Kontinuität der Dynastie und des Staates von der Ahnenehrfurcht, die mit der Verehrung des Landespatrons verbunden war, geheiligt wurde.

 

Die französischen Könige beherrschten den Hochadel, der im Mittelalter für die Zentralmacht immer eine Gefahr der auseinandertreibenden Tendenzen darstellte, nicht durch Verwendung von Kraft, sondern durch eine geschickte Politik. Sie boten den mächtigen Vertretern des Hochadels einflussvolle Posten am Hof, verliehen ihnen die höchsten Ämter und ernannten sie neben den gebildeten Juristen, die aus den Reihen der Bürgerschaft und des Geistlichkeit stammten, zu Mitgliedern des königlichen Rates. Dadurch gliederten sie den Hochadel nicht nur in den Aufbau der zentralisierten Monarchie ein, sondern sie versicherten sich dadurch auch seiner Loyalität und Treue. Am Anfang des 14. Jahrhunderts wurde der Pariser Hof im ganzen abendländischen Kulturraum für ein unerreichbares Beispiel gehalten, das die Herrscherhöfe auf den Appenninenhalbinsel, in England, auf den Pyrenäen, in Polen, in Skandinavien und in Ungarn, an der Wende vom 13. zum 14. Jahrhunderts im bestimmten Maße sogar in Böhmen nachzuahmen suchten.

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Aus Wenzel wird Karl

 

 

In dieses Milieu kam im Frühling 1323 der böhmische Prinz, der auf dem französischen Königshof sieben Jahre verbringen sollte. Diese Jahre beeinflussten sein ganzes weiteres Leben, und gaben seinem Denken und seinen späteren staatsmännischen Taten die richtige Richtung an. Die Eheschließung mit der Prinzessin Margarete (Blanche) blieb vorläufig eine formelle Angelegenheit; der Knabe sollte in der ersten Reihe entsprechende Bildung und Erziehung genießen. Die Aufsicht darüber hielt der französische König selbst. Er fand an dem Prinzen Wenzel einen großen Gefallen, und gab ihm bei der Gelegenheit der Firmung sogar seinen eigenen Namen. Aus dem kleinen Wenzel wurde mit einem Schlag der kleine Karl. Dieser neue Name sollte aber nicht lediglich an den französischen Herrscher erinnern, sondern er hatte einen tieferen Sinn: er ging er doch durch den fränkischen Herrscher und ersten mittelalterlichen Kaiser Karl den Großen (768-814) in die Geschichte ein. Frankreich sah in diesem Herrscher seinen Begründer, und das mittelalterliche Europa sah in seiner Person ein Ideal des Herrschers und ein Beispiel des christlichen Ritters.

 


 
 
Blanche Margarete von Valois,
1. Ehefrau von Karl IV.
Triforium am Dom St. Veit
 

 

 

Beide Namen: der ursprüngliche (Wenzel) sowie der spätere (Karl) bestimmten einigermaßen im voraus die Linie des Lebensweges des böhmischen Prinzen. Es war, als ob darin vom Anfang an seine beiden künftigen Herrscher-Würden enthalten wären. Als Wenzel, Sohn einer Přemyslidin, hatte der junge Luxemburger die Aufgabe und die Berechtigung, sich auf den böhmischen Königsthron zu setzen, den ruhmreichen Weg seiner Vorfahren fort zu setzen und auf das Wohl seines Landes im Geiste der Intentionen des Landespatrons und seines Namensgenossen, des heiligen Wenzels, bedacht zu sein. Als Karl fühlte er dann die Pflicht, sich nach dem Beispiel des am meisten bewunderten mittelalterlichen Herrschers, des Erneuerers des Römischen Reichs, zu richten, und sich um die kaiserliche Krone zu bemühen, die bereits sein Großvater, Heinrich VII., trug. Der Mythos der Herrschermacht, der auf dem französischen Königshof programmgemäß gepflegt wurde, erhöhte noch das ehrgeizige Verlangen des böhmischen Königssohns, und bestätigte seine Äuberzeugung, dass ihm eine außerordentliche historische Sendung zufiel.

 

Zu diesen Erwägungen gelangte er aber erst in seinem Jünglingsalter. Die ersten Monate, die er als ein kleiner Knabe in Paris und auf der ziemlich kleinen Burg Saint Germain en Laye verbrachte, brachten ihm außer einer ganzen Menge von neuen Erkenntnissen auch Augenblicke der Frustration und des Heimwehes. Er konnte sich offensichtlich besonders mit dem Fehlen von der mütterlichen Zärtlichkeit nur mühsam abfinden. Er konnte lesen, und schon wurden zu seinem liebsten Buch “die … der Jungfrau Maria”. Karl selbst erklärte darüber später„… als ich einigermaßen imstande war, sie zu verstehen, pflegte ich sie in meiner Kindheit täglich zu lesen, und ich las sie immer lieber.” Es war ganz natürlich, dass der plötzlich in das französische Milieu umgepflanzte Knabe, der hier bald seine Muttersprache vergaß, von der Gestalt der Jungfrau Maria, als von einem uralten Symbol der Mutterschaft, angezogen wurde. Es schien, als ob ihm die Liebe der Mutter Gottes zu ihrem Sohn eine Stütze und einen Ersatz für die gewaltsam unterbrochene Beziehung zu seiner eigenen Mutter geboten hätte, und als ob er in den über dem toten Leib Christi vergossenen Tränen Marias das bittere Leid seiner eigenen Mutter, die er nie mehr sehen sollte, hätte spüren können. Karl verehrte die Jungfrau Maria sein ganzes Leben lang, und er richtete auf sie seine Hoffnungen in gefährlichen Lebenslagen.

 

Der französische König scheute keine finanziellen Ausgaben, um dem böhmischen Thronfolger den Unterricht, die Ausbildung und das gute materielle Niveau zu sichern. Es war auch ein Grund, weshalb der böhmische Prinz immer gerne an seine in Frankreich verbrachte Kinderjahre dachte. Als im Jahre 1328 Philipp VI., der Bruder der Margarete (Blanche) von Valois zum französischen König geworden war, ergaben sich für die Stellung des böhmischen Königssohns viele Änderungen. Philipp VI. kümmerte sich nicht sehr um ihn, und er setzte sogar die Finanzmittel für seinen persönlichen Bedarf wesentlich herab. Es war ca. in der Zeit, als der böhmische künftige König mehr gelegentlich als systematisch die Vorlesungen der Pariser Sorbonne zu besuchen begann. Es zeugt zweifellos von einer außerordentlichen Begabung des zwölfjährigen Knaben, dass er schnell in die Geheimnisse der mittelalterlichen Gelehrsamkeit vordringen konnte. Er profitierte aber nicht wenig auch vom Aufenthalt am Hof des französischen Königs, wo er mit den politischen Ratgebern des Herrschers verkehrte. Einer von ihnen nahm später in Karls Leben eine außerordentliche Stellung ein. Es war der Abt des Benediktinerklosters in Fecamp, Pierre Roger de Rosieres, ein hervorragender Diplomat und ein glänzender Redner. Dieser Mann fand bald an dem böhmischen Prinzen Gefallen, und die beiden verbrachten miteinander lange Stunden in Debatten und Diskussionen. Damals wusste noch niemand, dass den Lehrer, als auch den Schüler der Weg zum höchsten Gipfel der abendländischen christlichen Gesellschaft erwartet: Pierre Roger wurde unter dem Namen Clemens VI. zum Papst, und Karl zum Kaiser des Heiligen Römischen Reiches.

 

Als Karl das vierzehnte Lebensjahr erreichte, hielt es sein Vater für Grund genug, seinen Sohn in die hohe Politik einzuführen. Der Erbe des böhmischen Throns verließ Frankreich und begab sich zu seinem Vater in die luxemburgische Grafschaft. Auch diesmal verfuhr Johann von Luxemburg im Einklang mit den damaligen Gewohnheiten. Die Vollendung des vierzehnten Lebensjahres betrachtete die mittelalterliche Gesellschaft als das Ende der Kindheit und Anfang des Jünglingsalters, und sie wurde meistens auch für die Grenze der gesetzlichen Mündigkeit gehalten. Die Mädchen pflegten in diesen Alter schon das volle Eheleben zu führen, und die Söhne aus den adeligen Familien gewannen Erfahrungen in den ersten Schlachten. Der böhmische Kronprinz sollte jetzt beweisen, wie ihm der Aufenthalt auf dem französischen Königshof nützte. Die Geschichtsschreiber erzielten in diesem Falle ein seltenes Einvernehmen. Die sieben Jahre, die er in Frankreich verbrachte, formten in den Grundzügen Karls Profil und das Gepräge seiner ganzen künftigen staatsmännischen Tätigkeit, gewährten ihm eine breite Übersicht über das Geschehen in Europa und ermöglichten ihm, die Entwicklung in breiteren Zusammenhängen zu beurteilen. Das alles brachte er in sein Vaterland zurück, aber er erweiterte noch zuvor seine Erfahrungen durch das Kennen lernen Luxemburgs und der norditalienischen Gebiete.

Anfang

 

 

In Italien

 

 

Der ca. einjährige Aufenthalt in dem ursprünglichen Machtzentrum und Stammgebiet der luxemburgischen Dynastie war für Karl aus zwei Gründen von großer Bedeutung. Erstens tat er hier unter der Aufsicht seines Großonkels Balduin seine ersten politischen selbstständigen Schritte, und zweitens erlernte er hier die deutsche Sprache. Auf dem italienischen Boden war er bereits in den Frühlingstagen des Jahres 1331 zu finden, wo sein Vater ihn dringend haben wollte. Johann von Luxemburg, der sich auf den Wellen der internationalen Politik ungewöhnlich selbstbewusst und tüchtig zu bewegen wusste, konnte nämlich dem Angebot einiger norditalienischen Städten in der Lombardie, Emilia und Toskana (zum Beispiel Bergamo, Como, Pavia, Modena, Bologna, Lucca u.s.w.) nicht widerstehen, und nahm sie deshalb als Reichsvikar unter seinen Schutz. Die neu entstandene Luxemburger Signorie bildete aber kein einheitliches Ganzes, und es fehlten hier die festen Bindungen. Es war nur eine Frage der Zeit, wann sie infolge von entgegengesetzten Interessen zerfallen wird, besonders deswegen, weil sich Johann nur mit der pro forma Regierung begnügte, und in den italienischen Städten vor allem die Quellen seiner Finanzeinkommen sah. Karl sollte seinem Vater in den italienischen komplizierten Verhältnissen zu Hilfe kommen.

 

Der böhmische Königssohn erhielt in Italien mehrere harte Lebenslektionen. Gleich nach seiner Ankunft in Pavia entging er nur um ein Haar dem Tode, als er die Ostermesse in einer Kirche dem reichen, aber vergifteten Frühstück vorzog. Durch dieses Ereignis wurde Karl im höchsten Maße aufgebracht. Für den Vermittler des Gotteswillens, der ihm, seiner Ansicht nach, das Leben rettete, hielt er den hl. Augustinus, an dessen Grab er sich im Kloster San Pietro in Ciel d’Oro in Pavia aufhielt. Er bezeigte dann sein ganzes Leben lang seine Achtung diesem bedeutenden Heiligen gegenüber, der gleichzeitig zu den christlichen größten Philosophen gehört. Karl verbreitete seinen Kult auch mittels der programmäßigen Gründung von Klöstern des Augustinerordens, der ihm besonders nahe lag.

 

Der bedeutende zweite Akt, der tief in die Psyche des Prinzen eingriff, spielte sich im Herbst 1332 ab. Zu dieser Zeit lebte sich Karl bereits in das italienische Milieu ein, und gewöhnte sich an die Überraschungen, an denen es bei dem heftigen Temperament der dortigen Bevölkerung nicht mangelte. Gegen das Durchdringen der Luxemburger in das Norditalien stellte sich bald die lombardische Liga, die die Herrschergeschlechter aus Ferrara (d’Este), aus Verona (de la Scala), aus Mantua (Gonzaga) und aus Milan (Visconti) vereinigte. Nach dem erfolglosen Versuch der Eroberung Modenas, das den Luxemburgern treu blieb, lagerte sich das Heer der Liga bei dieser Stadt, unter der Burg San Felice. Der Kommandant ihrer Besatzung sah die Nutzlosigkeit eines weiteren Widerstandes ein, und des zu dieser Zeit üblichen Brauchs vereinbarte er mit seinen Gegnern die Kapitulation, falls ihm der Prinz Karl nicht bis zum Sonnenuntergang des 25. Novembers zur Hilfe kommt. Der böhmische Königssohn verließ an der Spitze der befreundeten Truppen Parma, und machte sich auf den Weg zur bedrohten Festung, wo er dann rechtzeitig erschien. Vor dem bevorstehenden Zusammenstoß nahm Karl zusammen mit 200 anderen Knaben die Ritterwürde an. Die zu Rittern geschlagenen gingen dann fest entschlossen in die Schlach: sie wollten beweisen, dass sie den Rittergürtel wirklich verdienen. Aus dem Gesichtspunkt des böhmischen Prinzen gesehen entwickelte sich der Kampf am Anfang gar nicht gut. Er schlug sich tapfer, aber es wurde unter ihm ein Pferd getötet und er erlitt eine Schulterverletzung. Am Ende wandte sich aber alles zum Guten. Das Karls Heer trug den Sieg davon, und der böhmische Prinz erstattete seinen Dank der heiligen Katharina, weil der 25. November ihrem Andenken geweiht ist.

 

Der belesene und in der Frömmigkeit erzogene Erbe des böhmischen Königsthrons war mit der denkwürdigen Lebens und Martyriumsgeschichte dieser schönen Jungfrau vertraut, die allen Angeboten, Drohungen und Verführungen des heidnischen Kaisers Maxencius stand hielt, und ihr irdisches Dasein um des ewigen Ehebunds mit Jesus Christus willen opferte. Die heilige Katharina gehörte als ein Symbol der geistigen und körperlichen Reinheit unter die Patrone der Pariser Sorbonne, die Karl zu besuchen pflegte, und ihre Gelehrsamkeit wurde auch von den vorderen Philosophen bewundert. Die Heilige sah bei San Felice aus der Höhe des himmlischen Königreichs am Tag seiner ersten Schlacht und am Tag, als er zum Ritter geschlagen wurde, auf den sechzehnjährigen Königssohn gnädig herab. Karls Überzeugung nach, kämpfte der wahre Ritter mit seinem Degen nicht nur des weltlichen Ruhms und der Bewunderung der schönen Damen wegen, sondern er war vor allem ein Ritter Gottes und ein Soldat Christi, und er stritt für den christlichen heilbringenden Glauben und seine richtige Erläuterung. Die Gunst der heiligen Katharina war für Karl eine Aufforderung und ein Gebot, dass gerade er als ein solcher Ritter auftreten soll. Er sollte als künftiger Herrscher den höchsten Ansprüchen nachkommen, die aus der christlichen Moral entsprossen. Die heilige Katharina von Alexandrien reihte sich so unter Karls beliebteste Heiligen ein.

 

Der in der Schlacht bei San Felice erzielte Erfolg ermunterte den böhmischen Prinzen. Er befahl danach, bei der toskanischen Stadt Lucca eine Burg zu erbauen, die den bezeichnenden Namen Monte Carlo erhielt. Der Name der neuen Festung sollte nicht nur das bestärkte Selbstbewusstsein des königlichen Prinzen zum Ausdruck bringen. Er trat mit diesem Schritt ganz programmmäßig in die Spuren des Königs Alexander von Makedonien, einen antiken Helden, der im Mittelalter mit Karl dem Großen für ein Vorbild aller ritterlichen Tugenden gehalten wurde. Alexander pflegte den Festungen und Städten, die er anlegte, seinen Namen zu geben. Karl eröffnete also mit Monte Carlo die Reihe von ähnlichen Unternehmen. Als er böhmischer und römischer König wurde, wurden diese Unternehmen besonders zahlreich seit der Zeit. Er manifestierte dadurch seine Beziehung zu Karl dem Großen, von dem die Luxemburger (natürlich ohne ausreichende Beweise) ihren Stammbaum ableiteten. Er fühlte sich vielleicht bereits zu dieser Zeit prädestiniert, die Titel des Königs von Böhmen und des Kaisers des Heiligen Römischen Reichs zu gewinnen, und zum weltlichen Haupt der Christenheit zu werden.

 

Es ist kein Zufall, dass die bemerkenswerten italienischen Episoden aufgezählt werden. Es handelt sich um eine Absicht. Der Prinz Karl stellte schon mit seinen siebzehn Jahren einen Kreis von Autoritäten, Vorbildern und Heiligen zusammen, die er später zum festen Bestandteil seiner staatsmännischen Ideologie machte, und durch derer Vermittlung seine Herrschermacht noch mehr Glanz bekam. Zusammen mit dem böhmischen Landespatron, dem hl. Wenzel, und dem Erneuerer des Römischen Reichs, Karl dem Großen, gehören dazu auch der hl. Augustinus, die hl. Katharina von Alexandria und die Jungfrau Maria, mit derer Namen auch Karls letztes bedeutendes Erlebnis seines ersten italienischen Aufenthalts verbunden war. Weitere Heilige, besonders der hl. Veit und der hl. Siegmund, kamen in seiner religiösen Verehrung später dazu.

 

Im Januar 1333 hielt sich Karl mit seinem Vater in Lucca auf. Der lebenslustige König Johann, ein gerne gesehener Gast an allen europäischen Herrscherhöfen, genoss hier sorgenlos alle Vergnügungen. Es schien, als ob er damit die Worte der kirchlichen Moralisten, dass die Witwer mehr als andere Männer zum unbändigen Sündigen neigen, bestätigen würde. Die Přemyslidin Elisabeth war seit zwei Jahren tot, und Johann verlor alle Hemmungen. Die betäubende Atmosphäre des italienischen Trecentos, das bereits von dem freigewordenen Geist der entstehenden Renaissance durchgedrungen war, riss auch den Königssohn Prinzen Karl mit. Der junge Prinz, der schon früher von den Reizen des schönen Geschlechtes angezogen wurde, unterlag dem Beispiel seines Vaters und dessen lustiger Freunde. Er selbst gestand später, dass er sich „in die Schlinge der Schlechtigkeit und der Sünde” stürzte. Er vergaß zu dieser Zeit seine Gemahlin Margarete (Blanche), mit der er aufgewachsen war, und an der er aufrichtig hing, aber die sich in diesem Augenblick in der Ferne befand. Nach den wonnenvollen Augenblicken der italienischen leidenschaftlichen Nächte wurde der Königssohn aber schnell nüchtern, und es meldeten sich bei ihm dringend und zunehmend Gewissenbisse. Bald beschlich sein Gedächtnis die quälende Frage, warum er der betäubenden Freiheit der sexuellen Beziehungen nicht widerstehen konnte, und warum er solche Taten nicht mied, die mit den Gottesgeboten nicht übereinstimmten, und die nicht im Einklang mit den auf die Person des künftigen Königs gestellten Forderungen waren. Mehr Belehrung als Trost bot ihm das Beispiel des hl. Augustinus, der sich in seiner Jugend auf eine ähnliche Weise benahm. Seine Bedenken und Gewissenbisse erreichten ihren Gipfel am Sonntag, dem 15. August 1333, am Tag der Jungfrau Maria Himmelsfahrt, als Karl im Dorf Tarenzo Station machte. Ein Traum, wo ihm die Engel erschienen und ihn vor den Folgen des sexuellen unbändigen Lebens warnten, beruhigte das aufgebrachte Innere des Prinzen, und bedeutete für ihn das Wiedererlangen seiner geistigen Integrität. Jungfrau Maria sah auf ihn aufs neue mit Wohlwollen herab, Gott verzieh ihm, und Karls Gewissen beruhigte sich. Er konnte aber noch nach vielen Jahren diesen Traum vom Dorf Tarenzo nicht vergessen.

 

Als er im Jahre 1355 auf dem Heimweg von seiner römischen Krönungsfahrt war, ließ er an dieser Stelle eine neue Kirche der Jungfrau Maria errichten, und führte in diese Kirche den Orden der Augustiner Chorherren ein. Die Bedeutung dieser Tat liegt klar auf der Hand, und sie ermöglicht, den Sinn seiner analogen Schritte im Böhmischen Königreich zu entschlüsseln.

 

Karl trug von seinem italienischen Aufenthalt eine Belehrung für sein ganzes Leben davon. Er brachte es nach einigen schwerwiegenden, seine psychische Stabilität störenden Erfahrungen zuwege, sich vor solchen Situationen zu hüten, die seiner Meinung nach das Heil seiner Seele bedrohen könnten. Er wurde zum ausgeglichenen Menschen, und begann als ein kühl kalkulierender und pragmatischer Politiker zu handeln.

Anfang

 

 

In die Heimat zurück

 

 

 

Die diplomatischen Kniffe und Ränke, und der Mut, zu riskieren, die durch die große Bildung und durch den breiten Gesichtskreis fundiert waren, bildeten den untrennbaren Bestandteil Karls politischen Profils. Als sich Karl zu den Taten, die im offensichtlichen Widerstand mit der damaligen Erfassung der Moral waren, wandte, war er sich dessen bewusst, dass es im Endresultat für die Christenheit von Nutzen sein wird, und er pflegte seine Bedenken allein, in tiefen Meditationen getaucht, zu überwinden. Er versetzte offensichtlich Dank seiner großen psychischen Widerstandskraft seine Zeitgenossen in Staunen: diese seine Fähigkeit wurde bereits in der zweiten Hälfte des Jahres 1333 bewiesen, als er unerwartet nach Böhmen zurück gekehrt war.

 

Anfang Oktober führte Karl Verhandlungen mit dem Herzog Heinrich von Kärnten im Tiroler Meran. Hier traf er auch die böhmische Delegation von Adeligen, die an ihrer Spitze den Vyšehrader Probst Jan Volek, den Stiefbruder der Elisabeth Přemyslidin, hatte. Ein Resultat dieser Gespräche war der überraschende Entschluss des Königssohns, sich auf den Weg nach Böhmen zu machen. Dies geschah ganz plötzlich, zum großen Bedauern der Vorgestellten der Stadt Lucca, in der sich der böhmische Prinz großer Beliebtheit erfreute, und ohne Wissen des Königs Johann, den damit sein Sohn vor vollendete Tatsachen stellte. Der König Johann brachte inzwischen die ganze Sache übers Herz, und verlieh Karl nachträglich (im Januar 1334) den Titel des mährischen Markgrafen, wodurch er seine Stellung in den böhmischen Ländern legalisierte.

 

Auf dem Wege nach Prag machte der Prinz in dem Zisterzienserkloster Aula regia in Zbraslav halt. Hier lag in der Gruft der letzten Přemysliden seine Mutter Elisabeth begraben. Sie unterlag am 28. September 1330, an dem der Namenstag des Landespatrons Wenzel gefeiert wurde, der Schwindsucht. Einer Krankheit, woran auch viele ihrer Verwandten gestorben waren. Das Wiedersehen mit seinem Heimatland war für den Thronerben traurig. Karl selbst erinnert sich später an diese Momente mit folgenden Worten:„Und so fanden Wir, als Wir in Böhmen angekommen waren, weder Unseren Vater, noch Unsere Mutter, Unseren Bruder oder Unsere Schwester, und niemanden Bekannten. Auch die tschechische Sprache hatten Wir völlig vergessen, aber Wir erlernten sie später aufs neue, so dass Wir sprechen und verstehen wie jeder andere Tscheche konnten. Durch Gottes Gnade waren Wir imstande zu lesen, schreiben und sprechen, nicht nur tschechisch, sondern auch deutsch, französisch, italienisch und lateinisch, und Wir waren dieser Sprachen einer wie der anderen gleich mächtig…!” Vielleicht noch schlimmer als die Vereinsamkeit und die Fremdartigkeit in seinem Vaterland wirkten auf ihn die Verhältnisse in dem Staat ein: „Wir fanden dieses Königreich so verwüstet, dass Wir keine einzige freie Burg fanden, die nicht mit allen königlichen Gütern verpfändet gewesen wäre, so dass Wir keine Stelle hatten, wo Wir hätten wohnen können, sei es nur in den bürgerlichen Häusern wie jeder andere Bürger. Die Prager Burg war ganz verlassen, teilweise zerstört und vernichtet, denn sie wurde seit der Zeit des Königs (Přemysl Otakar II.) völlig bis auf den Grund zertrümmert.”

 

Auch wenn Karl mit dem Abstand von Jahren diese Tatsachen ein bisschen schwärzer malte, damit seine eigenen Verdienste um den Aufstieg Prags und des Königreichs Böhmen mehr hervortreten, enthielt seine Mitteilung in ihrem Kern wahrhaftige Angaben. Johann von Luxemburg verpfändete tatsächlich die königlichen Burgen und Güter, um die Forderungen seiner adeligen Gläubigern, Ratgebern und Verbündeten erfüllen zu können, oder um wenigstens kurzfristig das Geld für seine Kasse zur Verfügung zu haben. Der Zustand der Prager Burg war unerfreulich, auch wenn die ganze Burg nicht gerade in Trümmern lag. Leer und öde war vor allem der von den Angehörigen der Přemyslidendynastie erbaute königliche Palast. Trotzdem erwartete man von Karl, falls er in Böhmen den politischen Kredit zu gewinnen suchte, das anspruchsvolle Werk der Wiederherstellung der Zentralmacht, die durch die Rivalität der adeligen verfeindeten Geschlechter und durch die langjährige Abwesenheit des Herrschers erschüttert war.

 

Karl machte sich an diese nicht gerade leichte Aufgabe energisch und rasch heran. Er amtierte und wohnte erst in der Altstadt: mit einer bestimmten Wahrscheinlichkeit hatte er einige Zeit in dem Haus, das später „U Štupartù” (jetzt Nr. 647) genannt wurde, seinen Sitz. Er erbte dieses Haus in der Jakobsstraße, beim Minoriten Kloster, von seiner Mutter. Einige Geschichtsschreiber glauben aber, dass er mehr den berühmten gotischen Palast, der nach seinem Hauszeichen „Zur steinernen Glocke” heißt (Nr. 605 an der Ecke des Altstädter Ringes und der Teyn Gasse) bewohnte. Der prunkvolle Schmuck dieses Hauses, inkl. der das königliche Paar darstellenden Statuen, führte eine ganze Reihe von Forschern zu einer logischen Schlussfolgerung: dieses Objekt gehörte Karls Eltern, dem König Johann und der Königin Elisabeth. Sei es nur so oder so, Karl zog bereits im Jahre 1334 von der Altstadt auf die Prager Burg um, wo er persönlich den Umbau des königlichen Palastes überwachte. Er wohnte inzwischen im Gebäude der Alten Burggrafschaft (Georg Gasse Nr. 6), in der Nähe des später „Černá Vĕž” (Schwarzer Turm) genannten Turmes, der den Eingang zum Burgareal bewachte. In diesem Burggrafenhaus, das im Laufe des 16. Jahrhunderts im Renaissancestil umgebaut wurde, erlebte er eines Tages eine spukhafte Szene: wohl ein Resultat des Müdigkeitszustandes und einiger Weinbecher, die aber nicht weniger seine Aberglaubigkeit und seine aufs Äußerste gespannte Religiosität charakterisiert. Karl selbst zeichnete sie für seine Nachkommen wie folgt auf: „Wir kamen sehr spät im alten Burggrafenhaus der Prager Burg an, wo Wir einige Jahre lang gewohnt hatten, bevor der große Palast fertiggebaut wurde. Wir legten Uns in der Nacht in Unser Bett, und Bušek von Velhartice legte sich vor Uns in sein Bett. In diesem Raum wurde ein großes Feuer angemacht, weil es in der winterlichen Zeit war, und es brannten dort viele Kerzen, so dass es dort Licht genug gab. Alle Türen und Fenster waren geschlossen. Und als Wir eingeschlafen waren, begann jemand, ich weiß nicht wer, im Raum auf und ab zu gehen, so dass wir beide erwachten. Und Wir hießen den Bušek, aufzustehen und nachzusehen, was es wohl sein könnte. Er stand auf und ging um den Raum herum, er konnte aber nichts sehen und um so weniger was finden. Er machte dann ein größeres Feuer an, und entzündete noch mehr Kerzen, und ging zu den Weinbechern, die gefüllt waren und auf den Bänken standen. Er trank davon und stellte den Becher neben einer großen Kerze, die brannte. Als er getrunken hatte, legte er sich wieder zu Bett. Wir saßen, in Unserem Mantel gekleidet im Bett und hörten, wie jemand auf und ab ging, konnten aber niemanden sehen. Als Wir mit dem Bušek die Becher und die Kerzen angesehen hatten, erblickten Wir, dass ein Becher umstürzte; und derselbe Becher wurde von jemandem, Wir wissen nicht von wem, über Bušeks Bett von einer Ecke des Raums bis in die andere Ecke gegen die Wand geworfen. Er prallte von dieser Wand ab, und fiel dann in die Mitte des Raums. Als Wir das gesehen hatten, wunderten Wir uns nicht wenig, und Wir hörten immer, wie jemand im Raum auf und ab ging, sahen aber niemanden. Nachdem Wir aber das Zeichen des heiligen Kreuzes gemacht hatten, schliefen Wir im Namen Christi bis Morgen. Als Wir frühmorgens aufgestanden waren, fanden Wir den Becher, der in die Mitte des Raumes geworfen wurde, und zeigten es unseren Nahestehenden, die zu Uns am Morgen gekommen waren.” (Bušek von Velhartice war der böhmische Adelige, Karls Geselle und Ratgeber).

 

Ohne Rücksicht auf diese Erlebnisse und mit dem Bewusstsein, dass der Aufbau des königlichen Palastes noch eine lange Zeit dauern würde, holte Karl seine geliebte Gemahlin Margarete (Blanche) nach Prag. Die Prinzessin kam in Böhmen im Juni 1334 mit einem ganzen Gefolge von Hofdamen und Höflingen und mit einer prachtvollen Ausstattung an. Die Aufmerksamkeit der Bewohner wurde besonders von den prunkvollen Gewändern erweckt, woran Prag nicht gewöhnt war. Der zahlreiche Hofstaat der lieben und schönen Margarete rief aber die Eifersucht des böhmischen Adels, der den möglichen Verlust des Einflusses auf die Person des Markgrafen Karl befürchete, hervor. Der Prinz, der von den Erfahrungen seines Vaters und von seinen eigenen italienischen Erinnerungen lernte, wollte keinen Konflikt riskieren, und sandte deswegen das Gefolge seiner Gemahlin möglichst schnell nach Frankreich zurück. Er überzeugte gleichzeitig Margarete von der Notwendigkeit, die beiden Landessprachen, die deutsche Sprache und die tschechische, zu beherrschen, denn ein Drittel der Bewohner des Königreichs und der Großteil der vollberechtigten Bürger war deutschsprachig. In der damaligen Altstadt bildete ein tschechisch sprechender Bürger eine Ausnahme, und die Patrizierschicht bestand ausschliesslich aus den Angehörigen des deutschen Volkstums.

 

Karls entscheidenste Schritte waren vor allem auf die Konzentration der politischen Macht in Händen der regierenden Dynastie gerichtet. Die Vertreter des Hochadels, denen die Abwesenheit eines starken Herrschers äußerst gelegen gewesen wäre, wurden dadurch erschreckt. Die unzufriedenen Adeligen nutzten den krankhaften Argwohn Johanns von Luxemburg aus, und führten Klage gegen den Königssohn, der sich im Lande so benahm, als ob er ein souveräner Herrscher wäre. Ihre List hatte Erfolg, der König Johann enthob seinen Sohn der Funktion des mährischen Markgrafen und der Berechtigung, in die öffentlichen Angelegenheiten einzugreifen. Es geschah im Jahre 1335, und es dauerte fast siebenundzwanzig Monate, bevor sich die Beziehungen zwischen Vater und Sohn teilweise wieder normalisierten.

 

Zu ihrem gegenseitig gespannten Verhältnis trug offensichtlich auch die sich immer mehr verschlimmernde Augenkrankheit (möglicherweise ein Graustar oder Grünstar) des Königs Johann bei, sowie seine Heirat mit der Prinzessin Beatrix von Bourbon. Dem König Johann konnte natürlich nicht entgehen, welcher Popularität sich in Prag Karl und seine Gemahlin erfreuten, während sich Beatrix an das böhmische Milieu nicht gewöhnen konnte. Diese für ihn unangenehme Situation löste Johann sehr energisch. Er befahl Margarete (Blanche), sie soll nach Brünn umsiedeln, und er hetzte Karl schon früher hinter die Grenze hinaus. In der Zwischenzeit, die er im Ausland verbrachte, erlebte der böhmische Königssohn mehrere Abenteuer. In der Bemühung, seinem jüngeren Bruder Johann Heinrich zur Gewinnung Tirols zu verhelfen, reiste er im Jahre 1337 nach Ungarn, besuchte Dalmatien und Kroatien, und begab sich von dort über die Adriatische See nach Norditalien. Er entkam dabei aus der Piratengefangenschaft, er kämpfte als Söldner in Diensten von Venedig und kehrte erst nach einem Jahr nach Hause zurück. Die Tatsache, dass er die hochentwickelten Gebiete Dalmatiens und der Republik des St. Markus kennen lernte, bereicherte zweifellos seinen kulturellen und politischen Gesichtskreis, und die dalmatisch-italienischen Erfahrungen inspirierten ihn, den Meinungen der Kunsthistoriker nach, zum späteren Aufbau einer ganzen Reihe bemerkenswerter Objekte in den böhmischen Ländern, vor allem in Prag.

 

Karl konnte im jeden Falle erst nach seiner Rückkehr ins Vaterland im Jahre 1338 seine staatsmännischen Konzeptionen ohne bedrückende Einschränkungen entfalten und verwirklichen. Die Beruhigung seines Verhältnisses zum Vater, der seinem erstgeborenen Sohn aufs neue die Funktion des Markgrafen von Mähren verlieh, der ihn außerdem noch zu seinem Mitregenten erklärte, und ihm einen auszeichenden Raum zur Verwirklichung seiner eigenen Linie gewährte, schuf gute Voraussetzungen für Karls Selbstrealisierung. In seinem durch gedachten Verhalten verwertete Karl geschickt die Erfahrungen, die er bisher in seinem Leben machte. Er bemühte sich darum, sich vor den Fehlern der letzten Přemysliden und vor den Fehlern seines Vaters zu hüten, und die italienischen Erinnerungen gaben seinem Tun die entsprechende Bedächtigkeit. Er identifizierte sich vor allem mit der französischen Auffassung des Inhalts und der Funktion der Herrschermacht. Das alles hätte ihm aber nicht zum Erfolg gereicht, wenn seine Erfahrungen nicht durch eine große Bildung fundiert gewesen wären, und wenn er die Bedürfnisse und die Möglichkeiten der böhmischen Länder, die durch ihren Reichtum an Rohstoffen und das befriedigende ökonomische Niveau zur Stellung einer europäischen Großmacht prädestiniert waren, nicht gründlich begriffen hätte.

 

Seit seiner ersten Ankunft in Prag stand ihm das Beispiel der stabilisierten französischen Monarchie vor Augen, und er versuchte, ihre Hauptgrundsätze dem böhmischen Milieu anzupassen. Seine erste Aufgabe war, die Autorität der Zentralmacht wieder her zu stellen – diese Autorität konnte aber ohne angemessene gesicherte Basis weder existieren, noch ihre Sendung erfüllen. Er begann deswegen die verpfändeten Burgen auf zu kaufen, um den Herrscherbesitz nach und nach zu restituieren. Er war aber außerstande, diese grandiose Aufgabe, die er sich vornahm, allein und ohne Hilfe zu bewältigen. Er stützte sich deswegen von Anfang an auf die Zusammenarbeit mit einer Gruppe von Adeligen, die sich gut dessen bewusst waren, dass der böhmische Staat bereits zu lange von den innenpolitischen Problemen erschüttert wurde, und dass er eine feste Verwaltung nötig hatte. Im entgegengesetzten Falle wäre das Ansehen des Königreichs, als auch die Bedeutung der Adelsgeschlechter unter das noch erträgliche Niveau gesunken. In diesem Punkte waren die Interessen des Königssohns und der umsichtig denkenden Adeligen in Übereinstimmung. Karl probierte das bewährte französische Modell in der Praxis aus. Er bot dem Adel Funktionen und Mitbeteiligung beim Aufbau des Staates. Diejenigen, die Karl trauten, nahmen die ausgestreckte Hand an. Sie wurden dafür bald mit Hof und Landesämtern, mit dem Aufenthalt in der Nähe des mächtigen Herrschers, mit materiellen Gütern und mit der Vermehrung des Ruhms ihres Adelsgeschlechtes belohnt. Sie bildeten gleichzeitig ein Gegengewicht gegen diejenige Einzelnen und Gruppen, die aus den zerrütteten Verhältnissen Nutzen zogen. Im Laufe der Zeit wurde der Einfluss der Adelskotterien immer schwächer und schwächer. Dadurch erwies sich nicht nur die Lebensfähigkeit von Karls politischen Modells und die Prosperität des Königreichs Böhmen, sondern auch das kompromissvolle Verhalten des Luxemburger Prinzen gegen die Gesetzverletzer als richtig.

 

Auch wenn Karl im Unterschied zu den letzten Přemysliden und zu seinem Vater begriff, dass sich der Adel nicht unbedingt für die Zerstörung der Herrschermacht einsetzen muss, und dass man mit seinen Angehörigen auch erfolgreich auskommen kann, traute er ihnen nie restlos. Er ahnte, dass die französische Konzeption der Regierung eines souveränen Herrschers, der zusammen mit einem Kreis von ihm arbeitsfleisigen und nahe stehenden Ratgebern über die Außen und Innen politik entscheidet, mit der Zeit unter den böhmischen Adeligen an einen offenen Widerstand anstoßen kann. Er fand ein passendes Gegengewicht gegen die politischen Ambitionen des Adels vor allem in den kirchlichen Institutionen (Bistümern, Kapiteln, Klöstern), und erteilte ihnen deswegen großzügig die Privilegien, die ihre wirtschaftliche Lage, und ihre Gerichts und Verwaltungsautonomie, in welche die weltliche Macht nicht eingreifen konnte, bestätigten. Er präsentierte sich auf eine solche Weise gleichzeitig als christlicher wahrer Herrscher, zu dessen Pflichten vor allem die Sorge für den heil bringenden Glauben und für die christliche Religion gehört. Dies bewies er auch in der Praxis. Bald nach seiner Ankunft in Prag gewährte Karl der Inquisition die freie Hand zum Eingriff gegen die ketzerischen Sekten, die im Süden Böhmens unter dem deutschen Volkstum wirkten. Die brennenden Scheiterhaufen erweckten so einen Schrecken, dass sich die Ketzer für lange Jahre in tiefe Illegalität zurück zogen. Die Geistlichkeit deckte sich im Grunde genommen mit der mittelalterlichen Intelligenz, und sie stellte ein reiches Resservoir von gebildeten Menschen dar, ohne die Karls Verwirklichung großzügiger Konzeptionen zum Misserfolg verurteilt gewesen wäre. Der böhmische Adel war damals zum Großteil noch des Lesens und Schreibens unkundig, was auch seine Betätigungsmöglichkeiten eingrenzte.

 

Karl bemerkte als ein begabter Staatsmann auch die Bedeutung der Städte: besonders der Königstädte, die dem Herrscher direkt unterstanden. Die sich vielversprechend entwickelten Wirtschaft der Städte stellte eine nicht gerade unerhebliche Einkommensquelle der königlichen Kammer dar, und bildete gleichzeitig eine weitere Stütze gegen die Expansionslust des Hochadels. Deswegen bemühte sich Karl von Anfang an, große böhmische und mährische Städte (Kutná Hora (Kuttenberg), Kouřim (Kaurzim), Vysoké Mýto (Hohenmauth), Hradec Králové (Königgratz), Jihlava (Iglau), Plack/Píseck) unter seinen direkten Einfluss zu bekommen, wobei seine Aufmerksamkeit vor allem auf Prag, das heißt die Altstadt und die Kleinere Prager Stadt, gerichtet war. Für einen Ausdruck von Karls Interesse für die böhmische Hauptstadt kann man seine langsamen aber systematischen Schritte halten, die zu einer größeren legislativen Sicherheit beitrugen. Bereits im Jahre 1335 verhängte er Strafen für die Teilnahme an den bewaffneten Zusammenstößen in den Städten, und in demselben Jahre verbot er auch den Waffendienst, der im Bedarfsfalle für die mächtigen Patrizier von ihren Gläubigern geleitest wurde. Damit schwächte er die Stellung der ambitionierten taditionell Patriziergeschlechter in der Prager Altstadt. Auch wenn es als paradox erscheint, wurde die Position des Patriziats auch dadurch die Errichtung des Rathauses untergraben. Bis zum Jahre 1338 wurden nämlich die Schriftstücke der Prager Altstadt in den Wohnungen der vertrauenswürdigen Bürger aufbewahrt. Die Existenz des Altstädter Rathauses symbolisierte die Souveränität der Legislative über alle Einwohner dieser Stadt, und zwar ohne Ausnahme! Es war der König Johann won Luxemburg, der aus seinem Titel des bömischen Königs die Errichtung des Rathauses bewilligen musste, aber die Historiker sind der Meinung, dass der unmittelbare Anstoß dazu von seinem Sohn kam. Zum Kern des Altstädter Rathauses wurde das Haus des reichen Patriziers Wolflin von Stein, ein Bau, der an der Ecke des Großen Ringes (des jetzigen Altstädter Ringes) erbaut war und von der Altstädter Gemeinde gerade im Jahre 1338 käuflich erworben wurde. Kurz nach diesem Datum wurde der Bau des großen prismatischen Turms, der jetzt als eine der ausdrucksvollsten Dominanten der ganzen Stadt gilt, begonnen.

 

Die bisherigen Erläuterung der Schritte, die Karl noch unter der Regierung seines Vaters unternahm, führt offensichtlich zu einer einzigen Schlussfolgerung. Karl von Luxemburg schuf in den Jahren 1333-1346 Grundsätze einer Konzeption, die er dann später als böhmischer König realisierte. Diese Konzeption basierte auf einer eindringlichen Betonung der Autorität der Zentralmacht, die durch den Herrscher repräsentiert wurde, auf der Gleichgewichtserhaltung unter den Hauptkräften der Gesellschaft (Adel, Städte), und auf der strengen Einhaltung des Rechts. Diese Grundsätze betrafen aber nur die Innenpolitik. Karl achtete aber auch auf die Festigung der internationalen Lage des böhmischen Staates. Er konnte in dieser Hinsicht an die unbestreitbaren diplomatischen Erfolge des Königs Johann anknüpfen, der unter der Souveränität des böhmischen Herrschers im Jahre 1322 auch Egerland und zuletzt auch, Bautzen, Görlitz und Zitau, und eine ganze Reihe von schlesischen Fürstentümern (Ausschwitz-Zator, Breslau und Glogau, Oppeln, Ratibor, Tessen) vereinigen konnte.

 

Karl fühlte sich aber zu höheren Zielen prädestiniert, die die böhmischen Dimensionen übertrafen. Er sehnte sich danach, den Ruhm der Luxemburger Dynastie zu erneuern und ihr die kaiserliche Würde zurück zu geben, die seinen Großvater Heinrich VII. schmückte. Die Umstände waren äußerst günstig. Im Laufe des Jahres 1340 besuchte der böhmische Königssohn Avignon, wo er seinen ehemaligen Lehrer Pierre Roger, zu dieser Zeit schon Kardinal und Verbindungsdiplomaten zwischen dem französischen Königshof und dem Papst, traf. Der Kardinal versenkte plötzlich seinen Blick in die braunen Augen seines damaligen Schülers und sprach:„Du wirst einmal römischer König werden!”. Karl antwortete darauf schlagfertig und taktvoll:„Du wirst noch früher Papst werden!“ Es ging dabei um keinen Austausch von Höflichkeitsphrasen. Pierre Roger wurde im Jahre 1342 tatsächlich zum Papst gewählt, er nahm den NamenClemens VI. an, und begann mit Karls Hilfe, seine gewagten Pläne zu verwirklichen. Während sich der Papst nach der universalen, vom Glanz des Reichtums bestrahlten Macht sehnte, träumte Karl von seinem eigenen Machtaufstieg und von dem steilen Weg zur kaiserlichen Würde. Der Lehrer und der Schüler brauchten einer den anderen. Der damalige römische Kaiser Ludwig, der Bayer aus der Dynastie der Wittelsbacher, war nicht nur ein scharfer Gegner und Kritiker des Papstums, sondern er stellte auch ein Hinderniss für die Vorhaben des Luxemburger Geschlechtes dar. Clemens VI. fand in dem gebildeten Karl, der seine eigene Konzeption hatte, einen geeigneten Mann, der bereit und fähig war, die Kraft Ludwigs zu brechen und den unzähmbaren Wittelsbacher auf dem Thron der römischen Herrscher zu ersetzen. Der böhmische Königssohn nutzte die Unterstützung des Papsts geschickt aus. Er erwirkte von ihm bereits am 30. April 1344 die Erhebung des Prager Bistums zum Erzbistum, durch die er die böhmische Kirche aus der Abhängigkeit der Mainzer Diözese befreite. Bei dieser Gelegenheit begann er auch mit dem grandiosen Umbau der St. Veits Basilika auf der Prager Burg zum Kathedraldom des neuen Erzbistums. Gleichzeitig damit setzte er auch die Errichtung einer neuen Diözese mit dem Sitz in der ostböhmischen Stadt Litomyšl (Leitomischl) durch.

 

Das komplizierte, vom von Karl und Papst zielbewusst entfaltete diplomatische Spiel, wurde auch in den darauf folgenden Jahren fortgesetzt. Karl von Luxemburg wurde am 11. Juli 1346 mit den Stimmen von fünf Kurfürsten (vom Trierer Erzbischof und Karls Großonkel Balduin, vom Erzbischof Walram aus Köln am Rhein, vom Mainzer Erzbischof Gerlach, vom böhmischen König Johann und vom sächsischen Herzog Rudolf) zum König des Heiligen Römischen Reichs erwählt. Es geschah in der Stadt Rhens am linken Ufer des Rheins, auf einer Stelle, wo im Jahre 1308 von den Kurfürsten Karls Großvater Heinrich zum römischen Kaiser gewählt worden war. Sechs Wochen später. am 26. August 1346, starb in der Schlacht bei Crécy der böhmische König Johann. Er half gemeinsam mit dem neu gewählten römischen Herrscher bei dem Zusammenstoß zwischen dem englischen und französischen Heer Frankreich. Karl gewann auf eine solche Weise während einer kurzen Zeit zwei Königstitel:den böhmischen und den römischen. Zu seiner Nachfolge auf dem böhmischen Thron gaben die böhmischen Stände bereits im Jahre 1341 ihre vorläufige Zustimmung

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Der Königspalast

 

 

Es war vor allem die Residenzstadt, die der Bedeutung des Herrschers und des Territoriums, das er aus Gottes Gnaden beherrschte, entsprechen musste. Gleich nach seiner Ankunft in Böhmen begann Karl mit dem Umbau des alten Königspalastes auf der Prager Burg, um möglichst bald einen würdigen Sitz zur Verfügung zu haben. Eine große Rolle spielte dabei die Betonung der Přemyslidentradition, und die Lage der Burg. Sie ragte hoch über der mittelalterlichen Stadt hinaus, war aus der Ferne sichtbar, beherrschte den ganzen Moldaukessel, und brachte auf solche Weiße ideal die Größe der königlichen Macht zur Geltung. Diese Auffassung wurde noch durch weitere Faktoren erhärtet. Für die damalige Weltauffassung war charakteristisch, dass die Menschen alles, aber auch solche Bauten von größerer Dauer und für wertvoller hielten, die aus räumlicher Hinsicht „oben”, das heißt bei Gott, waren, das, was sich „unten” befand, galt dagegen als weniger bedeutend, und im Grunde genommen unvollkommen.

 

Die vollkommene Verwirklichung der Vorstellungen des Karl IV. von dem idealen Herrscherspalast wurde von äußeren Hindernissen, die vor allem die Terrainverhältnisse betrafen, verhindert. Das Vorhaben des Luxemburgers wurde von der langen und relativ engen Felsebene mit den verödeten romanischen Gebäuden begrenzt und eingeengt. Die Prager Burg war in der damaligen Zeit bei weitem nicht so weiträumig, wie es jetzt der Fall ist: sie breitete sich im Grunde genommen auf der Fläche des jetzigen Dritten Burghofs aus. Der königliche Palast musste also in den von den Befestigungsmauern umschlossenen Raum hinein gebaut werden. Dem Kaiser Karl und seinen Architekten blieb nichts anderes, als die neue Residenz auf dem Grundriss der Přemyslidenpfalz auf zu bauen. Der zu erbauende gotische Palast, der auf den alten Fundamenten hinauf wuchs, hatte zwei Stockwerke, und keine Türme. Er wurde vom restlichen Burgareal von einer hohen Mauer mit zwei Toren getrennt. Durch diese Tore kamen zum Kaiser Karl die diplomatischen Gesandtschaften und die seltenen Gäste, die den im Stil der französischen zeitgenossischen Architektur gebauten Palast bewunderten. Die bedeutenden Besucher pflegten sich aber nicht in dem Erdgeschoss auf zu halten, das der Dienerschaft und der Küche vorbehalten blieb, sondern betraten die Repräsentanzräume im ersten Obergeschoss. Den großen Ostsaal mit den Ausmaßen von 30 x 15 m ließ Karl nach seiner Rückkehr aus der römischen Krönungsfahrt im Jahre 1355 mit einer Bildergalerie seiner berühmten Vorgänger ausschmücken. Die ca. 120 Tafelbilder stellten Alexander von Makedonien, Tola, Romulus und weitere antike Helden, Herrscher sowie byzantinische und römische Kaiser dar. Die Überzeugung, dass er die Herkunft seines Stammes von dem Karl dem Großen ableiten kann, verband sich in Karls Sinn mit der Ansicht, dass er nach seiner Mutter, der Přemyslidin Elisabeth, aus dem Blute der altrömischen Kaiser Dioklecian und Maximian, die damals für Slawen gehalten wurden, abstammt. In dem großen Saal fanden die Festaudienzen, die Hof und Landestage, sowie die verschiedensten Festlichkeiten statt. Der kleinere, westlich gelegene Saal, diente als ein privater Beratung und Empfangsraum. In dem zweiten Obergeschoss befanden sich wahrscheinlich die für Höflinge, für Gäste und für ihr Gefolge bestimmten Zimmer, und vielleicht auch die Schlafzimmer der königlichen Familie.

 

Der luxemburgische Palast blieb leider nicht vollkommen erhalten. Seine meisten Räume wurden am Ende des 15. Jahrhunderts bei dem Bau des so genannte Wladislaw Saals vernichtet. Es ist sicher, dass dieser Palast durch einen Privatgang mit dem Oratorium im nahen St. Veits Dom. verbunden war.

 

Karls IV. Palastbau war kleiner als der Pariser Sitz der französischen Könige, aber er nahm sich über der Stadt Prag dominierender aus. Das belegt auch die älteste erhaltene Ansicht der böhmischen Hauptstadt vom Ende des 15. Jahrhunderts. Die Ausmaße des Palastes wurden aber von dem monumentalen St. Veits Dom in den Schatten gestellt. Der Kontrast und die benachbarte Lage dieser beiden bedeutenden Bauten, des St. Veits Doms und Königspalastes, hielten das Vorhaben des Stifters verborgen.

 

Die Metropolitankirche symbolisierte gleich anderen gotischen Kathedralen nicht nur die Religion und das Himmlische Jerusalem, das siegreiche Königreich Gottes, sondern auch eine wohl verwaltete Gemeinde, also ein Staatsgebilde, wofür der Herrscher Sorge tragen musste. Die knienden Gestalten Karl IV. und seiner Gemahlin Elisabeth von Pommern an dem großartigen Mosaik, das das letzte Gericht darstellt, und das sich an der Goldenen Pforte des St. Veits Doms befindet, deuten an, dass der große Luxemburger das Heil der eigenen Seele mit der Erfüllung seiner geschichtlichen Sendung verband.

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Erzbistum Prag

 

 

 

Der neuen Stellung Prags, das im Jahre 1344 endlich zu einer Metropolitanstadt wurde, musste dann auch ihre Zentralkirche entsprechen. Die im 10. Jahrhundert gegründete und dann im 11. Jahrhundert von dem Fürsten Spytihnĕv II. umgebaute St. Veits Kirche entsprach nicht mehr Karls Vorstellungen. Der böhmische Königssohn, mit den Verhältnissen in Frankreich gut vertraut, wusste, dass es eine monumentale Kirche Kathedrale ist, die als ein Symbol von jedem bedeutenderen Bischofssitz, sogar Erzbischofssitz gilt, und dass diese Kathedralen seit dem 12. Jahrhundert im gotischen Stil gebaut werden. Für die Gotik, die im französischen Kulturmilieu entstand, stellte eine Kathedrale gleichzeitig den wichtigsten Bautyp dar, sie bestimmte die weitere Entwicklung der Architektur, und diente als Vorbild für die meisten restlichen Bauten. Frankreich stellte auch die Wiege und das gelobte Land der gotischen Kathedralen dar (die Kathedralen in Sens, Paris, Bourges, Chartres, Reims, Amiens), woher sich diese Bauformation auf die britischen Inseln (Canterbury), nach Norditalien (Mailand) und in die deutschen Gebiete (Köln am Rhein, Magdeburg) verbreitete. Es wirkt deswegen nicht überraschend, dass der Prinz Karl von Luxemburg gleichzeitig mit der Erhebung des Prager Bistums zum Erzbistum einen Anstoss zur baulichen Umgestaltung der St. Veits Kirche in eine mächtige gotische Kathedrale gab. Die an ihrer „Goldenen Pforte” erhaltene Inschrift gibt an, dass die Entscheidung über Errichtung des Doms von König Johann und von seinem Sohn am 3. März 1344 verabschiedet wurde, wenn auch die Bauarbeiten wahrscheinlich erst mit Verspätung von einigen Monaten in Angriff genommen wurden.

 

Die neue St. Veits Kirche stellte aber in Karls Erwägungen nicht nur den wichtigsten Sakralobjekt der Prager Diözese dar, sondern sollte weitere bedeutende Funktionen erfüllen. Karl beabsichtigte, dass sie gleichzeitig als Krönungskathedrale und als Grabstätte der böhmischen Könige dient. Das, was sich in Frankreich auf verschiedenen Stellen befand (die königliche Grabstätte und das Grab des Landespatrons in Saint Denis, die Krönungskathedrale in Reims) wollte der berühmteste Luxemburger aus seinem Titel des böhmischen Königs auf einer einzelnen Stelle konzentrieren. Er lehnte auf diese Weise ganz programmmäßig das Vorgehen Wenzels II. ab, der zweifellos von dem französischen Vorbild beeinflusst: zur letzten Ruhestelle der böhmischen Herrscher und ihrer Verwandten das Zisterzienserkloster von Zbraslav bestimmte.

 

Das Vorhaben, die St. Veits Kirche in eine gotische Kathedrale um zu bauen, bedeutete die Liquidierung des älteren Objekts, der vom hl. Wenzel und von Spytihnĕv II. erbaut worden war. Karl beauftragte mit dieser anspruchsvollen Aufgabe erst den Baumeister Matthias von Arras: durch diese Entscheidung stellte er auch sein großes Vertrauen zur französischen Kultur zur Schau. Matthias begann im Jahre 1344 mit dem finanziell gut unterstützen Werk – König Johann bedachte es bereits drei Jahre davor mit dem Zehnten aus dem Ertrag der Silbergruben von Kutná Hora (Kuttenberg). Der französische Baumeister erbaute zusammen mit seinen Helfern den ganzen östlichen Teil des Chorumgangs des St. Veits Doms mit den fünf Abschlusskapellen, und er legte zwischen diese Kapellen äußere Strebepfeiler ein. Unter seiner Leitung entstanden auch die neun Pfeiler des Hauptschiffes, dessen Bau er oberhalb der Arkaden bis in die Höhe des Triforiums führte. Auch wenn Matthias von Arras aus Nordfrankreich stammte, verrät seine Kunst mehr die Zusammenhänge mit der Gruppe der südfranzösischen Kathedralen, vor allem der Kathedralen von Narbonne und Rodez. Der französische Baumeister verfuhr nach den Richtlinien, die der Herrscher selbst setzte: Karl sehnte sich danach, dass der St. Veits Dom an die Tradition der französischen Kathedralen, die er in seiner Jugend kennen lernte, anknüpfen würde. Daraus ergab sich der konventionelle und traditionalistische Zutritt des Matthias von Arras.

 

 

 

Matthias von Arras
1. Baumeister des Dom St. Veit
Triforium am Dom St. Veit

 

 

p style=”text-align: justify;”>Als Matthias im Jahre 1352 gestorben war, musste sich der böhmische und römische König nach einem anderen Baumeister umsehen. Sein Blick fiel auf den Petr Parléř (Peter Parlér) aus dem süddeutschen Gmünd. Dieser stammte aus einer Familie, wo die Profession des Baumeisters, des Steinmetzes und des Bildhauers vom Vater auf Sohn geerbt wurde. Deswegen nahm sich in dieser Familie der Beiname Parléř (Parler, Parlier) an, der dieselbe Bedeutung wie Polier hatte. Peter verbrachte seine Lehrjahre auf dem Bau der Kathedrale in Köln am Rhein und auch in der Bauhütte seines Vaters Heinrich, der den Bau der St. Kreuz Kirche in Schwäbisch Gmünd leitete. Der dreiundzwanzigjährige Petr Parléř kam nach Prag im Jahre 1356, und verband mit dieser Stadt sein ganzes weiteres Leben und Schaffen. Die Hauptaufgabe dieses genialen Architekten blieb bis zu seinem Tode (der ihm im Jahre 1399 ereilte) der Bau der St. Veit Kathedrale. Der deutsche Baumeister verließ auf eine radikale Weise die Vorstellungen seines Vorgängers, und drückte dem Bau sein individuelles Gepräge ein.

 

Petr Parléř

Der junge Parléř knüpfte originell an das Werk des Matthias von Arras an, und baute weitere Pfeiler des Südumgangs und die anliegenden Kapellen. Den Pfeilerbau setzte er auch an der nördlichen Seite des Schiffes und hinter dem Umgang (die jetzige zweischiffige Sakristei und St. Siegmund Kapelle) fort. Dann kam die St. Wenzels Kapelle, und im Jahre 1368 die südliche Domvorhalle an die Reihe. Die dreiteilige Stirnseite des Südtores ließ der Kaiser in den Jahren 1370-1371 mit einem herrlichen Mosaik ausschmücken, wonach dieserTeil der Kathedrale „Die Goldene Pforte” genannt wurde.

 

Im Jahre 1373 wölbte Parléř den großen Triumphbogen ein, und zuletzt erbaute er die Ostseiten des Querschiffes. So sah, im Grunde genommen, die Gestalt dieser Kathedrale am Ende von Karls IV. Leben aus. Zum Bau des Dreischiffes, das im Jahre 1392 gegründet worden war, kam es im 14. Jahrhundert nicht mehr. Petr Parléř starb im Jahre 1399, und mit der Leitung der Bauarbeiten bei dem Bau des großen Südturmes wurde sein Sohn Wenzel beauftragt. Am Anfang des 15. Jahrhunderts beendete er das Erdgeschoss des Turmes, und erhöhte ihn vor dem Jahre 1419 bis zur Stelle des jetzigen Renaissanceumgangs. Gleichzeitig wurde an der südlichen Seite des Querschiffes eine Balustrade errichtet, die mit dem Flamboyant-Maßwerk versehen ist. Danach wurde die Bautätigkeit auf diesem Bauplatz still: die hussitische Revolution brach die Arbeiten für längere Zeit unter. Der fertige Chor wurde mit einer 32 m hohen Wand provisorisch abgeschlossen, die durch eine Westrose und durch Erdgeschossarkaden ergänzt wurde: das alles wurde im 16. Jahrhundert zugemauert und mit Putz versehen.

 

Im 16.-18. Jahrhundert fehlte es nicht an Versuchen um die bauliche Beendigung der Kathedrale, aber das Werk der Familie Parléř wurde nur teilweise bereichert. Erst das 19. und 20. Jahrhundert verzeichneten in dieser Hinsicht einen Erfolg, wenn auch dieser Erfolg mehr problematisch war. Das ursprüngliche Projekt eines turmlosen Dreischiffsystems wurde am Ende des 19. Jahrhunderts vom Architekten Josef Mocker gestört, der den Bau des westlichen zweitürmigen Teils durchsetzte. Dadurch erlitt im Panorama der Burg die dominante Stellung des gotischen südlichen Turms mit dem barocken-renaissancen Helm. Der gesamte Kathedralenbau wurde erst von dem Architekten Kamil Hilbert beendet. Die festliche Weihe der Kathedrale fand im Jahre 1929 bei der Gelegenheit des 1000. Jahrestages vom Tode des hl. Wenzel statt. Der neugotische Anbau aus dem 19. und 20. Jahrhundert konnte, weder was die Gefühlseinwirkung, noch was die Kunsteinwirkung betrifft, mit dem alten Parlerschen Presbyterium zu einem einheitlichen Organismus verschmelzen. Auch die Folgen der mechanisierten Bauarbeiten wirkten sich nicht gut au: die Ausmaße, die Bearbeitungsweise und die Farben der verwendeten Steine. Das neue Dreischiff erweckt einen kühlen Eindruck, und kann sich nicht mit dem alten Teil messen.

 

Die Parlersche Kathedrale bedeutete eine ausdrucksvolle Bereicherung der gotischen Architektur und ihrer Ausdrucksmöglichkeiten. Davon zeugt vor allem die Lösung des Hauptschiffes. Die großen Chorfenster reichen von Pfeiler zu Pfeiler, so dass die Wand verschwindet. Auch dadurch unterschied sich das Werk Parlers von dem Bau des Matthias von Arras. Der Architekt aus Gmünd führte eine bemerkenswerte Verwandlung in das System des Netzgewölbes ein. Er verließ die traditionelle Einteilung des Gewölbes durch Quergürtel mit markant abgetrennten Jochen, und schloss den Raum des Hauptschiffes durch das zusammen hängende Tonnengewölbe ab, dessen Oberfläche von dem reich gegliederten Gebilde des Rippennetzes durchwoben wurde. Eine besondere Bewunderung verdient vor allem die schöne sternförmige Zeichnung des fünfeckigen Hauptschiffabschlusses. Die Fachmänner sind da der gleichen Meinung, dass hier Parléř in seiner gesamten Gewölbekonstruktion sein eigenes System schuf, wodurch er den mächtigen Raum zu einem einheitlichem Ganzen vereinigte, ihn mit Luft erfüllte und in dem bis zu dieser Zeit ungewöhnten Maße mit Licht durchstrahlte. Parlers Lösung wurde dann zu einem Ausgangspunkt für die spätgotische Architektur.

 

Der Besucher des St. Veit Doms wird ganz bestimmt von dem Mosaik des Letzten Gerichtes an dem südlichen Tor, an der so genannte „Goldenen Pforte”, angezogen. Dieses Mosaik, das von einem zeitgenössichen Geschichtsschreiber als ein Bild „aus Glas nach der griechischen Weise” nimmt eine Fläche von 85 m2 ein. Es wurde von venezianischen Künstlern durchgeführt, derer Geschicklichkeit Karl während seines abenteuerlichen Aufenthaltes an der Adria im Jahre 1337 kennen lernte. Der kompositorische Umfang dieses Mosaiks entspricht der Gliederung der „Goldenen Pforte”. Links wurden die aus dem Grabe auferstehenden Gestalten dargestellt, in der Mitte befindet sich Christus als Richter, zu dem Karls beliebte Heiligen und die Landespatrone (Ludmila, die hll. Prokop, Siegmund, Veit, Wenzel, und Vojtĕch) hinauf sehen, rechts sind der Erzengel Michael, die Teufel und die Verdammten. In dem mittleren Feld unten, dicht über dem Spitzbogen, kniet der Kaiser Karl mit seiner Gemahlin Elisabeth von Pommern. Nach der Meinung eines Kenners der tschechischen Gotik, Karl Stejskals, wurde der Unterlagekarton für dieses Mosaik von italienischen Schöpfern durchgeführt. An die Arbeit des Guariento d’Arpe, der sich auch an der Ausschmückung des Doggenpalastes in Venedig beteiligt hatte, knüpfte der weitere Venezianer Nicoletto Senitecolo an.

 

 

 

Der knieende Kaiser Karl IV.
Eine Darstellung an der Wand der St. Wenzelskapelle im Dom St. Veit

 

 

 

 

Elisabeth von Pommern.
Gemahlin von Kaiser Karl IV. Eine Darstellung an der Wand der St. Wenzelskapelle im Dom St. Veit

 

 

 

Durch die Zusammenarbeit der italienischen Künstler mit böhmischen Glasmachern und Malern entstand ein Mosaikbild, das zu den größten Mosaiks außerhalb des Wirkungskreises der byzantinische Kunst, derer Einfluss bis in das Gebiet der Republik Venedig reichte, gehört.

 

Als einer der wichtigsten Räume der Kathedrale gilt die St. Wenzels Kapelle, die von ihrem Baumeister als ein architektonisches eigenständiges Gebilde und gleichzeitig als eine Vorstufe zur so genannte „Goldenen Pforte” und zum großen südlichen Turm aufgefasst wurde. Zum Unterschied von anderen Umgangskapellen wurde die St. WenzeIs Kapelle von allen Seiten durch eine masive Wand abgeschlossen, und mit der richtigen Kathedrale durch zwei Portale verbunden. Unter dem Netzgewölbe liegt das hl. Wenzels-Grab, das den Schlüsselpunkt dieses Raumes darstellt. Im 14. Jahrhundert war das Grab viel prunkvoller, als es jetzt der Fall ist: die reich ausgeschmückte und wertvolle Grabstätte hatte aber die hussitische Revolution nicht überlebt. In Karls Konzeption des St. Veits Doms und der ganzen Prager Burg nahm die Kapelle eine außerordentliche Stellung ein. An der Stelle, wo sich jetzt das Grab des böhmischen Patrons befindet, stand vom Anfang des 10. Jahrhunderts an die ursprüngliche St. Veits Rotunde, die vom Fürsten Wenzel gegründet wurde. Die Verbindung vom Kultus des hl. Veit, dessen Armknochen einst der Fürst Wenzel gewann, mit dem Kultus des Landespatrons, brachte Karls Vorstellungen von der geheiligten, göttlichen Substanz der Herrscheraufgabe und der Staatsmacht zur Geltung. Gleichzeitig wurde dadurch auch das Streben des böhmischen Königs, in die Fußstapfen des Fürsten Wenzel zu treten, mit dem er sich durch seine Herkunft und durch seinen Namen verwandt fühlte, und den er verehrte, manifestiert. Das zeigte sich auch bei Karls kaiserlicher römischer Krönungsfahrt im Jahre 1355. Damals brachte der Herrscher nach Prag die restlichen Reliquien des hl. Veit und erhöhte auf solche Weise noch die Bedeutung des Umbaus der böhmischen Hauptkathedrale. Der enge Zusammenhang des böhmischen Königsthrons und des böhmischen Staats mit der Person des Landespatrons und Heiligen wurde durch die Anbringung der böhmischen Königskrone auf den Schädel des hl. Wenzel, der seit dem Jahre 1358 in einem goldenen Büstenreliquiar aufbewahrt wurde, noch mehr betont. Diese bemerkenswerte Kunstgewerbearbeit ging gleich einem Teil der Krönungskleinodien (dem ursprünglichen Szepter, Apfel und Ring) im Wirbel der Hussitenkriege verloren. Dieses herrliche Herrscherdiadem, mit 91 Edelsteinen und 20 Perlen besetzt, geriet auf solche Weise in das Eigentum des böhmischen Landespatrons, der es dem konkreten König nur zu verleihen pflegte. Deswegen wurde für dieses Diadem die Benennung „die St. Wenzels Krone” eingebürgert. In den späteren Zeiten wurde für die Herrscherkleinodien in der Kathedrale eine besondere Kammer erbaut, wozu es sieben Schlüssel gibt. Eine Legende erzählt, dass derjenige, der sich unberechtigt die böhmische Königskrone auf den Kopf setzt, bald sterben wird. Zum letztenmal sollte so was im Falle des vertretenden Reichsprotektors Reinhard Heydrich passieren, der von den Angehörigen des böhmischen Widerstands im Frühjahr 1942 getötet wurde.

 

Die Funktion der St. Wenzels Kapelle wurde noch durch ihre Ausschmückung betont. Der Baumeister wählte absichtlich den Quadratgrundriss, damit das Werk eine Assoziierung mit dem Himmlischen Jerusalem, so wie dieser in dem 21. Kapitel der Apokalypse des hl. Johannes beschrieben war, hervor ruft. Diese Zusammenhänge werden noch von den Edelsteinen, die im Jahre 1373 an die Wände dieser Kapelle angebracht wurden, unterstrichen. Im unteren Teil der Kapelle wurden in Karls Zeit elf Szenen aus der Leidensgeschichte Christi angebracht, woran an der östlichen Seite die Portraits des Kaisers, der Elisabeth von Pommern, des Wenzel IV. und seiner ersten Gemahlin Johanna von Bayern anschließen. Der umfangreiche Zyklus der St. Wenzels Legende stammt erst aus dem Anfang des 16. Jahrhunderts. Was die Gesamtwirkung der Kapelle betrifft, erweckt diese noch vorgotischen Eindruck. Es war eine Absicht, dass ein gehöriges Rahmen für den Türklopfer in der Form eines Löwenhauptes mit einem Ring im Maul entsteht. Dieser Türklopfer befindet sich an der Portaltür, und im 14. Jahrhundert glaubte man, dass sich der Fürst Wenzel gerade an diesem Türklopfer festhielt, als ihm seine Mörder den Todesstoß versetzten. Auf dem Gesims der Altarwand steht eine Statue, die den hl. Wenzel darstellt, als einen eleganten gotischen Ritter-Höfling. Diese frei übertragbare Plastik, die die Idealisierung des Subjekts (den späteren so genannte schönen Stil) vorzeichnete, gehört zu den Werken Heinrich (Jindřich) Parléř, Peters Neffen. Der Landespatron war aber nicht nur in der Kapelle der Kirche, derer erster Erbauer er war, anwesend. In der Auffassung des Kaisers war er auch der ewige und ideale Herrscher des ganzen Böhmischen Königreichs und der Herr der Prager Burg, wofür Karl die Benennung die „St. Wenzels Burg” prägte. Diese künstliche Bezeichnung nahm sich aber nicht an, und im Verlauf des 15. Jahrhunderts hörte man völlig auf, sie zu benutzen.

 

 

Die gotische Statue
des hl. Wenzel im Dom St. Veit
in der St. Wenzelskapelle. Ein Werk von Jindřich Parléř (Heinrich Parler) aus dem Jahre 1373

 

 

 

Falls die St. Wenzel Statue den antretenden künstlerischen Trend, der für die Gotik der Wende vom 14. zum 15. Jahrhundert so typisch ist, vorein nahm, gilt eine ähnliche Konstatierung für die Plastik des mit einem Drachen kämpfenden hl. Georgs, derer Kopie (das Original wird jetzt in der Nationalgalerie aufbewahrt) auf dem Dritten Burghof steht, aber mit dem Unterschied, dass die Auffassung dieses Werkes, das im Jahre 1373 von Martin und Georg aus Klausenberg in die Bronze gegossen wurde, bereits den Weg zur Renaissance weist. Deswegen wurde es von Fachmännern auch eine lange Zeit für eine Arbeit des 16. Jahrhunderts gehalten. Die Darstellung der Bewegung des Pferdes, das im Sprung den Kopf umdreht, hatte ihren Ursprung in der Antik, doch sie erscheint aufs neue im 14. und 15. Jahrhundert in Italien. Die Kunsthistoriker sind der Meinung, dass die Schöpfer dieser Statuengruppe wahrscheinlich Venedig und die dorthin im Jahre 1204 aus dem Hippodrom von Konstantinopel überführten berühmten Statuen von vier Bronzepferden des griechischen Bildhauers Lysippos kennen mussten.

 
 

 

Der hl. Georg
im 3. Burghof, das Reiterstandbild.
Es wurde von den Brüdern Georg und Martin aus Klausenberg in den 79 er Jahren des 14. Jahrhunderts gegossen
 
 

 

Die St. Veit Kathedrale gilt bis jetzt als eine Art Galerie der gotischen Plastiken, wenn auch eine Menge von Statuen und weiteren Kunstwerken während der hussi-tischen Stürme und am Anfang des Dreißigjährigen Krieges vernichtet wurde. Mehr als die verschieden gelösten Wasserspeier und die Beendung der Portalkonsolen wird von dem Besucher ein großer Komplex von Grabtumben mit Statuen der Přemysliderherrscher am Deckel beachtet. Sie befinden sich im Chorerdgeschoss, in drei östlichen Kapellen, und sie repräsentierten in dem Gesamtplan der Kathedrale die historische Vergangenheit des böhmischen Staates, und sagten gleichzeitig darüber aus, dass der St. Veit Dom auch eine Aufgabe der königlichen Grabstätte erfüllte. Die sterblichen Überreste von einigen Angehörigen der Přemysliden-dynastie wurden von Beneš Krabice von Weitmile im Jahre 1373 aus der liquidierten Spytihnĕv Basilika hervor gehoben, und in die Chorumgangskapellen übertragen. Einige Grabtumben, derer bildhauerische Arbeit spätestens im Jahre 1376 in Angriff genommen wurde, verraten eine in St. Denis geschöpfte Inspirierung und die Belehrtheit vom Werk des französischen Künstlers Pierre de Chelles. Die Statuen Břetislav I., Přemysl Otakar I. und Přemysl Otakar II. sind wahrscheinlich Petr Parleřs Werk, die Grabtumben Bořivoj II. und Břetislav II. erinnern an Grabtumben der französischen Könige in Saint Denis, und die Statue Spytihnĕv II. kann wahrscheinlich dem Jindřich Parléř zugeschrieben werden.

 

Die weiteren Bildhauerwerke sind im unteren Chortriforium zu finden, das aber nicht frei zugänglich ist. Hier befinden sich 21 Büsten, die die Angehörigen der Luxemburger Dynastie (Johann von Luxemburg, Elisabeth Přemyslidin, Karl IV. und seine vier Gemahlinnen, Wenzel IV. und seine Frau Johanna von Bayern, Karls Bruder Johann Heinrich, Karls Stiefbruder Wenzel von Luxemburg), die Prager Erzbischöfe (Ernst von Pardubitz, Johann Očko von Wlašim, Johann von Jenstein), die Baudirektoren des Kathedralenbaus (Leonard Bušek, Mikuláš Holubec, Beneš Krabice von Weitmile, Ondřej Kotlík und Wenzel von Radeč) und die Architekten dieses Baus (Matthias von Arras und Peter Parléř) darstellen. Diese Portraitgalerie wurde in den Jahren 1375-1385 von einigen Mitgliedern der Parlerschen Bauhütte in Sandsteinquader gehaut. Sie wurde nach dem Muster von den 43 Skulpturen in dem großen Saal im Palais de la Cite in Paris errichtet. Es wirkt ein bisschen ungewöhnlich, dass hier die beiden Dombaumeister in einer Reihe mit der kaiserlichen Familie, mit der nächsten Verwandschaft des Herrschers und mit den geistlichen Prälaten erscheinen. Die Bildnisse der Baumeister wurden im Mittelalter meistens als Genre auf den Portalkosolen plaziert, und wurden der herrschenden Dynastie und den Vertretern der Geistlichkeit nicht gleich gestellt. In Prag war es aber anders. Die Bedeutung beider Architekten wurde noch von den Gedenkanschriften betont, wo ihre unsterblichen Taten verherrlicht wurden. Es ist nur ein Beweis der Verhältnisse, die auf Karls IV. Hofe und seines Sohns Wenzel IV. herrschten. Die schöpferischen Individualitäten wurden hier, ähnlich wie einst in der Antik und zuletzt in der Renaissance, die gerade zu dieser Zeit in Italien ihren Anfang nahm, außerordentlich hoch geschätzt.

 

Die Bewunderung für die antiken Zeiten, ein charakteristischer Zug des Humanismus und der Renaissance, kann auch bei manchen abgebildeten Gestalten beobachtet werden. Die Frisur der Johanna von Bayern ist eine Kopie der Frauenfrisuren des altertümlichen Roms, und gleiche Zeichen sind auch bei weiteren Personen zu finden. Die Forscher waren deswegen noch nicht imstande, das Problem befriedigend zu lösen, in welchem Maße die Büsten einen Versuch um das wirkliche Portrait darstellen, und wie weit sie sich an den autoritativen Vorbildern der Antik und an den zeitgenössischen französischen und italienischen Arbeiten halten. Den Büsten der Mitglieder der Luxemburger Dynastie und der mit dem Aufbau der Kathedrale verbundenen Personen entspricht an der Außenseite des Triforiums eine Reihe von Büsten von Karls beliebten Heiligen.

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Böhmische Krönung

 

 

 

Allein die Wahl am Rhein garantierte Karl lediglich den leeren Titel des römischen Königs, und nicht die reale Macht und den Posten des weltlichen Haupts der Christenheit. Das alles mußte er erst erkämpfen, denn es lag auf der Hand, dass Ludwig der Bayer dem päpstlichen Schützling seine Postitionen freiwillig nicht überlassen würde. Über die unsichere Stellung des dreißigjährigen Luxemburgers sagte anschaulich seine Ankunft in Böhmen aus. Er reiste in sein Vaterland lieber in Verkleidung eines Edelknaben, um nicht in die Hände von Ludwigs Verbündeten zu fallen. Fortuna zeigte ihm aber bald ein freundliches Gesicht. Ludwig der Bayer wurde im Herbst 1347 auf einer Bärenjagd vom Infarkt getroffen, und vor Karl erschloss sich mit einem Schlag der Weg zur Anerkennung seines Titels des römischen Königs auf dem ganzen Gebiet des Heiligen Römischen Reichs. Er nutzte diese Gelegenheit vollkommen aus. Der Versuch der Wittelsbacher, als Gegenkönig den nichts sagenden deutschen Adeligen Günther von Schwarzburg zu wählen, endete mit einem Krach.

 

Bis zum Jahre 1346 hieß kein böhmischer Herrscher Karl. Der berühmteste Luxemburger wurde zum ersten Mann mit diesem Namen auf dem böhmischen Königsthron, aber fast das ganze Böhmen sprach und spricht nicht von dem Karl I., sondern von dem Karl IV. Unter den Herrschern des Reichs war der Sohn des Johanns von Luxemburg ja der vierte Karl in der Reihenfolge, nach Karl dem Großen (768-814), dem Karl dem Kahlen (843-877) und Karl dem Dicken (876-887). Diese Tatsache stellt zugleich einen Beweis dar, dass beide Königswürden (die böhmische und die römische) im Karls Falle vereint wurden, so dass niemand auf die Gedanken kam, diese auf eine besondere Weise voneinander zu unterscheiden. Um die Durchdringung und Überdeckung dieser beiden Würden verdiente sich Karl selbst. Die Verbindung der böhmischen Krone mit der römischen Krone bildete einen der Grundelemente seiner politischen Konzeption. In Karls Auffassung stellte der böhmische Staat den kompaktesten, stabilsten und wirtschaftlich stärksten Bestandteil des Heiligen Römischen Reiches dar. Dieses Reich wurde aber nicht im Sinne des deutschen Staates, sondern auf der Ebene eines übernationalen Gebildes aufgefasst. Dieses Staatsgebilde umfasste die großen und kleinen Staaten in den deutschen und alpenländischen Territorien, im jetzigen Belgien, in Luxemburg, in den Niederlanden und im Teil des jetzigen Frankreichs, in dem norditalienischen Gebiet, und ferner die Länder der böhmischen Krone unter der formalen Souveränität des römischen Königs, der im Falle der Krönung in Rom auch den Kaisertitel tragen konnte. Die Zugehörigkeit des böhmischen Staates zum Heiligen Römischen Reich seit dem 11. Jahrhundert wurde von niemandem ernst im Zweifel gezogen: alle erkannten aber gleichzeitig die eigenständige Stellung seiner Herrscher, denen seit dem 13. Jahrhundert auch die Funktion eines der Kurfürsten (der Wähler des römischen Königs) zustand. Bis 1346 gelang es aber keinem der böhmischen Könige, sich auf den Thron der römischen Herrscher zu setzen, auch wenn es an solchen Versuchen nicht fehlte.

 

Karl IV. hatte im Unterschied zu seinem Vater keine enge persönliche Beziehung zur luxemburgischen Grafschaft, und sah den Machtkern der Luxemburger Dynastie programmäßig im böhmischen Staat. Er hatte im Sinne, die böhmischen Länder in den Tragpfeiler des Heiligen Römischen Reichs umzuwandeln, und zu seinem kulturellen und politischen Zentrum sollte Prag werden. Dank Karls zielbewussten Bemühungen reihte sich der böhmische Staat in der Mitte des 14. Jahrhunderts wieder unter die europäischen Großmächte ein. Karls Entscheidungen wurden nicht nur durch die subjektiven Gründe, seine Přemyslidenherkunft mütterlicherseits und seine Beziehung zum Vaterland bestimmt, in dem sich ihm erstmals die Gelegenheit bot, seine Herrscherfähigkeiten zu entfalten, nicht unwesentlich waren dabei auch die objektiven Gründe.

 

Der steile Aufstieg des böhmischen Staates unter Karl IV. ist nicht zu erklären, ohne die ökonomische positive und soziale Entwicklung, die bereits in der vorangehenden Periode, unter der Regierung der letzten Přemysliden begann, zu erwähnen. Die teilweise negativen, ob schon ökonomischen oder politischen Schwankungen, stoßen im Grunde die erfolgreiche langjährige, durch die umfangreiche Kolonisierungstätigkeit bedingte Tendenz nicht um. Im 13. und am Anfang des 14. Jahrhunderts wurde die Fläche der bebauten Felder erweitert, und diese lieferten dann genug Getreide, das Niveau der Zucht landwirtschaftlich wichtiger Tiere wurde erhöht, und ein dichtes Netz von Städten produzierte die notwendigen Erzeugnisse für die Lokalmärkte, und ermöglichte dadurch einen lebhaften Handel. Den Erläuterungen der Historiker nach wurden die internationalen politischen Erfolge der Přemyslidendynastie an der Wende des 13. zum 14. Jahrhundert nicht nur durch die persönlichen Fähigkeiten der Herrscher und durch die durchgeführte Kolonisierung, sondern auch durch die Vorräte an wertvollen Metallen, vor allem an Silber das in der Nähe von Jihlava (Iglau) und von Kutná Hora (Kuttenberg) gefördert wurde ermöglicht. Das Prägen des böhmischen (Prager) Groschens führte zur Entstehung einer harten Währung, die zumindest im mitteleuropäischen Bereich anerkannt wurde. Die intensive Silbergewinnung wurde auch unter der Regierung Johanns von Luxemburg und Karl IV. fortgesetzt, nur in Kutná Hora gewann man im Durchschnitt 10 000 kg Silber jährlich. Eine weniger bedeutende Rolle spielten die Goldgruben in Jilové (Eilau) bei Prag und an anderen Orten, die aber mit den damaligen ungarischen Fundorten nicht konkurieren konnten. Es gab noch einen Prinzip, mit dem die böhmische Ökonomik der Ära Karl IV. an die vorangehende Entwicklung, die sie gut auswerten konnte, anknüpfte. Die große Welle der Städtegründung war erst um 1340 beendet, und sie trug Früchte erst in der Mitte des 14. Jahrhunderts, also mit einem bestimmten Zeitabstand. Es war gleichzeitig ein Beweis, dass das umfangreiche Städtenetz und der Übergang zum Geldwechsel zum festen Bestandteil der Wirtschaft der böhmischen Länder wurde.

 

Die Prosperität des böhmischen Staates hing aber in mancher Hinsicht auch vom Zusammenspiel der günstigen Faktoren ab. Einer von ihnen war gewichtiger als die anderen: den böhmischen Ländern wich die große Pestepidemie, die nach einer langen Zeit in den Jahren 1347 – 1352 nach Europa zurück kehrte und ihre Bewohner massenweise hinwegraffte, in einem breiten Bogen aus. Es scheint, dass die Pest nach Europa von den Ratten eingeschleppt wurde, die sich auf den Genueser Schiffen, die das Getreide aus der Krim Halbinsel beförderten, befanden. Den Großteil des europäischen Kontinents erwarteten sechs schreckensvolle Jahre. Die Infektion zog auf Festland Wasserwegen und nach Mitteleuropa. Sie betraf die nordeuropäischen und südeuropäischen Gebiete, das Baltikum, das Moskauer Fürstentum, die österreichischen Länder und die deutschen Regionen. Die Bevölkerungsverluste bewegten sich nach der Intensität der Epidemie von 25 bis 60 %. Die Menschen standen dieser Katastrophe wehrlos gegenüber, weil sie die Immunität vermissten. Am schlimmsten erging es den Städteeinwohnern die in den relativ hygienisch und kleinen unzureichenden Räumlichkeiten zusammen gedrängt waren. Die böhmischen Länder, und besonders das eigentliche Königreich Böhmen, lagen außerhalb der wichtigsten Handelskommunikationen, worauf sich die Epidemie verbreitete. Dies erwies sich in dem gegebenen Augenblick als Vorteil. In das mehr zugängliche Mähren und auf das schlesische Gebiet drang die Pest ein, aber für die weitere Entwicklung waren die Verhältnisse im Königreich Böhmen entscheidend. Während die kulturell und ökonomisch entwickelten süd und westeuropäischen Gebiete durch Bevölkerungsverluste in eine tiefe Krise gerieten, erlebten die böhmischen Länder eine Periode des Aufschwungs und holten sehr schnell die Verspätung, die sie von den traditionell mehr entwickelten Regionen trennte, nach. Die wirtschaftliche Entwicklung des böhmischen Staates war komplizierter und die ökonomische Konjuktur konnte, wie wir noch sehen werden, nicht längere Zeit andauern. Karl brachte es zustande, die günstigen Verhältnisse, die fast gleichzeitig mit seinem Antritt auf den böhmischen und auf den Reichsthron entstanden waren, so viel als möglich auszunutzen.

 

In dieser Hinsicht war auch die Ausgangsposition, die er noch unter der Regierung seines Vaters vorbereitete, von großer Bedeutung. Die Einführung des politischen Gleichgewichts im böhmischen Staat ermöglichte Karl, dass er bald nach dem Tode Johanns die innenpolitische und internationale Lage seiner erblichen Länder durch eine Serie von Gesetzmaßnahmen festigen konnte. Hier taucht ganz deutlich die Inspiration durch die französischen Erfahrungen auf, besonders was die Bedeutung der Herrscherperson betrifft.

 

Es war Frankreich, wo Karl IV. das Verständnis für die Symbolik der Krone und der Krönungszeremonie vermittelt wurde. Die Krönung gehörte zu den bedeutendsten Zeremonien, die der ganzen Dynastie und dem jeweiligen Herrscher den entsprechenden Glanz verliehen. Er erinnerte sich an das prunkvolle Ritual, an dem er im Jahre 1328 teilnahm, als die französische Krone auf das Haupt Philips VI. von Valois gesetzt wurde.

 

Der böhmische neue Herrscher prahlte seit dem Ende des Jahres 1346 mit der Krone der römischen Könige, die er in Bonn erhielt, aber er maß der Krönung in Prag nicht eine kleinere Rolle bei, schon angesichts der Aufgabe, die er den böhmischen Ländern beschied. Er befasste sich detailliert mit dem Ablauf dieses lithurgisch-staatlichen Aktes, der die Verbindung des Throns mit der himmlischen Macht symbolisieren sollte. Karls Ergebnis war die Ausarbeitung einer neuen Krönungsordnung des böhmischen Königs und der böhmischen Königin, der neuen Zeremonieregel, die aus einem ähnlichen französischen Schriftstück, und aus einem alten deutschen Werk schöpfte, nach dessen Bestimmungen sich im Grunde genommen auch die Přemysliden richteten.

 

Die Krönung des Königs Karl und der Königin Margarete (Blanche) verlief am 2. September 1347 nach der neuen Krönungsordnung. Die Zeremonien begannen einen Tag vor der richtigen Krönung auf dem altertümlichen Vyšehrad, der (irrtümlich) für den ursprünglichen Sitz der Přemyslidenherrscher gehalten wurde. Zum Beweis der Zusammengehörigkeit mit den Přemysliden und zum Ausdruck der Achtung vor der Tradition zog Karl die angeblichen Reliquien des ersten böhmischen (mythologischen) Fürsten, des Akkermanns Přemysl, die Bastschuhe und die Basttasche, an. Danach fuhr er in Begleitung der vorderen böhmischen Adeligen, Fürsten, Grafen, Herren, kirchlichen Prälaten, Reichsherzöge und seinen nächsten Verwandten auf die Prager Burg, wo er sich in das festlich ausgeschmückte Schlafzimmer begab. Am anderen Tag fand in der St. Veits Metropolitankirche die richtige Krönung, ein kompliziertes und langes Zeremoniell, statt. Die Krönung erreichte ihren Höhepunkt damit, dass der Prager Erzbischof Ernst von Pardubice Karl die Arme, die Brust, das Haupt und die Schultern mit dem heiligen Öl salbte. Nach der Salbungszeremonie zog er dem Herrscher das festliche Gewand an und weihte seine Hände. Dem gesalbten König wurde dann der Mantel angezogen und das Schwert, das die weltliche Macht symbolisierte, umgegürtet. Danach wurden ihm die Armbänder angezogen und der Ring übergeben. Als der Herrscher zuletzt dem Gott sein Schwert opferte, indem er es auf den Altar legte, kaufte einer der anwesenden Adeligen das Schwert symbolisch los und trug es vor den König. Der Erzbischof reichte dem König den Reichsapfel und das Szepter. Danach trat der Metropolit zur Weihe der Königs und Königinnenkrone. Schließlich legte er unter Assistenz der anwesenden Bischöfe auf Karls Haupt die königliche Krone. Wie ersichtlich ist, schloss Karls Krönungsordnung die Eingriffe weltlicher Personen in das Krönungsritual aus. Auf solche Weise wurde zweifellos die sakrale Natur der Königswürde, die direkt vom Gott stammte und von der weltlichen Macht unabhängig war, betont. Dem Ritual in der Metropolitankirche folgte ein festliches Mahl, das auf dem Gallus Markt, einer der bedeutendsten Flächen der Prager Altstadt, in einem dafür erbauten hölzernen Gebäude stattfand. Das ist die jetzge Havelska. Bei den verschiedensten Lustbarkeiten kamen auch die breiten Volksschichten auf ihre Kosten.

 

Der Prunk der Krönungsfeier wurde durch die Schönheit der neuen Königskrone, die Karl auf seinen dichten und dunklen Haaren trug, erhöht. Der Herrscher ließ diese Krone im Jahre 1346 anfertigen, und in ihre Form seine idealen Vorstellungen einprägen. Die Krone stellt eine freie Nachahmung des früheren Přemyslidendiadem’s dar, aber sie verrät gleichzeitig den Zusammenhang mit der Staufenkrone aus dem 13. Jahrhundert und mit der französischen Königskrone. Die böhmische Königskrone ist gleichzeitig auch eine Reliquienkrone, weil sie in dem kleinen Kreuzchen an ihrem Gipfel einen der angeblichen Dorne der Märtyrerkrone Christi verborgen hält. Einen analogischen Fall gab es auch bei der französischen Königskrone, die Ludwig IX. anfertigen ließ. Ähnlich wie in anderen Fällen verband Karl auch in der Gestaltung der böhmischen neuen Königskrone programmmäßig eine Přemyslidentradition mit der Tradition der französischen Kapetdynastie in ein bedeutungsvolles Ganzes.

 

 

 

Die Krönungskleinodien der böhmischen Könige
die Krone des St. Wenzels aus der 2. Hälfte der 40 er Jahre des 14. Jahrhunderts. Der Königsapfel
und das Szepter sind eine Renaissancearbeit.

 

 

Die Anfertigung dieser herrlichen Königskrone brachte nicht nur die Entschlossenheit und das Streben des Königs zum Ausdruck, den böhmischen Staat auf ein höheres Niveau zu erheben und mit Ruhm zu bedecken, sondern sie sollte auch seinen Willen zur Anknüpfung an die besten Traditionen der böhmischen Herrscher und seine Bewunderung der höfischen Kultur des hochentwickelten Frankreichs demonstrieren. Es spiegelten sich darin auch die staatsrechtlichen Erwägungen und das politische Programm dieses Herrschers. Das Wort „Krone” bezeichnete unter der Regierung Karl IV. nicht nur einen konkreten Gegenstand, sondern man begann die Wortverbindung „die Krone Böhmens”auch in der Bedeutung „der böhmische Staat” zu verwenden. Das mittelaterliche Tschechisch kannte nämlich den Begriff „Staat” gar nicht: er wurde in diese Sprache erst ein paar Jahrhunderte später übernommen. Das Herrscherdiadem wurde auf diese Weise zugleich zum Symbol der Existenz dieses Staatsgebildes.

 
 

 

 

Der Kristallkrug
Die endgültige Gestaltung aus der Mitte des 14. Jahrhunderts

 

 

 

 

 

Das goldene mit eingravierten Bildern Reliquiarkreuz
aus den 60 er Jahren des 14. Jahrhunderts. Auf de unteren Gravierung sind Karl IV. und der Papst Urban V.

 

 

 

 

 

Karls goldenes Reliquiarkreuz
mit Kameen nach nach 1348

 

 

 

 

Diese Behauptung stellt keine unbelegte Vermutung dar. Im Zusammenhang mit der Vorbereitung der Krönung befasste sich Karl auch mit der staatsrechtlichen Organisierung der böhmisehen Länder, und mit der deutlicheren Eingliederung der neu gewonnenen Gebiete in der Oberlausitz und in Schlesien unter die Souveränität des böhmischen Herrschers. In der Sammlung von Urkunden, die vom 7. April 1348 datiert wurden, und die faktisch die Geltung von Verfassungsgesetzen hatten, gab Karl dem böhmischen Staatskomplex eine feste Gestalt, und er vereinigte die einzelnen Staaten zu einem einheitlichen Gebilde, das „Die Länder der Böhmischen Krone” genannt wurde. Dieser Begriff umfasste die Territorien, die dem böhmischen König direkt unterstanden. Dazu gehörte das Königreich Böhmen (das sich geographisch mit dem alten lateinischen Namen Bohemia deckte), die Markgrafschaft Mähren, die schlesischen Fürstentüme, resp. Herzogtümer, die Oberlausitz, und endlich auch die nachträglich gewonnene Niederlausitz. Den bedeutendsten, mächtigsten und einflussreichsten Bestandteil dieses Staatskomplexes stellte natürlich das Königreich Böhmen dar, die restlichen Territorien wurden zusammen fassend mit dem Namen „die Nebenländer der Böhmischen krone” bezeichnet, was an sich bereits ihre politische Stellung charakterisierte. In dieser Größe existierte der böhmische Staatskomplex bis zum Dreißigjährigen Krieg, der Begriff „die Länder der Böhmischen Krone” überlebte aber bis zum Jahre 1918, wenn auch die Nieder und Oberlausitz sowie Schlesien im Laufe des 17. und 18. Jahrhunderts sich von diesem Ganzen lösten. Unter der Regierung Karl IV. gehörten zur Böhmischen Krone vorübergehend auch die Oberpfalz, seit dem Jahre 1373 Brandenburgern (samt Berlin), das am Anfang des 15. Jahrhunderts von Siegmund von Luxemburg endgültig verkauft wurde, und weiter die verschiedensten kleinen und territorial zerstreuten ausländischen Lehen (feudal extra curtem, das heißt die Lehen außerhalb des Herrscherhofes). In formeller Hinsicht gehörte hierzu auch Luxemburg, wo aber ein Nachkomme Johanns von Luxemburg aus seiner zweiten Ehe regierte. Unter Karl IV. war es der böhmische König, der den eigenständigen und bestimmtermaßen souveränen Herrscher der Länder der Krone Böhmens darstellte. Zum Gegenpol der zentralen Herrschermacht sollten noch die Generalversammlungen werden. Die politischen Vetretungen aller Länder der Böhmischen Krone hatten das Recht, an ihren Sitzungen teil zu nehmen, und damit auch Mitentscheidungsrecht über die wichtigsten Probleme des Staatskomplexes. Ihre Zwistigkeiten aber, ihre regionalen Interessen und ihre Rivalitäten schwächten von Anfang an die Bedeutung dieser Institution. Der böhmische Staatskomplex stellte das am meisten konsolidierte Staatsgebilde in Mitteleuropa dar. Dies war Karls Resultat erfolreicher Bemühungen, auf Grunde der Theorien französischer staatsrechtlicher Denker eine feste und zentralisierte Monarchie aufzubauen. In dieser politischen Konzeption fiel die Schlüsselrolle dem gebildeten und souveränen Herrscher zu, der mit Hilfe seiner nächsten Ratgeber imstande war, die äußere und innere Stabilität des Staatskomplexes zu erhalten. Eine unentbehrliche Bedingung der ungestörten Funktion der Monarchie stellte das Gleichgewicht der politischen Hauptkräfte dar. Karl IV. brachte es fertig, zur Verwirklichung seiner Pläne die geeigneten Mitarbeiter zu finden, neben den zum Herrscher loyalen Vertretern des Adels waren es vor allem die Angehörigen des geistlichen Standes, die gebildeten Absolventen der Klosterschulen und Universitäten. Diese Menschen beherrschten die lateinische Sprache, ja sogar noch andere Fremdsprachen, und sie verfügten über umfangreiche Kenntnisse auf den verschiedensten Gebieten menschlichen Wissens und über einen breiten Gesichtskreis auch im internationalem Maßtab, der dem provinziell verankerten Adel fehlte. Zum engsten Kreis von Karls Ratgebern gehörten die Prager Erzbischöfe Arnošt z Pardubic (Ernst von Pardubitz) und Jan Očko z Vlašimi (Johann Očko von Vlaschim) sowie Jan ze Středy (von Neumarkt in Schlesien), der Bischof von Leitomischl und später von Olmütz. Die Personen des geistlichen Standes machten sich auf ausdrucksvolle Weise auch in der Kanzlei des Herrschers nützlich. Die reale Macht des böhmischen Landestages als Hauptforums des böhmischen Adels trat in den Hintergrund. Auf dem Landestag tagten aber nicht nur die Angehörigen des Adels, sondern auch die Geistlichkeit, und manchmal auch die Vertreter der Prager Altstadt.

 

Im Laufe der ersten Hälfte der fünfziger Jahre versuchte Karl IV., die vergrößerte Rolle des Herrschers im Königreich Böhmen gesetzlich fest zu legen. Damals arbeitete er mit seinen Ratgebern einen Vorschlag des grundsätzlichen Landesgesetzes aus, das später Maiestas Carolina genannt wurde: in der modernen Zeit würde man es Verfassung nennen. Eine ganze Reihe seiner Festlegungen stieß aber auf den heftigen Widerstand einflussreicher Herrengeschlechter, die einige dieser Gesetzvorlagen für einen Angriff auf die Privilegien des höheren Adels hielten. Karl gab deswegen lieber nach, und zog den Entwurf des Gesetzbuches zurück. In dem gegebenen Augenblick benahm er sich ein Pragmatiker, der die wirkliche Veränderung des Kräfteverhältnisses respektierte, und der deshalb keinen Konflikt riskieren wollte. Seit seinem Antritt auf den böhmischen Thron fasste Karl die Politik in den Ländern der Böhmischen Krone als einen untrennbaren Bestandteil seiner Reichspolitik auf. Er kam dabei aus den damaligen universellen Ideen hervor, in denen der römische Herrscher das weltliche Haupt der Christenheit darstellte. Er war sich aber selbst dessen bewusst, dass die Macht des römischen Herrschers von idealen Charakter ist, und keine absolute oder wirkliche Macht repräsentiert. Aus diesem Grunde zog er auch die Interessen anderer europäischen Herrscher in Erwägung, und ihm war vollkommen klar, dass er in dem westlichen Teil der Christenheit nur dann den Einfluss gewinnen kann, wenn er sich mit dem ganzen Gewicht seiner Autorität für die Lösung der brennendsten internationalen Probleme einsetzen würde.

 

Karls Hauptzüge der Reichspolitik entsprachen analog seinem Verhalten im böhmischen Staatskomplex. Er stützte sich auf die Stabilität der wichtigsten Gesellschaftskräfte. Als Gegengewicht gegen die auseinandertreibenden Tendezen in den deutschen Reichsgebieten festigte er das internationale Ansehen der böhmischen Länder und arbeitete mit der päpstlichen Kurie zusammen. Einige der neueren deutschen Historiker werfen ihm deswegen vor, dass er den Tschechen ein Vater, aber den Deutschen ein Stiefvater war, und er erntete den Beinamen „der Pfaffenkönig”. In der Tat war aber alles komplizierter. Karl machte ganz logisch und programmmäßig aus dem Königreich Böhmen den Kern der Besitzungen der Luxemburger Dynastie und einen Pfeiler des Heiligen Römischen Reichs. Er vernachlässigte aber die deutschen Gebiete im keinen Fall. Nach der Niederlage des Günther von Schwarzburg und nach der vollen Anerkennung im Reich ließ er sich am 25. Juli 1349 in Aachen zum zweitenmal mit der Reichskönigskrone krönen. Diese Zeremonie bedeutete nicht die Verneinung des ersten Krönungsakts in Bonn, sondern eine Betonung und Ergänzung der Legalität der römischen Königswürde in der Anwesenheit von allen Vertretern des Reichs. Nicht zuletzt bekannte sich Karl damit ganz ausdrücklich zur Tradition Karl des Großen, dessen Lieblingssitz in Aachen war. Vielsagend waren auch Karls lange Aufenthalte in Nürnberg, einem politischen Zentrum der deutschen Reichsregionen, und mehrmaligen Tagungsort der Reichstage.

 

Auch in dieser bedeutenden deutschen Stadt betonte Karl auf verschiedene Weise die führende Stellung des Königreichs Böhmen im Rahmen des gesamten Reichs. Bei von Nürnberg, in dem Städtchen Lauf an Pegnitz, ließ er eine Burg mit dem bezeichnenden Namen Wenzelsburg erbauen, derer Räumlichkeiten mit Wappen böhmischer Adelsgeschlechter und böhmischer Städte ausgestattet wurden. Im Jahre 1349 ordnete er an, dass man an der Stelle des während eines antisemitischen Pogroms vernichteten Nürnberger Gettos einen Marktplatz, den Hauptmarktplatz, errichtet. Zu seiner Dominante wurde dann der Bau der Kirche der Jungfrau Maria und des hl. Wenzels, der Heiligen, denen Karl aus bekannten Gründen besondere Ehrfurcht bezeigte. Dieser Sakralbau, jetzt Frauenkirche genannt, wurde im Jahre 1361 geweiht. Unter den Standbildern, die ihren Chor schmücken, fehlt auch nicht die Statue des hl. Wenzels. Auf dem Balkon der Vorhalle wurde eine astronomische Uhr angebracht, die den thronenden Karl IV. darstellt, dem jeden Mittag die Kurfürsten in einem Festzug huldigen, indem die Trompeter ihre Instrumente an den Mund setzen. In Nürnberg wurde am 26. Februar 1361 auch Karls Sohn Wenzel geboren, der später in den deutschen Reichsgebieten sehr unbeliebt war. Eine Lokalsage erzählte sogar, dass dem großen Luxemburger ursprünglich ein Töchterchen geboren wurde, das er in seiner Sehnsucht nach dem Thronfolger gegen ein Schustersöhnlein tauschte! Karl IV. hielt sich aber nicht nur in Nürnberg oder in Lauf auf. Wie sein Iterinar beweist, reiste er durch alle deutschen Regionen des Reichs. Es ist auch bekannt, dass er nach dem Gewinn Brandenburgs mit Vorliebe in Tangermünde am unteren Elbefluss weilte. Neben den persönlichen und politischen Gründen hatte Karl auch einen praktischen Grund, warum er seinen Sitz in Prag hatte. Das Heilige Römische Reich vermisste eine feste, durch Traditionen geheiligte Siedlungsstadt, und darüber hinaus wurde das Königreich Böhmen nicht von der großen Pestepidemie betroffen, die in den Jahren 1348 -1352 in den deutschen Ländern wütete.

Anfang

 

 

Gründung der Neustadt

 

 

Die Prager Burg galt als eine Residenz des Herrschers des Königreichs Böhmen und des Heiligen Römischen Reichs, aber im wahren Sinne des Wortes kann man für ihren Sitz den ganzen Prager Städtekomplex halten. Karl IV. entschied sich deswegen gleich nach seinem Thronantritt, eine gevagte und umwälzende urbanistische Konzepion zu realisieren, die Prag unter die vordersten Städte der Christenheit erheben sollte. Während der einigen Jahre, die er in seinem Geburtsort verbrachte, wurde er sich dessen bewusst, dass die Entwicklungsmöglichkeiten des Staatszentrums durch die bisherige Fläche der Altstadt und der Kleineren Stadt eingeengt waren. Der Schwerpunkt des Bevölkerungsanstiegs vurde langsam in die Ansiedlungen vor den Altstädter Befestigungsmauern verlegt. Dabei war es notwendig, die Lage der Ansiedlungen in der Prager Umgebung auch im Zusammenhang auch mit der damaliger Lage der Altstadt zu lösen. Im Grunde genommen boten sich hier zwei Auswege an: durch den Zusammenschluss einzelner Gemeinden konnte vor dem Altstädter Befestigungsgürtel ein zusammenhängender Vorort entstehen, oder dieses Gebiet konnte zum direkten Bestandteil der Prager Altstadt verden. Karl IV. lehnte aber die beiden Alternativen ab, er befürchtete, dass sie zu einem Widerspruch zu seinen Vorstellungen einer glänzenden Residenz geraten könnten. Diese Residenz sollte auch als Sitz einer Universität und als Schauplatz von pompösen Ausstellungen von Krönungskleinodien und von wertvollen Reliquien, die jährlich stattfanden, dienen. Schon deswegen sollte die Erweiterung des städtischen Areals planmäßig sein.

 

Die staatsmännischen Pflichten hinderten Karl daran, die Prager Verhältnisse gleich im Jahre 1346 zu ändern. Für dieses Vorhaben machte er sich erst im März 1348 frei. Dadurch, dass er seine Vorstellungen über die Gestaltung der Hauptstadt Prag in bedeutenden Gründungsakten (über die staatsrechtliche Organisierung der Länder der Böhmischen Krone, über die Errichtung der Universität, über die Veranstaltung des ersten Generaltages der Böhmischen Krone und über die Bestätigung älterer Privilegien, die die Beziehung zwischen dem Königreich Böhmen und dem Reich präzisierten) fest legte, manifestierte er deutlich, welche Wichtigkeit er der Stellung der Siedlungsstadt beimaß. Karls Pläne blieben aber den Altstädter Vertretern nicht verborgen, die bereits um die Osterzeit des Jahres 1347 vom Herrscher den Erlass einer Urkunde über die Erhaltung ihrer bisherigen Privilegien und Rechte im Zusammenhang mit der vorbereiteten Erweiterung des Prager Städtekomplexes erzwangen. Erst danach konnte der Herrscher am 8. März 1348 die Gründungsurkunde der Prager Neustadt erlassen. Ihr Text machte festlich kund, dass der König am rechten Moldauufer, in der unmittelbaren Nachbarschaft der Prager Altstadt, ein neues städtisches Areal zu errichten beabsichtigte. Diesen seinen Schritt begründete er mit ökonomischen, politischen und sozialen Gründen, aber abseits blieben dabei nicht einmal die Gefühlsaspekte. Karl proklamierte in dieser Urkunde öffentlich seine Beziehung zur Stelle „Unserer Geburt und Erziehung”, die „Wir bereits liebgewonnen hatten, bevor Wir die Last der königlichen Regierung in Angriff nahmen…” Es dauerte aber drei Wochen, bis Karl am 26. März 1348 festlich den Grundstein zur neuen Stadtsiedlung legte.

 

Die großzügige Gründung der Prager Neustadt auf dem ungewöhnlich ausgedehnten Raum fand im damaligen Europa nicht ihresgleichen. Sie stellte gleichzeitig einen Endpunkt des Kolonisierungsprozesses dar, der in den böhmischen Ländern seit der Wende vom 12. zum 13. Jahrhundert verlaufen war, und dessen unteilbaren Bestandteil die Errichtung eines dichten Städtenetzes darstellte. Um überhaupt die Entstehung eines neuen Areals zu ermöglichen, kaufte Karl IV. auf dem rechten Moldauufer die Grundstücke auf, die in der Form eines breiten Gürtels die Prager Altstadt ihres ganzen östlichen und südlichen Randes entlang umschlossen. Auf diesem Gebiet befanden sich einige Dörfer und fünfzehn Kirchen. Der Herrscher ließ die oben erwähnte Fläche in den Jahren 1348-1350 von Städtemauern, die durch Tore und Türme gegliedert waren und die Gesamtlänge von 3 440 Metern hatten, umgeben. Bei dem Bau dieses Mauergürteis, von dem bis jetzt der Abschnitt zwischen dem Karlov und dem Botič Bach und ein Teil des Mauerwerks auf dem Vyšehrad erhalten blieb, verbaute man 100 000 m3 Stein. Durch ihre Auffassung verraten die Neustädter Mauern eine italienische Inspiration. Die hohen massiven Mauern sind mit Zinnen beendet, wobei ihre Befestigungsfunktion noch von den geschlossenen prismatischen Türmen, die mehr für den Anfang des 14. Jahrhunderts charakteristisch waren, gestärkt wurden.

 

Die Fläche, die Karl dem Neustädter Gebiet bemaß, war im Vergleich zur Altstadt dreimal so groß, und nahm ungefähr 360 ha ein. Der ganze urbanistische Organismus der Neustadt wurde auf Grunde eines nachgedachten Projekts unter der Mitbeteiligung des Herrschers selbst erbaut. Bei der Terrainarbeiten nutzten die Vermesser die alten antiken Praktiken und die astronomischen Kenntnisse aus (einige der Neustädter Kirchen befinden sich auf demselben Meridian). Auch die Plätze und Straßennetze wurde auch sehr großzügig konzipiert. Einer Legende nach entstand nur eine einzige Straße nicht plangemäß: diese Straße wurde deswegen „Nekázanka” (die „Unbefohlene”) genannt. Die historische Wahrheit ist aber anders: die lateinische Benennung vicus turpis sollte den unerfreulichen Zustand der Straße, die schmutzig, ungepflegt, das heißt „unzüchtig” war, bezeichnen. Während sich in den mittelalterlichen Städten die Breite einer Straße zwischen 3, 5-7 m bewegte, betrug sie in der Neustadt 18-27 m! In dem Geländeplan wurden für die Märkte drei zentral gelegten freien Plätze bestimmt: der Viehmarkt (der jetzige Karlsplatz), der Heumarkt (der jetzige Platz Senovážné námĕstí) und der Roßmarkt (der jetzige Wenzelsplatz). Der größte Platz von ihnen, der Viehmarkt, hat eine Fläche von 80 550 m2 : diese Größe wird nicht einmal von dem größten Platz des 18. Jahrhunderts, dem Place de la Concorde in Paris, erreicht. In diesem Zusammenhang zwingt sich eine Frage auf: konnte Karl IV. in der Zeit der Projektierung der Neustadt nicht bereits damit gerechnet haben, dass er in ihrer Mitte die Fronleichnamskapelle errichten wird, die außer anderem zur jährlichen Ausstellung der Reichskrönungskleinodien und der kostbaren Reliquienbehälter mit Heiligenreliquien bestimmt sein würde? Man konnte voraus setzen, dass die ausgestellten Objekte Tausende von inländisehen und ausländischen Besuchern nach Prag anlocken würden, die die umfangreiche Fläche des Viehmarktes problemlos aufnehmen könnte. Der Herrscher dachte aber nicht nur an die Gegenwart, sondern auch an die Zukunft. Deswegen beließ er in dem Neustädter Bereich ausreichend Platz für die spätere Bautätigkeit. Einer der Kenner der Prager Architektur schrieb mit vollem Recht, dass man im Fall des Neustädter Areals „gar nicht mehr von einer mittelalterlichen Stadt” sprechen kann, weil „in seinem funktionalistischen Grundriss das Mittelalter längst beendet war”. Die breiten Straßen und die ausgedehnten Zentralflächen zeichneten bereits den Anfang der Grundsätze der Renaissancearchitektur an. Einige Kenner der Kunstgeschichte sind sogar der Meinung, dass Karl IV. und seine Baumeister über Kenntnisse vom altrömischen Theoretiker Vitruvius empfohlenen. Regeln verfügen mussten, eine aus der Mitte des 14. Jahrhunderts stammende Handschrift, die jetzt in der Kapitelbibliothek aufbewahrt ist, enthält Abschrift seines Werkes.

 

Der Herrscher hielt sich an den antiken Grundsätzen samt dem bisher unbekannten Hauptprojektanten fest, damit die christliche, sowie die staatspolitische Symbolik, die von den einzelnen Bauten und von der Neustadt als einer Gesamtheit zum Ausdruck gebracht wurde, besser betont werden konnte. Die Verbindungslinie der wichtigsten Sakralobjekte bildet genau das Kreuzzeichen, was einen mittelalterlichen typischen Zug darstellt. Die Gründung des städtischen Ensembles in der Kreuzform kam aber aus der alten Überzeugung heraus, dass die Stadt in diesem Falle den Grundriss des Himmlischen Jerusalems, des siegreichen Gottesreichs, nachahmt, und sich deswegen eines besonderen Schutzes erfreut. Zur Dominante der Prager Neustadt wurde dann ihre höchst gelegene Stelle, die sich in ihrem südöstlichen Eckstück befand. Der Herrscher stiftete hier im Jahre 1350 das Kloster der Lateraner Augustiner Chorrherren mit der Kirche der Jungfrau Maria Himmelsfahrt und des hl. Karl des Großen. Dieser Bau wurde unter den Fachleuten im 19. und 20. Jahrhundert heftig diskutiert. In dieser Debatte versuchte man vor allem die Frage zu beantworten, ob unter Karl IV. lediglich die Umfassungsmauern, oder auch das bemerkenswerte Gewölbe (das nach einer Volkssage für ein Teufelswerk, von den Wissenschaftlern aber entweder für das Werk eines Baumeisters des 16. Jahrhunderts, oder direkt für die Arbeit eines der königlichen Architekten gehalten wurde), entstanden waren.

 

Schon das Patrozinium dieser Kirche, die absichtlich an den Tag von Karls Traum in Tarenzo und gleichzeitig an den Erneuerer des abendländischen Kaiserreichs erinnern sollte, verrät, welche Bedeutung der Monarch diesem Bau beilegte. Der zentral gelöste Grundriss dieser Kirche bekannte sich noch darüber hinaus zu der Palastkirche Karl des Großen in Aachen, wo sich der große Luxemburger zum zweitenmal zum König des Heiligen Römischen Reichs krönen ließ. Auch die Verbindung der Kirche mit dem Kloster der Augustiner Chorherren war nicht zufällig. Die Augustiner waren für Karl IV. als Verkünder der neuen Religiosität und als Verehrer der Lehre des hl. Augustin von Interesse, dessen Schlüsselwerke der Kaiser kannte. Er glaubte noch darüber hinaus, dass er diesem Heiligen die Rettung seines Lebens in Pavia verdankte. Der hl. Augustinus befasste sich auch ausführlich mit der Aufgabe des Herrschers in der christlichen Gesellschaft. Die Vermischung des Kults vom Erneuerer des abendländischen Kaisertums mit der Verehrung des hl. Augustinus zeigt sich auch in dem Wappen des neuen Klosters, der Kopf Karl des Großen ist hier von den gehörigen Pontifikalien begleitet. Karlov (Karlshof), wie dieser Gebäudekomplex genannt wurde und jetzt noch genannt wird, beherrschte symbolisch die ganze Neustadt, und bildete zusammen mit der Prager Burg und mit dem Vyšehrad ein Gipfeldreieck, wo die Dimensionen der Politik dieses Herrschers, bei dem sich die profanen Komponenten mit den sakralen Komponenten vermischten, und die Momente privaten Charakters einfach mit den Staatsinteressen zusammenn fielen, zum Ausdruck kamen. Auch das Patrozmium weiterer kirchlichen Bauten in der Neustadt signalisierte einen Zusammenhang mit dem Weltbild, wie es dieser Herrscher gesehen und auffasste.

 

In der Gründungsurkunde legte Karl IV. fest, dass die Neustadt aus legislativer Hinsicht eine selbstständige Gemeinde (gleich der Altstadt oder der Prager Kleineren Stadt, das heißt der Kleinseite) werden soll. Er verlangte dabei ausdrücklich, „…dass der Neustadt selbst, ihren einzelnen Bewohnern und ihrer gesamten Nachkommenschaft für ewige Zeiten alle einheitlichen und erworbenen Bestimmungen, Ehren, Gebräuche, Gesetze, öffentlichen und städtischen Gewohnheiten, Gewohnheitsrechte, Gnadenerweisungen, Gunsterweisungen, Rechte und Vorteile zugestanden werden, die bis dahin nur der Altstadt zustanden, und womit diese auch prahlte, und dass die Bewohner der Neustadt von denselben Privilegien auch Nutzen ziehen dürfen. Wir bestimmen und verordnen gleichzeitig, dass die oben erwähnte Neustadt und ihre Bewohner in den Angelegenheiten des weltlichen des Kirchen und Strafrechts vor den Ratherren und vor dem Schultheißen der eigenen Gemeinde, die Wir selbst nach dem Gesetz, nach den Gewohnheiten und nach dem Status dieser Gemeinde zu bestimmen geruhten, gerichtet werden…” Die Prager Neustadt war also gezwungen, aus politischen, rechtlichen und repräsentativen Gründen ein eigenes Rathaus zu errichten. Die Anfänge dieses Rathauses sind aber unklar und zeitlich nicht ganz nachvollziehbar. Es ist aber klar, dass sich in den 70 er Jahren des 14. Jahrhunderts dieses Rathaus an der Stelle des jetzigen Neustädter Rathauses (Nr. l-II, 2-II, in der durchlaufenden Nummerierung Karlsplatz Nr. 23) an der Ecke des Viehmarktes und der jetzigen Vodičkova Straße befand. Von seinem ursprünglichen Aussehen ist fast nichts bekannt. Die späteren großen Umgestaltungen am Anfang des 15. und im 16. Jahrhundert veränderten dieses Aussehen grundsätzlich, und der Gebäudekern wurde dabei wesentlich erweitert.

 

Der Aufbau der Prager Neustadt und ihre Besiedlung begann gleich nach der Verabschiedung der Gründungsurkunde. Jedermann, der sich zur Umsiedlung in die Neustadt entschied, wurde für 12 Jahre von allen Steuern und Zahlungen befreit. Er hatte aber eine Pflicht: binnen 18 Monaten auf der ihm zugewiesenen Parzelle ein Haus zu erbauen. Die ganze Fläche der künftigen Stadt wurde so zu einem einzigen riesigen Bauplatz. Wenn auch alle Häuser nicht in der fest gelegten Frist gebaut wurden, und wenn es auch nicht gelang, die ganze Fläche in entsprechende Parzellen auf zu teilen, wuchs die Stadt trozdem in einem bemerkenswert schnellen Tempo. Die Fachmänner meinen, dass bis 1350 an die 650 steinernen Häuser gebaut und beendet waren, vor allem im mittleren und östlichen Teil dieses neuen Areals. Dies war nur logisch, denn die Bebauung der Neustadt entstand zuerst in der Nachbarschaft der Altstädter Ansiedlung, und die unbebauten Flächen lagen in den abgelegenen Teilen: in dem oberen Teil der Neustadt und in der Richtung vom Viehmarkt bis zum Botič Bach. Um die Mitte des 14. Jahrhunderts begann man auch mit dem Bau von zwei Pfarrkirchen: der St. Heinrich und St. Stephan Kirche. Gleichzeitig damit entstanden auch zahlreiche weitere kirchliche Objekte; zwei davon (das Karmeliter Kloster mit der Kirche der Jungfrau Maria Schnee und das slawische Benediktiner Kloster), die baulich außerordentlich anspruchsvoll waren, erlebten ihre Einweihung bereits im Jahre 1347. Zwanzig Jahre später standen in der Prager Neustadt ca. 1450 Häuser. Das Jahr 1367 wird auch für das Datum der Beendigung der ersten Phase des Aufbaus der Neustadt gehalten. Genauso dachte auch Karl selbst, als er in demselben Jahr in dem Augustinerinnen Kloster die einschiffige Kirche weihte, die den Namen der hl. Katharina, seiner himmlischen Beschützerin aus der Schlacht bei San Felice, trug.

 

Im Unterschied zu den Vorstellungen des Herrschers entwickelte sich das Zusammenleben der Alt und Neustadt nicht sehr harmonisch. Karl IV. sicherte den Vertretern der Altstadt ihre Privilegien, gewährte ihnen den freien Durchgang durch die Neustadt, und vereinbarte mit ihnen einen Ortswechsel mancher lärmreichen und „schwarzen” (schmutzigen) Handwerke in das neu entstehende Areal. Damit stärkte er gleichzeitig das Handel und Repräsentanzgepräge der Altstadt. Die Brauer, andere mit Hämmern arbeitende Handwerker, Mälzer, Radmacher und Schmiede sollten auf dem Gebiet der Neustadt arbeiten, gleich den Viehhändlern. Hinter dem Neustädter Rathaus lagen die berüchtigen Fleischläden und auf dem Viehmarkt befand sich eine große Markthalle, die zum Verkauf von Fischprodukten bestimmt war. Aus allem ergibt sich, dass sich Karl um den ausgeprägten Charakter und um die Spezialisierung der beiden größten Prager Städte bemühte. Das Leben nimmt aber meist einen anderen Lauf, als die noch so schönen Träume. Die Vertreter der Altstadt trugen sehr schwer daran, dass sie den St. Veits Jahresmarkt verloren, und sahen in ihren Neustädter Nachbarn eine Konkurrenz, die sich mit ihnen was die Tradition, Wichtigkeit und gesellschaftliche Stellung betraf, gar nicht messen konnte. Auf ihre Weise hatten sie Recht. Die Altstadt blieb auch weiterhin eine Hochburg des Handels und ein Stützpunkt der wohlhabendsten bürgerlichen Schichten. Die Neustadt erhielt von Anfang an einen ausgeprägten handwerklichen Charakter, und ihre Mauern zogen auch verschiedene unverankerte Existenzen, die am Rande der Gesellschaft vegetierten, an. Die Rivalität beider Städte wurde auch noch durch die unterschiedlichen Nationalitäten geprägt.

 

Altstadt blieb im Grunde genommen deutsch, während die Neustädter Bevölkerung vorwiegend tschechisch sprach. Unter den gegebenen Verhältnissen konnten die Zwistigkeiten und Streitigkeiten nicht verhindert werden.

 

Dies war nicht der einzige Grund, weswegen Karl IV. im Jahre 1367 die Verwaltung der Prager Alt und Neustadt als eines Ganzen beschloss. Sein Hauptziel war dabei, auch aus rechtlicher Sicht die größte mittelalterliche Stadt zu errichten, die allen anderen Städten überlegen sein würde. Zum Beweis, dass dieser Schritt ernst gemeint war, ordnete der Herrscher an, die Altstädter Befestigungsmauern der ganzen Länge der Berührungslinie mit der Prager Neustadt entlang abzureißen. Ein dem Kaiser Karl nahestehender Chronikschreiber verzeichnete die Erfüllung dieser Anordnung, aber das dürfte nicht stimmen, denn die späteren Quellen aus dem Ende des 14. und aus dem ganzen 15. Jahrhundert sprechen immer noch über die Existenz der Altstädter Befestigungsmauern in diesem Abschnitt. Es scheint, dass es zum Abbruch der Befestigungsmauern des St. Gallus Tors gekommen war. Hier wurde in der Verbindungslinie zwischen dem niederen Teil des Roßmarktes und des St. Gallus Markplatzes über den Befestigungsgraben eine kurze Steinbrücke errichtet, die den Transport von Fuhrwerken und Menschen ermöglichte. Seit dieser Zeit wird diese Lokalität „Na můstku” (Auf dem Brückel) genannt. Die Reste einer gotischen Brücke wurden von den Archäologen bei den Bauarbeiten entdeckt, und ein Besucher kann sie beim Betreten der Metrostation Můstek besichtigen. Die Vereinigung der Alt und Neustadt dauerte zehn Jahre, aber sie brachte mehr Schäden als Nutzen. Im Jahre 1377 zerfiel diese vereinigte Stadt, weil die auseinander strebenden Kräfte stärker waren, als die Tendenzen zum gemeinsamen Zusammenleben.

 

Auch die späteren Versuche in dieser Hinsicht blieben erfolglos, so dass die Alt und Neustadt bis zum Jahre 1784, wo die Vereinigung aller Teile des Prager Städtekomplexes unter der Verwaltung eines Magistrats verwirklicht wurde, als selbstverwalterische Gemeinden galten.

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Vyšehrad

 

 

 

Nach der Gründung der Prager Neustadt wuchs die Bedeutung von Vyšehrad, mit dem das neue Siedlungsgebiet durch eine über den Botič Bach führende Brücke verbunden wurde, auf’s neue. Die romantische Přemyslidenburg, die lange nicht instandgehalten wurde, und die deswegen sehr verkommen war, sollte jetzt auch den Neustädter Einwohnern Schutz gewähren. Diese Funktion konnte sie aber nicht ohne eine gehörige Rekonstruktion erfüllen. Karl IV. nahm diese bauliche Instandsetzung auch gleich im Jahre 1348 in Angriff, er geriet aber in einen Kompetenzstreit mit dem Vyšehrader Kapitel, das während der vorher gehenden Jahre in diesem Objekt wirtschaftete, und das an seiner Bindung an die Prager Neustadt nicht interessiert war. Das erste, was der Herrscher auf dem Vyšehrad erbauen ließ, war eine neue Befestigung, die an die Neustädter Befestigungsmauern anschloss, und im Botič Tal endete. Karls Befestigungen hatten im 14. Jahrhundert zwei Haupttore: das mächtigere von beiden, Spička (die Spitze) genannt, bewachte den Zugang zu den Prager Städten vom Süden.

 

Das Spička Tor war mehr eine Durchfahrtsfestung, es wurde von einem Fachwerkumgang umgeben und von einem Erkertürmchen abgeschlossen. Von seiner Größe zeugen die bisher erhaltenen Reste, die am leichtesten von dem bequemen, von der Metrostation Vyšehrad führenden Weg zugänglich sind. Das zweite Vyšehrader Tor, das zur Neustadt orientiert war, erscheint in schriftlichen Quellen unter dem Namen Prager Tor oder Jerusalemer Tor. Sein Aussehen und sein Außenschmuck erinnerte an das Altstädter Brückentor, was wiederum zu einer Vermutung führt, dass dem Turm auch eine wichtige Rolle beim Krönungszeremoniell zufiel: der Herrscher musste sich mit seinem Gefolge vom Vyšehrad zur Prager Burg gerade durch dieses Tor begeben. Im 17. Jahrhundert verschwanden alle Spuren dieses Tores. Gegen Westen bildete die Vyšehrader Befestigung eine mit einigen Türmen gleichmäßig gestaltete Befestigungsmauer. In diese Mauern wurde ein kleines Tor geschlagen, das den Weg zum Dorf Podolí (heute einem Bestandteil des 4. Prager Bezirks) öffnete. Die Befestigungsmauern ragten auch vom nördlichen Rand vom Vyšehrad Felsen, der hier sehr steil in die Moldau herab fiel. Seit dem Zeitalter Karl IV. erweckte viel Aufmerksamkeit ein Bau der außerhalb des richtigen Burgareals, direkt auf dem Vorsprung des Bergabhangs erbaut wurde. Es handelte sich möglicherweise um ein Wachhäuschen oder um einen Wachturm, dessen Besatzung den Verkehr auf dem Fluss und am gegenüber liegenden Flussufer beobachten sollte. Die menschliche Fantasie machte daraus das Bad der Fürstin Libuša. der Gemahlin des Ackermanns Pøemysl. Die Bedeutung der Vyšehrader Festung wurde dazu durch ihre strategische Lage potenziert. Erst in den Jahren 1902-1905 wurde in den Felsen ein Tunnel geschlagen, bis zu dieser Zeit wurde am rechten Moldauufer der Zutritt zu Prag durch ein mächtiges Felsmassiv verhindert. Die Menschen mussten entweder den Weg mit dem Schiff, oder den Weg durch Vyšehrad wählen.

 

Auf der von den gotischen Befestigungsmauern abgegrenzten Fläche entfaltete sich eine rege Bautätigkeit. Vielleicht noch vor dem Regierungsantritt Karl IV. nahm das Vyšehrader Kapitel die bauliche Umgestaltung der romanischen Kirche der heiligen Apostel Peter und Paul, die von Vratislav II. gegründet und im 12.-13. Jahrhundert umgebaut wurde, in Angriff. Der berühmte Luxemburger beteiligte sich an dem Umbau dieser Kirche seit dem Jahre 1369. Ein Ergebnis dieser Aktion war der Bau eines neuen Dreischiffs mit einer Reihe von Seitenkapellen. Diese Gliederung erhielt sich in groben Zügen bis jetzt. Die Gesamtlänge der sich im Bau befindenden Kirche betrug 110 m, aber dieses Projekt wurde nie ganz verwirklicht. Die spätere Zeit verwässerte das ursprünglich gotische Gepräge des Baus aus dem 14. Jahrhundert. Das selbe gilt auch für die Renaissanceumgestaltungen der verödeten Kirche und für die im 18. Jahrhundert durchgeführte Barockisierung. Das unempfindliche Verfahren wurde auch bei der Regotisierung des Objekts an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert nicht vermieden. Dem Bau wurden in dieser Zeit vor allem die hohen Türme an der Stirnfassade beigefügt. Das jetzige Aussehen der Kirche stellt deswegen eine Synthese vom gotischen Dreischiff aus dem 14. Jahrhundert und dem neuen Chor, Schiff und Stirnseite vom Ende des 19. und vom Beginn des 20. Jahrhunderts dar. Neben der Kapitel Kirche existierten unter Karl IV. auf dem Vyšehrad noch weitere zahlreiche Sakralobjekte.

 

Dank seiner historischen und mythologischen Tradition nahm Vyšehrad in Karls Auffassung der Königsmacht, sowie in seinem Krönungszeremoniell eine außerordentliche Stelle ein. Es ist daher kein Wunder, dass der Herrscher auch den alten Königspalast mit den anschließenden Gebäuden baulich hervor heben wollte. Der Torso dieses gotischen Palastes blieb leider nicht vollkommen erhalten: er wird wohl in dem Objekt der Sportanlage (Nr. 973) verborgen sein. Ein weiteres Objekt dieser Akropole befand sich dann bei der St. Peter und Paul Kirche. Ungeklärt bleibt bis jetzt der Sinn des turmartigen Baus, den man auf einigen Gemälden in der südöstlichen Ecke des Areals beobachten kann. Der Meinung der Spezialisten nach, sollte dieses Gebilde den legendären Neklanka Turm, an dem den Angaben der Chronikschreiber aus dem 16. Jahrhundert nach die Bilder der Přemyslidenherrscher angebracht werden sollten, darstellen. Im Hinblick auf die ähnlichen Galerien, die vom Karl IV. auf der Prager Burg, auf der Burg Karlštejn und auf der Burg Tangermünde errichtet wurden, scheint diese Vermutung sehr wahrscheinlich zu sein.

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Karlsuniversität

 

 

Der Anstieg des böhmischen Staates unter die europäischen Großmächte und Karls systematische Wirkung, der in dem hochentwickelten französischen und italienischen Milieu erzogen wurde, hatte die Bildungsentwicklung in den Ländern der Böhmischen Krone positiv beeinflusst. Viele Gelegenheiten, die die Politik des großen Kaisers und seiner Mitarbeiter der Intelligenz (vor allem derjenigen, die aus den Ländern der Böhmischen Krone stammte) gewährte. Die außerordentlich fähigen und gelehrten Männer wirkten vor allem in der Hofkanzlei des Herrschers, wo sie um die Person des Kanzlers Jan ze Středy (Johannes von Neumarkt), der nacheinander die Würde des Bischofs von Naumburg, von Litomyšl (Leitomischl) und von Olomouc (Olmütz) bekleidete, versammelt waren. Der gewandte Diplomat und Karls Freund gehörte zu den vordersten Anhängern der entstehenden hummanistischen Ideen, er stand mit dem Dichter Petrarca im Briefwechsel und hatte Kontakte auch mit dem anderen Bewunderer der Antik, mit dem römischen Tribun Cola die Rienzi. Das hummanistische Gepräge vom Karls Hof und das hohe Niveau von seinen Mitarbeitern und Ratgebern wurde selbst von Petrarca bewundert:„Ich gebe aber zu, nie was weniger Barbarisches und feiner Gebildetes als den Kaiser und einige der erhabensten Männer um ihn herum gesehen zu haben … vorzügliche Männer, die des ewigen Gedenkens würdig sind, und die noch darüber hinaus so übermäßig liebenswürdig und mild sind, als ob sie in Athen als athenische Bürger geboren wären.”

 

Die Kultur vom Karls Hof wurde aber nicht nur von den ersten Strahlen des Humanismus berührt. Aus den Werken, die direkt von dem Herrscher inspiriert wurden, ergibt es sich, dass sich hier die humanistischen Anstöße mit einer Welle der christlichen Frömmigkeit, mit der ausklingenden Ritterkultur und mit den staatsmännischen Vorstellungen vermischte. In diesem Milieu entstand die erste vollkommene Übersetzung der Bibel ins Tschechische, als auch die bedeutende gereimte St. Katharina Legende, die Adaptationen von abenteuerlichen Erzählungen, die Äußerungen im ausgereiften Kanzlei deutsch und die historischen Werke, die die Vergangenheit der böhmischen Länder und die Tätigkeit des Herrschers selbst verherrlichten. Der literarischen Tätigkeit widmete sich Jan ze Středy (Johannes von Neumarkt) als auch Karl IV., der außer der eigenen Biographie noch Autor einer ganzen Reihe von weiteren Arbeiten, inklusive einer St. Wenzels Legende, war. Zu den Kulturvorlieben der höchsten Gesellschaftsschichten gehörte auch die Anschaffung von herrlich ausgeschmückten Manuskripten.

 

Es wäre aber ein Fehler zu vermuten, dass die Bildung ein Privileg der nächsten Umgebung der Geistlichkeitskreisen und des Herrschers war. Es war nur ein kleines Prozent der Bevölkerung, das lesen und schreiben konnte, aber die Kenntniss des Lesens und des Schreibens verbreitete sich im Vergleich mit damaligen Epochen schneller. Es gab hier auch eine innere Voraussetzung für ihre Entwicklung: vor allem die Entstehung eines dichten Städtenetzes. Falls sich ein Händler oder ein Handwerker nachdrücklich durchsetzen wollte, musste er wenigstens die Grundlagen des Lesens, des Schreibens und des Rechnens beherrschen. Parallel mit der städtischen Kolonisierung und mit dem Einwachsen der Städte in den Organismus des Landes erhöhte sich auch die Zahl der Pfarrschulen, die die elementaren Kenntnisse boten, und der Partikularschulen, die vor allem die Kenntnisse der lateinischen Sprache vermittelten. Das Interesse an Bildung wurde unter Karls IV. Regierung dadurch noch gesteigert, da es sich zeigte, dass sie einen den Zutritt zu Ämtern, kirchlichen Benefizien, zur Karriere, zum besseren Lebensniveau und zur gesellschaftlichen Stellung, öffnenden Schlüssel darstellt. Das alles schaffte insgesamt gute Bedingungen für die Gründung der ersten Hohen Schule, der Universität, auf dem Gebiet des Königreichs Böhmen.

 

Der erste Versuch um die Errichtung der Universität, zu dem es unter Wenzel II. gekommen war, scheiterte an dem Widerstand des böhmischen Adels. Nicht das ganze Halbjahrhundert später enstand aber im Zusammenhang mit Karls IV. administrativen, rechtlichen und wirtschaftlichen Reformen und mit seiner Großmachtspolitik ein dringendes Bedürfnis, die Zahl der im Land ausgebildeten Männer zu erhöhen.

 

Die Gründung der Universität hing mit den Bemühungen um die Gesamterhebung Prags und mit Karls persönlichen Erfahrungen zusammen. Er hatte während seines Aufenthaltes in Paris das Milieu der berühmten Sorbonne und die Bedeutung der Absolventen der Universität für den reibungslosen Gang des Staates gut kennen gelernt. Die Hochschulen galten in der Mitte des 14. Jahrhunderts bereits als eine Zierde von vielen Städten Süd und Westeuropas. Sie konnten aber nicht alle mit dem gleichen Niveau prahlen. Im Grunde genommen gewährten aber diese Lehranstalten eine Spitzenbildung im Rahmen der Kirche, und wurden auch von kirchlichen Institutionen gestiftet. Die Prager Universität stellt aber Dank Karl IV. eine Ausnahme dar. Sie war die erste unter den europäischen Universitäten, die direkt vom Herrscher ins Leben gerufen wurden. Auf Grunde der Umstände ihrer Entstehung konnte sie als Vorbild für weitere ähnliche Hochschulen nördlich der Alpen dienen.

 

Die Initiative des Herrschers während des Gründungsaktes war damals noch was Ungewöhnliches, und es ist deswegen gar nicht verwunderlich, dass sie zum Gegenstand neuer wissenschaftlicher Streitigkeiten wurde. Nach neuesten Feststellungen der Historiker ist es aber ganz klar, dass Karls richtige Gründungsurkunde vom 7. April 1348 war, die der Luxemburger als böhmischer souveräner Herrscher erließ. Dazu gesellen sich noch zwei weitere wichtige Schriftstücke. Das ältere Schriftstück, die Bulle des Papstes Clemens VI. vom 26. Januar 1347, bestätigt die Befugnis der Hochschule in Prag. Die jüngere Urkunde, das so genannte Diplom von Eisenach, erließ am 14. Januar 1349 Karl IV. selbst, und er gewährte dadurch allen Mitgliedern der Universität den Schutz des Reichs. Karl IV. gründete also die Universität aus dem Titel des böhmischen Königs, aber alle Diskussionen, ob diese Schule nach ihrer Entstehung „deutsch” oder „tschechisch” war, sind historisch unwichtig. Es war ganz einfach die klassiche „universitas”, wo man lateinisch unterrichtete, eine Schule, welche den Angehörigen von verschiedenen Nationalitäten offenstand, die dann eine privilegierte Gelehrtengemeinde bildeten.

 

 

 

Gründungsurkunde der Karlsuniversität vom 7.4.1348
Das 2. Original, für den Prager Erzbischof bestimmt, der gleichzeitig Kanzler der Universität war. (Das 1. Original ging im Mai 1945 verloren)

 

 

Der Gründungsakt wird symbolisch auch auf dem ältesten Universitätssiegel dargestellt, das bis jetzt in der unveränderten Gestalt von der Karlsuniversität benutzt wird: der kniende Karl IV. legt hier die Gründungsurkunde in die Hände des hl. Wenzel, des Schutzpatrons des böhmischen Landes. Die Tatsache, dass der Herrscher diese Hochschule aus seinem eigenen Willen errichtete, spiegelte sich auch in der späteren Entwicklung der Prager Universität ab. Karl und seine Nachfolger fühlten sich berechtigt, in ihre Angelegenheiten ein zu greifen, und sie versuchten, ihre Tätigkeit in Einklang mit ihren Interessen und mit den staatlichen Interessen zu bringen.

 

 

 

Der Siegel der Prager Universität, eine Entscheidung des böhmischen König Karl IV.: der kniende Karl IV. übergibt die Gründungsurkunde der Universität dem Landespatron, dem hl. Wenzel

 

 

 

 

 

Der Siegel der Prager Universität, eine Entscheidung des böhmischen König Karl IV.: der kniende Karl IV. übergibt die Gründungsurkunde der Universität dem Landespatron, dem hl. Wenzel

 

 

Die Prager Universität wurde nach dem Muster der Sorbonne und der Universität in der norditalienischen Stadt Bologna organisiert. Um die konkrete Organisierung von ihrer Tätigkeit machte sich der erste Kanzler dieser Hochschule, der Prager Erzbischof Arnošt z Pardubic (Ernst von Pardubitz), verdient. Diese Universität sollte eine vollkommene Hochschule darstellen. Das bedeutet, dass sie aus vier Fakultäten bestand: aus der artistischen (jetzt philosophischen), aus der medizinischen, juristischen und theologischen Fakultät. Die Erreichung eines Rangs (eines Gelehrtengrades) an der theologischen Fakultät stellte damals den höchstmöglichen Gipfel der Bildung dar.

 

Die Studierenden wurden außerdem noch in die so genannten „Universitätsnationen” (die bayrische, polnische, sächsische und tschechische in Abhängigkeit von ihrer Herkunft, nicht von ihrer Muttersprache) geteilt. Die so genannten „Nationen” stimmten über die wichtistgen Fragen der eigenständigen Universitätsgemeinde ab. Die innere Organisation der Universität wurde durch die Gründung des ersten Kollegiums, archaisch der ersten Bursa, vollendet. Die Kollegien waren nicht nur Wohnheime der Studierenden, wie es jetzt der Fall ist, sondern richtige Zentren des Universitätslebens. Sie stellten eine feste Gemeinde der Lehrer und der Schüler dar, und in ihren Mauern spielte sich das tägliche Leben der Universität ab. Hier wohnten die Professoren und die Studenten, hier verlief auch der Unterricht. Das erste Kollegium, das für 12 Meister der theologischen Fakultät bestimmt war, wurde von Karl IV. selbst am 30. Juli 1366 gegründet. Er schenkte seiner Universität das Haus des Juden Lazarus in der Nähe der Altstädter St. Nikolaus Kirche. Dieses Kollegium trug auch in der Zukunft Karls Namen. Dieses Objekt erschien bald als unzureichend. Deswegen widmete Karl IV. der Universität den schönen Palast des Münzmeisters Jan Rotlev in der Altstadt, und dieser Palast wurde später für die Bedürfnisse der Universität umgestaltet.

 

Dieses Rotlev-Haus blieb selbst nach mehreren Umgestaltungen bis jetzt erhalten: es handelt sich um das jetzige Karolinum an der Ecke der Železná-Straße und des Obstmarktes. An den ursprünglichen Hauseigentümer erinnert sein Wappen am Erker der ehemaligen Kapelle, die ein der erstrangigen Beispiele der städtischen Architektur aus Karls IV. Zeit darstellt. Hier entstand nach der Rekonstruktion des Festmahlsaals die große Aula, Versammlungsstätte der Universitätsgemeinde, ein Zeuge zahlreicher Promotionen, akademischer Feste, aber auch der Ereignisse von internationaler Bedeutung. Hier befanden sich auch die Wohnungen der Professoren und ihrer Familien (Dienstboten), die Bibliothek, ein Archiv aber zum Beispiel auch das Universitätsgefängnis.

 

Im Jahre 1366 legte Karl IV. einen Grundstein zu einem anderen Kollegium, Allerheiligen-Kollegium genannt, und sieben Jahre später schenkte er den Juristen ein Haus in der Nähe der St. Jakobs Kirche. Die juristische Fakultät machte sich aber bereits im Jahre 1372 selbstständig und bis zur hussitischen Revolution existierte sie als eigeständige juristische Universität. Alledem nach verfügte zu dieser Zeit auch die medizinische Fakultät bereits über ein eigenes Kollegium in der Nähe der Altstädter St. Valentins Kirche, an derer Existenz wir jetzt nur durch den Namen der Valentin Straße erinnert werden. Die weiteren Kollegien der Prager Universität stammen insgesamt aus der Regierungszeit Karl IV. Das einzige erhaltene Überbleibsel des anfänglichen Aufschwungs der Prager Hochschule bleibt Karolinum: ein Objekt, der bis jetzt ein Eigentum der Universität ist. Nach der Generalüberholung in den 80 er Jahren des 14. Jahrhunderts blieb vom ursprünglichen Gebäude nicht viel erhalten. Zu weiteren Umgestaltungen kam es erst im 18. Jahrhundert, als die Universität auch andere Häuser in der Nachbarschaft (zwischen der Celetná Straße und dem Obst-Markt) besaß. Das jetzige Aussehen Karolinums ist ein Werk des Architekten Jaroslav Fragner aus den Jahren 1945-1948, und die Rekonstruktion des ganzen Areals wurde im Jahre 1968 beendet.

 

Die Studien an der damaligen Universität beruhten im Besuch von Vorlesungen, in Ablegung von Prüfungen und in der Teilnahme an Disputationen. Erst nach der erfolgreichen Absolvierung von Disputationen und Prüfungen konnte der Student einen gelehrten Grad erreichen. Das Leben von den damaligen Schülern wurde aber nicht nur von dem Studium ausgefüllt. Sie befassten sich auch mit weniger erhabenen Tätigkeiten. Die Studenten brachten der Stadt nicht nur Nutzen, aber oft auch Schaden. Das Studentenelement erhöhte die Einwohnerzahl und die Studenten beschafften sogar Ernährung für manche Bevölkerungsschichten, die mit der Universität selbst nur wenig Gemeinsames hatten. In den Städten, wo die Hochschulen wirkten, gediehen auch die verschiedenen Freudenhäuser, Kneippen und Wirtshäuser besser, in denen die Jugendlichen ihr Geld und ihre Zeit vergeudeten. Diese lustigere Seite des Studentenlebens wird ganz getreu von den bekannten Liedern der „Lumpenschüler” geschildert, wo die Ausgelassenheit der übermutigen Jünglinge zum Ausdruck kommt, und die gleichzeitig als ein Beweis der Ausschließlichkeit dienen, die der privilegierten Stellung der Angehörigen der Universitätsgemeinde entspross. Die erste Phase der Existenz der Prager Universität wurde ganz gnadenlos im Jahre 1420 von den hussitischen Kriegen beendet. Die Hochschule lebte weiter, aber ihre pädagogische Tätigkeit hörte für elf lange Jahre auf. Bis zum Dreißigjährigen Krieg blieb dann diese Tätigkeit auf die artistische Fakultät begrenzt, woran ausschließlich die Katholiken zu studieren pflegten.

 

Der Windstoß der hussitischen Revolution ließ auch das Bestreben der böhmischen Bildung und Kultur vom Humanismus zur Reformation umschlagen. Prag hörte für lange Zeit auf, Bildungzentrum mit Museen zu sein. Davor hatte es bereits die Position der wichtigsten Stadt des Reiches verloren. Die Wurzeln dieser Entwicklung hafteten schon in Karls Zeit.

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Burg Karlstejn

 

 

Die Burg Karlštejn ragt auf einem nicht zu hohen Felsvorsprung hinauf, der sich in der malerischen Naturszenerie des jetzigen „Český kras” (Böhmischer Karst) genannten Gebietes befindet. Dieser monumentale Festungsbau über dem Morina-Bach, inmitten von Wäldern, und nur einige hundert Meter vom Berounka-Fluss, sieht auf den ersten Blick wie eine Märchenkulisse aus. Dieses mittelalterliche Gepräge der Burg, die im letzten Jahrhundert immer stärker die Aufmerksamkeit der Romantiker anzog, wurde von den am Ende des 19. Jahrhunderts durchgeführten baulichen Umgestaltungen noch betont. Der Baukörper wurde aber durch diese Umbauten mehr beschädigt als verbessert, weil sein ursprünglich gotisches Aussehen, das bereits von den Renaissancearchitekten teilweise verwischt wurde, dadurch noch größere Umänderungen erfuhr. Aber auch so gehört diese Burg zu den am besten erhaltenen gotischen Burgen überhaupt

 

 

 

 

Burg Karlštejn, deren Grundstein vom Prager Erzbischof Arnošt z Pardubic gelegt wurde. Die Burg war für die Heiligenreliquien des römischen Reiches bestimmt. Die Burg war für Karls IV. gesammelte Reichskrönungskleinodien und Sakralgegenstände ein Schutz

 

 

 

 

Burg Karlstejn Turm

 

 

 

 

Die Burg Karlštejn von Karl IV. ist mit Recht die Schönste. Es war kein Zufall, dass sich ihre festen Mauern 30 km weit von Prag erheben, bei der Straße, die über Beroun (Beraun) und Plzeň (Pilsen) zur böhmisch-deutschen Grenze und weiter nach Nürnberg führte. Aus kaufmännischer, kultureller und politischer Hinsicht galt diese Verbindung als wichtigste Trasse des mittelalterlichen Böhmens, und ihre Bedeutung stieg in Karls IV. Regierungszeit noch weiter an. Die Straße, die das Zentrum des Böhmischen Königreichs und des römischen Reichs mit der am meisten anerkannten Stadt der deutschen Reichsgebiete verband, wurde mit einem Schlag auch zur politischen Achse, wenn auch ihre Bedeutung für den internationalen Handel nie den Rahmen des böhmischen Milieus überreichte. Karlštejn, in den Jahren 1348 – 1357 erbaut, konnte bei einer bequemen Fahrt in einem Halbtag von Prag aus erreicht werden, und die Burg befand sich am Rande des ausgedehnten Königlichen Hochwaldes, eines beliebten und traditionellen Jagdreviers der böhmischen Herrscher. Im Unterschied von den herum liegenden großen und kleinen Burgen (Křivoklát, Jenčov, Jivno, Dobříš, Žebrák und der zuletzt unter der Regierung Wenzels IV. erbauten Burg Točník) erfüllte aber Karlštejn eine sakrale und politische Funktion. Sie diente als eine Festung, die in ihren Mauern die Reichskleinodien, die Reichsheiligtümer und Reliquien von bedeutenden Heiligen verbarg, und war gleichzeitig eine Stätte privater Erwägungen, Kontempletationen und Meditationen des Herrschers.

 

Karlštejn wurde spätestens seit dem Jahre 1349 programmmäßig als diejenige Burg gebaut, die für das ganze Reich von Bedeutung sein sollte. Ihre Lokation in die Nachbarschaft der Straße Prag – Nürnberg, und dabei nur einige Stunden von der böhmischen Hauptstadt, beweist aufs neue, dass Karl in dem Königreich Böhmen den Mittelpunkt des Reichs und möglicherweise auch das künftige Zentrum der vereinigten Christenheit sah. Durch ihren Namen knüpft diese Burg an die ganze Serie von Bauten, die Karls Namen tragen, an. Diese Serie wurde im Jahre 1332 durch den Bau der Festung Monte Carlo bei Lucca eröffnet. Nach dieser Festung folgten noch andere Objekte: außer Karlštejn war es Karlsberg (jetzige tschechische Benennung Kašperk) im Böhmerwald, Karlskrone (jetzt Radynĕ bei Pilsen), Karlshaus (jetzt Hrádek bei Hluboká) in Südböhmen, Karlsburg (auch Tepenec oder Twingenberg genannt) in Mähren, Karlsfried bei Zittau und die kleine Burg Karlík, die nur anderthalb Stunden zu Fuß von Karlštejn weg ist. In dem Fall von Karlštejn kann man mit Hinsicht auf ihre Bestimmung mit Recht eine Bedeutungsverdoppelung voraus setzen. Diese Burg sollte nicht nur an ihren Begründer, sondern auch an Karl den Großen, den Wiederhersteller des abendländischen Kaisertums, erinnern. Ihre Bedeutung für das Reich sollte der Stellung der Prager Burg mit der St. Veit Kathedrale im Königreich Böhmen ähneln. Die geistlichen und profanen Komponenten waren in diesem Objekt bemerkenswert vereint: in dem Burgbezirk befanden sich fünf Sakralobjekte.

 

Der Grundstein zur Burg Karlštejn wurde am 10. Juni 1348 in Anwesenheit von vielen Magnaten und vom Prager Erzbischof Arnošt z Pardubic (Ernst von Pardubitz) gelegt, der hier den viel beschäftigten Herrscher vertrat. Nach der Meinung der jetzigen Fachmänner wurde diese Burg von einem Architekten unbekannten Namens, der von der französischen Architektur belehrt war, auf einer zur Verteidigung schlechten Stelle erbaut. Darüber hinaus wich dieser Bau von der Entwicklungsreihe der böhmischen zeitgenössischen Burgen ab, die mehr zur Vereinigung von einzelnen Objekten und ihrer Funktionen hinstrebten. Im Vergleich mit ihnen ist der Organismus Karlštejns konsequent architektonisch gegliedert, was einen Schritt zur Seite, wenn schon nicht zurück bedeutete. Die Gliederung wurde zweifellos auf Karls Wunsch durchgeführt, der diesem Bau seine ideologischen Vorstellungen prägte.

 

Die Disposition der Burggebäude nutzte die Konfiguration des Felsvorsprungs vollkommen aus. Die Vorburg, die aus zwei Eintrittstoren, aus der nördlichen Bastei, aus dem Burggrafenhaus, aus einem System von Befestigungsmauern an der Peripherie der Burg und aus einem an dem südwestlichen Bergabhang plazierten Brunnenturm bestand, wurde programmmäßig unterdrückt, was die Höhe und die architektonische Lösung betrifft. Um so mehr ragte der dynamische Kern der Burg hervor, der aus drei Objekten auf drei abgestuften Ebenen bestand. Auf der niedrigsten Ebene (die sich aber im Vergleich mit dem Höhenniveau der Vorburg sehr hoch befindet) steht der Wohnpalast, ein längliches, 46 m langes und 15 m breites Gebäude, das im Osten von einem halbzylindrischen Turm beendet wird. Das erste Obergeschoss, das für die Höflinge und für die persönlichen Bediensteten des Herrschers bestimmt war, enthielt die gezimmerte St. Nikolaus Kapelle und den so genanten Weißen Saal, der durch sein Gesamtaussehen an den gleichnamigen Rittersaal auf der kaiserlichen Burg in Nürnberg erinnert. Der jetzige Besucher wird vor allem von den spitzbogigen Fensteröffnungen, die zu ihren Seiten durch Sitze ergänzt sind, und von der monumentalen Kasettendecke eingenommen. Karl IV. bewohnte das zweite Obergeschoss mit vier Räumlichkeiten: mit einem Schafzimmer, mit zwei getafelten Räumen und einem Hauptsaal. Hier wurde an den Wänden der Stammbaum – des Kaisers väterlicherseits ausgemalt. Diese Wandausmalung, die an 60 Gestalten darstellte, wurde am Ende des 16. Jahrhunderts vollkommen vernichtet, aber ihre wesentlichen Züge blieben wenigstens in einer Beschreibung, „Linea Caroli IV.” genannt, erhalten. Der Stammbaum begann mit Noe, der nach einer Erläuterung Karls „in der geistlichen Sphäre den Christus darstellen soll”. Ihm folgten die biblischen Patriarchen, die antiken Götter und Heroen und die Genealogie des Kapetgeschlechtes mit der Zentralfigur des Kaisers Karl des Großen. Die Verbindung zwischen den französischen Königen und den Luxenburgem vermittelten die Herzöge von Lothringen-Brabant. Karls Großmutter Margarete, Gemahlin des Kaisers Heinrich VII., stammte aus diesem Geschlecht. Die ganze Serie wurde mit Karls IV. Gemahlinnen beendet. Der benachbarte Empfangssaal wurde mit Ausmalungen und Anschriften, die die Zusammenhänge zwischen dem Heiligen Römischen Reich und dem alten Rom betonten, verziert. Das letzte Obergeschoss war für die Kaiserin und ihr Gefolge vorbehalten. Die Vorburg stellte in der Gesamtkonzeption Karlštejns die irdische Welt, und der königliche Palast ihre weltlichen Herrscher dar.

 

Ein höherer weiterer Bau des Burgkerns ist der frei stehende Turm, der erst die Wohnfunktion erfüllte. Als aber Karl durch seine Gründungs und Konsekrationsurkunde am 27. März 1357 auf der Burg Karlštejn ein Kapitel errichtete, verwandelte er diesen Raum in die Kapitelkirche der Jungfrau Maria: die Marienkirche. Die Balkendecke, die man nicht mehr durch ein Gewölbe ersetzen konnte, wurde dem neuen Sinn dieses Raums dadurch angepasst, dass sie als gestirnter Himmel mit Engelsfiguren ausgemalt wurde. Bis jetzt erhielt sich hier auch eine Figur der thronenden Madonna. Der Verwandlung eines Profansaals in einen Sakralobjekt halfen auch die Wandausmalungen nach, von denen nur einige erhalten blieben. Für den Schöpfer der Szene, wo der Kaiser aus den Händen des französischen Dauphins (des späteren Königs Karl V.) und wahrscheinlich des Markgrafen von Mantua Aloysius Gonzaga Reliquien entgegen nimmt, die er dann in Kreuzreliquiar legt, kann man mit bestimmter Wahrscheinlichkeit Nikolaus Wurmser aus Straßburg halten. Ein anderes Gepräge haben die Szenen, die durch die 9.-l 2. Kapitel der Apokalypse des hl. Johannes inspiriert sind. Ihr Autor wird von den Kunsthistorikern als Meister der Karlštejner Apokalypse bezeichnet. An der Ausschmückung der Marienkirche beteiligte sich auch der berühmte Maler Oswald: zu seinen Werken gehört auch die Darstellung der Themen aus dem Leben der hl. Ludmila und des hl. Wenzel an den Wänden der Wendeltreppe, die sich in einem besonderen Anbau des Großen Turmes befindet.

 

 

 

Auf der Burg Karlštejn die Marienkapelle. Karl IV. legt eine Heiligenreliquie in das goldene Kreuz, Meister Nikolaus Wurmsers Wandmalerei

 
 
 

Die Fachmänner aus dem Gebiet der Architektur und der bildenden Künste und Karls Biographen werden bereits jahrelang von einem Miniaturheiligtum (seine Ausmaße betragen 3,92 x 2,33 m), das mit der Marienkirche mit einem Spitzbogen verbunden ist, in Erregung versetzt. Dieser Raum, wofür sich die Bezeichnung St. Katharina KapelIe einbürgerte, war das Privatoratorium des Kaisers Karl. Da pflegte er seine wichtigen Entscheidungen durch zu denken, zu meditieren und mit sich selbst, sowie mit dem Herrgott abzurechnen: diesem Sinn entsprach auch die Ausschmückung dieses Raums. Das Gewölbe und die Rippen sind vergoldet, und die Wände mit polierten Edelsteinen besetzt. Vom rechten Rande der Altarmensa schaut auf die Besucher die beliebte Heilige des Kaisers, die hl. Katharina, herab, und an den Wänden kann man auch die Köpfe der böhmischen Patrone: Prokop, Siegmund, Veit, Vojtĕch (Adalbert) und der hll. Wenzel sehen. Die Malerwerke im Karls Oratorium stammen aus den Händen von mehreren Künstlern. Als das bekannteste Malerwerk gilt das Votivbild der thronenden Madonna, vor der Karl IV. mit seiner Gemahlin Anna von Schweidnitz kniet. Das Jesukind nimmt den Kaiser bei der Hand, und Maria berührt die gefalteten Hände der Gemahlin des Herrschers. Diese Gebärde sollte wahrscheinlich ein Gelübde der Lehenabhängigkeit zum Ausdruck bringen: Christus und Jungfrau Maria verliehen dem Kaiser und der Kaiserin als Lehen die Regierung über der ganzen christlichen Welt. Man konnte nicht treffender andeuten, dass Karl ein Herrscher von Gottesgnaden ist, aber dass er auch dem Gott für die richtige Ausübung seiner Herrscherfunktion direkt und unmittelbar verantwortlich ist.

 

 

Burg Karlstejn – Katharinenkapelle

 

Der Altar mit dem Madonnenbild in Richtung der Hauptachse. Kaiser Karl IV. kniet mit seiner Ehefrau Anna von Schweidnitz zu beiden Seiten des Throns. Die Gestalten der römischen Heiligen, der hl. Peter und Paul, die böhmischen Patrone, und die hl. Katharina, sind um das Kreuz unter ihnen.

 

 

 

 

Burg Karlstejn – Katharinenkapelle

 

Die Katharinenkapelle auf Burg Karlštejn: Kaiser Karl IV. und seine Ehefrau Anna von Schweidnitz erheben das Kreuz.

 

 

Die Gliederung der Objekte Karlštejns in vier vertikal angeordneten Sphären hatte ihre eigene Ordnung und ihren Sinn, und sie war ein Ausdruck von höherer Bedeutung. Während die niedrigeren Stufen, die Vorburg und der Palast, die irdische Welt symbolisierten, wenn auch diese Welt in zwei Teile (in den Teil der gewöhnlichen Tödlichen und in den Teil der Herrscher) gespaltet wurde, sollte der mittlere Turm, schon mit Hinsicht auf die Aufgabe des kaiserlichen Oratoriums, „die Stelle der Reinigung” (purgatorium) darstellen, wo sich die Seele nach ihrem Heil sehnte, für ihre Sünden Buße tat, damit sich vor ihr der Weg zum siegreichen himmlischen Königreiche erschließt.

 

Das Reich Gottes, der Himmlische Jerusalem, wird von dem wichtigsten Raum auf Karlštejn, von der St. Kreuz Kapelle dargestellt, die das zweite Obergeschoss des Großen Turmes (der am höchsten gelegene Bau der Burg) einnimmt. Man kann sagen, dass die Burg Karlštejn gerade ihretwegen gegründet wurde. Das architektonisch relativ schlichte Werk erhielt dadurch einen außerordentlich herrlichen und reichen Schmuck. Hier deponierte Karl IV. die Reichskleinodien und den Reichskrönungsschatz, dessen wertvollsten Bestandteil das goldene Krönungskreuz aus dem 11. Jahrhundert darstellte. Dieses Kreuz war mit Edelsteinen und Perlen besät, und hielt ein Stück Holz aus dem angeblichen Kreuz des Heilands, einen Nagel und ein Stück der Lanze, mit der er durchgebohrt wurde, verborgen. Auch wenn sich an der Ausschmückung dieser Kapelle mehrere Künstler beteiligten, bleibt dieses Objekt für immer mit dem Namen vom Meister Theodorik verbunden.

 

Dieser geniale Schöpfer arbeitete hier auch an den Wandausmalungen, aber er gilt vor allem als Autor eines Komplexes von 130 Tafelbildern. Außer den Kreuzigungsszenen und einem dreiteiligen Bild „Christus im Grab” stellen diese Werke überlebensgroße Halbgestalten von Äbten, Aposteln, Bischöfen, Engeln, heiligen Jungfrauen, Kirchenvätern, Päpsten, und Propheten dar. Es ist das himmlische Heer, das die Reichskrönungskleinodien bewachte, die Ritter Christi, die im Himmlischen Jerusalem, unter dem vergoldeten Gewölbe, an den vergoldeten Wänden, die in der Übereinstimmung mit dem Text der Apokalypse mit polierten Achat, Amethyst, Chalzedon, Jaspis, Kameol und Onyxplatten geschmückt sind, versammelt wurden. Als Hauptlichtquelle dienten hier vier Kristalllampen mit 570 Kerzen, derer Schein noch das Lichtspiel an den Wänden potenzierte, von denen die robusten Heiligen Theodoriks hervortraten. Für einen charakteristischen Zug der Malereien dieses Meisters wird die Überziehung der Heiligenscheine und der Gestaltenteile an die Fläche des Rahmens. Dieses Verfahren war in dem abendländischen christlichen Gebiet unbekannt, es kommt aber relativ viel in der byzantinischen und russischen Ikonenmalerkunst vor. Den Zusammenhang mit der Kunst der Byzanz verrät auch die Funktion der Bildrahmen: nach den Gewohnheiten des Ostens wurden hier die von Kameen oder Kristall überdeckten Heiligenreliquien aufbewahrt. Der Meister Theodorik schöpfte in dieser Hinsicht seine Inspiration wahrscheinlich in der venezianischen St Markus Kirche, oder in anderen Adriagebieten.

 

 

 

Burg Karlstejn – Kreuzkapelle

 

Auf der Burg Karlštejn bildet die Kreuzkapelle den Kern des großen Turms. Die Gedankengradation, die durch die Höheneinteilung zum Ausdruck gebracht wurden, fand in diesem wertvollsten Raum, der mit reichen Malerschmuck versehen ist, ihren Höhepunkt.

 

 

 

Burg Karlstejn – Kreuzkapelle

 

Auf Burg Karlštejn die Kreuzkapelle: Die Innenausstattung der Kreuzkapelle Malerschmuck.

 
 
 

Für die St. Kreuz Kapelle, die den allerheiligsten Bezirk der Burg darstellte, galt das strenge Verbot des Kaisers, das in der Gründungsurkunde des Karlštejner Kapitels beinhaltet war. In dem Großen Turm war es „niemandem erlaubt, mit einer Frau zu schlafen oder zu liegen, sei es auch seine regelmäßige Gemahlin”. Diese Anordnung berief sich auf die Praxis der altte-stamentlichen Priester, die bei dem Hermgottdienst keinesfalls mit eigenen Frauen intim verkehren durften. Karls strenge Anordnung rief später eine Legende ins Leben, wonach der Kaiser jeder beliebigen Frau verbieten sollte, auf dieser Burg eine Nacht zu verbringen. Auf diesem Motiv baute im 19. Jahrhundert der tschechische Schriftsteller Jaroslav Vrchlický sein Theaterstück „Eine Nacht auf dem Karlštejn” auf, das regelmäßig in dem Burgareal aufgeführt wird.

 

Nach Karls IV. Leben entwickelte sich das Schicksal der Burg ganz anders, als es ihr Erbauer plante. Die Ereignisse in den böhmischen Ländern und in den deutschen Gebieten nahmen einen dramatischen Verlauf, und Karlštejn wurde zuletzt zur Hülle für die böhmischen Krönungskleinodien. Die Burg trotzte auch allen Kriegsgefahren, denn seine schlechte Lage unter den hohen Hügeln wurde zur Genüge durch die Wandstärke, die manchmal bis 6 m betrug, aufgewogen. Die Burg Karlštejn galt seit ihrer Begründung als die bedeutendste böhmische Burg nach der Prager Burg. Seit dem 19. Jahrhundert gehört sie zu den am meisten besuchten Sehenswürdigkeiten in Böhmen, woraus natürlich auch die Vorburg, die ursprünglich Budòany genannt wurde, den Nutzen zog und bis jetzt zieht. Der Begründer von Budòany war auch Karl IV., der hier die im 18. Jahrhundert barockisierte St. Palmazius Kirche errichtete.

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Karlsbad

 

 

 

Einer der ersten, der die älteste Sage über die Entdeckung des Sprudels durch Karl den IV. schriftlich erwähnte, war der gebürtige Karlsbader Renaissancearzt Dr. Fabian Sommer. In seinem Buch über die Verwendung von Karlsbader Wasser aus dem Jahre 1571 erzählte er die Sage wie folgt:

 

Es wird erzählt, dass Karl der IV. einen Jagdzug in die Wälder der gebirgigen Gegend und Täler, in denen heiße Quellen sprudeln, unternahm. Die hiesigen Wälder hatten einen Überfluss an Wild. Während der Jagd begann einer der Hunde, ein Stück Wild zu jagen. Bei dieser Verfolgungsjagd fiel er in eine Tiefe, aus der jetzt heißes Wasser spritzt. Der Hund wimmerte vor Schmerz. Die Jäger, die den jammernden Hund hörten, eilten herbei in der Vermutung, der Hund wäre von dem gejagten Wild verwundet. Der Anblick, der sich ihnen bot, erstaunte sie sehr. Sie traten näher, zogen den Hund aus der Tiefe und kosteten das heiße Wasser selbst, welches den Hund sehr erschreckte.

 

Kaiser Karl IV. wurde sofort unterrichtet, der sich dann mit einem starken Gefolge an die berüchtigte Stelle begab, um das außergewöhnliche Werk der Natur selbst zu bewundern. In Anwesenheit seiner Ärzte bemerkte der weise Monarch, dass solch ein heißes Wasser viele schwere Krankheiten bannen und außerdem noch sehr nützlich und stärkend sein könnte. Danach nahm er das Wasser selbst ein und verzeichnete Besserung und Linderung. Darüber war der Monarch hocherfreut und ordnete bald an, den gesamten Ort zu besiedeln und um die Quelle herum Häuser zu errichten. Die Stelle, an dem der Kaiser das Wasser einnahm, befand sich angeblich dort, wo das Gemeindebad vor einiger Zeit stand und jetzt das Rathaus erbaut ist. An diesem sprudelt eine Quelle, deren Wasser nicht zu kräftig quillt und nur lauwarm ist. Man erzählt, dass dort vor vielen Jahren ein Thron in den Felsen gemeißelt wurde, auf dem der Monarch saß und deshalb Thron des Kaisers Karl genannt wurde. Diese Stelle ging aber ein. Hier wurde das Rathaus erbaut.

 

Nachdem ihn das Wasser heilte, ließ Kaiser Karl an jener Stelle ein neues Städtchen bauen. Er wollte es auch mit Mauer befestigen, aber seine Pläne wurden von anderen dringlichen Ereignissen durchkreuzt. Dass es so war, bezeugen die bis jetzt erhaltenen zahlreichen Reste der Befestigungsmauer, die unterhalb des Hirschfelsen zu sehen sind. Auf dem Hirschfelsen können auch viele eingefallene Kellerwölbungen gefunden werden. Alte Einwohner sagen, dass Kaiser Karl die Absicht hatte, auf dem erwähnten Berg eine Burg für die Befestigung Karlsbads zu erbauen. Auch die Benennung des Städtchens erinnert an seinen Entdecker: es wird Bad des Kaisers Karl – Karlsbad genannt.

 

 

 

Karl IV. gründete Karlovy Vary/Karlsbad

 

 

 

Die Entstehung und die Entwicklung von Karlsbad waren unzertrennlich mit den Heilwirkungen seiner warmen Mineralquellen verbunden. Sie kennzeichneten die Architektur, Geschichte, den gesamten Geist und die Wirtschaft der Stadt. Diese Mineralquellen faszinierten den Menschen und regten ihre Fantasie seit Menschengedenken an. In das Reich der Fantasie gehört die populäre Legende, dass die Karlsbader Quellen zur Mitte des 14. Jahrhunderts durch den König von Böhmen und den römischen Kaiser Karl IV. bei einer Hirschjagd entdeckt worden sind. Die Gründung des Kurortes am Zusammenfluss der Flüsse Eger und Tepl während der Herrschaftszeit von Karl IV. war sicher keine romantische und zufällige Tat, wie die alte Legende glauben machen will, sondern ein fast gesetzmäßiges Entwicklungsresultat für den lange Zeit bekannten Ort mit Heiltradition.

 

Das genaue Datum der Stadtgründung ist nicht bekannt. Die Entstehung der beständigen Besiedlung beim Sprudel ist in die Zeit gegen 1349 zu datieren. Die Daten liegen zwischen 1349 und 1358. Aber älteren Datums sind in der Gegend bei Karlsbad die menschlichen Spuren. Die archäologischen Forschungen wiesen auf dem Gebiet der jetzigen Stadt mehrere Besiedlungsstandorte aus der Urzeit nach (Tašovice, Dvory, Drahovice). Die jüngere Zeit belegt den Aufenthalt einstiger Bevölkerung in dieser Landschaft die Burgstätte in Drahovice, wo die Menschen in der späten Bronzezeit lebten. Slawische Siedlungen belegen in der Nähe von Karlsbad zum Beispiel in Tašovice und in Sedlec. In der nahen Gegend der späteren Stadt Karlsbad lebten die Menschen nachweislich im 13. Jahrhundert. Damals waren die Heilwirkungen der Karlsbader Thermalquellen bekannt und sie wurden zum Heilen eingesetzt.

 

Die schriftlich erfasste Geschichte der Sprudelstadt beginnt am 14. August 1370, als Karl IV. dem bereits existierenden Siedlungsflecken die Freiheiten und Rechte erteilte, die zu jener Zeit auch die nahe gelegene Königsstadt Ellbogen (Loket) genoss. Von der privilegierten Stellung von Karlsbad als Kurort zeugen auch die zahlreichen, dieser Stadt erteilten Privilegien, die nachfolgend von den Herrschern von Böhmen bis zum Jahre 1858 bestätigt wurden. Die Karlsbader Heilmethoden bestanden vom Mittelalter bis zur Wende des 16. Jahrhunderts vorwiegend aus Bädern. Die Trinkkur beim Sprudel konnte sich erst auf Anregung des Arztes Václav Payer in bedeutender Weise durchsetzen, der im Jahre 1522 in Leipzig das erste Fachbuch über die Karlsbader Heilmethode herausgab. In diesem Buch empfahl er neben den Bädern, das Sprudelwasser auch zu trinken. Weitere eifrige Verfechter der Trinkkur waren in Karlsbad nach 1600 die hier ansässigen Ärzte Michael Reudenius und Johann Stephan Strobelberger. Im 17. Jahrhundert begann die Trinkkur gegenüber den Bädern Überhand zu gewinnen und wurde ins Extreme getrieben, wo gegen 1750 in einigen Fällen täglich 50 bis 70 Kurbecher ausgetrunken wurden.

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Die römische Krönung

 

 

 

Noch komplizierter als seine Beziehung zum Reich war Karls Beziehung zum Papst und zur päpstlichen Kurie. Man kann sie als eine Notzusmmenarbeit, die durch viele Hinterkulissenkomplots und Zusammenstöße charakterisiert war, bezeichnen. Nach dem Tode Clemens VI., Karls Lehrer, verschlechterte sich Karls Verhältnis zum Heiligen Vater, der immer noch in Avignon residierte. Äußerlich wurde diese Spannung durch die augenfällige Abwesenheit des Papsts Innozenz VI. an Karls italienischer Fahrt vom Jahre 1355 zum Ausdruck gebracht, wo der böhmische und römische Herrscher die Kaiserkrone, die höchste Würde, die er erreichen konnte, gewann, und auf solche Weise seine formelle Stellung an der Spitze des weltlichen Christentums behauptete. Es war schon seine fünfte Krönung (nach den Reichsakten in Aachen und in Bonn, nach der böhmischen Zeremonie in Prag und nach dem Gewinn der lombardischen Krone in Mailand). Die Krönung in Mailand musste traditionsgemäß der Kaiserkrönung in Rom vorangehen. Im Jahre 1365 erglänzte auf seinem Haupt auch die arelatische Krone als Bestätigung der Ansprüche des Römischen Reichs auf den französischen Teil des Imperiums. Die Antwort auf die Frage, warum Karl IV. so viel auf die Krönungsrituale hielt, ist gar nicht so kompliziert. Erst durch den Krönungsakt wurde der Herrscher direkt vor den Augen seiner Untertanen zum Kaiser und König von Gottes Gnaden.

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Die goldene Bulle

 

 

Die Erreichung der Kaiserwürde motivierte Karl so, dass er die gewachsene Bedeutung des Königreichs Böhmen zu einem neuen politischen Zentrum des Heiligen Römischen Reiches (die Historiker sprechen daher vom Bohemozentrismus) auch auf der staatsrechtlichen Ebene verankerte. Es wird in einem besonderen Reichsgesetz belegt, das von dem berühmten Luxemburger erlassen wurde. Die so genannte „Goldene Bulle” für das Römische Reich, die im Jahre l 355-1356 auf dem Reichstag in Nürnberg und in Metz akzeptiert und erlassen wurde, bestätigte in einigen Punkten ihre Lebensfähigkeit bis zum endgültigen Untergang des Heiligen Römischen Reichs im Jahre 1806! Der Kaiser fixierte darin eine ganze Reihe von bisherigen Gewohnheiten, und er bestätigte vor allem die unbestrittene Erläuterung, die die Wahl des Reichsherrschers betraf. Dem böhmischen König fiel die erste Stelle unter den weltlichen Kurfürsten zu, und im Falle des Aussterbens der männlichen Linie galt für den böhmischen Königsthron die Erbfolge in der weiblichen Linie, während die restlichen weltlichen Kürfürstentümer als vakante Lehen ans Reich zurück fielen. Für illusionär kann man aber die Forderung halten, nach der die Kurfürsten nicht nur die deutsche, sondern auch die italienische und die tschechische Sprache beherrschen sollten.

 

Karls Bildung, seine Erfolge, seine Gesichtskreis und seine staatsmännische Persönlichkeit, wandten ihm die Aufmerksamkeit der kulturellen und politischen Größen in ganz Europa zu. Der bekannte römische Tribun Cola di Rienzi und der berühmte Dichter Francesco Petrarca, beide Bewunderer der Antike, träumten von der Vereinigung der territorial zersplitterten Apeninnenhalbinsel und richteten an Karl die Aufforderung, sich durch den Titel des römischen Herrschers der Wiederherstellung der Größe des alten Roms an zu nehmen, und in die „ewige Stadt” überzusiedeln.

 

Der Kaiser setzte die Welt durch seine großzügigen Projekte in Bewunderung, aber er dachte meistens realistisch. Deswegen lehnte er das entworfene Vorhaben als eine unrealisierbare Vision ab.

 

Aus der bisherigen Schilderung ergibt sich, dass Karl sein persönliches Leben seit der Zeit seiner Jünglingsjahre seiner politischen Konzeptionen und vor allem seinen Vorstellungen der eigenen geschichtlichen Sendung unterordnete. Nach dem Tode seiner ersten Gemahlin Margarete (Blanche) von Valois, die er seit ihren Kinderjahren liebte, heiratete er noch dreimal.

 

Alle anderen Heiraten (Anna von der Pfalz, Anna von Schweidnitz, Elisabeth von Pommern) waren politisch sehr stark motiviert, und sie brachten Karl eine Festigung seiner internationalen Positionen oder direkten territorialen Gewinn. Er pflegte auch sonst seine Ziele mit Hilfe einer gewandten Diplomatie zu erreichen, und soweit es möglich war, wich er militärischen Aktionen aus. Er wusste aber im Notfall seine Waffen gut einzusetzen.

 

 

 

Anna von der Pfalz – 2. Ehefrau von Karl IV.

 

 

 

 

Anna von Schweidnitz – 3. Ehefrau von Karl IV.

 

 

 

 

Elisabeth von Pommern – 4. Ehefrau von Karl IV.

 

 

 

Trotz der universellen Auffassung seiner Sendung vermochte der fähige Luxemburger nicht über seinen eigenen Schatten zu springen, und verfolgte im Einklang mit der zeitgenossischen Denkungsweise der hochgeborenen Schichten vor allem den Nutzen für sein Geschlecht. Mit der Zeit scheint Karls dynastische Interessiertheit eine große Schwäche seiner Politik geworden zu sein. Die Bemühung, seinem Bruder und seinen Söhnen einen genau begrenzten Anteil an der Macht zu sichern, untergrub in ihrem Endresultat Karls staatsmännische Werk, und trug zum Anstieg der auseinandertreibenden Tendenzen in den Ländern der Böhmischen Krone bei. Besonders deutlich war diese Entwicklung in der Mährischen Markgrafschaft, die Karl im Jahre 1349 seinem jüngeren Bruder Johann Heinrich als Lehen überließ. Dessen Nachkommen setzten dann immer mehr und mehr die mährischen Regionalinteressen durch, und strebten nach Unabhängigkeit vom Prager Zentrum.

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Karlsbrücke

 

 

Anfang der 50 er Jahre des 14. Jahrhunderts vermisste doch der sich schnell ausbreitende rechtsuferige Teil des ganzen Prager Städtekomplexes eine entsprechenden Verbindung mit dem linken Ufer. Die romanische Judith Brücke stürzte bei einem Hochwasser am 3. Februar 1342 ein, und ihre eingestürzten Pfeiler zeugten traurig von diesem unerfreulichen Ereignis. Die provisorische Holzbrücke und die Flussübergänge waren für den sich immer mehr vergrößernden Verkehr nicht mehr ausreichend. Der Aufbau einer neuen Brücke war nötig. Karl IV. trat zu ihrer Grundsteinlegung unter Teilnahme seiner Gemahlin Anna von Schweidnitz am 9. Juli 1357 an. Die Steinbrücke wurde wahrscheinlich dem St. Veit, der auch ihr Schutzpatron war, geweiht. Wie im Falle von allen bedeutenden Gründungen von Karl IV. zeigt sich bei einem tieferen Einblick auch die komplizierte symbolische Bedeutung dieses für ihn so ausschlaggebenden Bauwerks. Der Meinung der Astronome nach wurde auch der Moment des Baubeginns dieser Brücke programmmäßig gewählt. Auf den 9. Juli 1357 fiel die Begegnung der Sonne mit Saturn, aus der Ansicht der damaligen Astrologie wäre dies der glücklichste Moment des ganzen Jahres. Der stärkste Himmelskörper, die Sonne, überwand an diesem Tag ganz den unheimlichen Einfluss des Saturns. Die neue Brücke wurde nach einem Projekt von Petr Parléř (Parlér) unter der Hilfe des Kleinseitner Steinmetzes Jan Otlin (der hier als Baumeister tätig war) erbaut. Die Brücke selbst ist 516 m lang und 9,5 m breit. Ihre Achse ist in einem mäßigen Bogen leicht stromabwärts gekrümmt. Die Brücke hat 16 Bögen, die auf 16 mächtigen Pfeilern ruhen und große Halbbogenkurven beschreiben. Der damalige Stand der Technik trägt Schuld daran, dass Petr Parléř die Pfeiler Fundamente nicht tiefer, deshalb nicht direkt auf die Felsunterlage bringen konnte, die sich inmitten des Flussbettes erst in der Tiefe von 9 m unter der Sand und Schuttanschwemmung befindet. Dadurch kam es dazu, dass einige Pfeiler den großen Überschwemmungen nicht widerstehen konnten: zum Beispiel im Jahre 1432 und 1890, als es zur Beschädigung und zum Durchburch der Brücke kam. Was der Baumeister unter den damaligen Bedingungen tun konnte, das wurde gemacht, denn vor die Pfeiler setzte er die mächtigen, mit einer Spitze endenden Köpfe, die die Brücke vor dem Aufprall vom angeschwommenen Holz bewahren sollten. Die Brücke ist aus grobkernigem Sandstein gebaut: das gegenwärtige Mauerwerk ist aber bis auf einige kleine Ausnahmen nicht mehr ursprünglich. An diesem Bau gab es viele Instandsetzungen: die letzte davon dauerte über 20 Jahre lang. Der Bau der Brücke wurde in groben Zügen bereits im Jahre 1383 vollendet, als Karl IV. anordnete, für ihre Benutzung Gebühren ein zu heben. Die Prager Brücke, die im 15. Jahrhundert die Steinbrücke und in der modernen Zeit die Karlsbrücke genannt wurde, ist und war nicht die älteste erhaltene Brücke in Böhmen. In dieser Hinsicht ist ihr die Brücke über den Otava Fluss in der Stadt Pišek (Piseck) zeitlich voraus. Die Fachmänner legen ihre Entstehungszeit bis 1300. Die Statuen, die jetzt von den Touristen auf der Karlsbrücke bewundert werden, fehlten hier ursprünglich. Unter der Regierung der Luxemburger Dynastie stand hier gar nichts außer dem Kreuz, das die größte Wassertiefe anzeigte, und mit Ausnahme einer Märtyrersäule. Die Plastiken erschienen hier erst unter der Regierung des „Hussitenkönigs” Georg von Podĕbrad (1458-1471), aber keine von ihnen blieb erhalten. Die Vervollkommnung der Brücke mit Statuen begann erst in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts, und wurde im Grunde genommen noch im 20. Jahrhundert fortgesetzt.

 

 

 

Standort der Statuen

 

 

 

 

 

Aufzählung der Statuen

 

 

 

Die Prager Brücke verrät durch ihr Aussehen den Zusammenhang mit der Brücke, die im Jahre 1343 Karls Großonkel Balduin über die Mosel in Koblenz bauen ließ. Auch wenn sich diese zwei Brücken durch die verwendete Technik gar nicht von den zeitgenössischen Brücken unterscheiden, sind sie doch nicht vom gotischen Charakter, sondern sie streben danach, ein antikes Vorbild nach zu vollziehen: dieses Vorbild war mit der größten Wahrscheinlichkeit die römische Brücke in Balduins Residenz, der Stadt Trier. In demselben Trier hielt sich damals Kaiser Konstantin der Große auf, der im 4. Jahrhundert nach Christi den Sitz des römischen Imperiums aus dem Latium an der Bosporus verlegte, und der gleichzeitig als pontifex maximus tituliert wurde: dieser Titel bedeutet wörtlich der größte Brückenerbauer, und im übertragenen Sinne des Wortes dann der Hohe Priester. Damit sind aber die Ähnlichkeiten und Übereinstimmungen noch bei weitem nicht zu Ende. In den Nekrologen, die an der Bahre Karl von dem Prager Erzbischof Jan Očko z Vlašimi und dem Meister Vojtĕch Raňkův z Ježova gehalten wurden, wurde der tote Herrscher ein zweiter Konstantin genannt. Von da aus ist nur ein kleiner Schritt zur Schlussfolgerung, dass Karl IV. bei dem Bau der Prager Brücke ganz zielbewusst in den Fußstapfen Konstantins des Großen getreten ist, als pontifex maximus, als auch als Kaiser, der das Zentrum des Römischen Reichs nach Prag, das heißt auch nach Osten, übertrug.

 

Die programmmäßige Anknüpfung an die Antike verrät uns auch das Eingangstor zur Brücke am rechten Moldauufer. In dem herrlichen Altstädter Brückenturm sehen die Historiker dieser Zeit einen Vergleich mit den Triumphbögen der altrömischen Kaiser. Bemerkenswert sind auch seine Verzierungen, vor allem an der der Altstadt zugewandten Fassadenseite. Die gotischen Plastiken gliedern sich in vier Sphären, die den damaligen Vorstellungen der Ordnung des Alls entsprechen. Auf den niederen Eckkonsolen endeckt der neugierige Besucher Szenen aus dem Werktag. Ein Mann berührt die Frau, und die Frau berührt den Mann. Beide Szenen symbolisieren das Irdische.

 

Am gebrochenen gotischen Bogen, der mit 28 Krabben geschmückt wurde (derer Anzahl sich zweifellos auf den Mond bezieht), dehnt sich über ihn bis zum ersten Gesims der Mondsphäre aus. Darin befinden sich 10 Wappen der Länder, die Karl IV. als böhmischen König und römischen Kaiser anerkannten: von links bis rechts ist es die Lilie des Fürsten von Neiße, der Adler des Fürsten von Breslau, der Adler des Fürsten von Schweidnitz, der mährische Adler, der Reichsadler, dann der böhmische Löwe, der Löwe des Grafen von Luxemburg, das Wappen des Fürsten von Görlitz (der zweischwanzige Löwe mit einer goldenen Mauer), das Wappen des Fürsten von Bautzen (die goldene Mauer) und des Markgrafen von Niederlausitz (ein schreitender Ochse). Da in der mittelalterlichen Symbolsprache der Mond den Fürsten und die restlichen weltlichen Herrscher bezeichnete, hatte die Lokalisation der Wappen der Königsreiche, Fürstentümer, Herzogtümer, Markgrafschaften und weiterer Staatsformen ihre Logik.

 

In der dritten, höheren Sphäre thront der Karl IV. mit seiner Kaiserkrone auf dem Haupt, und neben ihm sein Sohn Wenzel IV. als gekrönter König des Heiligen Römischen Reichs. Zur Anbringung dieser Statuen kam es also erst nach dem 6. Juli 1376, wo Wenzel zum römischen König gekrönt wurde. Neben Karl IV. ist das Wappen des Heiligen Römischen Reichs, zur rechten Hand Wenzels dann das Wappen des Königreichs Böhmen. Zwischen den beiden Herrschern steht auf einem erhöhten Platz, der von zwei Brückenbögen gebildet ist, der Schutzpatron dieses Werkes, der hl. Veit, der hier gleichzeitig als Beschützer des Kaiserreichs und als ein Symbol der Vereinigung der böhmischen Krone und der Reichskrone in den Händen der Luxemburger figuriert. Zu den traditionellen Attributen des hl. Veit gehörte ein Löwe, dem der Legende nach dieser sizilianische Märtyrer vorgeworfen wurde, und ein Adler, der ihn mit Brot versorgte. Dieses Motiv ergänzte sich herrlich mit der so genannte Böhmischen Prophezeiung aus der Regierungszeit des Königs Přemysl Otakar II. über die Wiederherstellung des Ruhms des römischen Adlers durch den böhmischen Löwen. Diese Voraussage lebte in dem Milieu von Karls Hof wieder auf, wo der deutsche Dichter Heinrich von Mügeln diese Versen verfasste:„der louw bedûtit Bêmer lant der ar zû Rome milde fant”, das heißt der Löwe, der das böhmische Land bedeutet, fand die Liebe des Adlers in Rom. Damit ist aber das Spiel von Bedeutungen noch nicht am Ende. Das Motiv eines Löwen und eines Adlers wiederholt sich an dem Brückenschmuck noch einmal, über dem Kopf des hl. Veit. Hier ist ein Wappen mit dem Reichsadler, und darüber eine Löwenstatue. Sie waren nicht ohne Sinn, und sollten nicht nur Karls Ansicht über die leitende Rolle des Böhmischen Königreichs im Reich zum Ausdruck bringen. Ihre Zeit kam immer am 15. Juni, am Tag, der dem Andenken des hl. Veits gewidmet war. Das Mittelalter datierte zu diesem Tag die sommerliche Sonnenwende (diese Beziehung wurde erst von der gregorianischen Kalenderreform aus dem Jahre 1582 zerstört). Gerade an dem Hl. Veits Fest berührte der Schatten der Löwenstatue den rechten oberen Zipfel des Wappens mit dem Reichsadler. In diesem Moment erstrahlte die ganze Fassade, die nicht grauschwarz war, wie es jetzt der Fall ist, sondern mit Farben und Gold geschmückt war. Der Sonnenheilige verlieh auf solche Weise den Glanz der ganzen Regierung des Kaisers. Es ist ohne Zweifel, dass diese Sphäre in der Zeichensprache der gotischen Kultur die himmlische Sphäre der Sonne darstellen sollte, und die Sonne symbolisierte auch die mächtigsten Herrscher der irdischen Welt, die Herrscher des Heiligen Römischen Reichs, die wenigstens pro forma an der Spitze der Christenheit zu stehen pflegten, und die den niedriger gestellten Herrschern in der Mond Sphäre überlegen waren. Die Bedeutungsverbindung der mächtigste Herrscher = Sonne war im Mittelalter durchaus üblich und erhielt sich bis in die ersten Jahrhunderte der Neuzeit hinaus.

 

Jetzt ist nur noch die letzte und vierte Sphäre zu erklären. Das massive Gesims mit einer Löwenstatue trennt die himmlische Sphäre der Sonne von der Sphäre der Gestirne, die das ewige und siegreiche Reich Gottes symbolisieren. Darin finden ihre festen Plätze auch zwei Heiligen, derer Namen den Sieg ausdrücken. Der böhmische Heilige der hl. Vojtĕch (das heißt Voje útĕcha: Trost des Heeres; deutsch Adalbert) ist hier in seinem Bischofsgewand und mit allen seinen Attributen anwesend, der burgundische Märtyrer, der hl. Siegmund (Sigismund, das heißt die siegreiche Mär) hält die Abzeichen seiner königlichen Würde in der Hand. Es ist nicht uninteressant, dass Karl seinen Namen dem zweit geborenen Sohn, dem späteren ungarischen König und römischen Kaiser gab. Vojtĕch, Siegmund und Veit bezeichnen gleichzeitig die drei geographischen Randsphären von Karls Macht: Preußen, Burgund und Italien. Der Schutzpatron des bömischen Landes, der hl. Wenzel, stand wahrscheinlich auf einer hohen Säule, die vor dem Tor plaziert war, ca. dort, wo sich jetzt die aus den Jahren 1848-1849 stammende Statue Karl IV. befindet.

 

Die Gesamtbedeutung der östlichen Stirnseite des Altstädter Brückenturmes stellt einen Durchschnitt durch die vier Sphären des Alls dar. Sie symbolisiert und vertritt das Universum, Weltall, und dient dazu, dass „das ganze Weltall dabei ist”, wenn der böhmische Herrscher in dem triumphalen Krönungszug vom Vyšehrad auf die Prager Burg schreitet, wo er die Königskrone am anderen Tage erhalten soll. Diese Interpretation gilt gleichzeitig auch als ein Beweis, dass der Ideenschöpfer der architektonischen Lösung dieses Baus Karl IV. selbst war, der hier seine Stellung im Bezug auf das ganze Weltall fixierte. Der Altstädter Brückenturm wurde auch von Petr Parléø projektiert, und gemeinsam mit ihm arbeiteten hier auch seine Verwandten.

 

Ein Werk von Parléř stellt auch das Netzgewölbe in der Turmdurchfahrt dar, das an das Gewölbe der Allerheiligenkapelle in der Prager Burg erinnert. Unter Karls Regierung wurde der Bau aber nicht beendet: es geschah erst unter Wenzel IV. Aus seinem Anlass wurde der Schmuck um die von ihm außerordentlich beliebten Emblems bereichert: es handelt sich hier vor allem um den Eisvogel, der von einem Schleier umschlungen ist. Dieses Motiv kehrt mehrmals zurück, und es soll die Idee der Auferstehung zum Ausdruck bringen. Es ist leider nicht bekannt, ob die Ausmalungen in der Tordurchfahrt auch den Bestandteil des ursprünglichen Schmuckes bildeten. Es ist nicht ausgeschlossen, dass die Restauratoren, die den Bau nach dem Jahre 1890 reparierten, hierher diese Symbole nicht spontan plazierten, sondern sich an einer älteren Unterlage orientierten. Die Bilder einer Badefrau und eines Badegefäßes, die so oft in der höfischen Kunst aus Wenzels IV. Zeit vorkommen, symbolisierten die Sehnsucht des Menschen nach der körperlichen und moralischen Reinigung und Wiedergeburt. Die andere Fassadenseite, die in der letzten Phase des Dreißigjährigen Krieges im Jahre 1648 schwer beschädigt wurde, über deren Plastikschmuck ist nicht viel zu wissen. Es ist nur bekannt. dass sich hier eine Marienstatue befand.

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Karlsbrücke Statuen 1

 

 

 

 

Ivo Hélory von Kermartin

 

 

 

 

 

 

Ivo Hélory von Kermartin (frz. Yves Hélory de Kermartin, bret. Erwan Helouri a Gervarzhin) (* um 1247 in Minihy-Tréguier (bret. Ar Vinic’hi), Bretagne; † 19. Mai 1303) war ein bretonischer Advokat und Priester.

 

Er gilt als Schutzheiliger der Juristen. Er ist der einzige französische Heilige mit dem Titel „Monsieur“ St. Yves. Außerdem gilt er heute als bretonischer Nationalheiliger. Sein Namenstag, der 19. Mai, wird als bretonischer Nationalfeiertag Gouel Erwan (frz. Fest Yves) begangen. Von 1473 bis 1798 stand der Heilige besonders an der Universität in Trier hoch in Ehren. An seinem Fest, dem 19. Mai, wurde feierlich der Dekan der juristischen Fakultät gewählt. Seit 1989 führt der Trierer Fachbereich Rechtswissenschaft das Siegel der alten Jura-Fakultät. Es zeigt einen Gelehrten am Bücherpult mit der Unterzeile “S. Ivo”. Roger van der Weyden malte den Heiligen um 1450. Sein Gemälde ist in der National Gallery, London, zu sehen.

 

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Bernhard und Madonna

 

 

 

 

 

 

Bernhard

 

Bernhard von Clairvaux (* um 1090 auf Burg Fontaines bei Dijon; † 20. August 1153 in Clairvaux bei Troyes; franz. Bernard) war ein mittelalterlicher Abt, Kreuzzugsprediger und Mystiker. Er war einer der bedeutendsten Mönche des Zisterzienserordens, für dessen Ausbreitung über ganz Europa er verantwortlich zeichnet.

 

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Maria heißt nach dem Neuen Testament die Mutter des Jesus von Nazaret. Die Frau jüdischen Glaubens lebte mit ihrem Mann Josef und weiteren Angehörigen wahrscheinlich in der Kleinstadt Nazaret in Galiläa (Mk 1,9; 6,1). Als „Mutter Gottes“ spielt sie eine herausragende Rolle im Katholizismus und mit Einschränkungen auch in der Orthodoxie. Die sehr unterschiedlichen Auffassungen über Maria in den Konfessionen gelten bis heute als ein Haupthindernis für die Ökumene.

 

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Barbara, Elisabeth und Margarete

 

 

Barbara von Nikomedien

 

Barbara von Nikomedien (Barbara, von griech. βάρβαρα, bárbara „die Fremde“) war eine christliche Jungfrau, Märtyrin und Heilige des 3. Jahrhunderts, deren Existenz historisch nicht gesichert ist. Der Überlieferung zufolge wurde sie von ihrem Vater enthauptet, weil sie sich weigerte, ihren christlichen Glauben und ihre jungfräuliche Hingabe an Gott aufzugeben. Barbara war der Überlieferung nach die Tochter des Dioscuros und lebte am Ende des 3. Jahrhunderts im kleinasiatischen Nikomedia (heute İzmit). Einer anderen Tradition zufolge lebte sie in Heliopolis (heute Baalbek im Libanon).[1] Ihr Vater wird von den verschiedenen Versionen als König oder zumindest reicher Kaufmann oder als Angehöriger der kaiserlichen Leibgarde betrachtet.

 

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Margarete von Antiochia

 

Margareta von Antiochia (in der orthodoxen Kirche ist der Name Marina üblich; * in Pisidien; † um 305) war eine legendäre Märtyrerin an der Wende vom 3. zum 4. Jahrhundert. Auslöser für ihr Martyrium scheint aber weniger ihr Glaube als ihre Schönheit gewesen zu sein, unabhängig von der zugrunde gelegten Überlieferung:

 

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Elisabeth

 

Elisabet (hebräisch Elischeba) war die Mutter Johannes des Täufers.

 

Nach dem Lukasevangelium stammte sie aus dem Geschlecht Aarons, nach dessen Stammmutter Elischeba sie genannt war. Sie war mit dem Priester Zacharias verheiratet. Die Ehe blieb lange kinderlos, da Elisabet unfruchtbar war, bis nach Lukas 1,11ff der Engel Gabriel Zacharias die Geburt eines Sohnes voraussagte, den er Johannes nennen solle. Weiter erwähnt wird Elisabet bei der Heimsuchung Mariä in Lukas 1,39ff und bei der Geburt von Johannes, Lukas 1, 57ff.

 

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Thomas von Aquin, Dominikus und Madonna

 

 

Thomas von Aquin

Thomas von Aquin

 

Thomas von Aquin (* um 1225 auf Schloss Roccasecca bei Aquino in Italien; † 7. März 1274 in Fossanova; auch Thomas Aquinas oder Tommaso d’Aquino) gilt als einer der wirkmächtigsten Philosophen und Theologen der Geschichte. Der Italienerkatholischen Kirchenlehrern und ist seiner Wirkungsgeschichte nach ein Hauptvertreter der Philosophie des hohen Mittelalters, d. h. der Scholastik. Er hinterließ ein sehr umfangreiches Werk, das etwa im NeuthomismusNeuscholastik bis in die heutige Zeit nachwirkt. Von der römisch-katholischen Kirche wird er als Heiliger verehrt.

 

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Dominikus

 

Dominikus (lat. Dominicus) (* um 1170 in Caleruega bei Burgos (Altkastilien); † 6. August 1221 in Bologna, Italien) war der Gründer des Predigerordens der Dominikaner.

 

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Maria heißt nach dem Neuen Testament die Mutter des Jesus von Nazaret. Die Frau jüdischen Glaubens lebte mit ihrem Mann Josef und weiteren Angehörigen wahrscheinlich in der Kleinstadt Nazaret in Galiläa (Mk 1,9; 6,1). Als „Mutter Gottes“ spielt sie eine herausragende Rolle im Katholizismus und mit Einschränkungen auch in der Orthodoxie. Die sehr unterschiedlichen Auffassungen über Maria in den Konfessionen gelten bis heute als ein Haupthindernis für die Ökumene.

 

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Pietä

 

 

 

 

 

 

Die Pietà (it. für „Frömmigkeit, Mitleid“, nach lat. domina nostra de pietate „unsere Herrin vom Mitleid“), auch Vesperbild genannt, ist in der bildenden Kunst die Darstellung Marias als Mater Dolorosa (Schmerzensmutter) mit dem Leichnam des vom Kreuz abgenommenen Jesus Christus. Im Gegensatz zur Beweinung Christi liegt der Leichnam Jesu immer in Marias Schoß.

 

Das Motiv ist in der Bildhauerkunst seit dem frühen 14. Jahrhundert gebräuchlich und wird von der älteren Forschung in Verbindung mit der Entstehung des Andachtsbildes gebracht. Der frömmigkeitsgeschichtliche Ursprung ist in der verstärkten Hinwendung zum Leiden Christi am Kreuz und des Mitleidens seiner Mutter mit ihrem Sohn zu sehen. Der formale Ursprung der Vesperbilder in mehrfigurigen Beweinungsdarstellungen wird immer wieder behauptet, ist aber nicht bewiesen. Die Pietà zählt zu den bekanntesten ikonographischen Darstellungen des Mittelalters.

 

Vesperbilder sind in den meisten katholischen Kirchen zu finden. Die Szene bildet die vorletzte Station der Kreuzwegandacht; sie ist ein Hauptinhalt des Gedächtnisses der Schmerzen Mariens. Die Bezeichnung Vesperbild beruht auf der Vorstellung, dass Maria den Leichnam ihres Sohnes am Karfreitag ungefähr zur Zeit des Abendgebets, der liturgischen Vesper, entgegennahm.

 

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Figurengruppe mit Kruzifix

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Jesus und Josef

 

 

 

 

 

Jesus

 

Jesus von Nazaret (aramäisch ישוע Jeschua oder Jeschu`, gräzisiert Ἰησοῦς; * wahrscheinlich vor 4 v. Chr. in Nazareth; † 30 oder 31 in Jerusalem) war ein jüdischer Wanderprediger. Etwa ab dem Jahr 28 trat er öffentlich in Galiläa und Judäa auf. Zwei bis drei Jahre später wurde er auf Befehl des römischen Präfekten Pontius Pilatus von römischen Soldaten gekreuzigt.

 

Das Neue Testament (NT) ist als Glaubensdokument der Urchristen zugleich die wichtigste Quelle der historischen Jesusforschung. Danach hat Jesus Nachfolger berufen, den Juden seiner Zeit das nahe Reich Gottes verkündet und sein Volk darum zur Umkehr aufgerufen. Seine Anhänger verkündeten ihn nach seinem Tod als Jesus Christus, den Messias und Sohn Gottes. Daraus entstand eine neue Weltreligion, das Christentum. Auch außerhalb des Christentums wurde Jesus bedeutsam.

 

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Joseph

 

Josef (hebräisch ‏יוֹסֵף‎, griechisch Ἰωσήφ) aus Nazaret ist im Neuen Testament Verlobter und dann Ehemann Marias, der Mutter Jesu. Er wird als Bauhandwerker aus Nazaret vorgestellt und daher in der christlichen Tradition als „der Zimmermann“ bezeichnet.

 

Das Neue Testament berichtet, dass Josef von der Bevölkerung als der Vater Jesu angesehen wurde (Joh 1,45 EU: „Jesus aus Nazaret, den Sohn Josefs“), zudem werden Geschwister Jesu erwähnt, darunter Jakobus der Gerechte – die Vaterschaft Josefs an ihnen wird zwar nicht explizit ausgesagt, liegt jedoch nahe (Mt 13,55 EU und Mk 6,3 EU).

 

Matthäus (Mt 1,18 EU) und Lukas (Lk 1,35 EU) betonen hingegen, dass Josef lediglich der gesetzliche Vater Jesu sei, da dieser nicht durch menschliche Zeugung, sondern durch die Wirkung des Heiligen Geistes entstanden ist. Dem folgt die kirchliche Lehre von der Jungfrauengeburt. Besonders im katholischen Schrifttum wird Josef oft als „Nährvater“ (lat. nutritius) Jesu bezeichnet.

 

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Anna und Jesuskind

 

 

Anna

 

Die heilige Anna (von hebr.: חַנָּה, Hanna; griech.: Αννα) wird in den vier ‚kanonischen‘ Evangelien nicht erwähnt; sie war jedoch laut mehreren apokryphen Schriften des 2. bis 6. Jahrhunderts die Mutter Marias und damit die Großmutter Jesu Christi.

 

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Jesuskind

 

Als Jesuskind wird eine Darstellung Jesu Christi bezeichnet, die ihn bis zum Alter von etwa zwölf Jahren abbildet (im Alter von dreizehn Jahren erlangen im Judentum Jungen die religiöse Mündigkeit und werden als Erwachsene betrachtet).

 

Das Jesuskind ist seit dem 3. Jahrhundert in der christlichen Kunst ein beliebtes Motiv. Häufig zeigen solche Darstellungen die Geburt Christi, die Heilige Familie oder das Jesuskind mit der Gottesmutter. Von der Madonna mit dem Kind gibt es sowohl in der Westkirche als auch in der Ostkirche eine Fülle ikonographischer Darstellungen.

 

Andere Bilder zeigen die Beschneidung Jesu, die Darstellung im Tempel, die Anbetung der Könige und die Flucht nach Ägypten. Dagegen wird Jesus als Heranwachsender nur selten dargestellt, da die Evangelien darüber kaum berichten. Es gibt jedoch einige Darstellungen, die sich, orientiert an apokryphen Texten, mit der Kindheit Jesu befassen.

 

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Francisco de Xavier

 

 

 

 

 

 

Francisco de Xavier, auch Francisco de Gassu y Javier, Francisco de Jassu y Azpilcueta (* 7. April 1506 in Castillo de Javier bei Sangüesa/Spanien; † 3. Dezember 1552 auf der Insel Shangchuan Dao bei Kanton in China), im deutschsprachigen Raum bekannt als der Heilige Franz Xaver, war einer der Pioniere christlicher Mission in Asien und Mitbegründer der Gesellschaft Jesu.

 

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Kyrill und Methodius

 

 

 

 

 

Kyrill (griechisch Kyrillos Κύριλλος, kirchenslawisch Kiril Кирилъ; * ca. 826/827 in Thessaloniki; † 14. Februar 869 in Rom), auch Cyril, der Jüngere und anfangs bedeutendere der beiden Brüder und wichtigsten Missionare im slawischen Raum, Kyrill und Method. Kyrill hieß eigentlich Konstantin bzw. Konstantinos und nahm den Namen Kyrill wahrscheinlich erst an, als er kurz vor seinem Tod in Rom in ein griechisches Kloster eintrat.

 

Beide standen dabei im Spannungsfeld zwischen griechisch-byzantinischem und römisch-deutschem Einfluss und erreichten gegen viele Widerstände eine echte Inkulturation des Christentums bei den Slawen.

 

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Methodius

 

Method(ius) (griechisch Methodios Μεθόδιος, kirchenslawisch Mefodii Мефодии, südslawisch Metodije Методије, Методиј, Методий, tschechisch Metoděj, slowakisch Metod; * um 815 in Thessaloniki, Byzanz; † 6. April 885 in Mähren) wirkte zusammen mit seinem jüngeren Bruder Kyrill von Saloniki in der Slawenmission des 9. Jahrhunderts. Sein Taufname war Michael. Zu Lebzeiten seines Bruders stand Method in dessen Schatten. Von 870 bis 885 war er Erzbischof von Mähren.

 

Beide standen dabei im Spannungsfeld zwischen griechisch-byzantinischem und römisch-deutschem Einfluss und erreichten gegen viele Widerstände eine echte Inkulturation des Christentums bei den Slawen.

 

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Karlsbrücke Statuen 2

 

 

 

Christophorus

 

 

 

 

 

 

Christophorus (griech. Χριστόφορος „Christusträger” (pherein = tragen)) ist ein frühchristlicher Märtyrer, der vermutlich im 3. oder beginnenden 4. Jahrhundert gelebt hat und in der katholischen und der orthodoxen Kirche als Heiliger verehrt wird. Aus den Quellen geht nicht eindeutig hervor, ob er zur Regierungszeit des römischen Kaisers Decius (249–251) oder der des Kaisers Maximinus Daia (308–313) lebte. Christophorus wird in der Ikonographie häufig als Hüne mit Stab dargestellt, der das Jesuskind auf den Schultern über einen Fluss trägt. Er zählt zu den Vierzehn Nothelfern und ist heute besonders bekannt als Schutzheiliger der Autofahrer.

 

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Johannes der Täufer

 

 

 

 

 

 

Johannes der Täufer (griechisch Ἰωάννης ὁ βαπτιστὴς; lateinisch übersetzt Io[h]annes Baptista; ursprünglich wahrscheinlich hebräisch ‏יוֹחָנָן הַמַּטְבִּיל‎ oder ‏יוחנן בן־זכריה‎ Jochanan ben Sacharja) war ein jüdischer Bußprediger, der um 28 in Galiläa und Judäa auftrat. Er wirkte im palästinischen Judentum und hatte auch in der jüdischen Diaspora Anhänger. Seine Historizität ist durch den jüdischen Geschichtsschreiber Flavius Josephus verbürgt.

 

Johannes wird im von Urchristen verfassten Neuen Testament als Prophet der Endzeit und Wegbereiter Jesu Christi mit eigener Anhängerschaft dargestellt. Im Anschluss daran verehren ihn viele christliche Kirchen als Heiligen. Die Mandäer führten ihre Religion auf ihn zurück und sehen ihn als ihren wichtigsten Reformator. Im Koran, der heiligen Schrift des Islam, ist er der drittletzte Prophet vor Isa ibn Maryam (Jesus) und Mohammed

 

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Franziskus von Borgia

 

 

 

 

 

 

FRANZ von Borgia, dritter General des Jesuitenordens, * 28.10. 1510 in Gandia (Spanien) als Enkel des Herzogs Juan de Borja (Borgia) und als Urenkel des Papstes Alexander VI. (s. d.) und des Königs Ferdinand II. von Aragonien, † 1.10. 1572 in Rom. – F. war 1539-43 Vizekönig von Katalonien und 1543 bis 1550 Herzog von Gandia. Seine Gemahlin Eleonora de Castro, mit der er seit 1529 in glücklicher Ehe lebte, starb am 27.3. 1546. Am 2.6. 1546 gelobte F., in den Jesuitenorden einzutreten, und legte am 2.2. 1548 die Gelübde ab, behielt aber mit päpstlicher Genehmigung noch drei Jahre seine weltliche Stellung bei, um die Zukunft seiner fünf Söhne und drei Töchter zu sichern. Sein Vermögen verwandte er 1551 zur Stiftung des “Collegium Romanum”. F. empfing 1551 die Priesterweihe und war seit 1554 Leiter der spanischen und portugiesischen Ordensprovinzen. 1561 ging er nach Rom und wurde dort Assistent des Generals für Spanien, Generalvikar von Jakob Laynez (s. d.) und am 2.7. 1565 als dessen Nachfolger der dritte General der Gesellschaft Jesu. F. gab 1567 die Konstitutionen und die Studienordnung für das “Collegium Romanum” heraus und gründete neue Ordensniederlassungen, z. B. in Florida, Perú und Mexiko. Auch die päpstliche Approbation des Exerzitienbüchleins des Ignatius von Loyola (s. d.) durch die Bulle “Pastoralis officii cura” vom 31.7. 1548 ist sein Verdienst. F. wurde 1624 selig- und 1671 heiliggesprochen. Sein Fest ist der 10. Oktober.

 

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Norbert, Sigismund und Wenzel

 

 

 

 

 

Norbert von Xanten

 

Norbert von Xanten (* 1080/1085 in Gennep oder Xanten; † 6. Juni 1134 in Magdeburg) war der Stifter des Prämonstratenserordens und von 1126 bis 1134 Erzbischof von Magdeburg und kurzzeitig in Vertretung des Erzbischofes von Köln unter Kaiser Lothar III. Reichserzkanzler für Italien. Er wird von der katholischen Kirche seit 1582 als Heiliger verehrt. Er ist Patron des Bistums Magdeburg und des Magdeburger Landes, sowie einer der Patrone Böhmens. Seit 1969 erinnert auch die evangelische Kirche in Deutschland kalendarisch an ihn.

 

Zwei Brüche bestimmten sein Leben: Er wurde vom reichen Chorherrn zum asketischen Verächter der Welt, der als Wanderprediger wirkte und eine Ordensgemeinschaft um sich scharte, kehrte zuletzt aber als Erzbischof von Magdeburg wieder in die Welt zurück.

 

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Sigismund

 

Sigismund oder Sigmund († 1. Mai 523/24 Saint-Peravy-la-Colombe) war ein Sohn des Burgundenkönigs Gundobad und wurde im Jahr 516 dessen Nachfolger. Er wird von der katholischen Kirche als Heiliger verehrt.

 

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Wenzel

Wenzel von Böhmen (auch Wenzeslaus von Böhmen tschechisch Svatý Václav; * um 908; † 28. September 929 oder 935 in Stará Boleslav) war ein böhmischer Fürst aus der Dynastie der Přemysliden. Wenzel war Herrscher einer kleinen Region um Prag und zugleich Oberhaupt des böhmischen Stammesverbandes. In seiner kurzen Regierungszeit musste er sich dem ostfränkischen König Heinrich I. unterwerfen. Er hatte auch mit Gegnern aus Reihen der übrigen böhmischen Großen zu kämpfen und wurde schließlich von seinem Bruder Boleslav I. getötet.

 

Noch im 10. Jahrhundert setzte seine Verehrung als Heiliger ein. Er war Hauspatron der Přemysliden und Namensgeber für vier weitere böhmische Herrscher dieses Namens. Im Hochmittelalter wurde er zum böhmischen Landespatron. In der katholischen Kirche und den orthodoxen Kirchen wird er bis heute verehrt. Tschechien erklärte im Jahr 2000 seinen Todestag am 28. September zum staatlichen Feiertag.

 

Über sein Leben berichten Heiligenlegenden, die als hochrangige Quellen für das frühe 10. Jahrhundert die Aufmerksamkeit der Historiker auf sich ziehen. Diese Schriften finden auch Beachtung in der internationalen Fachwelt, denn sie erlauben es, das „Drama des böhmischen Herzogs Wenzel“ in einen breiteren Kontext der Christianisierung und des Streites zwischen geistlicher und weltlicher Macht zu stellen.

 

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Ludmilla und Wenzel

 

 

Ludmilla

 

Die heilige Ludmilla, auch Lidmilla, tschechisch Ludmila beziehungsweise Lidmila (* zwischen 855 und 860, † 15. September921 in Tetín) war eine böhmische Fürstin. Sie war die erste christliche Herrscherin und ist die erste Heilige des Landes. Während ihrer Lebenszeit wurde der Grundstein für die Christianisierung gelegt und die Machtbasis der Přemysliden-Dynastie geschaffen. Das Leben der Großmutter und Erzieherin des heiligen Wenzel wurde in vielen Legenden beschrieben, die grundlegende Quellen zur Geschichte Böhmens im 9. und 10. Jahrhundert sind.

 

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Wenzel

 

Der Heilige Wenzel (Wenzeslaus von Böhmen, Wenzel der Heilige) (* 908, 903 oder 910; † 28. September 929 oder 935) war der erste von insgesamt vier Přemyslidenherrschern Böhmens namens Wenzel (tschech. Václav). Später wurde er zum böhmischen und tschechischen Nationalheiligen.

 

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Johannes von Nepomuk

 

 

 

 

 

 

Johannes Nepomuk, auch Johannes von Nepomuk (tschechisch: Jan Nepomucký, auch Jan z Pomuku, Jan ne Pomuku oder Jan z Nepomuku, * um 1350 als Johannes Welflin oder Wolfflin in Pomuk bei Pilsen; † 20. März 1393 in Prag) war ein böhmischer Priester und Märtyrer. Er wurde 1729 von Papst Benedikt XIII. heiliggesprochen.

 

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Franziskus Seraphicus?

 

 

 

 

 

 

Franziskus Seraphicus, wer war das? Es gibt keine genauen Informationen …

 

Die Armen-Brüder des hl. Franziskus sind eine Brüdergemeinschaft, die international noch etwa 70 Mitglieder zählt. Sie sind in den USA, Brasilien, Niederlanden und Deutschland (2003 mit 6 Brüdern in Aachen und Düsseldorf) vertreten. Umgangssprachlich werden sie auch nach ihrem Gründer Johannes Philipp Höver aus Wahlscheid, Höver-Brüder, oder auch nach ihrem Mutterhaus, Aachener Franziskanerbrüder, benannt.

 

Armen-Brüder des hl. Franziskus ?

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Franz von Assisi? (auch Franziskus von Assisi, lat.: Franciscus de Assisi oder Franciscus Assisiensis gebürtig Giovanni Battista Bernardone; * 1181/1182 in Assisi, Italien; † 3. Oktober 1226 in der Portiuncula-Kapelle unterhalb der Stadt) war der Begründer des Ordens der Minderen Brüder (Franziskaner). Er wird in der römisch-katholischen Kirche als Heiliger verehrt.

 

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Antonius von Padua

 

 

 

 

 

 

Antonius von Padua (lat. Antonius Patavinus) (15. August 1195 in Lissabon als Spross einer Adelsfamilie (Geburtsname: Fernandez Martin de Bulhorn), † 13. Juni 1231 in Arcella bei Padua), oft auch Antonius von Lissabon genannt, war ein portugiesischer Franziskaner, Theologe und Prediger. Er ist ein Heiliger der römisch-katholischen Kirche.

 

Antonius entstammte einer portugiesischen Adelsfamilie. Mit 15 Jahren wurde er Augustiner-Chorherr. Er studierte in Lissabon und Coimbra und empfing die Priesterweihe. 1220 trat er zu den Franziskanern über und nahm den Namen des spätantiken Wüstenvaters Antonius Eremita an, des Patrons der Kirche, an der die Franziskanergemeinschaft in Coimbra tätig war. Nach dem Vorbild der Anfang 1220 in Marrakesch hingerichteten Protomärtyrer des Franziskanerordens zog Antonius als Missionar nach Marokko, um ebenfalls das Martyrium zu finden.[4] Wegen einer Krankheit musste er Afrika aber wieder verlassen und wurde durch einen Sturm nach Sizilien verschlagen. Eine zeitlang lebte er als Einsiedler bei Assisi und nahm 1221 am Generalkapitel der Franziskaner teil, wo er den Ordensgründer Franz von Assisi kennen lernte.

 

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Vinzenz Ferrerius und Prokop, unterhalb eine Bruncvik Statue

 

 

 

 

 

 

Vinzenz Ferrerius

Vinzenz Ferrer, valencianisch Vicent Ferrer (* 23. Januar 1350 in Valencia; † 5. April 1419 in Vannes), war ein valencianischer Dominikanermönch und bekannter Prediger. Er wird in der katholischen Kirche als Heiliger verehrt.

 

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Prokop

 

Der Heilige Prokop (* um 970 in Chotouň, heute einem Ortsteil von Chrášťany im Okres Kolín; † 25. März 1053 in Sázava) war ein Priester, Einsiedler, Abt und Gründer des Klosters Sázava (Sasau) in Böhmen. Er gehört zu den böhmischen Landespatronen.

 

Geboren wurde er um 970 in Chotouň auf einer Landfeste als Sohn eines Víta und Božena. Ausgebildet wurde er an der slawischen Schule auf Vyšehrad zum Priester. Mit seiner Frau hatte er den Sohn Jimram.

 

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Judas Thaddäus

 

 

 

 

 

 

Judas Thaddäus (griechisch Ιούδας Θαδδαιος, Ioudas Thaddaios) ist einer der zwölf Apostel und wird als solcher als Heiliger verehrt. Über sein Leben ist wenig Gesichertes bekannt, seine Historizität umstritten. Möglicherweise werden in Judas Thaddäus mehrere verschiedene historische Personen zu einer einzigen Gestalt verbunden. Er missionierte wohl im vorderasiatischen Raum und starb dort als Märtyrer.

 

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Karlsbrücke Statuen 3

 

 

 

Nikolaus

 

 

 

 

 

 

Nikolaus von Myra (griech. Νικόλαος Μυριώτης Nikolaos Myriotes; * zwischen 270 und 286 in Patara; † 6. Dezember 326, 345, 351 oder 365[1]) ist einer der bekanntesten Heiligen der Ostkirchen und der lateinischen Kirche. Sein Gedenktag, der 6. Dezember, wird in zahlreichen Kirchen begangen.

 

Nikolaus wirkte in der ersten Hälfte des 4. Jahrhunderts als Bischof von Myra in der kleinasiatischen Region Lykien, damals Teil des römischen, später des byzantinischen Reichs, heute der Türkei. Sein Name bedeutet im Griechischen „Sieg(reich)er des Volkes“ (aus νίκη und λαός).

 

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Augustinus

 

 

 

 

 

 

Augustinus von Hippo, auch: Augustinus von Thagaste, Augustin oder (allerdings nicht korrekt) Aurelius Augustinus (* 13. November 354 in Tagaste, auch: Thagaste, in Numidien, heute Souk Ahras in Algerien; † 28. August 430 in Hippo Regius in Numidien, heute Annaba in Algerien) war einer der vier lateinischen Kirchenlehrer der Spätantike und ein wichtiger Philosoph an der Epochenschwelle zwischen Antike und Mittelalter. Augustinus war zunächst Rhetor in Thagaste, Karthago, Rom und Mailand. Wie sein Vater war er Heide, unter dem Einfluss der Predigten des Bischofs Ambrosius von Mailand ließ er sich 387 taufen; von 395 bis zu seinem Tod 430 war er Bischof von Hippo Regius. Sein Gedenktag in der Liturgie ist der 28. August.

 

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Luitgard von Tongern

 

 

 

Luitgard von Tonger(e)n (auch Luitgard, Lutgard, Lutegarde geschrieben) (* 1182 in Tongern; † 16. Juni 1246 in Aywières) war eine flämische Zisterzienserin und Mystikerin. In der katholischen Kirche wird Lutgard als Heilige verehrt. Ihr Gedenktag ist der 16. Juni.

 

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Kajetan

 

 

 

 

 

 

Kajetan von Thiene (auch: Gaëtano da Tiene / Cajetanus Thienaeus) (* Oktober 1480 in Vicenza; † 7. August 1547 in Neapel) war ein Mitbegründer des Ordens der Theatiner und ist Heiliger der katholischen Kirche.

 

Kajetan entstammte einem venezianischen Grafengeschlecht. Er studierte Rechtswissenschaften an der Universität Padua und wurde dort 1505 zum „Doctor iuris utriusque“ promoviert. Danach wurde er von Papst Julius II. zum Apostolischen Protonotar ernannt.

 

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Adalbert

 

 

 

 

 

 

Adalbert von Prag (Taufname tschechisch Vojtěch, polnisch Wojciech; * um 956; † 23. April 997) war Bischof von Prag, christlicher Missionar bei den Ungarn und Prußen und Märtyrer. Nachdem er 992 Bischof von Prag geworden war, geriet er wegen seiner Reformpolitik in Konflikte mit geistlichen und weltlichen Würdenträgern. Seine Familie der Slavnikiden hatte sich auf die Seite des Polenherzogs gestellt und während dessen Kämpfen verließ Adalbert zweimal sein Bistum, um als Mönch und Missionar zu leben. Am 23. April 997 wurde er auf einer Missionsreise an einem nicht bekannten Ort an der Ostsee erschlagen und daraufhin 999 von Papst Silvester II. heiliggesprochen.

 

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Philippus Benitius

 

 

 

 

 

 

Philipp Benizi (de Damiani) OSM auch Filippo Benizi und Philippus Benitius (* 15. August 1233 in Florenz; † 22. August 1285 in Todi, Italien) war der fünfte Generalsuperior der Serviten. Er gilt, nach den Sieben heiligen Gründern des Servitenordens, als „zweiter Gründer“ und Erneuerer des Ordens. Er überarbeitete die Ordensregeln[1] und rief den weiblichen Zweig, die Servitinnen ins Leben. Er ist der Schutzpatron der Serviten und wurde am 12. April 1671 von Papst Clemens X. (1670–1676), noch weit vor den „Sieben heiligen Gründern des Servitenordens“, heiliggesprochen.

 

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Johannes von Matha, Iwan und Felix von Valois

 

 

 

 

 

 

Johannes von Matha

Johannes von Matha (* 23. Juni 1160 in Faucon (Provence); † 17. Dezember 1213 in Rom) war einer der beiden Gründer des Trinitarier-Ordens. 1694 wurde er heiliggesprochen.

 

Er studierte Theologie in Paris, promovierte und erwarb 1185 die Priesterweihe. Später schloss er sich dem wesentlich älteren Einsiedler Felix von Valois (1127-1212) an, mit dem zusammen er 1198 den Trinitarier-Orden gründete (Orden von der heiligen Dreifaltigkeit), der sich die Aufgabe stellte, christliche Gefangene aus muslimischen Gefängnissen zu befreien.

 

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Felix von Valois

 

Felix von Valois (* 9. April 1127 in Amiens; † 4. November 1212 in Kloster Cerfroi bei Paris) ist einer der Gründer des Trinitarier-Ordens. Wohl im Jahr 1677 wurde er heiliggesprochen.

 

Er war der – auf den Namen Hugo getaufte – einzige Sohn des Grafen Rudolf I. von Vermandois, Valois, Amiens und Crépy, Seneschall und Regent von Frankreich, und der Eleonore von Blois. Hugo wurde im Jahr 1152 als Graf von Vermandois etc. Nachfolger seines Vaters, trat aber bereits 1160 von allen seinen Ämtern und Titeln zurück. Sein Nachfolger wurde sein Halbbruder Rudolf II., der aber bereit 1167 ohne Nachkommen starb und damit Vermandois, Valois, Amiens und Crépy erst an seinen Schwager Philipp I. Graf von Flandern vererbte, nach dessen Tod 1191 bei der Belagerung von Akkon das Land an die Krone fiel.

 

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Iwan

 

Der Legende nach war Iwan der Sohn eines dalmatischen Fürsten (oder der Sohn des abodritischen König Gestimulus/Gostimysl), der im 9. oder 10. Jahrhundert gelebt haben soll. Er lebte am Bach Loděnice im späteren Svatý Jan pod Skalou, unweit der Burg Tetín bei Beroun, zwischen Prag und der Burg Karlštejn, 14 Jahre (nach anderen Quellen 42 Jahre) in einer Höhle verborgen. Seine Zeit verbrachte er mit Gebeten und Meditation, lebte von Pflanzen und der Milch einer Hirschkuh. Diese, von Jägern des Fürsten Bořivoj I. verfolgt und verletzt, soll zu seiner Entdeckung geführt haben. Vergeblich versuchten der Fürst und seine Frau Ludmilla von Böhmen ihn zu überreden, auf die Burg zu ziehen. Iwan bedingte sich lediglich aus, das Fleisch der Hirschkuh unter den Armen verteilen zu dürfen. Drei Tage später soll er gestorben sein. Nach ihm wurde später ein dort 1033 gegründetes Benediktinerkloster benannt, heute bekannt als Kloster des Heiligen Johannes unter dem Felsen (sv. Jan pod Skalou).

 

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Veit

 

 

 

 

 

 

Der Veit auch lat. Vitus genannt (* in Mazara, Sizilien; † um 304 in Lukanien, Süditalien) starb unter Diokletian als Märtyrer. Er wird in der römisch-katholischen Kirche als Heiliger verehrt und ist einer der vierzehn Nothelfer.

 

Der Legende nach gaben seine Eltern Veit als Kind der Amme Crescentia und deren Mann Modestus zur Erziehung, die ihn im christlichen Glauben unterrichteten. Als sein Vater davon erfuhr, wollte er seinen Sohn vom Glauben abbringen und später umbringen, Veit aber blieb standhaft. Veit floh mit Crescentia und Modestus nach Lukanien, wo ihnen ein Adler Brot brachte und Veit allerlei Wunder wirkte.

 

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Wenzel

 

 

 

 

Wenzel von Böhmen (auch Wenzeslaus von Böhmen tschechisch Svatý Václav; * um 908; † 28. September 929 oder 935 in Stará Boleslav) war ein böhmischer Fürst aus der Dynastie der Přemysliden. Wenzel war Herrscher einer kleinen Region um Prag und zugleich Oberhaupt des böhmischen Stammesverbandes. In seiner kurzen Regierungszeit musste er sich dem ostfränkischen König Heinrich I. unterwerfen. Er hatte auch mit Gegnern aus Reihen der übrigen böhmischen Großen zu kämpfen und wurde schließlich von seinem Bruder Boleslav I. getötet.

 

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Cosmas und Damian

 

 

 

 

Die Zwillingsbrüder Cosmas und Damian (beide * in Syrien; † 303 in Aigeai in Kilikien) waren Ärzte und Märtyrer, die der Legende nach Kranke unentgeltlich behandelten und viele von diesen so zum Christentum bekehrten. Sie werden als Heilige verehrt. Ihr Gedenktag in der katholischen Kirche ist der 26. September.

 

Wegen ihres umfangreichen und selbstlosen Wirkens werden sie noch heute verehrt. Der Legende zufolge gelang ihnen sogar eine Beintransplantation, nämlich der Ersatz eines verfaulten Beines durch das eines verstorbenen Mohren.

 

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Kleinseite

 

 

 

In der Richtung gegen die Kleinseite mündet die Karlsbrücke in einen Torbogen, der von der malerischen Konfiguration der Kleinseitner Brückentürme umschlossen wird. Dieses mit den Wappen der Länder Wenzels IV. versehene Tor wurde noch unter Karls Regierung projektiert, aber erst nach seinem Tode beendet. Der linke, niedrigere Brückenturm, ist in seinem Kern romanisch, und er wurde später im Renaissancestil umgestaltet. Ursprünglich bildete er einen Bestandteil der Befestigung der linksuferigen Siedlung. Der rechts emporragende gotische Turm wirkt als eine bescheidene, proportionsmäßige Verkleinerung des Altstädter Brückenturms. Er erwuchs an der Stelle eines älteren romanischen Baus, und wurde erst im Jahre 1464 unter der Regierung von Georg von Podĕbrad beendet. Beide Türme samt dem Brückentor bildeten im 14. Jahrhundert einen untrennbaren Bestandteil der mächtigen Fortifikation des Brückenkopfes.

 

Auf eine bestimmte Weise beteiligte sich an dieser Befestigung auch der Bischofshof, der im 13. Jahrhundert gegründet wurde, und in der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts von dem letzten Prager Bischof Jan z Dražic (Johann von Draschitz) mit großem Aufwand umgestaltet wurde. Im Zusammenhang mit der Erhebung der Prager Diözese zur Erzdiözese wurde er zum Erzbischofshof umbenannt. Von dem umfangreichen Komplex blieb in diese Zeit hinein der in den Haushöfen der Häuser Nr. 44 und 47 stehende Turm erhalten, der mit den Wappen von Jan z Dražic und vom Erzbischof Jan Očko z Vlašimi (Johann Očko von Wlaschim), einem vorderen Ratgeber von Karl, geschmückt ist. Jan z Dražic ließ den Wohnpalast im Stil der französischen Gotik, die er während seines langjährigen Aufenthaltes in Avignon kennen lernte, baulich umstalten. Die Hofkapelle wurde mit Wandmalereien und mit den Portraits von allen früheren Prager Bischöfen ausgeschmückt. An den Wänden vom Esszimmer glänzten die Adelswappen und die moralisierenden Inschriften, in dem Wohnraum wurden dann die Apostel und Prophetengestalten ausgemalt. Unter Wenzel IV. ließ der Erzbischof Jan z Jenštejna (Johann von Jenstein) an den Wänden dieses Palastes seinen berühmten Traum, wo er das Verderben der katholischen Kirche in Böhmen voraus sah, darstellen. In den Jahren 1419-1420 vernichteten die Hussiten tatsächlich diesen herrlichen Hof, und nach der Erneuerung des Prager Erzbistums im Jahre 1561 residierten die Metropoliten auf dem Hradschin, in der unmittelbaren Nachbarschaft der Prager Burg.

 

An der gegenüberliegenden Seite der Mostecká Straße reihte sich unter die bedeutenden Bauten, die das Gepräge des Brückenvorkopfes ergänzten, das Sächsische Haus (Nr. 55) ein. Es wurde deswegen so genannt, weil es von Karl IV. an den sächsischen Herzog und Kurfürsten Rudolf gewidmet wurde. Unter dem Putz des ersten und zweiten Obergeschosses wurde hier von den Restauratoren die ursprüngliche gotische Fassade aus dem 14. Jahrhundert, sowie Reste von Fensteröffnungen und Plastiken entdeckt. Nach der Dokumentierung wurde dieser Fund wieder zugemauert. Aus militärischer Hinsicht war von größerer Bedeutung das Johannitenkloster (Nr. 287) mit der Kirche der Jungfrau Maria unter der Kette. Dieser Komplex, (der sich in der jetzigen Lázenská Straße erstreckt und bis in den Raum des Großpriorats und Maltheserplatzes hinein reicht), wurde bereits im Jahre 1158 gegründet. Sein ursprünglich romanisches Aussehen, wo der Fortifikations Charakter dominierte, wurde von einem gotischen Umbau verwischt. An der Stelle der romanischen dreischiffigen Kirche begann man unter Karl IV. mit dem Bau einer gotischen Kirche. Bis Ende des 14. Jahrhunderts erwuchsen aber bloß zwei massiven Türme und eine Vorhalle, die im Jahre 1836 neugotisch umgestaltet wurden. Der Charakter des Klosters und der Kirche erfuhr bei den umfangenreichen Barockumgestaltungen markante Änderungen.

 

Bei dem eindringenden Eingriff in den Aufbau der ganzen Stadt Prag konnte auch die Prager Kleinere Stadt (die Kleinseite), die direkt unter der königlichen Burg lag, Karls Aufmerksamkeit nicht entgehen. Der Herrscher hielt für die erstrangige Aufgabe die Erweiterung von dem nicht zu großen Ausmaß der bestehenden Stadt, und die Errichtung der neuen Befestigungsmauer auf strategisch besseren Stellen und weiter weg von der richtigen Residenz. Der in den Jahren 1360-1362 erbaute Befestigungsgürtel zog sich von den Hradschiner Mauern über dem Bruska Bach in der Richtung zum Strahov. Von dort stieg er bis zum Gipfel des Berges Petøín, und dann folgte er seinem Abhang zur Moldau, wo das mächtige Újezd Tor seinen Abschluss bildete. Die Spuren von diesem Tor wurden von der Industriezivilisation völlig verwischt. Die neue Kleinseitner Befestigung war baulich nicht so anspruchsvoll. Im Grunde genommen handelte es sich um einfache Mauern mit Toren und Zinnen, die immer von zwei Türmen beschützt wurden. Der Rest von Karls Mauer, die sich durch die Petøín Parkanlage bis zur Moldau zieht, hat eine interessante Benennung: die Hungermauer. Gerade in der Zeit, wo die linksuferige Fortifikation gebaut wurde, brach nämlich im Lande der Hungertod, eine unmittelbare Folge der katastrophalen Missernte, aus. In einer später entstandenen Sage wurde diese Benennung so erklärt, dass sich der Herrscher bemühte, den Menschen aus der Not zu helfen und ihnen eine Gelegenheit zum Erwerb zu geben, und dass er deswegen den Auftrag zum Bau dieses Befestigungsgürtels erteilte.

 

Karls Befestigung erweiterte wesentlich die Fläche der Kleineren Stadt, und ermöglichte ihren Wuchs außerhalb der alten Přemyslidenbefestigung, die längst ihre Wehrfunktion verlor, und die langsam von der Erdoberfläche verschwand. In den Befestigungsgürtel wurden nach dem Jahre 1360 auch einige ursprünglich eigenständige Gemeinden einbezogen. In dem westlichen Teil war es das Dorf Újezd mit der Pfarrkirche St. Johannes an der Bleiche, die im 12. Jahrhundert erstmals erwähnt wurde. In dem zweiten Viertel des 14. Jahrhunderts wurde dieser Bau um Wandmalereien bereichert. Zwischen dem Újezder Tor und den Befestigungmauern Přemysl Otakar II. befand sich auch das Dorf Nebovidy mit der Pfarrkirche des hl. Laurentius. Dieser romanische und in der Gotik erweiterte Bau steht ganz an dem Petřín Abhang, im Hof des Hauses Nr. 390. Das kleine Kirchlein dient keinem Sakralsinn mehr bereits seit dem Jahre 1784, wo es aufgehoben und in Werkstätten und Wohnungen umgewandelt wurde, und erst vor kurzer Zeit erlebte es die Gesamtreparatur. Eine ähnliche Lage gab es auch in dem östlichen Teil der Kleinseite, wo sich an der Stelle des jetzigen Wallenstein Gartens das Dorf Písek befand. Seine Nachbarschaft bildeten die Gärten des Bischofshofes und des Klosters von Augustiner Eremiten, wo die im Jahre 1285 gegründete und erst unter der Karls Regierung baulich beendete St. Thomas Kirche hinauf ragte. Der Reichtum des Klosters und die Ausstattung der Kirche war märchenhaft. Darüber berichten bis jetzt die zufällig erhaltenen schriftlichen Quellen. Das Kloster wurde auch durch seine Brauerei (die im Jahre 1358 gegründet wurde), und durch das dort gebraute edle Nass berühmt.

 

Mit dem Zeitabstand gesehen scheint es, dass Karl die Entwicklungsmöglichkeiten der Kleineren Stadt überschätzte. Der Bevölkerungszustrom in dieses sicherlich attraktive Gebiet war nicht groß, und später wurde er noch von den Pestepidemien gebremst. Der Großteil der Flächen innerhalb der neuen Befestigungsmauern wurde von Feldern,Gärten, Hopfengärten und Weinbergen bedeckt. Die Kleinere Stadt lockte mit Hinsicht auf ihre Nähe der Prager Burg in ihre Mauern vor allem diejenigen Adeligen an, die sich in der Nähe des Herrscherhofes aufhalten sollten oder wollten. Diese Aufgabe erfüllte die Kleinseite aber schon unter der Regierung der Pøemyslidendynastie. Der Glanz, die internationale Position und die Machtstellung Karl IV., und die Bedeutung des Erzbischofssitzes erhöhten durchdringend die Attraktivität von diesem Teil des Prager Städtekomplexes. Auf dem Gebiet der Kleinseite verbrachten eine kürzere oder längere Zeit die böhmischen Adeligen und die Adeligen aus dem Reich, die Angehörigen der Geistlichkeit, und auf die Dauer wohnten hier die Geschäftsmänner und die Handwerker, die von ihrer guten Lage den Nutzen zogen. Der Großteil der bedeutenden böhmischen Adelsfamilien hielt sich in Prag nur vorübergehend auf, trotzdem kauften sie hier Häuser und Paläste. Der böhmische Adel knüpfte hier an die Praxis aus der früheren Zeit an. Ähnlich war es in der Untertanenstadt Hradčany (Hradschin), die vor allem von Angestellten und Dienstboten der Prager Burg bewohnt wurde. Im Zusammenhang mit den neuen Funktionen, die Prag unter Karls Regierung erfüllen sollte, änderte sich schnell auch sein Gepräge. Die Häuser auf dem Hradschin Platz, in der westlichen Nachbarschaft der Prager Burg, wurden von den Adeligen aus der Umgebung des Herrschers (die Vartenbergs, die Adelsfamillie Zajíc von Valdek, die Herren von Velhartice, die Herren von Švamberk u.a.), von den hochgestellten Beamten, von den kirchlichen Institutionen (vor allem vom Prager Kapitel) und von den mit dem Umbau der Prager Burg beauftragten Personen aufgekauft. Auf dem jetzigen Hradschin Platz wohnte Beneš Krabice von Weitmile, einer von den Baudirektoren bei dem Bau der St. Veits Kathedrale, der berühmte Malermeister Theodorik und der Architekt Petr Parléř. Am Ende von Karls Regierung reichte die Fläche von Hradschin nicht mehr aus, so dass sich die Besiedlung auch in den Vorort, heute Pohořelec (Brandstätte) genannt, verbreitete.

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Altstadt und andere Stadtteile

 

 

Es war die Prager Altstadt, derer Entwicklung scheinbar am wenigsten dynamisch war. Das war aber nur eine optische Täuschung, denn aus den bekannten Gründen kam es nicht zur Erweiterung seines Areals. Innerhalb der Altstädter Befestigung strotzte es aber von Leben, und es kam hier zu den durchdringenden Änderungen. Die der Zustrom von Adeligen und von Ausländern, die auch in dem Altstädter Milieu prunkvolle Quartiere aufkauften, Umbauten von Bürgerhäusern, zahlreichen Neubauten und Rekonstruktionen von Kirchen, und die Ankunft der Studenten an die neu gegründete Universität hatten das Gepräge von diesem Prager Stadteil markant beeinflusst. Das prunkvolle Aussehen bekam auch das Altstädter Rathaus, das am Ende von Karls Regierung um einen gotischen Kapellenerker bereichert wurde. Die Prager Altstadt wurde bunter, reger und bekam eine schönere Bauweise. Ihre leitende Position und ihr gesellschaftliches Ansehen unter allen böhmischen Städten blieb nicht nur erhalten, sondern ist noch größer geworden.

 

Karls Prag, wo einer Abschätzung nach insgesamt 40 000 bis 80 000 Einwohner lebten, gehörte zu den an Bevölkerung reichsten Städten des damaligen Europas. Prag konnte in dieser Hinsicht nicht mit Venedig wetteifern, aber unter den Städten nördlich von Alpen fiel ihm die Spitzenstellung zu. Diese außerordentliche Bevölkerungskonzentrierung legte erhöhte Ansprüche an Versorgung und an Warentransport. Dieser Tatsache entsprach auch das wirtschaftliche Hinterland des Prager Städtekomplexes. Dieses Hinterland erstreckte sich in einem breiten, zwischen 40-50 km schwankenden Umkreis, der an seiner Peripherie von den Städten Beroun, Slaný, Mĕlník, Český Brod (Beraun, Schlan, Mělnik, Bömisch Brod) begrenzt wurde und im Süden bis zu der Untertanenstadt Benešov (Beneschau) reichte.

 

Die unmittelbare Nachbarschaft von den Prager Städten vermisste aber den ausgesprochen bauerlichen Charakter. Hier erstreckten sich Dörfer, Gehöfte und Kleinadelsiedlungen, aber das Gepräge wurde erst von den ausgedehnten Gärten und vor allem Weingärtenflächen bestimmt. Mit der Person Karl IV. ist auch die stürmische Entwicklung des Weinbaus verbunden. Der Herrscher, der wahrscheinlich von seinen französischen und italienischen Erlebnissen inspiriert wurde, erließ eine Anordnung, die die Gründung von Weinbergen im Umkreis von 3 km um Prag herum befahl. Gleichzeitig verfasste er auch die Weinbergrechte, wo er die Weingärten für zwölf Jahre von allen Gebühren befreite, und errichtete den Amt des Bergmeisters der Prager Weinberge. Der Ausdruck Berge war hier vollkommen richtig am Platz, weil die Weinberge bald alle Anhöhen innerhalb der Stadt und die malerischen Bergabhänge, die das damalige Prag umgaben, bedeckten. Wohin das Auge nur schauen konnte, lagen Weinberge. Sie knüpften in der Nachbarschaft der Prager Neustadt im Grunde genommen organisch an die grünen Freiflächen innerhalb des Befestigungsgürtels an. Die jetzigen Prager Stadtviertel Břevnov, Dejvice, Košiře, Libeň, Nusle, Smíchov, Střešovice, Vinohrady, und Žižkov, einige weitere Stadtteile entstanden an der Stelle von früheren Weinbergen. Die Benennungen ihrer Plätze und Straßen erinnern bis jetzt an die ehemaligen Weingüter. Der grüne Gürtel um Prag herum überlebte bis in das 18. Jahrhundert hinein, wo der Weinbau von den Kriegsereignissen sehr schwer getroffen wurde. Den letzten Schlag erhielt dieser Weinbau durch die Aufhebung der Stadtmauern und durch die nach der Hälfte des 19. Jahrhunderts entfaltete Bautätigkeit.

 

Es ist schwierig zu sagen, ob Karl mit seinem Vorhaben, hier die Weinrebe an zu bauen, erfolgreich war. Die Naturverhältnisse waren in Böhmen im Vergleich mit Frankreich, mit den italienischen Gebieten und mit dem Rheinland nicht gut, so dass der hiesige Wein die Qualität von den südeuropäischen, ungarischen und westeuropäischen Weinen nicht erreichte. Der Import vom südlichen Wein in die böhmischen Länder wurde in den Jahren von Karls Regierung erfolgreich fortgesetzt. Es ist aber ganz gut möglich, dass der Herrscher dem Anbau von Weingärten auch eine andere Bedeutung beimaß. In der Bibel symbolisiert ein Weingarten die auserwählte Nation und die Religion, die einen gerechten, guten und sorgfältigen Wirt erfordert.

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Der fanatisch religiöse Wahnsinn

 

 

 

 

 

 

Wie es bekannt ist, wurde Karl IV. als ein leidenschaftlicher Sammler von Heiligenreliquien berühmt. Diese Tätigkeit war ein Ausdruck seiner persönlichen Veranlagung und auch ein Bestandteil seines politischen Programms, wozu auch die Bezeigung der ostentativen Frömmigkeit gehörte. Der Kaiser und böhmischer König trat in der Rolle des Beschützers des christlichen Glaubens und der Religion, wobei der Widerschein vom Schimmer des himmlischen Königreich seiner Herrschermacht den Glanz verlieh. Während seiner Aufenthalte im Ausland jagte Karl leidenschaftlich nach den Heiligenreliquien und kaufte sie auf: eine ganze Reihe von ihnen bekam er auch geschenkt. Einen wichtigen Zug seiner Frömmigkeit bildete seine Bemühung, die von ihm verehrten Gegenstände für die Propagation der eigenen Person und seiner staatsmännischen Strebungen aus zu nutzen. Aus diesem Grunde war er bemüht, die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf diese Reliquien dadurch zu richten, dass er ihnen eine interessante Gestaltung gab, und dass er sie auch teilweise zur Schau stellte. Die Aktivität, die er auf diesem Gebiet entfaltete, fand im Mittelalter nicht ihrergleichen. Für die meisten Reliquien, die er gewann, ließ er Reliquiengefäße in Form vom Kreuz (Kreuzreliquiar), vom Brustbild (Büstenreliquiar, zum Beispiel die vergoldete Büste der hl. Ludmila), von Armen (Armenreliquiar), von einem Türmchen (Turmreliquiar), usw. herstellen. Es handelte sich insgesamt um hervorragende Erzeugnisse des mittelalterlichen Kunstgewerbes. Der Herrscher konnte sich diesen Zutritt leisten, denn er stützte sich auf den Reichtum der Silbergruben und auf die Geschicklichkeit der Prager Goldschmiede und Juweliers. Seit dem Jahre 1350 veranstaltete er jährlich zur Osterzeit auf dem Viehmarkt eine Ausstellung, wo die Leute den alten Krönungsschatz der römischen Könige und gleichzeitig auch die wertvollen Reliquiengefäße sehen konnten. Zu diesem Sinn hatte man erst einen provisorischer Holzbau errichtet, der dann unter Wenzel IV, durch die Fronleichnahmskapelle ersetzt wurde.

 

Der Kaiser deponierte einen Teil von seinen Reliquienrequisiten in Aachen und auf der Burg Karlštejn, aber die meisten schenkte er der Prager Kathedrale, ohne aber auf das Dispositionsrecht zu verzichten. Das St. Veits Inventar aus dem Jahre 1378 enthält ein detailiertes Verzeichnis des Domschatzes. Die vergoldete St. Wenzels Büste, die im Jahre 1420 von Siegmund von Luxemburg beschlagnahmt wurde, wurde bereits erwähnt. In dem Domschatz des St. Veits Doms wurde aber bis jetzt das goldene Kreuzreliquiar in der griechischen Form erhalten, das Karl vor dem Jahre 1349 als Krönungskreuz der römischen Könige errichten ließ. Von weiteren bemerkenswerten Geschenken, womit der Herrscher die Kathedrale bedachte, sollte vor allem ein Onyx-Becher aus Venedig, eine zwölfeckige Kanne aus dem 11. oder 12. Jahrhundert, die im Gold und Silber eingefasst und mit Edelsteinen und Perlen verziert ist, und das goldene Kreuzreliquiar aus den Jahren 1368-1376 erwähnt werden.

 

Es ist nicht möglich, in diesem kleinen Raum den Reichtum und den Schmuck des St. Veits Doms zu Karls Regierungszeit zu verzeichnen. Die Prager Kathedrale war nicht nur die Hauptkirche der Erzdiözese, eine Krönungsstätte, eine Begräbnisstätte der Herrscher und Metropoliten, ein Symbol des Himmlischen Jerusalems und der Religion , und ein wahres Gesamtskunstwerk der gotischen Kunst. Sie wurde von Karl IV. auch als ein Ausdruck der Verbindung der geistlichen und weltlichen Regierung in dem Königreich Böhmen und ein Symbol der christlichen siegreichen Idee, die von dem idealen Herrscher verwirklicht wurde, errichtet. Als Prototyp eines solchen Herrschers galt der Landespatron und der erste Begründer der St. Veits Kirche: der hl. Wenzel. Karl IV. folgte seinem Beispiel, er verpflichtete sich selbst und forderte auch seine Nachfolger aus der Luxemburger Dynastie zur gleichen Handlungsweise auf.

 

Von Karls wahrlich grandiosen staatsmännischen Vorhaben zeugt auch ein anderes bemerkenswerts Denkmal, das Kloster „Na Slovanech”. Es wurde am 21. November 1347 über dem Dorf Podskali, das kurz darauf in die Neustadt einbezogen wurde, gegründet. Der Bau dieses Klosterkomplexes dauerte bis 1372, wo es am Ostermontag, am 29. März, unter Anwesenheit des Karl IV. und vom Erzbischof Johann Očko von Wlaschim eingeweiht wurde.

 

Da an diesem Tage der Evangeliumtext über das Christi Treffen mit seiner Jüngern in Emmaus vorgelesen wurde, pflegte man das Klosterareal später „Emauzy” zu nennen. Seit der Zeit seiner Baubeendigung bildete das Kloster eine Dominante von diesem Prager Teil, und nicht nur Dank seiner Lage auf einer erhöhten Terasse über dem rechten Moldauufer, sondern auch Dank dem Aussehen der Kirche, die der Jungfrau Maria und den slawischen Patronen (den hll. Cyrill und Methodius, dem hl. Hieronymus, hl. Prokop und hl. Vojtĕch) geweiht wurde. Diese Kirche hatte keine Türme und war ganz mit dem einheitlichen Satteldach bedeckt, aber inmitten von dem Dachkamm ragte in die Höhe von 50 m von der Erdoberfläche ein schlanker Turm – ein Dachreiter. Als Dachdeckung wurden hier rot und grün glasierte Dachziegel verwendet, die mit dem weißen Mauerwerk schön kontrastierten. Das ursprüngliche Aussehen dieser Kirche ist sehr gut auf der ältesten Prager Vedoute aus dem Ende des 15. Jahrhunderts sichtbar. Auch wenn die Kirche und das Kloster durch die Barockisierung, Regotisierung und infolge des anglo-amerikanischen Luftangrifs auf Prag am 14. Februar 1945 große Schäden erlitten hatten, erhielten sich die Hauptgebäude doch ihr im Grunde gotisches Aussehen. Die weißen „Flügel” aus Beton gehören natürlich zum Ausdruck der modernen Kunst, und sie entstanden in den Jahren 1966-1969 nach einem Entwurf des Architekten F. M. Černý.

 

Diese dreischiffige Kirche wurde im Moment ihrer baulichen Beendigung für die benutzte größte Kirche in Prag gehalten. An ihre Südseite grenzte seiner Längstseite entlang das ursprünglich eingeschossige (jetzt zweigeschossige) Klostergebäude, mit dem Paradieshof in seiner Mitte, an. Der Kreuzgang hat ein Kreuzgewölbe (es ist in 22 Joche eingewölbt) und wird von 18 Bogenfenstern mit Maßwerk durchleuchtet. Mehr als mit seinen architektonischen Werken zieht dieser Bau die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit mit seinem Malerschmuck auf sich. Dieser Malerschmuck gehört zu den markantesten Denkmälern der böhmischen Wandmalerei des 14. Jahrhunderts.

 

In dem Kreuzgang blieb ein Teil des typologischen Zyklus, der ursprünglich die Umfassungsmauern in der Gesamtlänge von 130 m bedeckt hatte, erhalten. Dieser Zyklus zählte ca. 85 Szenen, von denen ein Drittel vernichtet wurde. Diese Bilder schöpften thematisch aus dem Alten und Neuen Testament und aus den apokryphischen Texten. Von einer originalen Auffassung ist vor allem die apokryphische Szene, wo Sibille von Tibur, als eine junge schöne Frau gezeigt, dem Kaiser Octavianus Augustus das mit der Sonne bekleidete Weib zeigt. In Böhmen wurde diese Sibylle mit der Libuša, der legendären Stammmuter des Přemyslidengeschlechtes und der Gemahlin des Ackermanns Přemysl, identifiziert. Die weiteren Szenen zeigen zum Beispiel Auferweckung der Toten zum neuen Leben, Heilung von Aussatzkranken und Reinigung von verpesteten Gewässern, worin man vielleicht eine Anspielung auf die erste Pestepidemie in den Jahren 1357-1362 und auf den Hungertod am Anfang der 60 er Jahre sehen könnte. An der Bildung von diesem Zyklus beteiligten sich mehrere Künstler, darunter Nikolaus Wurmser aus Straßburg, der auch durch seine Tätigkeit auf der Burg Karlštejn bekannt wurde, der so genannte unbekannte „Meister des Zyklus von Emmaus” und der Maler Oswald.

 

Das Kloster entstand am Anfang als das einzige böhmische Zentrum von kroatischen Mönchen, die Karl IV. mit der Zustimmung des Papstes Clemens VI. nach Prag berief. Sie kamen in ihre neue Wirkungsstätte meistens aus der altertümlichen Benediktinerabtei, die sich auf der Pasmann-Insel bei Zadar befand, und ferner aus Dalmatien (Senje), wo sich Karl bei seiner abenteuerlichen Reise im Jahre 1337 aufgehalten hatte. Die kroatischen Mönche pflegten in ihrem Neustädter Kloster die slawische Liturgie und schrieben Bücher, die ihrem Bedarf dienen sollten, in der kroatischen glagolitischen Schrift. Weil diese Gewohnheiten bis in das 13. Jahrhundert hinein der römischen Kirche gegen den Strich gegangen waren (auch wenn die kroatischen Benediktiner den Papst als Haupt aller Christenheit anerkannten), erklärten sie ihre Kirchentexte für ein Werk des Kirchenvaters hl. Hieronymus, der im 4. Jahrhundert nach Christi in dem dalmatischen Stridon geboren war, und im Mittelalter für einem Slawen gehalten wurde. In seiner Person sah die Tradition auch den ersten Übersetzer der heiligen Schrift in die „lateinische und slawische Sprache” wo, nach Karls Meinung, die „slawische Sprache Unseres Königreiches Böhmen” ihren Anfang genommen hatte. Es schien, als ob der Herrscher durch die Gründung dieses Klosters nur den hl. Hieronymus „seinem Heimatland und seiner Nation ” zurück gegeben hätte. Er selbst pflegte das Klosterareal „Kloster des hl. Hieronymus des Slawen” oder „monasterium Slavorum” zu nennen. Die slawischen Benediktiner widmeten sich in der Hauptstadt des böhmischen Staates vor allem dem Sprachunterricht, der bei den damaligen gebildeten Menschen die an der lateinischen Universität gewonnenen Kenntnisse passend ergänzte. Karl IV. verfolgte aber mit ihrer Berufung nach Prag eine breitere Konzeption.

 

Dieses Tun des Herschers wird von den Historikern manchmal mit seiner Přemyslider Abstammung und mit seinem Interesse für die Vergangenheit der Länder, die er regierte, in Zusammenhang gebracht. Karl war über Cyrill und Methodius, die im 9. Jahrhundert in das so genannte Großmährische Reich die slawische Liturgie brachten, sowie über den slawischen ursprünglichen Namen des Klosters von Sázava, das im 11. Jahrhundert vom hl. Prokop gegründet wurde, informiert. Das soll aber nicht bedeuten, dass man die Errichtung des Klosters Na Slovanech und die Einweihung seiner Kirche nur durch das hochentwickelte historische Fühlen des Herrschers erklären kann. Alle Umstände weisen darauf hin, dass auch die Errichtung dieses Kloster einen Bestandteil von Karls politischen Plänen darstellte. Die Chronik des Pøibík Pulkava von Radenín, derer Gedankeninhalt, wie es aussieht, der Kaiser selbst mit bestimmte, verzeichnet in dem Kapitel über die Erhebung des Přemyslidenfürsten Vratislav II. zum König eine bemerkenswerte Erzählung:„Dort selbst wurde auch durch einen kaiserlichen Ertrag fest gelegt, dass zur Wiedergutmachung von den bedeutenden Schäden, die das Reich während der vielen Jahre durch Nichtexistenz der mährischen Könige und des mährischen Königreichs erlitt, Böhmen zum Königreich erhoben wird, und dass dem Vratislav und seinen Nachfolgern, den böhmischen Königen, als souveränen Königen für ewige Zeiten Mähren als Markgrafschaft, ferner Polen, Russland und andere Fürstentümer und Länder, die damals zum mährischen Königreich gehörten, unterordnet werden, und dass sich das mährische Königreich auf Grunde von diesem gültigen kaiserlichen Erlass der Wiederherstellung erfreut und mit allen Gehörigkeiten nach dem Recht der Königswürde ohne Hindernisse und unwiederrufbar nach Böhmen übertragen wird.”

 

In dieser Formulierung wird eine fehlhafte Angabe auf andere gehäuft. Für uns ist aber die Tatsache von großer Bedeutung, dass der Kaiser Heinrich IV. keine Verordnung über die legislative Kontinuität zwischen dem so genannten Großmährischen Reich, das am Anfang des 10. Jahrhunderts unterging und dem böhmischen Staat erließ, und er erwähnte auch gar nicht die territorialen Ansprüche der böhmischen Herrscher auf die osteuropäischen Territorien. Karl IV. begründete hier ganz einfach mit seinem nächsten Mitarbeiter (wenn auch um den Preis der Verfälschung von historischen Tatsachen) seine eigene Machtansprüche auf die großen, von slawischer Bevölkerung bewohnten christlichen Territorien.

 

Auch diese Zielsetzung hatte im Rahmen von Karls Plänen nur eine Teilbedeutung. Er leitete seine Herkunft mütterlicherseits von den römischen Kaisern Dioklezian und Maximian ab, er bekannte sich zum Vermächtnis des Kaisers Konstantin des Grossen, und er wollte Prag in ein zweites Rom und in das zweite Konstantinopel verwandeln. Eine Vermutung drängt sich in diesem Zusammenhang direkt auf. Es ist ganz gut möglich, dass die Berufung der kroatischen Mönche nach Prag von Karl IV. einen Bestandteil seiner programmmäßigen Bestrebung, die Widersprüche zwischen der östlichen und der westlichen christlichen Religion zu überbrücken oder wenigstens zu lindem, darstellte. Die kroatischen Benediktiner pflegten gute Beziehungen zum orthodoxen Balkan und zu Russland zu unterhalten. Wer sonst, als der Kaiser, das weltliche Haupt der Christenheit, sollte sich um die Wiedervereinigung der Gläubigen bemühen, die durch ein Kirchenschisma am Ende des 11. Jahrhunderts geteilt wurden? Die böhmischen Länder, die mit der großmährischen kirchlich-slawichen Tradition historisch verknüpft waren, die den bedeutendsten Bestandteil des Heiligen Römischen Reichs bildeten, und die geographisch in der Mitte der christlichen Welt skuiert waren, hielt Karl IV. offensichtlich für prädestiniert zur Erfüllung dieser historischen Aufgabe, natürlich unter der Leitung der Luxemburger Dynastie.

 

In der Richtung zur Moldau standen in der Prager Neustadt drei Sakralobjekte von größerer Bedeutung, die noch vor dem Jahre 1348 gegründet wurden. In der Nähe des Klosters der slawischen Benediktiner befand sich die St. Wenzels Kirche „Na Zderaze” – ein ursprünglich romanischer Bau, der zu einer gotischen Kirche erweitert wurde. Von der jetzigen Resslova-Straße, wo die St. Wenzels Kirche steht, ist es nicht weit zur St. Vojtĕch (Adalbert) Kirche. Von außen wirkt sie als ein Barockbau, aber es handelt sich um ein in seinem Kern gotisches zweischiffiges Werk, das im Verlauf des 14. Jahrhunderts gebaut wurde. Weiter weg, in dem östlichen Teil der Neustadt, inmitten der ehemaligen Kaufmannsiedlung „Na Poříčí” war bereits im 12. Jahrhundert eine romanische Basilika erwachsen, die unter Karls IV. Regierung und seines Nachfolgers zu einer Drei schiffkirche umgebaut wurde.

 

Die bedeutenden Kirchen in dem so genannten Oberen Teil der Neustadt entstanden dafür erst in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts. Neben der schon erwähnten Klosterkirche der hl. Katharina und der Pfarrkirche St. Stephans fällt auch der Bau der St. Apollmaris Kirche auf Vĕtrov (auf dem Windberg) auf. Diese Kirche wurde von Karl IV. für das hierher im Jahre 1362 aus Sadská bei Nymburk (Nimburg) umgesiedelte Kapitel gegründet, das später mit dem Kapitel von Vyšehrad verschmolz. Gegen Ende des 14. Jahrhunderts bekam die Kirche die Wandausmalungen, die den Christus mit Aposteln, die Jungfrau Maria und die Gestalten von heiligen Frauen darstellen. Auf einer der tiefst gelegenen Stellen der Neustädter Gebiets die „Na slupi” (An der Fischfalle) oder „Na trávníčku” (Auf dem Anger) genannt wurde, stiftete Karl IV. ein Servitenkloster mit der Kirche der Verkündung der Jungfrau Maria. Es handelt sich um ein musterhaftes Beispiel einer gotischen schlichten Kirche mit einem Querschiff, dessen Gewölbe in der Mitte auf einer Mittelstütze ruht, und mit einem schlanken Turm.

 

Den überhaupt mächtigsten Neustädter Kirchenbau sollte die Jungfrau Maria Schnee Kirche an dem Karmeliterkloster in der westlichen Nachbarschaft des Roßmarktes (Wenzelsplatz) darstellen. Das ursprünglich geplante basilikaförmige Dreischiff wurde nicht realisiert: von dem ambitiösen Projekt steht jetzt lediglich das Presbyterium (der Chor), der aber trotzdem als höchster Kirchenbau in ganz Prag gilt. Neben der Kirche, in der Richtung zum jetzigen Jungmannova Platz, erhielt sich die Mauer des ehemaligen Friedhofes mit dem sekundär angebrachten Tympanon, das sich oberhalb des gotischen Portals befindet. Dieses Tympanon stellt in seinem oberen Teil die Dreifaltigkeit Gottes, in dem unteren Teil die Krönung der Jungfrau Maria dar. Zu beiden Seiten knien die Gestalten der beiden Donatoren, derer Köpfe im Laufe der Zeit verschwunden sind. Die linke Gestalt stellte den Karl von Luxemburg als mährischen Markgrafen, die rechte seinen Vater, den König Johann, dar. Es ist wahrscheinlich, dass dieses Werk nach dem Jahre 1341 entstand, als Johann auf dem böhmischen Landestag Karl als seinen Nachfolger auf dem böhmischen Thron durchsetzte. An der Stelle des späteren Klosters „U hybernù,” an der Ecke des jetzigen Platz der Republik und der Straße Hybernská, stand seit dem Jahre 1355 das Benediktinerkloster der Ambrosianer oder Mailänder Liturgie. Karl IV. stiftete dieses Kloster mit der Absicht, denjenigen Moment zu verewigen, als er in Mailand die lombardische Königskrone erhielt.

 

Von den Altstädter Sakralobjekten war es die Kirche der Jungfrau Maria vor dem Teyn, die an der östlichen Seite des Altstädter Ringes dominiert, die in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts von größter Bedeutung war. Diese Kirche entstand an der Stelle eines älteren Kirchenbaus, und wurde zu dieser Zeit bis auf das Gewölbe und auf die beiden Turmspitzen im Grunde genommen baulich vollendet. Das Maßwerk der Fensteröffnungen im Hauptschiff und im Presbyterium verrät die Teilnahme der Parlerschen Bauhütte, von der um 1390 auch das nördliche Seitenportal mit den Christis Leiden darstellenden Plastiken geschaffen wurde.

 

Von weiteren Kirchen, die unter Karls Regierung erbaut wurden, kann man die St. Castullus Kirche, die Heiligengeistskirche und den monumentalen Dreischiffbau der St.-Aegidhis Kirche erwähnen. Die Stirnseite dieser Kirche ist mit dem Wappen des Bischofs Jan z Dražic (Johann von Draschitz) und des Erzbischofs Arnošt z Pardubic (Ernst von Pardubitz) verziert. Dem traurigen Schicksal entging nicht einmal die St. Michaels Kirche, die in den Jahren 1330-1360 als ein fünfschiffiger gotischer Saalbau errichtet wurde. Diese Kirche wurde in der Barockzeit baulich umgestaltet, im Jahre 1786 aufgehoben, und diente später als eine Lagerstätte. Die geplante Rekonstruktion wurde durch einen Brand, der hier ausbrach, auf eine unbestimmte Zeit verschoben. Auch die Kirche St. Martin in der Mauer, die sich zwischen der jetzigen National Straße (Národní Třída) und der Skořepka Straße befindet, hat eine ähnlich bewegte Vergangenheit hinter sich. Das ursprünglich romanische Werk geriet in der Hälfte des 13. Jahrhunderts an die Innenseite der Altstädter Befestigungsmauer. Unter Karls Regierung wurde sie von einem unbekannten Baumeister erweitert und an ihrer südwestlichen Seite mit einem Turm versehen. Im Herbst 1414 wurde hier von den Hussiten erstmals das Sakrament unter beider Gestalt (das heißt eine Hostie und der Wein) auch an die Laien verabreicht. Diese Kirche wurde im Jahre 1787 aufgehoben, und gehört jetzt der tschechischen Brüder der evangelischen Kirche.

 

Das Verzeichnis der unter Karl IV. erweiterten, gestifteten und rekonstruierten Sakralbauten könnte noch weiter fortgesetzt werden. Die Erklärungen sind aber den am meisten bemerkenswerten und bis jetzt erhaltenen Objekten gewidmet, die jetzt die Atmosphäre und das Gesicht von Prag mit bestimmen. In Karls IV. Residenz Städte Komplex standen zehn von herrlichen Kirchen und Klosterkomplexen, die Besucher durch ihre künstlerische Auffassung, durch ihre Ausschmückung und durch ihren Reichtum in Staunen versetzten. Die Unterstützung, die der Herrscher der Religion leistete, hatte ihre Grenzen, Schattenseiten und Ursachen. Wenn auch Karl ein aufrichtig frommer und glaubender Mensch war, erfasste er seine Beziehung zur Religion doch in einem bestimmten Maße pragmatisch. Er erstrebte das Heil der eigenen Seele, es lag ihm sehr an der Fürsprache der Heiligen, und er beabsichtigte, ein Beschützer, Träger und Vereiniger des christlichen Glaubens zu sein, verband er aber die Tätigkeit und das Wirken der Religion mit der eigenen Person, mit dem Schicksal der Luxemburger Dynastie, mit der politischen Lage der Länder, die er beherrschte. Die Verbindung der geistlichen und weltlichen Macht verlieh seiner kaiserlichen und königlichen Majestät den gehörigen Glanz, bildete um ihn herum die Ausnahmsatmosphäre und behauptete seinen Mythus eines Herrschers aus Gottesgnaden. Karl brauchte aber die Religion auch aus anderen Gründen. Sie stellte das größte Reservoir von von fähigen Beamten und gebildeten Männern dar, und ohne die gut funktionierenden Ämter, die von arbeitsamen und begabten Männern bekleidet wurden, hätten Karls Heilige Römische Reich und seine Länder der Böhmischen Krone gar nicht existieren können. Die königliche Kasse war nicht imstande, alle die erforderten Beamten und Gelehrten zu ernähren, so dass es die kirchenlichen Probenden waren, die ihre materiellen Bedürfnisse sicherten. Dieser Umstand liefert gleichzeitig eine Erklärung dafür, warum Karl so viele Kirchen und Klöster stiftete. Der Herrscher fasste darüber hinaus noch die Religion als ein Gegengewicht gegen die politischen Ambitionen des Herrenstandes auf. Es ist dann gar nicht verwunderlich, dass die Anzahl der geistlichen Personen steil anstieg: nur in Prag betrug sie mehrere Tausend Personen.

 

Dieses einseitige Verhalten rief bald auch die negativen Erscheinungen hervor. Die ganze Reihe von Geistlichen widmeten sich mehr als der Erforschung von Fragen des christlichen Glaubens den weltlichen Interessen, und einige Einzelnen konnten den Verführungen des Reichtums, der verschiedensten Lebensfreuden und des Luxuslebens nicht widerstehen, und sie erregten auf diese Weise den öffentlichen Anstoss. Das musste auch Karl selbst begreifen. Durch ein Zusammentreffen von Umständen brach die wahre Krise in den Beziehungen zwischen der Gesellschaft und der Religion erst nach seinem Ende aus.

Anfang

 

 

Das mittelalterliche Leben in Prag

 

 

Karls IV. Prag war keine idylische Großtadt, wo Ordnung und Ruhe herrschen würden, und auch kein Städtekomplex, in dessen Szenerie die unzähligen hohen Kirchenschiffe und Kirchentürme über eine Menge von schmalen und mit Giebeln verzierten Häusern dominieren würden.

 

So kann es dem jetzigen Menschen auf Grunde der Rekonstruktionen der Architekten und Kunsthistoriker und auf Grunde der Federzeichnungen und Modelle erscheinen, wo alles behaglich, nett, sauber und fast vollkommen aussieht. Die Realität unterschied sich aber von diesem Bild. Karls IV. Prag war vor allem eine riesengroße Baustelle. Unter dem damaligen technischen Niveau schritt die Errichtung der Bürgerhäuser in der Prager Neustadt und der Bau der Stadtmauern viel schneller voran, als es bei den großzügig projektierten kirchlichen Bauten der Fall war, woran die Dachdecker, Maler, Maurer, Steinmetze und Zimmerer lange Jahrzehnte hindurch arbeiten mussten.

 

Der Kaiser selbst sah die Verwirklichung von seinen Plänen und Wünschen nicht mehr. Am Ende seines Lebens ragten in den Prager Städten nur einige baulich beendete Kirchen hinauf: von den bedeutenderen kann man vor allem die Kirche der Jungfrau Maria und der slawischen Patrone „Na Slovanech” erwähnen, während die monumentalsten Kirchen mehr auf die Grandiosität der ursprünglichen Vorstellungen schließen ließen, und die Realisierung schritt hier nur langsam vor. Die St. Veits Kathedrale, die Jungfrau Maria Schnee Kirche und die Kirche der Jungfrau Maria vor dem Teyn stellten zu dieser Zeit noch einen Torso dar, und wurden leider nicht vor dem schicksalschweren Jahr 1419 vollendet, wo der Ausbruch der hussitischen Revolution für eine lange Zeit die sämtlichen Bauaktivitäten in Prag unterband. Es scheint, dass zu Verlangsamerung des ursprünglich angesetzten Tempos auch die Kalamitäten vom Anfang der 60 er Jahre des 14. Jahrhunderts beitrugen. Trotzdem hörte während Karls IV. Lebens die Tätigkeit auf den Prager Baustellen nie auf, was natürlich auch die Bedingungen beeinflusste, unter denen die Bewohner des Prager Städtekomplexes und dessen Besucher lebten und sich bewegen mussten.

 

Die Schläge der Steinmetzhämmer auf den Baustellen vermischten sich mit dem Lärm der Fuhrwerke und der Marktplätze, die gleich früh morgens in der Stadt an zu kommen pflegten. Der damalige Arbeitstag sah völlig anders aus, als es jetzt der Fall ist: man arbeitete vom Sonnenaufgang bis zum Sonnenuntergang (unter den böhmischen Naturverhältnissen hieß es mehr und länger im Sommer und weniger im Herbst und im Winter). Die schmalen Altstädter Gässchen schienen dichter bevölkert und lebendiger als die breiten Neustädter Straßen zu sein, die meisten Menschen bewegten sich aber auf den Marktplätzen, wo ihre Aufmerksamkeit von ausländischen und einheimischen Produkten angezogen wurde.

 

Im Vergleich mit der damaligen Zeit, wo sich Prag weniger oder mehr am Rande der abendländischen christlichen Welt befand, kam es zum Anstieg der Anzahl von fremden Kaufmännern, die den Warenimport auf lange Wege vermittelten. Sie handelten im Großen mit Luxuswaren, sowie mit geförderten Produkten und Rohstoffen. Sie wurden „Kaufmänner” genannt, im Unterschied von den Krämern, die sich auf die Verbrauchswaren, vor allem auf die Lebensmittel (Feigen, Melonen, Orangen, Rosinen, usw.), orientierten. Mit einer Hoffnung, gute Geschäfte zu machen und einen Gewinn zu erzielen, kamen in die kaiserliche Residenz die Handelsmänner aus fernen Ländern (außer anderem zum Beispiel die Araber), die erwarteten, auf dem Hof des europäischen mächtigsten Herrschers einen guten Absatzmarkt zu finden. Die dankbaren Abnehmer von teueren handwerklichen Erzeugnissen waren nicht nur der Kaiser, der Hochadel und seine Umgebung, sondern auch die kirchlichen zahlreichen Institutionen. Nach Prag geriet auf solche Weise eine ganze Menge herrlicher Gegenstände, die von den überwiegend auf den inneren Markt böhmischen orientierten Handwerkstätten nicht erzeugt wurden. Die Tatsache, dass man sich vollkommen auf den Export (dessen Kosten das reiche Königreich Böhmen nicht mit dem Export von handwerklichen Erzeugnissen, sondern direkt mit den Prager Groschen aus den unerschöpflichen Gruben von Kuttenberg bestritt) motivierte die böhmischen Hersteller nicht zu sehr zu den Bestrebungen, das Vergleichbare zu leisten. Die Fortsetzung dieser Trends führte mit der Zeit zur Stagnation der böhmischen Handwerksproduktion.

 

Zu den Hauptprodukten, die nach Prag aus dem europäischen Norden, Süden und Westen importiert wurden, gehörte Salz (von der Ostsee, aus der Umgebung von Krakau und aus den österreichischen Gebieten). Von der Ostseeküste wurden Heringe und andere Fischsorten importiert, aus den niederländischen Gebieten fuhr man feine Tuchsorten hoher Qualität, aus Frankreich Battist (eine feine Leinensorte) und aus dem Rheinland dann den Wein ein. Die qualitätsvollen Weinsorten wurden auch aus den italienischen Gebieten importiert, woher auch die afrikanischen und die asiatischen Waren (vor allem Baumwolle, Elfenbein, Gewürz, Kampfer, Perlen, Seide, Zucker, und Weihrauch) stammten. Vom Osten begaben sich in die böhmische Hauptstadt und des Reichs die Kaufmänner mit Ladungen vom ungarischen Kupfer und Wein und vom polnischen Bleierz und Pelzen (die wahrscheinlich russischer Herkunft waren). Die böhmischen Länder boten viel weniger an: Holzerzeugnisse, Leder, Rohholz, Stein, Wachs und Zinn aus dem Erzgebirge. Bier, Töpferwaren und billiges Tuch. Export von Goldstücken und Silberstücken war verboten, wenn es auch oft zur Flucht kam. Die fremden Kaufmänner, die nach Böhmen kamen, durften ihre Waren auf keiner anderen Stelle lagern, als ausschließlich in Prag. Ihr Weg führte deswegen in den für sie bestimmten Raum in dem Altstädter Ungelt, der tschechisch „Týn” (Teyn) genannt wurde, und der sich nur ein paar Schritte östlich von dem Altstädter Platz befand. Der ausländische Kaufmann hatte hier den Zoll zu bezahlen, und er durfte seine Waren nur im Großen verkaufen. Die Kontrolle von seinen Waren wurde von einem ämtlichen Ver-messer durchgeführt. Auf solche Weise sicherte sich die Prager Altstadt das ausschließliche Recht des Verkaufs von ausländischen Waren, und auf Kosten von restlichen böhmischen Städten. Es ist kein Wunder, dass die Altstädter Kaufmänner zu den reichsten Bewohnern gehörten, und der Luxus, woran sie Gefallen fanden, wurde von Augenzeugen mit dem Milieu der fürstlichen und herzoglichen Höfe verglichen. Die am besten situierten von ihnen besaßen Häuser auf dem Altstädter Ring, denn es war ein vielsagendes Zeichen der gesellschaftlichen Prestigestellung, hier zu wohnen.

 

Trotz des kulturellen und politischen ungewöhnlichen wirtschaftlichen Aufschwungs wurde Prag nie zu einem Zentrum des Fernhandels, wie Karl IV. davon zu träumen pflegte. Die Hauptfernhandelsstraßen führten in der Nachbarschaft der böhmischen Länder und wichen vor den schwer zugänglichen Berggebieten, die den Becken umkränzten, in dessen Mitte sich Prag befand, aus. Der nördliche Handesweg verband die niederländischen Gebieten mit Krakau, Leipzig und Russland; auf dem Territorium der Länder der Böhmischen Krone lag an dieser Trasse nur das schlesische Wrodaw (Breslau). Der südliche Weg berührte den böhmischen Staatskomplex überhaupt nicht. Er führte aus Nürnberg zur Donau und weiter durch Regensburg, Passau, Linz, Wien nach Ungarn. Karls IV.Versuche, die Richtung der traditionellen Handelswege so zu verändern, dass sie durch Prag führen müssten, brachten gar keine Früchte. Der Widerstand der Regensburger Bürger und der bayrischen Herzöge brachte den berühmten Luxemburger sogar dazu, dass er die bedeutende Burg Donaustauf aufgeben musste, die die Handelskommunikation im Donaugebiet bewachte. Die Hauptstadt der Länder der Böhmischen Krone, das politische Zentrum des Reichs und die kaiserliche Residenz, blieb auf solche Weise an der Peripherie des europäischen Fernhandels. Noch unter Karls Regierung versuchte Nürnberg, das aus seiner guten Lage Nutzen ziehen wollte, den Warenaustausch zwischen dem Königreich Böhmen und dem südlichen und westlichen Europa unter seine Kontrolle zu kriegen. Nach dem es im 13. Jahrhundert gelungen war, den alpenländischen St. Gotthard Pass zu überbrücken, fiel den Nürnberger Kaufmännern die Vermittlungsrolle zwischen den hochentwickelten norditalienischen Gebieten und Mitteleuropa zu. Nürnberg wollte seine ausschließliche Stellung in dem böhmischen Raum nicht einmal im 15. Jahrhundert aufgeben, als die römische Religion die wirtschaftliche und Handelsblokade des hussitischen Böhmens proklamiert hatte.

 

Wesentlich erfolgreicher wurde Karls IV.Tätigkeit bei der Unterstützung des Lokalhandels. Die Prager Kaufmänner verkauften ihre Erzeugnisse in den Erdgeschossräumen ihrer eigenen Häuser oder in den zu diesem Sinn errichteten kleinen Kotzen und Läden, die im 14. Jahrhundert (möglicherweise wegen Erleichterung der Begrenzung und Kontrolle der Konkurrenz) bei manchen Warensorten zu ausschließlichen Verkaufstellen wurden. Am bekanntesten von ihnen waren die Kotzen, mit jetzigen Worten ein Gebäude mit Läden, für den Textilwarenverkauf bestimmt. Dieses Gebäude stand vor der Altstädter St. Gallus Kirche am spätestens seit den Jahren 1359 – 1361 und zog durch ihr Aussehen (das die eingeschossigen antiken oder italienischen Objekte nachahmte), und durch ihre Größe die Aufmerksamkeit der Besucher an. Es war fast 200 m lang und 23 m breit, und lag genau auf der Stelle, wo Karls IV. und Wenzels II. Krönungsgastmähler statt fanden. Das Gebäude diente seinem Sinn bis zum Jahre 1891, wo es dem prunkvollen Neurenaissancebau der Städtischen Sparkasse weichen musste. Bis jetzt erinnert das Gässchen „V kotcích” (In den Kotzen) daran, wo die Billig und Partietextilwaren feilgeboten werden.

 

Die Kotzen lagen ca. in der Mitte eines ausgedehnten Marktplatzes, des so genannten Neumarktes, der in der Neuzeit in drei Teile mit vielsagenden Namen: Gallusmarkt, Kohlenmarkt und Obstmarkt, geteilt wurde. Auf dem jetzigen Obstmarkt wurde der freie Samstagsverkauf von Fleisch eingeführt – deswegen nannte man diesen Teil „Freimarkt”. Gegenüber den Textilkotzen, an der Ecke der jetzigen Gassen „Na můstku” a „Rytiřská” wurden von den Verkäufern Heringe und andere Fischwaren, ein Stück weiter dann die Holzerzeugnisse feilgeboten. Nur der Kohlenmarkt verdiente bereits zu dieser Zeit seinen Namen: hier wurde der Verkauf von Holzkohlen konzentriert. Obst wurde auf dem Kleinen Ring (heute Malé námĕstí) verkauft, und Geflügel wurde dagegen zuerst an der St. Nikolaus Kirche und zuletzt an der jetzt nicht mehr existierenden St. Leonhard Kirche feilgeboten. Der Große Ring, dass heißt der Altstädter Platz, diente als Marktplatz für verschiedene Warensorten: Brot, Fisch, Gebäck und Gewürz. Die Lage von den Altstädter Fleischläden verrät jetzt die Masná Straße, die sich bei der St. Jakob Kirche befindet.

 

Von den Neustädter Marktplätzen war bereits die Rede, es ist aber nötig, das Gesagte noch zu ergänzen. Auf dem Viehmarkt (Karlovo Námĕstí) wurde nicht nur Rindvieh, sondern auch Getreide, Holz, Kohle und dreimal in der Woche Salzfisch verkauft. Auf dem Heumarkt (Senovážné Námĕstí) fand jeden Samstag ein Fleischmarkt statt, während dem Verkauf von Schweinen die Straße Svinská (die jetzige Ječná Straße) diente. Auf der Kleinseite und auf dem Hradschin gab es keine andere Marktplätze als den jetzigen Hradschin und Kleinseitnerplatz.

 

Jeder Teil des Prager Städtekomplexes verfügte über seinen eigenen Charakter, der vor allem durch die Profession seiner Bewohner gegeben war. Während auf der Burg die durch ihre Tätigkeit mit dem Betrieb der Burg verbundenen Menschen wohnten, und während das Gesicht der Kleinseite von den Wohnstätten der Adeligen, der Höflinge und der Kirchenprälate geprägt wurde, wurde das Gepräge der Alt und Neustadt neben den Kaufmännern vorwiegend von Handwerkern bestimmt. Der Unterschied zwischen den beiden Städten bestand vor allem in der unterschiedlichen Orientierung der Handwerkerproduktion. Von wichtigeren Handwerken kamen in dem Altstädter Milieu vor allem die spezialisierten Metallbearbeiter: die Messerschmiede und Waffenschmiede (die Helm, Degen, Plattner und Spommacher) zur Geltung, aber es waren hier auch Kunsthandwerker (vor allem Goldschmiede und solche Hersteller, die die Waren für die gesellschaftlich höher gestellten und wohlhabenden Kunden produzierten) stark vertreten. Zu ihren Kunden zählten nicht nur die Adeligen und die Vetreter der kirchlichen Kreise, sondern auch die Handelsmänner. Sie alle brauchten zur Ausübung ihrer Berufe und Funktionen Pferde mit Gesamtausstattung, passende Kleidung und modisches Zubehör für sich selbst und ihre Familien. Sie konnten deswegen nicht auf die Dienste der Handschuhmacher, der Kürschner, der Sattelmeister, der Zügelmacher, und weiterer spezialisierten Handwerke verzichten. Die Pflege um ihr Aussehen gehörte dagegen zur Aufgabe der Bademeister, die außer der Säuberung des Körpers auch chirurgische kleinere Eingriffe durchführten, und der Friseure. Das bekannteste Bad stand gleich in der Nachbarschaft der Steinbrücke.

 

Die Neustadt unterschied sich schon durch ihren Bestimmungssinn und durch ihre Gründungsweise von ihrem älteren Nachbar. Bereits seit dem Jahre 1348 wurden auf dem Gebiet der Neustadt die lärmreichen und die „schwarzen” (unsauberen) Handwerke konzentriert, vor allem die zahlreichen Schmieden. Hier siedelten überwiegend die Vertreter der an Gestank reichen lederbearbeitenden Handwerke (Beutelmacher, Buchbinder, Geldtaschenmacher, Gerber, Gürtelmacher, Pergamenterzeuger und Weißgerber), neben anderen Handwerkern (Dachdeckern, Fließenlegern, Maurern, Steinmetzen, Zieglern). Das dichtere Vorkommen von den Bauhandwerken in der Prager Neustadt hing wahrscheinlich mit dem hiesigen großzügigen Aufbau zusammen. Die Lebensmittelhandwerke (Bäcker, Bierbrauer, Mälzer, Metzger) und die die Kleidungserzeugung betreffenden Handwerke (Schneider, Schuster) mussten in beiden Teilen rechtsuferigen Prags Vertretung haben. Zu den typischen Zeichen der mittelalterlichen Städte gehörte die Konzentrierung einzelner Handwerke in dazu bestimmten Straßen, wovon die bis heute erhaltene Namen: Zlatnická (Goldschmiedgasse), Truhlářská (Tischlergasse), Platnerská (Plattnergasse), Soukenická (Tuchmachergasse), Železná (Eisengasse), Řeznická (Fleischhauersgasse), Masná (Fleischmarktgasse), V jirchářch (Gerbergasse), Celetná (Zeltnergasse, die Zalten waren eine Art Gebäck), Provaznická (Seilergasse) usw. zeugen. Im Mittelalter wurden sogar die bildenden Künstler, wie zum Beispiel die Bildhauer, Illuminateurs und die Maler, die in Betracht auf die breiten Betätigungsmöglichkeiten in Prag nicht nur wirkten, sondern auch ihre Wohnstätten hatten, unter die Handwerker gezählt.

 

Die Handwerker gesellten sich, gleich anderen europäischen Ländern, in professionelle Sozialorganisationen Zünfte. Karl IV. sah diese Gesellung aber nicht gerne, und nicht nur darum, weil die Zünfte verschiedene Schutzmaßnahmen durchsetzten (womit der Handel gebremst wurde), aber auch aus einem anderen Grund. In den deutschen und italienischen Städten waren es gerade die Zünfte, die die traditionellen und harten Kämpfe mit den Handel und Patrizierkreisen um die Machtstellung in diesen Städten führten. Der Kaiser wollte ähnliche Kämpfe und die sich daraus ergebende Destabilisierung der böhmischen Länder nicht zulassen. Seine Lage war in Böhmen und in Mähren in dieser Hinsicht erleichtert: während die Bürger der freien Reichsstädte und der italienischen Stadtrepubliken ihre Stadtvertretungen unabhängig vom Willen des Herrschers wählten, unterlagen die böhmischen Königsstädte direkt der gesetzlichen Souveränität des Herrschers. Die Zusammensetzung der Stadträte in den böhmischen und mährischen königlichen Städten (mit Ausnahme von Brünn) musste vom Herrscher oder von seinem verantwortlichen Beamten, Unterkammerer, bestätigt werden. Der König behielt auf solche Weise direkten Einfluss auf den Gang des städtischen Organismus, in den er im Falle des Bedarfes eingreifen konnte. Er tat es in den Prager Städten sogar mehrmals. Sein Versuch, die Alt und Neustadt zu vereinigen, war aber, zum Scheitern verurteilt.

 

Karls Prag wurde aber nicht nur von den Adeligen, von den Würdenträgern, Handelsmännern und Handwerkern, von den Ordensangehörigen, vom Pfarrklerus, sondern auch von einem breiten Spektrum von anderen Berufstätigen bewohnt. Die Großstadt brauchte Ärzte, professionelle Beamten, Juristen, Lehrer und andere gebildete Menschen. Die Ansprüche der Prager Gesellschaft auf die Bildung stiegen bedeutend an, aber hier blieben auch weiterhin des Lesens und des Schreibens unkundige Bürger, derer Lage die öffentlichen Schreiber dadurch erleichterten, dass sie gegen Bezahlung die erforderlichen Schriftstücke abschrieben oder stylisierten. Das bunte Kollorit Prags wurde noch durch zahlreiche Dienstboten und Mägde, durch allerart Bediensteten, aber auch durch Bettler, Betrüger, kriminelle Elemente, Gaukler, Prostituierten und Vagabunden ergänzt, die von dem städtischen Leben immer unwiderstehlich angezogen wurden. Es gewährte ihnen eine Hoffnung, sich hier besser ernähren zu können, und garantierte ihnen wenigstens teilweise die Anonymität, wenn auch der Schultheiß, der mit seinen Schergen die Polizeifunktion erfüllen sollte, seine Pflicht nicht vernachlässigen durfte.

 

Einen bedeutenden Anteil der Bewohner stellte die studierende Jugend dar, die ausschließlich aus Knaben, Jünglingen und heran wachsenden jungen Männern bestand (die Mädchen aus besseren Familien erhielten die Lese und Schreibkenntnisse von Privaterziehern, oder von ihren gebildeten Verwandten). Die Schüler von Partikularschulen und die Universitätsstudenten bereicherten die Prager Atmosphäre um die Dimension der Ausgelassenheit und Fröhlichkeit, wodurch sie ein erwünschenswertes und natürliches Gegengewicht gegen die repräsentative und würdevolle Sendung der Hauptstadt bildeten. Die Späße und Witze waren hier an der Tagesordnung, und es scheint wahrscheinlich zu sein, dass es gerade die Studenten waren, die die ursprünglich ernst konzipierten Vorführungen (die die Szenen aus Christis Leben und Folterqualen darstellen sollten), um die relativ abgeschlossenen dramatischen Szenen, voll vom obszönem Doppelsinn, weltlichen Humor, kleinen Liedern und Parodien, bereicherten. Aus dem Gesichtspunkt der Studierenden gehörten zur guten Jahreszeit die Wintermonate, genau gesagt die Tage vom St. Martins bis zum St. Gregors Tag. Es war die Zeit von verschiedenen Festen, die mit vielen Bräuchen verbunden waren: die Schüler, die von Haus zu Haus ihre Lieder sangen, konnten dabei nicht nur einen guten Bissen und ein bisschen Geld erbitten, sondern sie konnten sich vor allem austoben.

 

In Prag gab es zwei bedeutendste Feste: den St. Nikolaus Tag und das Fest der Unschuldigen Kindlein. Besonders an dem St. Nikolaus Tag ging es in den Prager Straßen witzig zu. Die Schüler erwählten aus ihrer Mitte einen „Bischof“, maskierten ihn, zogen ihm passende Tracht an, und bildeten dann selbst seine „ritterliche” Begleitung. Mit Gesang (manche Lieder stammen bereits aus dem 14. Jahrhundert) und mit Lärm fielen sie ins Haus hinein, und forderten Gastgeschenk. Da es dabei oft zu Ausschreitungen und zum öffentlichen Ärgernis kam, wurde diese Aktion von den städtischen Ratsherren nicht gerne gesehen, und im 15. Jahrhundert wurde sie sogar verboten. Fast gleich berühmt war das Fest der Unschuldigen Kindlein, das auf den 28. Dezember fiel. Damals pflegte man auch mit dem „Bischof” in einem Umzug zu gehen, und dieser Brauch wurde zuletzt in die Länge gezogen, so dass dieses Fest drei Tage lang (vom St. Stephan – 26. Dezember – bis zum Fest der Unschuldigen Kindlein -28. Dezember) dauerte. Der tschechische Reformdenker Jan Hus erinnerte sich nach vielen Jahren, wie so ein Schülerumzug an dem Tag der Unschuldigen Kindlein aussah (in einer neudeutschen Übersetzung):„Welche unverkennbare Schlechtigkeit tun sie in der Kirche, wenn sie sich als Masken vermummen. Denn auch ich stellte in meiner Jugend leider so eine Maske dar! Wer könnte beschreiben, wie es in Prag gemacht wurde! Sie machten einen fratzenhaften Schüler zum Bischof, setzten ihn auf eine Eselin mit dem Gesicht zu ihrem Schwanz und führten ihn in die Kirche zur Messe; sie hielten vor ihm eine Schüssel mit Suppe und eine Kanne oder einen Krug mit Bier, und er aß in der Kirche. Und als er ersah, wie der Priester mit dem Weihrauch den Altar ausräucherte, hob er sein Bein und sagte mit einer starken Stimme: Muh! Und die Schüler trugen vor ihm große Fackel anstatt Kerzen und gingen von einem Altar zum anderen, und so brannten sie den Weihrauch. Dann zogen sie ihre Pelzkapuzzen verkehrt an, und tanzten in der Kirche. Die Menschen sahen zu und lachten, denn sie nahmen an, dass es alles heilig und billig ist… es ist wahrhaftig ein schöner Brauch: es ist eine Schlechtigkeit und Abscheulichkeit!“

 

Die Studentenbräuche und ihre Ausgelassenheit stellten in dem intemationellen Kontext nichts Besonderes dar, da die Kultur dieser Schicht von internationalem Charakter war, und die Hörer gewöhnlich von einer Universität an die nächste zu gehen pflegten.

 

Die Existenz der Prager Universität und das Interesse der Jugend aus Ausland, daran zu studieren, erhöhten allerdings das internationale Ansehen der Metropole. Aus den ersten Jahrzehnten des Lebens der Universität blieben leider fast keine schriftlichen Quellen erhalten, woraus man erfahren könnte, wieviel Studenten diese Universität hatte. Zum Glück stehen den Forschern umfangreichere Materiale vom Jahre 1367 an zur Verfügung, wo das Interesse um das Studium in Prag kulminierte, um nach ca. zwanzig Jahren wieder zu sinken.

 

Dieser Prozess hing gar nicht mit der Unterrichtstechnik, sondern mit der Entstehung der Universitäten in Heidelberg und in Köln am Rhein zusammen. Am Ende von Karls IV. Regierung bewegte sich die Studentenanzahl in Prag um 1500. Es waren junge Leute verschiedenster sozialen und nationalen Herkunft, unter denen eindeutig die Ankömmlinge aus den deutschen Gebieten des Reichs überwogen, aber es fehlten hier nicht einmal die Österreicher, Polen und Ungarn. Auch die Schweden waren hier viel vertreten. Die Studenten aus Böhmen und Mähren stellten damals ca. 15 % aus der Gesamtzahl der Studierenden dar.

 

Der Aufenthalt der ausländischen Studenten in der böhmischen Hauptstadt war nicht nur aus dem Gesichtspunkt der Bildungs und Kulturentwicklung von Bedeutung, sondern der tägliche Kontakt mit dem Studentenelement erweiterte auch den geographischen Horizont und die Kenntnisse der Prager Bevölkerung, was die Ereignisse in Europa betrifft. Die ausländischen Studenten brachten der Hauptstadt auch einen nicht gerade geringfügigen ökonomischen Effekt. Der zeitgenössiche Chronikschreiber schrieb nicht umsonst, „dass Prag durch sie gehoben, reich und stark wurde”.

 

Niemand kann sich aber jetzt genau vorstellen, was die Studenten für das Prager Werktagsleben bedeuteten. Nur auf Grunde verschiedener Andeutungen kann man ahnen, wie sie sich in den Altstädter und Neustädter Kneippen benahmen, wie übermutig ihre Lieder und Liedchen klingen mochten, wie die Prager Mädchen von ihnen geneckt und in die ausgedehnten Weingärten außerhalb der Stadt gelockt wurden, und wie sie die akademische Freiheit genossen und vielleicht auch mißbrauchten.

 

In Karls IV. Prag überwogen die lichten Seiten, doch die kaiserliche Residenz hatte auch ihre Schatten. Nach dem jähen Aufstieg der 40 er und 50 er Jahre meldeten sich die ersten Schwierigkeiten. Im Jahre 1357 drang in das böhmisehe Königtum erstmals im größeren Maßtab „der schwarze Tod” (die Pest) ein, der ihm bisher in einem Bogen ausgewichen war. Auch das war eine Folge der engeren Kontakte Böhmens mit den Nachbarländern und mit der restlichen Welt. Die Händler, Künstler und Studenten passierten oft die Grenze, und nach Prag kamen ganze Scharen von frommen Pilgern, die sich danach sehnten, auf dem Viehmarkt die dort ausgestellten Devotionalien, Heiligenreliquien und Reichskleinodien zu sehen. Die Bedingungen für die Verbreitung dieser schwer ansteckenden Krankheit waren daher im Vergleich mit den Jahren 1348 – 1350 viel besser. Der erste Anstoss dieser Epidemie dauerte im Grunde genommen fünf Jahre lang, sie ging aber auch nach diesen fünf Jahren nicht völlig weg. Die glimmenden Herde des „schwarzen Todes” stellten bis zum Anfang des 18. Jahrhunderts eine Gefahr dar, die immer Schrecken erweckte, denn dieser Krankheitsherd konnte jederzeit aufs neue aktiv werden. In den Jahren 1360 – 1361 vermischte sich die echte Pestkrankheit mit dem Hungertod, zu dem es infolge der Missernte der Jahre 1359 – 1361 gekommen war. Beneš Krabice von Weitmile, der abergläubische zeitgenössische Baudirektor beim Bau der St. Veit Kathedrale und Chronikschreiber, sah darin eine Strafe für eine nicht nachgedachte Tat des städtischen Rats.

 

Da kam es vor, dass die Ratsherren der Größeren Prager Stadt und der Schultheiß aus dem Anlass des Teufels den Priester namens Martin, einen Diener der Prager Kirche, in einen Sack stecken und ertränken ließen. Als diese Nachricht zum Gehör des Herrn Kaisers kam, trug er es sehr schwer, und ließ den Schultheiß, die Ratsherrn und alle an diesem Verbrechen Mitschuldigen von ihren Ämtern absetzen. Und der Kaiser wollte die Prager Stadt nicht betreten, bevor sie nicht alle an dieser Tat Schuldigen verlassen hatten. Sie sandten dann einen Boten zum Apostelstuhl und erreichten von ihm einen Versöhnungsbrief und dann die Sündenvergebung vom Herrn Arnošt (Ernst), dem Prager Erzbischof. Dieser vergab ihnen ihre Sünden und verordnete ihnen, dass sie als Buße an die Armen sieben Tausend Stryche Weizen als Almosen verteilen sollten, und als Strafe für dieses Verbrechen zwei ewige Lichter in der Prager Kirche (in dem St. Veits Dom) beschaffen sollten. Sie taten es, und bald darauf sind sie gestorben.”

 

Der Hungertod und die Pestepidemie griffen markant in das Leben des böhmischen Landes ein. Viele Bewohner starben, die jähe Senkung der Arbeitskräftezahl rief wirtschaftliche Schwierigkeiten hervor, und das bereits angesetzte Aufbautempo wurde verlangsamt. Das waren aber nicht die einzigen Folgen dieser unerwarteten Katastrophen. Als im Frühjahr 1362 die Getreide und Lebensmittelpreise auf das Dreißigfache im Vergleich mit dem Normalzustand gestiegen waren, und Hunderte von Menschen an Pest, Ruhr, Typhus, und Unternährung starben, erschien in Prag der Augustinermönch Konrad Waldhauser, der hier einige Tage predigte. Karl IV. hörte seine Predigten nicht, aber der Eindruck, den Waldhauser in der böhmischen Hauptstadt hinterließ, war bewältigend und hinreissend. Die mittelalterlichen Menschen, die die Epidemien und die Missernte für eine Gottesstrafe hielten, die über sie für ihre Sünden und als Strafe dafür, dass sie das Beispiel Christi verlassen hatten, verhängt wurde, hörten diesem hervorragenden Redner mit angehaltenem Atem zu. Konrad Waldhauser wies ihnen einen Weg. Auf diesem Weg mussten sie Buße tun, das eitele und sündige Leben verlassen und die weltlichen Lustbarkeiten ablehnen. Es war der Weg der Gedanken an das Heil der eigenen Seele, das man nur auf Grunde der Einhaltung von Gottesgesetzen erreichen kann. Die Hörer Waldhausers fühlten sich von seiner asketischen Auffassung des irdischen Lebens als einer Vorbereitung auf das ewige Leben besonders angesprochen. Es dauerte nicht lange, und Waldhausers Voraussetzungen begannen sich zu erfüllen. Die Menschen fangen an, über ihre Taten tiefer nach zu denken: die Altstädter Ratsherren wurden von einer Strafe für die Hinrichtung des Priesters Martin ereilt, sie wurden wahrscheinlich von der Pestepidemie getroffen, und siehe mal! Die Ernte des Jahres 1362 war außerordentlich gut, und die Preise sanken auf das ursprüngliche Niveau. Die Prager wollten Waldhauser, der ihnen den richtigen Weg wies, aufs neue predigen hören. Da kam ihnen selbst der Karl IV. entgegen.

 

Waldhauser begann mit seiner systematischen Predigertätigkeit in Prag im Herbst 1363 in der Altstädter St. Gallus Kirche. Sie war aber nicht groß genug, um das Interesse des Publikums zu befriedigen, und so pflegte der beredete Augustiner vor der Kirche auf dem Marktplatz zu predigen. Er sprach die überwiegend deutsch sprechenden Altstädter Bewohner in der deutschen Sprache, die Universitätsstudenten aber in der lateinischen Sprache an. Es ist gar nicht schwierig, sich den außerordentlichen Widerhall von Waldhausers Predigten zu erklären. Er geriet in einen Städtekomplex, dessen Einwohner eine übereilte Entwicklung erlebten, im neuen Zentrum des abendländischen Christentums tätig waren, sich an dem Aufstieg Prags, das von einem fähigen Herrscher in das zweite Rom verwandelt wurde, beteiligten, sie sahen mit eigenen Augen den Glanz der Persönlichkeit dieses Monarchen sowie seines Hofes und der kirchlichen Institutionen, und sie mussten sich dann mit einem Schock auseinandersetzen, der ihre bisherigen Bemühungen, Einstellungen, und Erfahrungen völlig in Zweifel stellte. Diejenigen, die überlebten, sahen in den sterbenden Menschen mit Geschwüren in den Lenden, in leblosen Körpern in den Massengruben und in verzweifelten Klagerufen der Mutter, die einige Bissen für ihre unterernährte Kinder zu erbetteln versuchten, eine Strafe für ihre Neigung zur vorüber gehenden weltlichen Pracht, zur Eitelkeit und zum Luxus, die so scharf mit den Leiden des Jesu Christi und mit der Bescheidenheit der ersten Christen kontrastierten. Sie fanden, dass die Menschen wegen der Herrlichkeit der vorüber gehenden Welt in den Schlingen der Sünde verharrten, und die Grundbedingungen des Heils ihrer Seele, als auch das ewige Leben zu vergessen pflegten.

 

Konrad Waldhauser erfasste sehr empfindsam diesen Widerspruch, und stellte seinen Besuchern die ursprünglichen christlichen erhabenen Ideale vor die Augen, die in der Strahlflut von herrlichen Bildern, die die Wände von kirchlichen und profanen Objekten verzierten, Reliquiarien, wertvollen Steinen, und vergoldeten Türmen verloren gingen. Die äußere Pomp sagte gar nichts über das christliche wahre Leben aus. Waldhauser brachte mit seinen Predigten viele Menschen dazu, dass es viel nötiger ist, an die eigene Seele, als an die vorüber gehenden irdischen Freuden zu denken. Die zahlreichen Prager „Bürgerfrauen”, die vorher große und sehr prunkvolle Schleier, sowie die auf die möglichst herrliche Weise verzierten Kleider zu tragen pflegten, legten beides ab, und besuchten „ täglich die Predigten von diesem hervorragenden Lehrer und Prediger in verhältnissmäßig einfacher Kleidung”. Dem scharfen kritischen und tadelnden Blick Waldhausers blieben nicht mal die Laster versteckt, die sich in den Prager Kirchen abspielten. Nicht alle Besucher dieser Kirchen kamen zu den sonntäglichen Gottesdiensten nur mit dem Gedanken an den Herrgott. Eine ganze Reihe von Menschen nutzten diese Gelegenheit zur Vorführung ihrer schönen Gewänder und Modeausschweifungen aus, worauf der österreichische Sittenprediger besonders allergisch zu reagieren pflegte. Alle waren sich auch dessen bewusst, dass viele Jünglinge die Heiligtümer vor allem deswegen betraten, um dort die schönen Jungfrauen anzusehen und mit ihnen wenigstens mit einigen Worten, mit der Augensprache oder mit der Handgesti-kulierung Kontakte anzuknüpfen. So ein Verhalten war aber sündevoll und bedeutete einen Missbrauch von Sakralräumen, die zur Meditation über Probleme des Glaubens und des Seelenheils bestimmt waren. Waldhauser war genauso ein eifriger Kritiker vom Wucher und von den nur an Profit orientierten Praktiken, die auf die Bereicherung eines Einzelnen auf Kosten seiner Nächsten gerichtet waren, und von der Christis Lehre und der Apostel grundsätzlich unterschiedlich waren. Neben begeisterten Anhängern fand Waldhauser auch einflussreiche Gegner. „Er aber, als ein Mann, der den Gott vollkommen liebte, vertrug alles für den Herrn”, und im Jahre 1369 „verschied er mit ruhigem Gewissen im Christi”.

 

Auch wenn die Predigten Waldhausers kompromisslos und sehr scharf waren, gibt es keinen Grund, warum man diesen beredeten Augustinermönch als einen Reformdenker oder Sozialkritiker bezeichnen sollte. Die Verurteilung der zeitgenössischen Verhältnisse, die den Worten der Schrift widrig sind, zog sich durch die Geschichte der christlichen Religion von ihren Anfängen an, und bedeutete an sich keine Abweichung von der Linie der Rechtgläubigkeit. Waldhauser führte nur eine zugespitzte Konfrontation der Realität mit dem Idealzustand durch, und er fand im damaligen Prag, das von Pestepidemien, von Verdauungstraktepidemien und im Jahre 1367 auch von so großen Überschwemmungen getroffen wurde, dass man an der St. Aegidius Kirche Fische fangen und auf dem Kleinseitner Platz Pferde schwemmen konnte, einen außerordentlichen Widerhall. Der aufgebrachte Sinn des mittelalterlichen Menschen fand in dieser Katastrophenserie ein Symbol der apokalyptischen Schrecken, des näher kommenden Endes der Welt und des Anfangs des letzten Gerichts. Es war wahrscheinlich kein Zufall, dass gerade in diesen Jahren von Karls Künstlern an den Wänden des Klosters Na Slovanech und auf der Burg Karlštejn die apokalyptischen Themen bearbeitet wurden. Im Jahre 1370 brach die Pest aufs neue aus, und diesmal wurden davon die südlichen Gebiete Böhmens betroffen. Für die empfindsamen und grüblerischen Naturen war es ein weiterer Beweis dafür, dass die Leute nicht aufhörten zu sündigen, ja noch darüber hinaus, dass auf der Erde bereits der Antichrist erschienen war, der die entscheidende Schlacht mit dem Gottes Lamm, einem Symbol des Christi Sieges und des Herrschers des Himmlischen Jerusalems, ausfechten wird.

 

Aus dieser schwülen Atmosphäre wuchs auch die gedenkenswerte Erscheinung des Jan Milíč z Kroméříže (Johann Militsch von Kremsier) hervor. Dieser gebildete Mann arbeitete ein paar Jahre lang als hoher Beamter in Karls IV. kaiserlicher Kanzlei, aber er verließ unter dem Einfluss der wirkungsvollen Predigten Waldhausers seine bedeutende Stellung, verzichtete auf die reichen kirchlichen Prebenden und gab sich ganz dem asketischen Leben und der Tätigkeit eines Predigers hin. Auf diese Weise drückte er seine Überzeugung aus, wonach die reiche Kirche, die immer mehr mit dem staatlichen Apparat und mit der weltlichen Macht verwuchs, bereits aufhörte, ihre Hauptsendung zu erfüllen, die in der Pflicht, den Menschen den Weg zur Pflege um Heil ihrer Seele zu weisen und in der Seelsorgetätigkeit, beruhte. Milíč gab sich leidenschaftlich der Predigertätigkeit hin. Er predigte in der Altstädter St. Nikolaus Kirche, in der Kirche der Jungfrau Maria vor dem Teyn und in der St. Aegidius Kirche. Mehr als sein mährischer Dialekt, der in Prag oft verspottet wurde, war es der Inhalt seiner Predigten, der die Aufmerksamkeit seiner Zuschauer an zu ziehen pflegte. Er wurde von dem Gedanken an die Raserei des Antichrists durchgedrungen und rechnete dessen Ankunft auf der Erde für die Jahre 1365 – 1367 aus. Er begann ganz fieberhaft den Antichrist zu suchen und fand ihn zuletzt in der Person seines ehemaligen Brotgebers, Karl IV.! Der Kaiser zog aber aus diesem Inzident keine praktischen Folgerungen aus, weil er Milíč brauchte. Sein Wirken schuf das passende Gegengewicht gegen diejenigen Priester, die die strengen Grundsätze des geistlichen Standes vergaßen, und oft sogar das Ärgemiss der Öffentlichkeit erweckten.

 

Milíč’s Ansichten machten die päpstliche Kurie stutzig, die den Prager Prediger der Ketzerei verdächtigte. Milíč konnte sich aber vor dem Heilgen Vater verteidigen, und nach seiner Rückkehr nach Böhmen verwirklichte er seinen originellen Gedanken. Er entschied sich, die Prager Prostituierten zum ordentlichen Leben zu bekehren! Karl IV. schenkte ihm für sein gottgefälliges Vorhaben einen Grundstück an der Stelle des abgerissenen Altstädter Freudenhauses, der „Benátky” (Venedig) genannt wurde. Dieses Freudenhaus stand in der Bartolomĕjská Straße, gleich unter der Stadtmauer, in der Nähe des Wohnsitzes des Prager Henkers, der über den leichten Mädchen Aufsicht hielt. Für die jetzigen Prager ist diese Feststellung von gefährlichen Reiz, da unter der kommunistischen Regierung eine ganze Reihe von Objekten in der Bartolomĕjská Straße der befürchteten Staatssicherheit gehörte. An der Stelle dieses Freudenhauses erbaute Milíč im Jahre 1372 ein Haus, das „Jerusalem” genannt wurde, und versammelte darin die bußfertigen Prostituierten. Er gründete hier mit der Zeit auf Grunde der Bewilligung des Erzbischofs Jan Očko z Vlašimi eine der bekehrten Sünderin Maria Magdalena geweihte Kapelle. Von den Historikern wird in diesem Zusammenhang besonders eine sehr wichtige Tatsache betont. Milíč’s Jerusalem befand sich in dem westlichen Teil der Altstadt, auf einer Stelle, wo das tschechische Volkstum (das später viel mehr für den Gedanken der grundlegenden Besserung der Religion begeistert war, als es bei der deutschen Bevölkerung, die streng die Grundsätze der damaligen Religionslehre aufrecht hielt, der Fall war) deutlich überwog. Nur ein paar Meter von Milíč’s Zuflucht war im Jahre 1391 die Bethlehem Kapelle erwachsen, die später zur Hauptwirkungsstätte des Jan Hus wurde. Als Jan Milíč im Jahre 1374 auf seinem Besuch in Avignon gestorben war, gründete Karl IV. in dem Prager Jerusalem das teologische Studium des Zisterzienserordens. Es war bereits in der Zeit, wo es schien, dass die böhmischen Länder und Prag die schlimmsten Schicksalsschläge überwunden hätten, und dass alles wieder feste Ordnung erhalten würde.

 

Der böhmische und römische König wurde sich dessen bewusst, dass er als Friedensfürst verpflichtet war, immer wieder auf das Gleichgewicht sämtlicher Gesellschaftskräfte zu achten, sei es in der ganzen Christenheit, in den Ländern der Böhmischen Krone, oder im Reich. Er wusste selbst sehr gut, wie die übertriebene Unterstützung der Kirche, die er selbst initiierte, zur Gleichgewichtsstörung führte, was von seinen Zeitgenossen negativ bewertet wurde. Es war ihm bekannt, dass Luxus und Reichtum kirchlicher Institutionen Kritik, Neid und Unzufriedenheit aller restlichen Bevölkerungskomponenten erwecken. Deswegen unterstützte er die Sittenprediger, und deswegen entschied er sich auch, einen grundsätzlichen Schritt zu unternehmen. Er setzte als Folge diplomatischer komplizierter Verhandlungen im Jahre 1376 die Rückkehr des Papsts Urban VI. von Avignon nach Rom zurück. Damit öffnete er aber den Weg zur schwerwiegenden Spaltung innerhalb der abendländischen christichen Religion. Paris war mit dieser Lösung nicht einverstanden, und die französischen Kardinale erwählten im Jahre 1378 einen Gegenpapst. Das auf solche Weise entstandene Schisma bestätigte nur, wie tief die Krise der römischen Kirche ist, und es gab auch zu erkennen, dass man sie nicht nur durch Schachzüge auf dem politischen Schachbrett lösen kann. Der alternde Karl IV. tat dafür bis zu seinen letzten Momenten sein Möglichstes, seine Versuche blieben aber erfolglos.

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Ende des Lebens

 

 

Als Erben der böhmischen und römischen Krone bestimmte Karl seinen erstgeborenen Sohn Wenzel. Dieser wurde bereits als ein zweijähriges Kind zum böhmischen König gekrönt (!), und sein Vater setzte im Jahre 1376 seine Wahl zum römischen Herrscher durch. Der zweitgeborene Sohn Siegmund erhielt Brandenburg, und der dritte Sohn Johann Görlitz. Die Position Wenzels als böhmischen Herrschers war bereits von Anfang an wesentlich geschwächt, weil sie ihm keine Kontrolle über den ganzen Staatskomplex der Länder der Böhmischen Krone gewähne.

 

Am Ende Karls Lebens VI. begannen sich über seinem staatsmännischen Werk dunkle Wolken zusammen zu ziehen. Dem Kaiser gelang es, aus dem Königreich Böhmen ein kulturelles und politisches Zentrum, aber nicht ein Handelszentrum zu machen. Seine Bemühungen, die Trassen einer europäischen Fernhandelsstraße durch das böhmische Gebiet zu führen, wurden zunichte. Keinen besonderen Widerhall fand auch sein Projekt der Errichtung eines neuen Lehenterritoriums, des so genannte Neuböhmens, im Reich. Diese Lehen sollten Böhmen mit den süddeutschen kaufmännischen Zentren (Augsburg, Nürnberg) verbinden, und den Weg nach Flandern öffnen. Das Königreich Böhmen blieb aber trotzdem abseits der Haupthandelskommunikationen. Es war aber nicht dieser Moment, der die beginnende ökonomische und politische Krise verursachte. Von größerer Wichtigkeit waren sicherlich die Pestepidemien, die in den Jahren 1357 – 1363 und 1369 bis 1371 das Gebiet des Königreichs Böhmen heimsuchten, und in bestimmten Regionen dadurch einen starken Rückgang der Bevölkerungszahl verursachten.

 

Im ersten Fall wurde der Schrecken des „Schwarzen Todes”, wie man die Pest auch zu nennen pflegte, noch vom Hungertod, einer direkten Folge der Missernte des Jahres 1361, noch vermehrt. Die Verluste an Bevölkerung waren aber noch nicht so tragisch, um einen wirtschaftlichen Abstieg hervorzurufen. In der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts waren die Verhältnisse wieder teilweise stabilisiert.

 

Zum Abschluß seines Lebens unternahm Karl IV. gemeinsam mit seinem erstgeborenen Sohn Wenzel eine Reise nach Frankreich, wo er mit König Karl V. über die Teilung der Einflusssphären in Europa und über die Umsiedlung des Papstes von Avignon zurück nach Rom verhandelte. Die Lage entwickelte sich später ganz anders, aber diese weitere Entwicklung konnte der Kaiser Karl leider nicht mehr beeinflußen.

 

Am Abend des 29. November 1378, drei Stunden nach dem Sonnenuntergang, ertönte über Prag ein trauriges Glockengeläute. Damit wurde allen Einwohnern der Hauptstadt bekannt gegeben) dass der römische Kaiser und der böhmische König Karl IV. nicht mehr unter den Lebenden weilte. Die eingeweihten Personen erwarteten bereits diese Nachricht. Der mehr als zweiundsechzigjährige Mann erlitt einen Bruch vom Oberschenkelgelenk am linken Bein, er wurde bettlägerig, und sein alternder Organismus konnte den langzeitigen Aufenthalt im Bett nicht mehr verkraften. Es kam zu einer Lungenentzündung, es stellten sich hohe Temperaturen ein, und der Herrscher unterlag zuletzt dieser Krankheit. Der einbalsamierte Körper wurde nach dem Wunsch des Verstorbenen in ein Minoritengewand angezogen und elf Tage lang nach seinem Lebensende im Saal des königlichen Palastes der Prager Burg ausgestellt. Vor dem Katafalk lagen die Reichskrönungskleinodien und die böhmischen Krönungskleinodien, die wertvollen Reliquienfäße und die sterblichen Überreste der Heiligen. Am zwölften Tage nach seinem Lebensende begannen die viertägigen Begräbniszeremonien. Der verstorbene Herrscher verbrachte die erste Nacht auf dem Vyšehrad, und dann wurde der Sarg mit seinem Körper in der Kirche der Jungfrau Maria und der slawischen Patrone im Klosterareal Na Slovanech ausgestellt. Den zweiten Tag stellte man ihn in der St. Jakobs Kirche in der Altstadt, und am dritten Tag in der Johanniterkirche der Jungfrau Maria unter der Kette auf der Kiemseite aus. Am vierten Tag kam der Körper in der St. Veit Kathedrale an. Die Seelenmesse wurde am 15. Dezember 1378 von Karls nahen Mitarbeiter und Prager Erzbischof Jan Oèko z Vlašimi (von Wlaschim) unter Assistenz von zwölf Bischöfen zelebriert.

 

Die Trauerreden hielten an demselben Tag der Prager Erzbischof und der hervorragende Gelehrte Meister Vojtĕch Raòkùv z Ježova, der Karl IV. in seiner Rede „Vater des Vaterlandes” (lateinisch Pater patrie) nannte: es war ein Epitheton, das bereits im Altertum beliebt war. Dieser gelehrte Mann vom europäischen Ruf drückte aber auch seine Besorgnisse um das Schicksal des staatsmännischen Werkes des großen Herrschers aus. Meister Vojtĕch äußerte sich in dem Sinne, dass alle Christen den Kaiser beklagen müssen, aber dass „wir aus dem Königreich Böhmen es um so schwieriger zu ertragen und um so bitterer zu beklagen haben, desto mehr wir unter dem stürmischen Wellenschlag und dem Getöse der uns drohenden Kriege befürchten müssen, dass unser Schiff (das heißt Tschechia), von Feinden bedroht wird, wenn es so einen Kapitän, Ruderer und Tröster verloren hatte.” Karl, der am Ende wieder in das Minoritengewand eingehüllt wurde, beruhte im Sarg am siebzehnten Tage auf der dafür im voraus bestimmten Stelle der St. Veit Kathedrale, und man vergaß die vorgebrachten Nekrologe fast völlig.

 

Die dichterische Metaphore eines Schiffs, das auf der bewegten stürmischen See den fähigen Kapitän vermisst, begann sich aber bald darauf zu erfüllen. Im Jahre 1380 wurde Böhmen von einer schreckenerregenden Epidemie getroffen, die am schlimmsten von allen bisherigen derartigen Schlägen tobte und mit dem Toben von dem „schwarzen Tod” in Süd und Westeuropa in den Jahren 1347 – 1352 vergleichbar war. Man kann nur schwer die Bevölkerungsverluste fest stellen, die Abschätzungen sprechen sogar von 20 %. Wie es scheint, wich diese Epidemie nicht mal vor den Ratgebern des böhmischen und römischen Königs Wenzel IV. zurück. Die jähe Senkung der Bevölkerungsanzahl warf das Land in eine tiefe ökonomische Depression und betraf sehr markant auch die Prager Städte. Infolge dieser Pestepidemie veränderte sich grundsätzlich auch die Zusammensetzung der Prager Altstadt. Der große Teil der deutsch sprechenden Bevölkerung war gestorben, und auf die freigewordenen Stellen kamen die Angehörigen des tschechischen Volkstums. Die Konzeptionen, Träume und Vorstellungen des jungen Herrschers gingen rasch zugrunde. Seine Regierung begann gerade nicht glücklich, und es gelang ihm nicht mehr, das von seiner Bahn abgewichene Ruder der Regierung in die richtige Lage zurück zu bringen.

 

Die Pestepidemie des Jahres 1380 bedeutete einen Umbruch in der Entwicklung des böhmischen Staates, und öffnete die Schleusen der negativen Erscheinungen, die bis zu dieser Zeit mehr oder weniger unter der Oberfläche versteckt blieben. Die böhmische Gesellschaft geriet in heftige Bewegung, und es war nicht klar, ob und wie es gelingen wird, ihre Destabilisierung zu stoppen und zu meistern. Der Herrscher und seine neuen Ratgeber (aus dem Großteil farblose Persönlichkeiten), die die erfahrenen verstorbenen Politiker ablösten, waren einer solchen Aufgabe nicht gewachsen, wenn auch ein Teil der Bevölkerung seine Hoffnungen auf sie richtete. Der mittelalterliche Mensch, der seiner Natur nach die Ordnung und Tradition verehrte, wurde um so mehr überrascht und verwirrt, dass die böhmischen Länder unter Karls IV. Regierung zu den am besten europäischen prosperierenden Staaten gehörten und sogar die am meisten entwickelten Großmächte überholten. Karl selbst hielt deswegen die Tschechen für ein vom Gott besonders bevorzugtes Volk, und er leitete die lateinische Bezeichnung des böhmischen Landes (Bohemia) sogar von dem tschechischen Wort Bùh (das heißt Gott) ab. In den Jahren 1380 – 1400 sah die Lage aber völlig anders aus. Während die Süd und West europa den kritischen Punkt der Populations und Wirtschaftsdepression bereits überwunden hatte, wurden die böhmischen Länder von Zwistigkeiten geschüttelt, die alle Sphären des Lebens durchdrungen. Nur wenige von den böhmischen Gelehrten konnten sich damit abfinden, dass das „einst hochberühmte Königreich Böhmen” die Gunst Gottes verloren hatte. Es sank auch sein internationales Ansehen: im Jahre 1400 wurde Wenzel IV. von den Kurfürsten seiner Krone des römischen Königs enthoben, und Prag verlor gesetzmäßig an politischer Bedeutung. Die böhmischen Gelehrten, Politiker und Sprecher aus verschiedenen Sozialschichten plagten sich mit der Frage, wie man sich aus dem Labyrinth von Problemen retten und das verlorene Gleichgewicht wieder herstellen könnte. Sie richteten deswegen alle ihre Gedanken mehr und mehr auf die tiefere Frömmigkeit, und fanden den einzigen Ausgangspunkt aus diesen unerfreulichen Verhältnissen in dem Rückkehr der Kirche zu den neutestamentlichen Idealen und in der strengen Befolgung Christis Lehre. Von diesem Standpunkt gab es bloß nur einen kleinen Schritt zur Behauptung, dass das von Gott erwählte tschechische Volk von der Verbindlichkeit seiner Auffassung des Gottesgesetzes die christliche Welt überzeugen muss. Unter den tschechischen Meistern an der Prager Universität entstand eine Konzeption der gesellschaftlichen und kirchlichen Reform, die mit dem Namen des Jan Hus verbunden ist.

 

Diese Krisis hatte sich so lange vertieft und verwickelt, bis sie im Jahre 1419 in die hussitische Revolution einmündete. Die Anhänger von Gedanken des Meisters Jan Hus, der in Konstanz auf einem Konzil verbrannt wurde, entschieden sich deswegen, das Leben in Böhmen auf eine gewalttätige, revolutionäre Weise in Einklang mit dem Gesetz Gottes zu bringen. Ein Resultat davon waren die langjährigen Kriege und die teilweisen Siege des hussitischen Programms auf dem Territorium von Böhmen und Mähren. Der Preis dafür war die kulturelle Isolation und die fortschreitende wirtschaftliche Erschöpfung des Landes. Ob die Teilnehmer der blutigen Kampfzusammenstöße an der Seite der Hussiten oder an der gegenhussitischen Seite stritten, sie waren sich in einem einzigen Punkt einig: sie hielten Karls IV. Regierungszeit für das berühmteste Zeitalter der böhmischen Vergangenheit. Von ihrer einstigen Größe träumte auch Prag, das vom Vater des Vaterlandes mit solchen Werken ausgeschmückt wurde, die im Laufe der Zeit nicht vernichtet werden konnten, und die den Ruf dieser Stadt bis zu unserer Zeit gewährleisten.

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Daten

 

 

14.5.1316 geboren in Prag
1323-1330 Erziehung am französischen Königshof
1323 gab König Karl IV von Frankreich Wenzel den Firmennamen Karl
1329 oo Heirat mit Blanca Margarete von Valois 1317-1.4.1348
1331 Oberitalien
1333 Abreise nach Böhmen
1333 Markgraf von Mähren, 30 er Jahre Burgneubau
6.1.1344 in Mailand Krönung zum König von Italien
3.3.1344 Ausbau Veitsdom
11.7.1346 in Rhens zum römischen König gewählt
26.11.1346 in Bonn gekrönt
2.9.1347 König von Böhmen
8.3.1348 Gründung der Neustadt und danach Ausbau Vyšehrad
7.4.1348 Gründung der Karlsuniversität
10.6.1348 Gründung Burg Karlštejn
4.3.1349 oo Heirat mit Anna von der Pfalz 26.9.1329-2.2.1353
17.6.1349 in Frankfurt am Main zweite Wahl zum römischen König
25.7.1349 in Aachen zweite. Krönung
ca. 1349/50 Gründung Karlsbad
27.5.1353 oo Heirat mit Anna von Schweidnitz-Jauer 1339-11.7.1362
5.4.1355 Kaiserkrönung in Rom
9.7.1357 Gründung Karlsbrücke
21.5.1363 oo Heirat mit Elisabeth von Pommern 1348-14.2.1393
4.6.1365 Krönung zum König von Burgund in Arles
29.11.1378 Ende des Lebens

 

Kinder

 

1. Ehe
 
Margarete
24.5.1335-1349
1338 oo Heirat mit Ludwig I. König von Ungarn 5.3.1326-11.9.1382
 
Katharina August 1342-26.4.1395
13.7.1357 1. oo Heirat mit Rudolf IV. Herzog von Österreich 1.11.1339-27.7.1365
1366 2. oo Heirat mit Otto V. Markgraf von Brandenburg 1340/42-15.11.1379

 

2. Ehe
 
Wenzel 17.1.1350-30.12.1351

 

3. Ehe
 
Elisabeth 19.3.1358-19.9.1373
19.3.1366 oo Heirat mit 1. Albrecht III. Herzog von Österreich 9.9.1348-29.8.1395
Wenzel 26.2.1361-16.8.1419

 

4. Ehe
 
Anna 11.7.1366-7.6.1394 Schloss Sheen
1382 oo Heirat mit Richard II. König von England 7.1.1367-14.2.1400
Sigismund 15.2.1368-9.12.1437
Johann Herzog von Görlitz 22.6.1370-2.3.1396
Karl 13.3.1372-24.7.1373
Margarete 29.9.1373-4.6.1410
1381 oo Heirat mit Johann III. Burggraf von Nürnberg 1369-11.6.1420
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